Zusammenfassung 1944

 

Reichsgautheater Innsbruck

Mit der Errichtung der Operationszone Alpenvorland im September 1943 erhielt das Reichsgautheater Innsbruck neben seinem Aufgabenbereich der Kulturvermittlung nach Parteivorgaben im Gaugebiet den zusätzlichen Auftrag, seine Produktionen auch im Stadttheater Meran, insbesondere im Rahmen der Wehrmachtbetreuung zu präsentieren. Im Jahr 1944 wurden dabei nahezu alle Neuinszenierungen, sowohl Opern, Operetten wie Schauspiele nach der Innsbrucker Premiere auch in der „Lazarettstadt“ Meran gezeigt. Es ist zweifellos eine organisatorische Sonderleistung, dass im fortgeschrittenen Kriegsstadium mit seinen zahllosen Erschwernissen eine solche Aufgabenstellung kontinuierlich und nahezu problemlos erfüllt werden konnte (Details siehe im Kulturmosaik Südtirol im Kapitel „Gastkonzerte und Gastspiele“).

Die Doppelbelastung erforderte mitunter Umstellungen im Spielplan. „Aus technischen Gründen“ wurde am 5. und 6. Jänner 1944 das Schauspiel Dr. med. Hiob Prätorius von Curt Goetz anstelle der ursprünglich geplanten Medea von Grillparzer gegeben (Innsbrucker Nachrichten vom 5. Jänner 1944, Seite 4). Eine weitere Spielplanänderung kündigten die Innsbrucker Nachrichten vom 10. Jänner 1944 auf Seite 3 an: Am 14. und am 16. Jänner 1944 ersetzte Verdis Rigoletto Grillparzers Medea und am Curt Goetz’ Schauspiel Dr. med. Hiob Prätorius. Am 15. Jänner kam statt des Rigoletto Victor Reinhagens Operette Prinzessin Grete zur Aufführung. Zum neuen Jahr setzte man am 1. Jänner 1944 mit Friedrich Schillers bürgerlichem Trauerspiel Kabale und Liebe bewusst mit einem Meisterwerk deutscher Klassik einen nationalen Akzent, als letzte Vorstellung einer überaus erfolgreichen Aufführungsserie seit der Premiere im Oktober 1943.

Zur Rigoletto-Aufführung erschien in den Innsbrucker Nachrichten vom 17. Jänner 1944 auf Seite 4 ein anerkennender Bericht von Heinz Cornel Pfeifer:

„[…] Weit aus dem Rahmen der übrigen Leistungen tretend, gestaltete Björn Forsell in erschütternder und aufwühlender Wucht die tragische Zwiespältigkeit und Abgründigkeit des Doppelcharakters Rigoletto. Seine überragende schauspielerische Leistung hob im Verein mit der prächtigen Fülle, Wärme und satten Tönung seines sonoren Baritons die Aufführung über das übliche Maß hinaus – ihr so den Stempel seiner starken Persönlichkeit und künstlerischen Gestaltungskraft aufdrückend […]. Karola Pleschner als Tochter Gilda verfügt über ein glänzendes Stimmmaterial; gesanglich und darstellerisch wohl noch etwas unausgereift, führte die jungen Künstlerin aber die musikalisch sehr anspruchsvolle Partie zu einem schönen Erfolg und brillierte besonders als Koloratursängerin von erstaunlicher Reinheit und Sicherheit. Als Gast sang Rudolf Gerlach den Herzog, eine Rolle, der er sich weder stimmlich noch darstellerisch mehr ganz gewachsen zeigen konnte, die sich aber auch nicht gut für ihn eignet. Von den den Rahmen der Handlung füllenden Gestalten sei noch besonders Rolf Ankowitsch als Sparafucile und Fritz Heinen als dessen Schwester Maddalena sowie Georgina Heß als Gesellschafterin Giovanna genannt. Unter Opernkapellmeister Hans-Georg Ratjens behutsamer Hand kamen die Singstimmen voll zur Geltung; vorzüglich herausgearbeitet auch die Chöre unter Leitung Christian Graefs und das flüssige Spiel unter der Regie Ottomar Mayrs. Muß es noch besonders gesagt werden, daß die Bühnenbilder Hans Siegerts wieder von zauberhafter Wirkung und Vollendung waren und die Ausstattung jeder Großstadtbühne zur Ehre gereicht hätte?

Der mehrmals sogar auf offener Szene einsetzende und am Schluß über den ‚Eisernen‘ hinaus währende herzliche Beifall des vollen Hauses brachte Dank und Anerkennung treffend zum Ausdruck.“

Eine der Rigoletto-Vorstellungen im Jänner 1944 wurde dem „jungen Innsbrucker Kapellmeister“ Othmar Suitner (1922 Innsbruck-2010 Berlin) anvertraut. Hermann Josef Spiehs schreibt dazu, das Talent des künftigen Meisterdirigenten erahnend (Innsbrucker Nachrichten vom 27. Jänner 1944, Seite 4):

„[…] Das Zusammenspiel zwischen Bühne und Orchester bestimmte er fast durchweg mit klaren Zeichen, das bekannte Grundmotiv, das durch die ganze Oper geht, ließ er bis zur zwingenden Einheitlichkeit erklingen. Es gelang ihm für die Liebesszenen intimsten Klangreiz, vor allem jenes unerläßliche Streichermelos zu erzielen und als Kontrastwirkung wahrhaft dramatischen Bläserklang und gewaltiges Orchestertutti einzusetzen. Die Solisten blieben ihrer sängerischen Freiheit unbeschnitten, daran spürte man am besten, daß sein junges Talent bereits die Flügel spannte zu künstlerischem Höhenflug: da und dort noch etwas unsicher, in der intuitiven Schau befangen und fremden Vorbildern unterworfen, jedoch bereits eigenpersönlich und auf alle Fälle verantwortungsbewußt.

Das Opernensemble unterstützte ihn dabei. Rudolf Gerlach erfreute als Herzog […]. Die kindhaft anmutige Gilda Carola Pleschners mit ihrer Unschuldsstimme hinterließ gesanglich und darstellerisch bleibenden Eindruck. Björn Forsell war der treffliche Hofnarr und gab wiederum eine durch und durch persönlich abgefärbte Leistung […].“

Zur Schauspielpremiere von George Bernard Shaws Komödie Pygmalion erschien in den Innsbrucker Nachrichten vom 15. Jänner 1944 auf Seite 5 eine Vorschau, die die Stückwahl als Propagandamaßnahme gegen den Kriegsgegner England offenkundig werden lässt:

„Am Samstag, 22. d[ieses] M[onats Jänner 1944], findet die Erstaufführung der Komödie Pygmalion des Dichters Bernhard [!] Shaw im Reichsgautheater statt. Shaw, der stets seine irische Nationalität betont, spricht sich immer offen gegen die plutokratisch-demokratische Kriegstreiberclique aus. Als Ire stand Shaw von Jugend an im Kampf zum Engländer und im Laufe seiner fünfundzwanzigjährigen dramatischen Arbeit hat er die Engländer mit satirischen Sarkasmen geradezu bombardiert. Zu seinen eigenartigsten Stücken gehört Pygmalion. Er läßt hierin ein Mädchen aus der Vorstadt zu einer alle Feinheiten der gesellschaftlichen Formen beherrschenden Dame erziehen. Diese Verwandlung ist das Werk eines Professors, der nur seinen Beruf kennt und darüber – scheinbar – vergißt, daß er es mit einem lebendigen Menschen zu tun hat. Eine weitere interessante Rolle ist der Vater des Mädchens, ein Müllkutscher, der Karriere macht, den aber seine ‚Stellung‘ bedrückt und der am liebsten zurück zu seinen ‚bequemen Rock‘ möchte. Shaws exakte Formengebung, sein spritziger Dialog und sein scharfer Beobachtungssinn feiern in dieser Komödie wahre Triumphe.“

Den Verlauf der Premiere und die Wirkung des mit Witz und Ironie reich ausgestatteten Stücks auf das Publikum schildert Karl Paulin in den Innsbrucker Nachrichten vom 24. Jänner 1944 auf Seite 4:

„[…] Jede Shaw-Aufführung verlangt ihren eigenen Stil, für den die künstlerische Eigenart unseres Schauspieldirektors Siegfried Süßenguth besondere Voraussetzungen mitbringt. Ihm liegt das erforderliche satyrische Element, verbunden mit einer liebenswürdig lässigen gesellschaftlichen Form, so gut, daß er nicht nur für die Spielleitung, sondern auch für die Partie des Professors Higgins der rechte Mann war […].

Die Eliza bot Marion Richter die Elemente zu einer glänzenden Leistung, in der das Gegensätzliche der Rolle zu seltener künstlerischer Harmonie sich verband. Wer hätte in der vom königlichen Fest zurückgekehrten jungen Dame von tadelloser äußerer und innerer Vornehmheit des vierten Aktes das unbeherrschte, ungezügelte Straßenmädel der ersten beiden Akte erkannt! Dabei waren beide Typen gleich echt und lebensfrisch, ein Beweis für die Wandlungsfähigkeit der Künstlerin, die sich schon so oft in der feinsten Durchbildung kleiner und kleinster Rollen ausgezeichnet hat.

Im vollen Licht des Dichters steht sein Müllkutscher Alfred Doolittle, es ist, als hätte sich Shaw selbst in diesen Burschen verkleidet, um der ‚Bourgeoisie‘ seine Meinung zu sagen. Paul Schmid hat diesen Philosophen der Straße derb und breit angelegt und ihm trotz sprachlicher Hemmungen – einen wienerischen Shaw hinzulegen ist keine Kleinigkeit! – jene geistige Durchschlagskraft gegeben, die diesem ‚Opfer der bürgerlichen Moral‘ eigen sein muß.

Von den übrigen Darstellern boten Gisa Ott wieder eine herzenskluge, geistvolle Frau Higgins und Walter Jereb einen taktvollen weltmännischen Oberst Pickering. Szenisch verdient der erste Akt mit dem technisch sehr geschickt vorgetäuschten geräuschvollen Platzregen im Rahmen der stimmungsvollen künstlerischen Bühnenbilder Hans Siegerts besondere Hervorhebung. – Wie sehr der Shawsche Humor auch die Gegenwart aufzulockern vermag, bewies die immer wieder aufklingende Heiterkeit und der unermüdliche stürmische Beifall des vollbesetzten Hauses.“

Die in Kriegszeiten bewusste Akzentuierung der Stückwahl mit heiterer Ausstrahlung wurde mit dem Lustspiel Ehe in Dosen von Leo Lenz und Ralph Artur Roberts fortgesetzt. Vom Verlauf der Premiere am 8. Februar 1944 und über den Inhalt des humorvollen Stücks berichtet Karl Paulin in den Innsbrucker Nachrichten vom 10. Februar 1944, Seite 5:

„Sie haben sich auseinandergelebt, der Komponist Dr. Gregor Bagrat, ein Bohemien von balkanartigem Zuschnitt, und seine bürgerlich feine Gattin Nora, so daß beide dem laufenden Scheidungsverfahren erwartungsvoll entgegensehen. Den beiden zur Seite steht aber ein reicher Onkel, Dr. Eberhard Windhorst, seines Zeichens Geheimer Justizrat und fürsorglicher Betreuer dieser brüchig gewordenen Ehe. Der Onkel legt nun dem Paar, dem er die perfekte gerichtliche Scheidung vorspiegelt, einen Vertrag vor, der – nach der Trennung – ein jährlich einmaliges kurzes Zusammensein vorsieht, um die gegenseitige Neigung zu erproben. Nach einem Jahr erscheint Nora als Urbild einer vornehmen Dame der großen Welt, wie sie Gregor sich einst als Ideal vorgestellt, und erobert in einer einzigen Nacht Herz und Sinne des einstigen Gatten. Als ein zweites Jahr vorüber ist, kommt vertragsgemäß Nora wieder, aber diesmal als erschreckend echtes Kind der Halbwelt, die dem inzwischen selbst verfeinerten Komponisten nichts zurückläßt als – ein Kind, das jener selbstvergessenen Nacht vor einem Jahr entsprungen war. Und nun verwandelt sich der Bohemien in einen fanatischen Vater, der nach wiederum Jahresfrist, die nun in ihrer früheren bürgerlichen Art erscheinende Nora für immer in die Arme schließt. Den beiden hat die Ehe in Dosen – die dosierte Ehe – die der Onkel als täuschendes Spiel eingefädelt hat, die Augen für einander geöffnet.

Diese feine Lustspielidee kommt in der Komödie trotz mancher derber Einschläge zu bester Theaterwirkung.

Die Spielleitung lag diesmal in den Händen Walter Jerebs, der zugleich den Komponisten Doktor Bagrat spielte. Szene und Kostüm waren in ihrer bewegten Buntheit ganz dem Charakter der Komödie angepaßt. Während Walter Jereb sich als Komponist aus vergröberten Anfängen in immer feinere, wärmere Stimmungen hineinspielte, schuf Edith Boewer als Nora drei vollendete weibliche Typen, die bei aller grundlegenden Wandlung aus dem gleichen untrüglichen künstlerischen Formgefühl stammten. Dabei verblüffte das realistische Profil der Dirne als technische Glanzleistung wohl am meisten. Oskar Fritzlers feinskizzierende Art umschrieb den Justizrat Dr. Windhorst mit einem diskreten Humor, der auf das ganze Spiel ausstrahlte.

Die schillernde Weiblichkeit, die im Heim des Komponisten aus- und einflog, war durch Viola Wahlen als charmante Gräfin Geschwitz und Kitty Otten als kapriziöse Mausi Blenke vertreten, deren aparte rückenfreie Toiletten an der pikanten Wirkung dieser Szenen nicht ganz unbeteiligt waren. Eva Maria-Meier als flinkes Kammerkätzchen Henriette, Hans Ulrich Bach als Kammerdiener Karl, Emil Bauer-Dorn als Sanitätsrat Nathusius und Lothar Enels als Professor Sybell vervollständigten das Gesamtspiel, dem Rosmarie Strugers geschmackvolle Bühnenbilder einen künstlerischen Rahmen gaben. Das gutbesuchte Haus unterhielt sich ausgezeichnet und dankte mit lebhaftem Beifall.“

Die gute Laune, die das Schauspiel dem drastischen Kriegsgeschehen gegenüberstellte, wurde mit einer Neuinszenierung der Posse in neun Bildern Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt von Johann Nestroy am 16. Februar im Reichsgautheater weiterhin aufrecht erhalten. Wiederum ist Karl Paulin der berufene und versierte Berichterstatter (Innsbrucker Nachrichten vom 18. Februar 1944, Seite 4):

„[…] Den Charakter der Posse, des Faschingsspieles, zu unterstreichen, ist das Leitmotiv des Spielleiters Siegfried Süßenguth, der nicht nur das Schauspielerische, sondern alle theatermäßigen Elemente, das Szenische, das Bühnenbild, das Musikalische, das Tänzerische und das Kostüm zum Dienst am Ganzen aufruft. Daraus entstanden ganz entzückende Szenen, an deren erfolgreicher Wirkung der szenische Rahmen mindestens ebensoviel Anteil hat, wie das flotte Spiel.

Schon das einleitende, märchenhafte Bild mit Paul Schmids wienerisch gefärbten Stellaris, Berthe Waebers märchenschöner Fortuna und Anton Strakas mit außerordentlich spritzigem Humor skizzierten Lumpazivagabundus zeigte die für Nestroy charakteristische antiromantische Stimmung.

Ganz auf dem Boden des vormärzlichen Volksstückes stand das liederliche Kleeblatt, in seiner Färbung verschieden getönt, wie es die Palette des Dichters verlangt. Rudolf Christ als Tischlergeselle Leim vertrat sozusagen das Lyrische dieses Trios; dieser liebenswürdige, brave Bursche blieb in der Spitzbüberei immer ein paar Schritte hinter seinen Kollegen zurück, gewann aber dafür verdientermaßen auch das solideste, bürgerliche Glück. Den Schneider Zwirn mimte Vigil Breiner mit einer zungenflinken Beweglichkeit, die den Hauptspaß für sich in Anspruch nahm, soweit ihn nicht Rudolf Tlusty als derb-scharfer, schnapsduftender Schuster Knieriem an sich riß. Das Alt-Wienertum vertraten am besten Emil Bauer-Dorn als Meister Hobelmann und Marion Richter als seine Tochter Pepi; auch alle übrigen Mitwirkenden waren mit einer Lust am Werk, die wesentlich zum Heiterkeitserfolg des Abends beitrug.

Hans Siegert schien geradezu auf Nestroy gewartet zu haben, um seiner bildnerischen Phantasie die Zügel schießen zu lassen. Es war auch zu köstlich, wie er die humorvollen Einfälle des Dichters auf das Szenenbild übertrug, das in allerlei Kleinigkeiten, z. B. in den Meilensteinen, die vergnügt schmunzelnde Gesichter schnitten, im schwarzen Kater auf der Ofenröhre und in den tanzenden Häuschen, seine Originalität zeigte.

Aber auch die von Gretl von Heimburg vorzüglich einstudierten Balletteinlagen und die von Hugo Morawetz geleitete Musik mit den Liedern haben mitgeholfen, das ausverkaufte Haus so glänzend zu unterhalten, daß Hervorrufe und Beifall nicht enden wollten.“

Als Kontrastprogramm bot die Intendanz am 24. und 25. Februar ein „Tanzgastspiel“ an, für das „namhafte Solotänzer“ der Wiener Staatsoper verpflichtet wurden (Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 19. Februar 1944, Seite 5). Hildegard Ostheimer schildert ihre Eindrücke in den Innsbrucker Nachrichten vom 28. Februar 1944, Seite 4:

„Die alte Tradition des Wiener Staatsopernballetts bildet unverkennbar die formvollendete Basis, auf der die Geschwister [Erwin und Leopoldine] Pokorny und Eva Leiter ihre aus starkem eigenem Empfinden gestalteten Tanzschöpfungen aufbauen. Mitreißende Ausdruckskraft vereint sich so mit letzter Beherrschung des Körpers zu einem wundervollen Gleichklang der Bewegung und vermittelt dem Beschauer ein wahrhaft künstlerisches Erlebnis.

Beginnend mit der bezaubernden Leichtigkeit eines Strauß’schen Walzers schlugen nach einer kapriziösen Arabeske von Debussy (Eva Leiter), Poldi und Erwin Pokorny mit einem Nocturno von Chopin ernstere Töne an. Doch war hier trotz der dunklen Verhaltenheit, die über der fein aufeinander abgestimmten Bewegung der Körper lag, noch alles Leichtigkeit und Hingabe. Seinen Solotanz Aufruhr jedoch, den er nach einem wildbewegten Motiv von Chopin gestaltete, füllte Erwin Pokorny dann mit dem spannungsgeladenen Ausdruck entfesselter menschlicher Leidenschaft – eine tänzerisch und mimisch wunderbar durchgebildete Leistung.

Von ähnlichem Stimmungsgehalt, jedoch stilisierter und abgeklärter, wirkte die heroische Legende von Grieg (Erwin Pokorny und Eva Leiter), die besonders durch klare Ausdrucksformung und Schönheit der Gebärden starken Eindruck hinterließ. Ein galanter pas de deux von Poldini (Geschwister Pokorny) und eine feurige Polka von Smetana, die alle drei Solisten in temperamentvoller Ausgelassenheit vereinte, beschlossen den Abend.

Dr. [Hans] Poor von der Wiener Staatsoper war den Tänzern ein feinsinniger Begleiter, der sich in einer Soloeinlage mit seiner Polonaise brillante als Pianist und Komponist von großem Können und eigenwilliger Gestaltung zeigte.“

Wegen des „mit sehr großem Beifall aufgenommenen Tanzgastspiels der Wiener Staatsoper“ wurden für 8. und 16. März weitere Vorstellungen angekündigt (Innsbrucker Nachrichten vom 2. März 1944, Seite 5).

Eine besondere künstlerische und organisatorische Herausforderung traute sich das Reichsgautheater mit der Aufführung von Richard Strauss’ Oper Der Rosenkavalier zu. In den Innsbrucker Nachrichten vom 26. Februar 1944 wird auf Seite 5 das waghalsige Projekt im Rahmen einer Vorschau präsentiert:

„Am kommenden Sonntag [den 27. Februar 1944] wird es wirklich wahr, was schon seit mehreren Jahre beabsichtigt war: Richard Strauß’ Rosenkavalier ist an unserem Reichsgautheater einstudiert worden und die erste Aufführung – die erste in Innsbruck überhaupt – findet am Sonntag, den 27. d. M., statt. Der Rosenkavalier gehört mit zu den vier am schwersten aufführbaren musikalischen Werken [neben]: Parsival, Palestrina und Turandot. In seinem Bestreben, uns im Gau Tirol-Vorarlberg auch die Werke von Richard Strauß nahezurücken, bringt das Theater diese Aufführung trotz aller Schwierigkeiten. Mit Zustimmung des Komponisten wurde vom Reichsgautheater eine passende Umarbeitung geschaffen und vorbereitet.

Der Rosenkavalier ist seit Wagners Meistersingern das schönste musikalische Lustspiel. Es ist ein unendliches Schwelgen in reichen Terzen und Sextengängen, das wir als das ‚Richard Straußische Wienerisch‘ bezeichnen.

Das Werk wird von H[ans] E[sdras] Mutzenbecher [(1897-1983)] in Szene gesetzt, der bereits als Gast von der Aufführung der Schneider von Schönau her bekannt ist. In der musikalischen Leitung der Oper werden an unserem Reichsgautheater M[ax] A[lexander] Pflugmacher und H[ans] G[eorg] Ratjen abwechseln. Den Ochs von Lerchenau singt und spielt Odo Ruepp von der Münchner Staatsoper, wo Kammersänger Paul Bender sein Vorbild war, der bereits in der ersten Münchner Aufführung unter Felix Mottl diese Rolle gesungen hat. Der Ochs von Lerchenau war übrigens auch die Glanzrolle des verstorbenen Kammersängers Richard Mayr von der Staatsoper Wien. Die übrigen Rollen liegen fast ausnahmslos in Händen von jungen Sängern, die man als richtigen Nachwuchs bezeichnen kann.“

Dass diese überaus kühne Unternehmung gelingen und wenig später auch in das Meraner Stadttheater transferiert werden konnte, spricht nicht nur vom Ergeiz der damaligen Intendanz, sondern erweist auch den Leistungsdruck, dem die Künstlerschaft unter dem Zwang des NS-Staates ausgesetzt war. Von der Premiere am 27. Februar 1944 im Reichsgautheater Innsbruck informiert Ehrentraud Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 29. Februar 1944, Seite 3:

„Es war ein Wagnis, daß sich die Leitung unseres Reichsgautheaters vorgesetzt hatte, im Jahre des 80. Geburtstages von Richard Strauß trotz der an und für sich nicht gerade leichten und durch die gewiß nicht einfachen Zeitläufe vermehrten Schwierigkeiten den Rosenkavalier, diese in all ihrer Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit so heikel aufzuführende Oper des Meisters herauszubringen. Wir wollen hier nicht die Wochen, ja vielleicht Monate einer emsigen und hingebungsvollen Vorbereitungsarbeit nachrechnen. Wir wollen nur mit Befriedigung feststellen, daß das Wagnis gelang, daß die erste Aufführung am Sonntag, den 27. Februar [1944], so mitreißend schwungvoll und festlich und künstlerisch und ganz und gar nicht ‚provinzmäßig‘ war, daß man sich daran voll und ganz freuen konnte.

Es widerstrebt fast, den Gesamteindruck zu zergliedern. Und doch muß gesagt werden, daß es die Summe der Einzelheiten war, die den Gesamteindruck vermittelte, die schwungvolle Akkuratesse, mit der das ansehnliche, unter der Leitung von Intendant M[ax] A[lexander] Pflugmacher stehende Orchester musizierte, die sorgfältige und geschmackvolle Ausarbeitung der drei Bühnenbilder, die Hans Siegert besorgte, die selbst Kleinigkeiten niemals außer Acht lassende Regie von H[ans] E[sdras] Mutzenbecher, die zusammen den Rahmen für die gesanglichen und schauspielerischen Leistungen boten, die nochmals einer gesonderten Würdigung bedürfen. Wir wollen hier das besondere Verdienst nicht verschweigen, daß die Aufführung fast ausschließlich von heimischen [‚heimischen‘ im Sperrdruck] Kräften getragen wurde, von jungen Sängerinnen zumeist, die neben guten stimmlichen Mitteln, genügenden technischen Kenntnissen und einer liebenswürdigen Erscheinung auch so viel Hingabe an die gestellte Aufgabe mitbrachten, daß bei den gegebenen Voraussetzungen der Erfolg schon nach dem ersten Akt außer Frage stand. Freilich, einen Ochs von Lerchenau konnte das Stammensemble von Innsbruck nicht bieten. Er mußte von auswärts, von München, gebeten werden. Und Odo Ruepp von der Münchner Staatsoper, der die Rolle gestaltete, erfüllte sie mit der ganzen überlegenen Könnerschaft eines nicht umsonst oftmals in dieser Rolle gefeierten Sängers […]. Ebenfalls von München war Rudolf Gerlach gekommen, der ohne Forcierung, mit weicher, schmelzender Stimme die Belcanto-Arie des Sängers zum Vortrag brachte. Aus Innsbruck war Ilse von Eccher als Gast herangezogen, die mit überlegener musikalischer Sicherheit und überzeugender Mimik die ältliche Duenna im Hause des Herrn von Faninal verkörperte […].

Doch sind fast in einem Atem zu nennen Margot Winkler, Georgine Heß und Carola Pleschner. Alle drei haben Außerordentliches geleistet und man möchte deshalb ungern eine der anderen vorziehen. Margot Winkler gab die von einer leichten Wehmut überschattete Gestalt der Marschallin gesanglich bestechend und in Spiel und Maske so reizend, daß man niemals versucht war, sich anderer und berühmterer Beispiele der Gestaltung dieser Rolle zu erinnern. Carola Pleschner wirkte vor allem durch ihre liebenswürdige Erscheinung. Dabei fügte sich ihr klingender Sopran besonders im Terzett und im Duett des letzten Aktes so vortrefflich den beiden Sopranen der Marschallin und des Rosenkavaliers ein, daß man sich herzlich daran freuen konnte. Ein besonderes Lob verdient natürlich Georgine Heß als Trägerin der Titelrolle, als leichtentflammter, stürmischer und doch wieder inniger und gefühlswarmer Graf Oktavian. Ihre metallen klingende Stimme ist ohne jede Schärfe, leicht dirigierbar und ebenso sicher in der Mittel- wie in der Oberlage ansprechend, ihr Spiel, das zwischen burschikoser Derbheit, Tändelei und gefühlswarmer Innigkeit oszilliert, für die Rolle des Rosenkavaliers wie geschaffen, ihr Aussehen war, gerade in dem als Höhepunkt komponierten Augenblick des Auftrittes als Rosenkavalier, bestrickend […].“

Für eine Rosenkavalier-Reprise kam der Komponist Emil Berlanda zum Einsatz als Musikkritiker. Er hatte diese Funktion von seinem Vorgänger Hermann Josef Spiehs übernommen, der nun nicht mehr zur Verfügung stand, weil er in seiner Eigenschaft als Musikprofessor an der Innsbrucker Lehrerbildungsanstalt mit dieser Institution aufgrund der Bombengefährdung nach Zell am Ziller übersiedelt war. Berlanda schreibt in den Innsbrucker Nachrichten vom 15. März 1944, Seite 4:

„Für die Aufführung der Oper Rosenkavalier am 13. März im Reichsgautheater hatte Frau Margarethe Castana die Rolle der Sophie übernommen. Der von Haus aus für die Bühne nicht allzu großen Stimme sind hiedurch zwar beengter Modulationsmöglichkeiten gegeben; innerhalb dieses Rahmens jedoch ist sie von warmer Farbe und zeichnet sich aus durch kultivierte Behandlung. Sie wirkt selbst bei möglichster Kraftentfaltung nie unangenehm oder aufdringlich, und es ergeben sich im Zusammenklang mit Stimmen gleicher Lage (z. B. im Terzett und Duett im 3. Akt) oft Wirkungen von eigenartigem Reize.

Von den weiteren größeren Rollen seien wiederum nur kurz erwähnt: Margit Winkler als Feldmarschallin, umweht vom Schimmer herb-süßer Resignation, Otto Ruepp (München) als Gast als unverwüstlicher und derb-lüsterner Baron Ochs, sowie Georgine Heß als Trägerin der Titelrolle, die ebenso zum Gelingen der unter der aufmunternden musikalischen Leitung von Intendanten M[ax] A[lexander] Pflugmacher weit über das Durchschnittsmaß stehenden Aufführung beitrugen. Das volle Haus bedankte sich mit warmem Beifall.“

Mit der Partie der Marschallin gastierte am 26. März 1944 Kammersängerin Bally Brückl vom Württembergischen Staatstheater Stuttgart im Reichsgautheater. Die geplante Aufführung am 23. März kam wegen Erkrankung eines Mitglieds des Ensembles nicht zustande. Die gelösten Karten behielten für die stattdessen angesetzte Vorstellung von Nestroys Lumpazivagabundus Gültigkeit oder konnten für die Vorstellung des Rosenkavalier am 2. April umgetauscht werden (Innsbrucker Nachrichten vom 24. März 1944, Seite 4).

Bei der Rosenkavalier-Vorstellung am 24. Mai gastierte Charlotte Raab von den Städtischen Bühnen Düsseldorf als Octavian. Sie war von 1941 bis 1943 Mitglied der Innsbrucker Bühne gewesen und dem Publikum als Ariadne, Desdemona und Agathe in bester Erinnerung. (Innsbrucker Nachrichten vom 24. Mai 1944, Seite 4).

Am 30. März 1944 fand die Premiere von Shakespeares Hamlet statt. Mit dieser Aufführung verwirklichte Schauspieldirektor Siegfried Süßenguth seine 50. Inszenierung am Innsbrucker Theater. Karl Paulin widmet ihm hierzu eine umfangreiche Würdigung in den Innsbrucker Nachrichten vom 8. April 1944 auf Seite 5, die auch detaillierte Einblicke in das vielfältige Innenleben des Theaters sowie einen zusammenfassenden Überblick zu den gezeigten Schauspielproduktionen vermittelt:

„[…] Hat sich nun der Spielleiter, befeuert von seiner künstlerischen Phantasie, eine eigene, gewissermaßen szenische Anschauung von dem Stück gebildet und dessen Stil, zunächst für sich selbst, festgelegt, so geht er an die Verwirklichung und bespricht sich mit seinem wichtigsten Mitarbeiter, dem Bühnenbildner, der nach der Lektüre des Stückes ebenfalls aus künstlerischer Phantasie, den szenischen Rahmen entwirft. Zugleich wird auch schon der übrige technische Apparat in Gang gesetzt, gilt es doch, die Umwelt des Stückes nach geschichtlichen, gesellschaftlichen, modischen Gesichtspunkten möglichst getreu aufzubauen. Da müssen Kostüme, Waffen, Masken, Perücken, Möbel usw. aus dem Fundus ausgewählt und sinngemäß verwendet werden. Auch Beleuchtung und Maschinerie, ‚das groß’ und kleine Himmelslicht‘, wird für den besonderen Fall eingesetzt, um die Bühnenillusion der Wirklichkeit möglichst nahe zu rücken.

Inzwischen sind auch schon die Rollen vom Spielleiter verteilt worden, die Darsteller haben sich mit dem Stück vertraut gemacht und auf den ersten Proben – es sind dies die Lese- und Stellproben – ihren Anteil und Platz, die Auftritte und Abgänge, die Stichworte usw. festgelegt. Damit hat die Hauptarbeit des Regisseurs begonnen, die Einführung und Lenkung der Schauspieler im Sinne der Dichtung und ihrer Verkörperung […].

Rückt der Tag der Aufführung heran, so bekommt die Darstellung in den Kostümproben und endlich in der Generalprobe den letzten Schliff. Doch erst der öffentliche Vorstellungsabend selbst lohnt das gemeinsame Streben, wenn sich Dichtung und Darstellung zu erfolgreichem Erlebnis durchdringen und verflechten. Solchen Werdegang des Bühnenkunstwerkes hat Schauspieldirektor Siegfried Süßenguth in seiner Eigenschaft als Regisseur kürzlich zum fünfzigsten Male verantwortlich geleitet, ein Anlaß, der wohl einen kurzen Rückblick auf das Wesentliche dieser hochwertigen Leistung im Rahmen der Kulturarbeit unseres Reichsgautheaters Innsbruck rechtfertigt. Bei Süßenguth gewinnt die Regietätigkeit erhöhte Bedeutung, denn ihm ist die Pflege und Betreuung des Schauspieles überhaupt anvertraut. Daher beginnt seine Arbeit schon mit der Erstellung des Spielplanes, die z. B. gegenwärtig schon für die nächste Spielzeit einsetzt.

Die früher übliche Gepflogenheit, daß ein Spielleiter, der ja das ganze zu überblicken und zu dirigieren hat, selbst im Stück nicht mitspielt, wird heute auch von den größten Bühnen nur mehr selten gehandhabt. Nicht nur die Rücksicht auf das eingeschränkte Personal, sondern auch die fachliche Eignung und die Verwachsenheit mit der künstlerischen Aufgabe führt gerade die besten und meistbeschäftigten Schauspieler oft dazu, daß sie Regie führen und zugleich als Darsteller mitwirken, also mitten im Spiel, vielleicht sogar als Träger der Hauptrollen stehen. Da vermag der Spielleiter meist nur durch seinen sechsten Sinn, ein ‚zweites Gesicht‘ sich selbst als Spieler zu sehen und zu kontrollieren. In welch hohem Maß Siegfried Süßenguth diese seltene Kunst beherrscht, zeigte wohl am deutlichsten seine geradezu klassische Verkörperung des Hamlet, der erst jüngst als 50. wahrhaft festliche Inszenierung des Künstlers über unsere Bühne ging.

Seit der Spielzeit 1938/39 ist Süßenguth ununterbrochen in Innsbruck als Spielleiter tätig, führt also nun schon in der sechsten Spielzeit Regie. Zugleich ist ihm aber auch vom Intendanten M[ax] A[lexander] Pflugmacher, der Süßenguth als seinen wichtigsten Mitarbeiter schätzt, die Leitung und Pflege des Schauspielplanes übertragen. Von Jahr zu Jahr wächst er mehr in seine Aufgabe hinein, betreut mit leidenschaftlicher Liebe und unermüdlichem Eifer das Schauspiel und sucht demselben im Rahmen des Gesamtspielplanes stets die gebührende Stellung zu sichern. Wie ein Leitmotiv klingt die Vorliebe für die Klassiker durch Süßenguths Spielleitung: Shakespeare steht am Anfang und am Schluß dieser 50 Inszenierungen: Der Widerspenstigen Zähmung war seine erste, Hamlet seine bisher letzte Neueinstudierung. Süßenguths besondere Sorgfalt aber gilt der Wiederbelebung der deutschen Klassiker, auf diesem Feld sind ihm auch die schönsten Erfolge gereift, es sei nur erinnert u. a. an Minna von Barnhelm, Faust, Nibelungen I, Wallenstein (die Trilogie an einem Abend), Egmont, Die Räuber, Käthchen von Heilbronn, Medea.

Auch das moderne Zeittheater nimmt in unserem Schauspielplan eine besondere Stellung ein. Johsts Thomas Paine, Langenbecks Hochverräter, Gobsch’ Thron zwischen Erdteilen, Dietrich Eckarts Peer-Gynt-Bearbeitung Die ewige Kette, Vertrag um Karakat verdienen als Mustervorführungen hervorgehoben zu werden.

Unter Süßenguths Leitung kamen außerdem hervorragende Dramatiker zum erstenmal auf unsere Bühne, so Hamsun mit Munken Bendt, Grabbe mit Don Juan und Faust. Richard Billinger lernten wir ebenfalls erst durch Süßenguth kennen, der den Gigant, Melusine und Stille Gäste herausbrachte.

Die Uraufführung des Michel Gaismair und die erfolgreich wiederholte Schöne Welserin zeugten im Verein mit dem Serienerfolg des von Paul Schmid inszenierten Kanzler von Tirol von der Berücksichtigung unseres heimatlichen Dramatikers Josef Wenter.

Dem Spielleiter Süßenguth liegt natürlich auch, gemäß seiner persönlichen Art, das moderne Gesellschafts- und Lustspiel, z. B. Die gute Sieben, Ingeborg, Dr. med. Hiob Prätorius, er weiß aber auch guten alten Komödien, z. B. Lumpazivagabundus, Die Zwillinge volkstümlichen theatralischen Reiz zu geben. Am Erfolg der meisten dieser Inszenierungen des Spielleiters ist auch der Schauspieler Süßenguth wesentlich beteiligt.

Unsere rückschauende Würdigung betrifft, dem festlichen Anlaß der 50. Inszenierung entsprechend, nur das Schauspiel als wichtigstes Teilgebiet der künstlerischen Wirksamkeit unseres Reichsgautheaters. Daß außerdem die Kunst der Inszenierung und Spielleitung auch im musikalischen Teil des Spielplanes, in der Oper und Operette bedeutungsvolle Aufgaben in hervorragendem Maß erfolgreich gelöst hat, wissen alle Besucher unserer Bühne aus eigener erlebnisreicher Anschauung.

So zeigt schon dieser kurze Rückblick ein reiches, fruchtbar bebautes Feld künstlerischer Arbeit im Dienste nationalsozialistischer kultureller Volksbildung, die unter den Erschwerungen der Kriegszeit besonders hoch einzuschätzen ist. Wie sehr auch die Innsbrucker Theaterfreunde, deren viele durch Süßenguths erfolgreiche Schauspielpflege neu gewonnen wurden, den Künstler und sein Schaffen zu würdigen wissen, bewies die Stärke und Wärme des Beifalles, der am ersten Hamlet-Abend als Zeichen des Dankes dem Spielleiter und Hauptdarsteller entgegen rauschte.

Dieses Echo mag Siegfried Süßenguth der schönste Lohn und beste Ansporn für den weiteren idealen und begeisterten Einsatz seiner Kunst an der Kulturstätte des Reichsgautheaters Innsbruck sein.“

Der Hamlet-Premiere widmet Schriftleiter Karl Paulin in den Innsbrucker Nachrichten vom 1. April 1944 auf Seite 3-4 einen euphorischen Kommentar. Als Tribut an die Ideologie sieht er in Hamlet, wie er mit dieser Inszenierung dargestellt wurde, eine dem Deutschtum in seiner „kämpferischen Gegenwart“ verwandte idealisierte Gestalt:

„[…] Mit eigenschöpferischer Kraft, wie sie in solcher Klarheit und Zielsicherheit im Rollenbereich des Künstlers wohl noch nie in gestaltete Erscheinung trat, hob Süßenguth den Hamlet aus der dunklen Welt des Träumers, der unter der Last seines dämonischen Auftrages sein geistiges Gleichgewicht verliert, in die Sphäre eines Menschen, der sein innerstes Selbst zu höchster Bewußtheit spannt und steigert. Zu einer Bewußtheit freilich, die den tragischen Kern in sich trägt, die zuletzt zum eigenen Untergang führt, aber erst, nachdem die Rache vollendet und das Verbrechen gesühnt ist. Auf dem Weg zu diesem tragischen Ende gebraucht Hamlet seine Geisteskräfte, um die er den schützenden Mantel des Wahnsinns legt, wie ein überlegener Fechter, der seine Gegner täuscht, um blitzschnell ihre Blöße zu treffen. Ja, man hatte an manchen Punkten der Handlung den Eindruck, daß unter all diesen Menschen Hamlet allein der Geisteswache, der Ueberlegene ist, der auch seine eigene innere Schwäche in den erschütternden Monologen niederringt […].

Es war ein deutscher, der kämpferischen Gegenwart irgendwie verwandter Hamlet, der in Süßenguths dem klassischen Stoff würdiger Verkörperung zu bezwingendem Bühnenleben erstand […].

Das Szenische bei Hamlet ist ein für den Ablauf der Tragödie wesentliches Element. Der Spielleiter hat diese schwierige Aufgabe im Verein mit dem Bühnenbildner Hans Siegert durch vereinfachte, künstlerisch sehr geschmackvolle Dekorationen und Verwandlungen bei offener, verdunkelter Szene glänzend gelöst.

Die in 15 Bilder gegliederten fünf Akte der Tragödie wurden durch eine Bühnenmusik verbunden, in der die Grundmotive der Dichtung melodisch aufklangen und die von Kapellmeister Hans Georg Ratjen stammt.

Hamlet war ein festlicher Abend, an dem alle Kräfte unseres Schauspieles zu harmonischer Wirkung sich vereinten. Wie sehr das ausverkaufte Haus die gedankentiefe Dichtung in der alle Erwartungen übertreffenden Darstellung des Reichsgautheaters am 30. März miterlebte, bewies der immer wieder aufrauschende Beifall, der sich schließlich zu einer spontanen herzlichen Dankeskundgebung nicht nur für den Hauptdarsteller Siegfried Süßenguth, sondern auch für den verdienstvollen Leiter und Betreuer des Schauspiels am Reichsgautheater wurde, der den Innsbrucker Theaterfreunden in nie ermüdender, alle Schwierigkeiten überwindenden Arbeit schon so viele künstlerische Erlebnisse bereitet hat.“

Als Reprise aus der Spielzeit 1941/42 wurde am Ostersamstag, dem 8. April 1944, Franz Lehárs Operette Friederike in teilweise neuer Besetzung präsentiert. Ihre Eindrücke von diesem effektvollen Operettenabend, der mit zahlreichen einschmeichelnden, sehnsuchtsvollen Melodien das Publikum verwöhnte, schildert Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nachrichten vom 14. April 1944, Seite 4:

„Der Erfolg dieses hübschen Lehár-Singspiels, das, einschmeichelnd und melodiös, nach kurzem Abstand nun zum zweiten Male über die Bretter unseres Reichsgautheaters geht, ist durch die rasche Wiederholung nicht geringer geworden. Immer wieder findet das Spiel um die vom leisen Schimmer der Wehmut überhauchte Liebesidylle des jungen Goethe mit der Pfarrerstochter Friederike Brion – an dem den empfindlicheren Hörer lediglich die etwas großzügige Vermengung Goethescher Verse mit dem üblichen Operettenlibretto stört – dankbare und beifallsfreudige Zuschauer. So war auch dieser Wiederaufführung der von Poldi Harlanns inszenierten und von Hans-Georg Ratjen musikalisch betreuten Friederike vom Winter 1941/42 eine begeisterte Aufnahme sicher, obwohl, oder auch gerade weil sie einigen Wechsel in der Rollenbesetzung brachte, der ja auch den Anlaß zur diesmaligen neuerlichen Betrachtung bildet.

Erhard Grosser allerdings bewährte sich nach wie vor stimmlich und darstellerisch als junger Goethe, während die Titelpartie selbst in Erika Feichtinger vollkommen gemäße Wiedergabe fand. Voll Liebreiz und Natürlichkeit, war diese Friederike nicht nur gesanglich ihrer Aufgabe vollkommen gewachsen, sondern gefiel vor allem auch durch gutes und feinempfundenes Spiel. Edith Boewer konnte als mutwillige Salomia alle Register ihres Temperamentes und ihrer Spiellaune ziehen, und tat es humorvoll und liebenswürdig wie stets. Einzig im letzten Akt hätte man ihr im Interesse des Gesamtniveaus der Aufführung etwas mehr Zurückhaltung gewünscht. In überraschender Wandlung vom tragischen Shakespeare-Helden zum heiteren Operettenbuffo fand sich Schauspieldirektor Siegfried Süßenguth voll Humor und merklichem Spielvergnügen, vielbejubelt, mit der Rolle des ‚unglücklichen‘ Kandidaten Lenz zurecht, dem er sein bewährtes, in allen Sätteln gerechtes Können samt einer klangvollen Stimme verlieh. Vigil Breiners Student und späterer Doktor Weiland brachte in feiner und sehr schön einheitlicher Durchführung dieser Rolle einen besinnlichen Zug in das Spiel. Isa Roland und Gustl Pretsch als alte Pfarrersleute, Hans Ulrich Bach in zwei gut abgewogenen Studien als Großherzog und Postillon, sowie alle übrigen Darsteller rundeten in sorgfältigem und frischem Spiel die lebendige Inszenierung, der Hans Siegert – besonders mit dem Sesenheimer Pfarrhof – stimmungsvolle und ansprechende Bühnenbilder geschaffen hatte.“

In der Vorschau zur Operettenpremiere (Innsbrucker Nachrichten vom 6. April 1944, Seite 4) ist erwähnt, dass die Choreographie der Tänze von Gretl von Heimburg stammt. Außerdem wird betont, dass es sich um „eine deutsche Operette mit volkstümlichen Elsässer und Pfälzer Weisen und Tänzen“ handle.

In der Friederike-Aufführung am 30. April konnte sich Anny Murr, eine gebürtige Innsbruckerin, zum ersten Mal in ihrer Heimatstadt als Sängerin in der Titelpartie vorstellen. Sie war Mitglied des Gärtnerplatztheaters München gewesen und gehörte zuletzt dem Stuttgarter Schauspielhaus an. Für die nächste Operettenpremiere des Reichsgautheaters Wo die Lerche singt von Franz Lehár im Mai 1944 wurde Anny Murr wiederum verpflichtet (Innsbrucker Nachrichten vom 28. April 1944, Seite 4). Vom Eindruck ihres Innsbrucker Debüts berichtet Emil Berlanda in den Innsbrucker Nachrichten vom 2. Mai 1944, Seite 4:

„[…] Sie verfügt über eine zwar nicht allzu tragende, wohl aber in allen Lagen gut durchgebildete und ausdrucksfähige Stimme, die auch in voller Stärke und in der Höhe des Wohlklanges nicht entbehrt. Das Spiel der Sängerin verrät Routine und ist von natürlicher Ungezwungenheit. Ihr weiteres Auftreten im Reichsgautheater Innsbruck verdient besonderes Interesse. Die Leistungen des Gastes sowie die unter der musikalischen Leitung von Othmar Suitner – deutlich und zugleich sparsam in seiner Zeichengebung – stehende Aufführung unter Mitwirkung von H. Grosser, Edith Boewer und Siegfried Süßenguth in den größeren Rollen fanden bei vollem Hause gebührende Anerkennung und herzlichen Beifall.“

Am 13. April 1944 hatten die beiden Opern-Einakter Gianni Schicchi von Giacomo Puccini und Der Bajazzo von Ruggiero Leoncavallos in Innsbruck Premiere gehabt. Die Aufführung am 8. Mai war dem Veranstaltungsring der Hitler-Jugend vorbehalten. Über diesen Abend mit einigen gegenüber der Premiere vorgenommenen Umbesetzungen (vgl. den Premierenbericht von Emil Berlanda in den Innsbrucker Nachrichten vom 15. April 1944, Seite 5) schrieb Marie Randolf in den Innsbrucker Nachrichten vom 10. Mai 1944, Seite 4:

„Die Wiederholung des Opernabends Gianni Schicchi von Puccini und Der Bajazzo von Loencavallo am 8. Mai im Reichshautheater brachte interessante Neubesetzungen. Carola Pleschner sang in Gianni Schicchi erstmals die Lauretta. Ihre frische Silberstimme schmiegte sich dem weichen Tenor Rudolf Christs zu sehr harmonischem Zusammenklingen an. Rudolf von Berenkamp bot in der Titelrolle wieder eine ausgezeichnete Leistung, trefflich sekundiert von den übrigen Mitwirkenden der witzigen Parodie.

Im zweiten Werk des Abends sang Georgi Belev von der Staatsoper München als Gast den Bajazzo, wobei er seine schönen, reichen Stimmittel in echt südländischer freier Gestaltung zu voller Wirkung brachte. Erika Feichtinger als Nedda sang und spielte dem Charakter der Oper gemäß sehr dramatisch. Ihre Stimme scheint sich immer kräftiger und voller zu entfalten, wie auch ihr Spiel dem zierlichen Püppchen die Vertiefung fraulicher Reife mit einem Schuß Verderbtheit gab. Die ganze von Hans Georg Ratjen geleitete Aufführung, zu deren Gelingen auch Björn Forsell, Eugen Schürer und Torsten Bernow wieder ihren vollen Anteil beitrugen, gewann dadurch an Eindruckskraft. Theaterfreudige Jugend, die im Rahmen des Veranstaltungsringes der Hitler-Jugend das Haus füllte, dankte den Künstlern mit begeistertem Beifall.“

Am 14. April kam wieder das Schauspiel zum Zug, mit drei Einaktern von Ludwig Thoma, die allesamt belustigende und hintergründige Unterhaltung boten, so die Bauernschwänke Die Brautschau und Erste Klasse sowie das Lustspiel Die kleinen Verwandten. Marie Randolf meint zur gelungenen Premiere (Innsbrucker Nachrichten vom 17. April 1944, Seite 4):

„Ludwig Thoma hat, wie kaum ein zweiter, seinen bayrischen Landsleuten mit Humor und derbem Witz einen Spiegel vorgehalten, in dem sie sich in ihren Schwächen selbst erkennen und belächeln lernen, aber auch erkennen sollten, was an Gutem und Echtem und darum Bewahrenswertem als wertvoller Kern sich hinter ihrem rauhen Wesen birgt. Generationen von Zuschauern haben sich schon in diesem heilsamen Spiegel beschaut und sind ob der Leuchtkraft des Kolorits in helle Freude, ob des treffenden Witzes in schütternde Lachstürme ausgebrochen, und immer wieder wird der eine und der andere unter den vielen aus dem lauten Spiel auch die fein mitschwingenden, von behutsamer Künstlerhand gerührten Saiten des reinen lauteren Herzens gespürt haben. Bei der Aufführung am Reichsgautheater bewährten sich alle Vorzüge Thoma’scher Menschenzeichnung, nur daß wir nicht mehr so ganz wie seine engsten Landsleute und Zeitgenossen uns selbst in seinen Gestalten zu erblicken vermögen […].

Unsere Schauspieler widmeten sich mit Freude den dankbaren Rollen, die die Spielleitung Paul Schmids zu einheitlicher Gesamtwirkung zusammenschloß, jedem der drei Stücke vollen Eigenklang wahrend. Von den vielen um das Gelingen des Abends verdienten Mitwirkenden muß hier an erster Stelle Emil Bauer-Dorn genannt werden, der als Sedlbauer von Weidach wie als Regierungsrat Häßler und schließlich Ministerialrat von Scheibler in sich vollendete Charakterstudien von überzeugender Wirkung schuf. Ihm an Wandlungsfähigkeit ebenbürtig als jeweilige Gattin Gisa Ott, im Bauernkittel wie im Seidenkleid in der Tiefe des Herzen eine echte Mutter. Paul Schmid und Rudolf Tlusty bestimmten als Schmuser und heftig diskurrierende Fahrgäste den lauten Ton der Bauernschwänke. Paul Schmid bewährte sich überdies noch als biederer ‚kleiner Verwandter‘, von Marion Richter in köstlicher Urwüchsigkeit prächtig ergänzt. Eine bis ins letzte durchgefeilte schauspielerische Leistung bot auch Ottomar Mayr als Kaufmann Stüwe. Hermann Kellein, der im ersten Schank im Stallgewand seine sonntäglich geschmückte Braut erwartete, wandelte sich aus dem Rauhbein in den beiden folgenden Stücken zum süß flötenden Schwerenöter mit Eva Volkmer und Viola Wahlen als hübsche Partnerinnen. Lachender Beifall bedankte die gute Aufführung.“

Der von der Kulturpolitik als Kriegsablenkung eingeforderte, prinzipiell auf Heiterkeit und Optimismus ausgerichtete Spielbetrieb wurde insbesondere im Bereich des Schauspiels konsequent erfüllt. Hierunter fällt das Lustspiel Die Primanerin, „nach einer Novelle gestaltet von Sigmund Graff“, nach dessen Premiere am 10. Mai schon am 14. Mai das musikalische Lustspiel Lisa benimm Dich! von Ernst Friese und Rudolf Weys folgte, mit Musik von Hans Lang. „Ein übermütiges Lustspiel mit leicht ins Ohr gehender Musik wird damit den Spielplan bereichern“ lautet die verheißungsvolle Einladung in einer Vorschau der Innsbrucker Nachrichten am 13. Mai 1944, Seite 5. Zur Primanerin schreibt Karl Paulin:

„[…] Der geschickte Aufbau, der spritzige Dialog und die heiterkeitserregende, dabei aber keineswegs verletzende Spiegelung des Schullebens gestalten Die Primanerin zu einem der stärksten Lustspielerfolge unseres Reichsgautheaters. Daran haben unter Paul Schmids flotter Spielleitung alle Mitwirkenden vollen Anteil […]“ (Innsbrucker Nachrichten vom 12. Mai 1944, Seite 4).

Bei einer Sondervorstellung der Primanerin für die Hitler-Jugend konnten sich Schülerinnen der Opern- und Schauspielschule in größeren Rollen bewähren:

„[…] Frisch, natürlich und schon erstaunlich bühnensicher stellten sie dabei mit ihrem Debüt sich selbst und ihren Lehrern das beste Zeugnis aus, voran Edith Martinstetter als freche Primanerin Nelly Langenbach, sicher in Ausdruck und Sprache, sprudelnd vor Temperament und ganz hingegeben der Lust am Komödiantischen, ein Lausdirndl reinsten Wassers. Susi Schmidt, erst Primanerin, dann gestrenge Lehrerin, fand sich mit viel Humor und Freude am Grotesken in ihre Aufgabe; gut gesehen und durchgeführt endlich auch Margit Seebers Streberin Else Holzbock. Die jungen Debütantinnen konnten sich für reichlichen und freudigen Beifall bedanken“ (Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nachrichtenvom 21. Juni 1944, Seite 4).

Die besondere Attraktion bei Lisa benimm Dich! waren übermütige Einlagen und musikalisch pointierte Akzente.

„[…] Den Charakter der mehr dem Schwank als dem Lustspiel zuneigenden Komödie betonten als verbindende Kräfte mit erheiterndem Erfolg die vier Hallodris (Ottomar Mayr, der auch die Spielleitung führte, Rudolf Christ, Johann Meyer und Rolf Ankowitsch), sowie die vielen eingelegten Couplets und der afrikanische Kriegstanz, der mit Sonderbeifall aufgenommen wurde. Von den Bühnenbildern Hans Siegerts gefiel vor allem das einfall[s]reich gestaltete Annoncenbüro des Vorspiels. Die flotte melodiöse Musik, dirigiert von Hans-Georg Ratjen, stammt von Hans Lang“ (Karl Paulin zur Erstaufführung von Lisa, benimm Dich! in den Innsbrucker Nachrichten vom 16. Mai 1944, Seite 4).

Selbst für die letzte Schauspielpremiere der Spielzeit stand mit Ich brauche dich eine Komödie auf dem Spielplan. Ihr Inhalt und ihre Darsteller werden in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juni 1944, Seite 4 einladend angekündigt:

„Am Mittwoch, 7. Juni, findet im Reichsgautheater Innsbruck die Erstaufführung der Komödie Ich brauche dich von Hans Schweikart statt. Dieses Stück beherrscht, nachdem es vor zwei Jahren die Uraufführung an den Kammerspielen in München erlebte, den Spielplan vieler führender Bühnen. In dieser Komödie wird auf humorvolle, leichte Art aber doch so, daß darüber nachzudenken ist, eine Künstlerehe gezeigt, die durch das Hin und Her der beiden Berufe zu zerreißen droht. Durch das Ich brauche dich finden die Partner sich aber in friedlicher Gemeinschaft. Für die weibliche Hauptrolle wurde Hanna Rucker vom Deutschen Theater, Berlin, als Gast verpflichtet. Ihren Partner spielt Siegfried Süßenguth, der gleichzeitig für die Inszenierung zeichnet. In weiteren Rollen wirken mit: Fini Fügner, Eva-Maria Meier, Kitty Otten, Isa Roland, Hilde Wildeck, Hans-Ulrich Bach, Hermann Kellein, Erich Prohaska-Prell, Anton Straka, Hermann Voß. Die Bühnenbilder schuf Hans Siegert.“

Das amüsante und originelle Stück war bereits verfilmt worden, so dass schon vor der Theateraufführung in Innsbruck die Filmversion im Kino zu sehen war. Dies veranlasste Karl Paulin in seiner Premierenbesprechung (Innsbrucker Nachrichten vom 9. Juni 1944, Seite 4) zu prinzipiellen Gedanken über die unterschiedliche Wirkungsweise des gleichen dramatischen Stoffes auf der Bühne und im Film. Eindeutig räumt er dem Theater vor dem Film den Vorzug ein.

„Wenn man Dichter, Schauspieler und Filmregisseur in einer Person ist wie Hans Schweikart, dann begreift sich, daß seine erfolgreiche Komödie Ich brauche dich von den weltbedeutenden Brettern auf die weltumspannende tönende Leinwand überspringt, um vom Boden des Theaters und des Films aus ihr Wirkung zu erproben. Innerhalb kurzer Frist sahen wir daher in Innsbruck das gleiche Stück von beiden Kunstgattungen geformt, zuerst im Film und nun auf der Bühne […].

Bei solchem Stand der Dinge fürchteten auch die klügsten Leute vom Bau, daß sich die Sprechbühne nur schwer neben der erstklassigen Besetzung und den unbegrenzten szenischen und Ausstattungsmöglichkeiten des Films werde behaupten können. Aber unser Vertrauen auf die unzerstörbare Lebenskraft des Theaters wurde durch die Erstaufführung am 7. Juni glänzend gerechtfertigt. Denn an diesem typischen Beispiel bewies das Theater aufs neue, daß das Unmittelbare, Wirkliche der Erscheinung, des Spieles und des Wortes, wie es die Sprechbühne als älteste wurzelhafte Form der dramatischen Kunst bietet, in seiner eigensten Wirkung durch nichts ersetzt oder gar ausgeschaltet werden kann.

Auch auf der Bühne kommen die Streiflichter sarkastischen Humors, die Schweikart auf die Künstlerehe im besonderen und die Ehe im allgemeinen wirft, zu voller Geltung, ebenso die Essenz der Komödie, die lebenskluge, alle Spannungen lösende Erkenntnis Ich brauche dich![…].

Der Spielleiter selbst stattete den Professor Paulus Allmann mit den empfindsamen Nerven des verwöhnten egozentrischen Dirigenten aus, dessen Menschentum aber doch unter der Hast und Glücksarmut seines Berufes darbt […]. Als seine Ehepartnerin Schauspielerin Juli Bach stand Hanna Rucker als Gast zum ersten Male auf unserer Bühne, eine schlanke sympathische jugendliche Erscheinung, die, noch in künstlerischer Entwicklung, doch diese reifefordernde Rolle schon mit außergewöhnlichem Geschick verkörperte […].“

Ende Mai 1944 kam „auf vielseitigen Wunsch aus Publikumskreisen“ das erschütternde Volksdrama Via Mala von John Knittel zur Aufführung, das bereits in drei Spielzeiten auf der Innsbrucker Bühne die Theaterbesucher mit Rührung ergriffen hatte und so auch für die Gastspiele im Meraner Stadttheater vorgesehen wurde (Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 24. Mai 1944, Seite 4 und Besprechung von Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. Mai 1944, Seite 5).

Als letzte Operettenpremiere des Reichgautheaters wurde am Pfingstsonntag, dem 28. Mai 1944, wiederum mit Wo die Lerche singt ein Werk Franz Lehárs präsentiert, der damit auch auf der Innsbrucker Bühne zum meistgespielten Komponisten der leichten Muse avancierte. Schriftleiter Karl Paulin selbst berichtet über dieses letzte glanzvolle Saisonereignis in den Innsbrucker Nachrichten vom 30. Mai 1944 auf Seite 4:

„Im melodienreichen Gesamtwerk Franz Lehars nimmt die Operette Wo die Lerche singt eine besondere Stellung ein, entstammt sie doch der Glanzzeit des Meisters und umschließt eine Handlung, die in ihrer Mischung von heiteren und ernsten Motiven fast opernhaft anmutet. Den das Liebeserleben der kleinen bäuerlichen Margit mit dem städtischen Maler Sandor, das an der Unvereinbarkeit der beiden Naturen und ihrer Umwelt scheitern muß, enthält so viel echt dramatische Elemente, daß erst der gute Ausgang, die Rückkehr Margits zum dörflichen Geliebten Pista, den tragischen Grundstoff auflöst.

Diesen Charakter des Textes untermalt Lehars Musik in vollendeter Weise, beschwingt die Volksszenen und Tänze mit berückenden feurigen Melodien und läßt das Schicksalhafte in dunklen, herzbewegenden Tönen anklingen. Daher findet die Lerche, deren jugendlichen Schmelz die Jahrzehnte seit ihrem Entstehen nichts anhaben konnten, als eine der beliebtesten Lehar-Operetten immer wieder begeisterte Hörer.

Unser Reichsgautheater hat dem Werk, das in Innsbruck schon seit längerem nicht mehr gegeben wurde, unter der sorgfältigen Spielleitung Rudolf Tlustys und der Stabführung des Intendanten M[ax] A[lexander] Pflugmacher eine ausgezeichnete, stimmungsvolle Neuinszenierung gewidmet. Im Mittelpunkt stand Carola Pleschner als Margit, vom ersten tirillierenden Lerchenlied ganz im Bann ihrer künstlerischen Aufgabe, die sie nicht nur mit ihrer blühenden Stimme, sondern auch mit stärkstem innerem Erleben, das in den dramatischen Höhepunkten leidenschaftliche Akzente gewann, erfolgreich löste. Erhard Grossers in Gesang und Spiel hervorragender männlich liebenswerter Maler Sandor und Vigil Breiners eifersüchtig aufwallender Pista kämpften um Margits Herz und Liebe. Ihr zur Seite stand mit großväterlicher Sorge Rudolf Tlusty, der als alter Bauer Törok in seinem ungarisch gefärbten Humor zugleich die zentrale heiterkeitserweckende Kraft des Spieles bildete. Anny Murr a[ls] G[ast] als mondäne Sängerin Vilma, Oskar Fritzler als Baron Arpad und Eva Volkmer als tollpatschige Dienstmagd Borcsa fügten sich ergänzend in das Gesamtspiel.

Die von Gretl von Heimburg geleiteten Tänze, besonders der temperamentvolle, glänzend durchgeführte Czardas, sowie die vielen Gesangseinlagen fanden im ausverkauften Haus stürmischen Beifall und mußten wiederholt werden; die von Ferdinand Madl betreuten schönen Kostüme und die Bühnenbilder Hans Siegerts trugen wesentlich zum Erfolg des Abends bei, dem das unter M. A. Pflugmachers Leitung spielende Orchester die eigentliche künstlerisch-musikalische Note gab.“

Wie im Vorjahr beehrte Tanzstar Ilse Meudtner auch in der aktuellen Spielzeit das Innsbrucker Reichgautheater mit ihrer herausragenden Kunst:

„Immer wieder bewundert man an Ilse Meudtner, die ja am 30. Mai nicht zum erstenmal Gast in unserem Reichsgautheater war, die ungeheure, bis in jedes Glied gehende Beherrschtheit eines Körpers, der voller Leichtigkeit allen Anforderungen zu gehorchen scheint. Man fühlt sich dadurch beinahe an die grandiose Virtuosität Harald Kreuzbergs erinnert, zumal auch Ilse Meudtner in ihrer Tanzgestaltung sehr stark vom Gedanklichen ausgeht, das bei ihr jedoch von einer – vielleicht fraulichen – Beseeltheit durchdrungen ist und kaum je Kälte aufkommen läßt. Dies gilt hauptsächlich für die ernsten Tänze des ersten Programmteiles, einem feurigen An die Sonne, einem elegischen An den Mond und dem leidvoll Hin- und Hergerissensein Zwischen Hell und Dunkel, nach Musik von Santoliquido, Debussy und Chopin. Mitreißend jedoch zeigte sich die ganze Gestaltungs- und Ausdruckskraft der Künstlerin in den Goya-Impressionen des zweiten Teils, der stärksten Leistung des Abends. Unglaublich war, wie hier jene sinnliche Beseeltheit, die in den Bildern des großen Spaniers wie sonst nirgends lebt, plötzlich in wirbelnde Bewegtheit übertragen, vor dem Auge des Beschauers ihr reizvolles Spiel entfaltete.

Welch eigenartiger Gegensatz zu diesen Darbietungen die heiter beschwingte Interpretation zierlich-leichter Mozartmusik in der vielbejubelten Tanzphantasie Und der Himmel hängt voller Geigen, die – der Eindruck verstärkte sich noch in den Fröhlichen Tänzen – beinahe glauben ließen, das eigentliche Feld von Ilse Meudtners Begabung liege im Heiter-Grotesken; wobei die Fröhlichen Tänze nach Motiven von Liszt und Albeniz freilich allzu sehr vom Gedanklichen und Mimischen und weniger vom Tänzerischen her gestaltet schienen.

In Chris Veelo stand der Künstlerin, deren Abend wieder zu einem stürmischen Publikumserfolg wurde, ein ausgezeichneter und feinfühliger Begleiter zur Seite, der sein großes Können, auch in mehreren Soloeinlagen (Schubert, Albeniz) bewies.“ (Hildegard Ostheimer in denInnsbrucker Nachrichten vom 1. Juni 1944, Seite 4).

Auf dem Opernsektor ging nach Puccinis Einakter Der Mantel Albert Lorzings komische Oper Der Wildschütz als letzte Premiere über die Bühne des Reichsgautheaters, bezeichnenderweise im Rahmen des Festprogramms des 7. Landesschießens. Ehrentraut Straffner-Pickl schreibt dazu in den Innsbrucker Nachrichten vom 10. Juli 1944, Seite 3:

„Gleichsam als Sommergabe hat die Leitung unseres Reichsgautheaters noch gerade vor den Ferien eine herzerfrischend lebendige Aufführung des Wildschütz herausgebracht. Von den komischen Opern Albert Lortzings erfährt gerade diesem Stück am seltensten die Ehre der Aufführung, obwohl alles, was wir an Lortzing lieben, die Beschwingtheit des Stiles, die immer durchblutet bleibt von einer nur deutschen Gemütsseligkeit, das Anheimelnde in der Melodieführung der Arien, die ganze ein wenig zum Behaglichen hinneigende Diktion darin ebenso zu finden sind wie etwa im Waffenschmied oder in Zar und Zimmermann. Daran mag wohl der etwas komplizierte Gang der Handlung, der um die Figur eines skurrilen Schulmeisters eine Vielfalt von Irrungen und Begegnungen dreier Liebespaare in echt komödiantischer Lockerheit schlingt, Schuld tragen. Aber gerade dieses Hin und Wider gibt so reiche Gelegenheit zu bewegten Szenen, zum Auskomponieren gefühl- oder lustbetonter Begegnungen und Trennungen, bewegter Massen, das heißt Chorszenen, daß man darüber gut und gern mangelnde Konzentration und Straffheit vergißt. Heiterkeit und Fröhlichkeit sind die Geister, die die komische Oper vom Wildschützen, der seinen eigenen Esel gewildert hat, regieren und die auch als Leitstern über der Aufführung unseres Reichsgautheaters gestanden ist.

Es ist erfreulich, feststellen zu können, daß auch für diese Aufgabe die gesammelten Kräfte unserer heimischen Bühne aufgeboten waren. Von der musikalischen Leitung, Intendant M[ax] A[lexander] Pflugmacher, bis zur Inspektion Otto Gröbitz und bis zum letzten Choristenkostüm (Ferdinand Madl und Marianne Pletzler) – für die Regie, also die Leitung der ‚äußeren Aufmachung‘, zeichnete übrigens Ottomar Mayr – stimmte alles und spielte mit einer Leichtigkeit ineinander, die sich zwar wie selbstverständlich ansieht, aber keineswegs von selbst ergibt […]. Das ausverkaufte Haus ging vom ersten Ton der wohlbekannten Ouvertüre an mit und sparte während der Szenen und am Aktschluß niemals mit Beifall.“

In den Innsbrucker Nachrichten vom 22. Juli 1944 bringt Karl Paulin auf Seite 5 einen Überblick über die künstlerische Tätigkeit des Reichsgautheaters Innsbruck in der nationalsozialistischen Ära während seiner letzten Spielzeit, die nach 11 Monaten ununterbrochener Dauer am Sonntag, den 16. Juli 1944, zu Ende ging. Dieses Resümee enthält eine erstaunliche Fülle von Aktivitäten, die trotz aller Erschwernisse der Kriegssituation für die Erfüllung von Kulturinteressen der NS-Machthaber im Bereich der Hochkunst erbracht werden konnten:

„[…] Insgesamt zeitigte die nun vergangene Spielzeit 452 Veranstaltungen, die sich in folgende künstlerische Gruppen teilen: 5 Schauspiele erzielten 42 Aufführungen, 14 Lustspiele (einschließlich der musikalischen Lustspiele) 122 Aufführungen, 2 Märchenvorstellungen 15 Aufführungen.

Wenn wir uns das von Direktor Siegfried Süßenguth betreute Schauspiel näher betrachten, so finden wir, daß von den eigentlichen Schauspielen bezeichnenderweise Shakespeares Hamlet – der künstlerische Höchststand in der Darstellung klassischer Dichtungen der letzten Spielzeit – mit 13 Aufführungen an der Spitze steht; ihm folgt, ebenfalls ein glänzendes Zeichen sowohl für die Pflege des Klassischen, wie für die Aufnahmsfähigkeit der Besucher, Schillers Kabale und Liebe mit 12 Aufführungen. Josef Wenters vielgespielter Kanzler von Tirol erreichte 8 Aufführungen, Grillparzers Medea 6, Knittels Via Mala 3 Aufführungen.

Das Lustspiel übte begreiflicherweise eine besondere Anziehungskraft aus. Daher steht Nestroys Lumpazivagabundus – eine der flottesten, farbenreichsten Aufführungen der Spielzeit – mit 22 Aufführungen an der Spitze. Ihm folgen Goldonis Die Zwillinge mit 14 Aufführungen, als Suite-Vorstellungen des Gastspiels Paul Hörbiger, dann der Ludwig-Thoma-Einakter Brautschau, Die kleinen Verwandten und Erste Klasse mit 13 Aufführungen, Götz’ Dr. med. Hiob Prätorius – eine Musteraufführung des modernen Lustspieles – und Shaws Pygmalion mit je 11 Aufführungen. Lenz-Roberts Ehe in Dosen und Friese-Weys Lisa, benimm dich erreichten je 10, Graffs Die Primanerin und Wenters Die schöne Welserin je 8 Aufführungen. Schweikart Ich brauche dich kam 6mal, Chloupek Zuviel für eine kleine Frau 5mal und Benatzkys Bezauberndes Fräulein 4mal auf die Bühne. Von den Märchen erzielte Stelters Schneeweißchen und Rosenrot 9 und Gröners Schneewittchen 6 Aufführungen.

Die Oper nahm, ihrem Rang entsprechend, unter der künstlerischen Leitung des Intendanten Pflugmacher wie schon seit Jahren eine beherrschende Stellung im Gesamtspielplan ein. Neun Werke wurden an insgesamt 75 Abenden zu Gehör gebracht. An erster Stelle steht Verdis Rigoletto mit 19 Aufführungen, weiters erreichten Strauß’ Der Rosenkavalier und Mozarts Don Juan je 14 Aufführungen, womit auch die hervorragende Qualität der Darbietungen gekennzeichnet ist. Puccinis Gianni Schicchi kam 13mal, Webers Freischütz 11mal, LeoncavallosBajazzo 10mal zur Aufführung, Puccinis Der Mantel zählte 3, Tosca 2 Vorstellungen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Puccinis Gianni Schicchi mit Leoncavallos Bajazzo bzw. mit Puccinis Der Mantel gemeinsam als je zwei Einakter-Opern gegeben wurden.

Die Operette übte wie immer ihre breite Wirkung auf das Publikum aus. Das zeigt sich darin, daß 5 Werke eine Gesamtzahl von 60 Aufführungen bestritten. Davon wurde Reinhagens Prinzessin Grete 17mal, Zellers Vogelhändler 16mal, Jakschs Millionenhochzeit 12mal gegeben, während Lehar mit Wo die Lerche singt 8mal und mit seiner Friederike 7mal vertreten war.

5 Tanzgastspiele füllten 7 Abende, und zwar das Ballett Gretl Godlewsky und das Ballett des Deutschen Veranstaltungsdienstes München je 2, Harald Kreuzberg, Ilse Meudtner und die Geschwister Pokorny-Eva Leiter je einen Abend. Zur Musikpflege des Reichsgautheaters zählen auch die 6 Symphoniekonzerte und die beiden Serenaden im Riesensaal der Hofburg.

Der Spielzeit voraus ging ein kurzes Gastspiel der Exilbühne im Reichsgautheater vom 1. bis 15. September 1943, das 5 Werke mit je 3 Aufführungen an 15 Abenden brachte.

Außer der künstlerischen Tätigkeit im eigenen Haus bestritt unser Reichsgautheater auch eine ausgebreitete Gastspieltätigkeit im Gau Tirol-Vorarlberg und in den benachbarten Gebieten des Gaues Oberbayern. Diese Gastspiele wurden in Verbindung mit der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude in Garmisch-Partenkirchen, Mittenwald, Oberammergau, Kufstein, Kitzbühel, Kramsach, Wörgl, Telfs, Fulpmes, Imst, Lustenau, Götzis, Hohenems, Feldkirch, Dornbirn, Bludenz, Schruns, Hard, Riedenburg, Lochau, Nenzing, Rankweil, Wattens, Neustift, Landeck, Mayrhofen, Reutte, Bregenz und Schwaz durchgeführt. Dabei wurden verschiedene in Innsbruck bereits erprobte Werke in zusammen 58 Aufführungen auch der Bevölkerung der von der Gauhauptstadt entfernten Gebiete zugänglich gemacht.

Zum erstenmal hatte das Reichsgautheater im Verlauf der letzten Spielzeit Gelegenheit, deutsche Kunst südlich des Brenners in der Operationszone Alpenvorland zu verkünden und zu verbreiten. In den Städten Bozen, Meran und Brixen wurden zusammen 12 Werke aus Schauspiel, Oper und Operette und vier Symphoniekonzerte in insgesamt 50 Aufführungen herausgebracht. Daß diese Darbietungen unseres Reichsgautheaters bei der deutschen Bevölkerung südlich des Brenners mit Begeisterung aufgenommen wurden, verdient besonders hervorgehoben zu werden.

So hat das Reichsgautheater Innsbruck – dessen Bau gerade vor hundert Jahren anno 1844 begonnen wurde – auch in der abgelaufenen Spielzeit seine künstlerische Sendung im Kulturleben unseres Gaues beispielgebend erfüllt“.


Breinößl-Bühne

Die Breinößl-Bühne, die im Innsbrucker „Großgasthof“ Breinößl ihre Heimstätte hatte, war unter der bewährten Leitung des Schauspielers Albert Peychär vor allem für das belustigende Volksstück ländlicher Prägung zuständig. Dieser Auftrag, insbesondere der Stadtbevölkerung in Kriegszeiten mit unbeschwerter Unterhaltung Ablenkung zu verschaffen, entsprach den kulturpolitischen Vorgaben von höchster Reichsinstanz. Ein Beispiel dafür ist die Premiere des Bauernschwanks Der Fuchs im Hühnerstall von Ludwig Sippel am 16. März 1944 unter der Spielleitung von Gustl Burger, mit den bewährten Mitgliedern der Breinößl-Bühne Lisl Hörmann, Heidi Kinberger, Friedl Spörr, Midi Steiger, Sepp Fischer, Sepp Schmid und Fred Tschofen (Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 2. März 1944, Seite 5). Unter der Regie von Albert Peychär erfolgte am 1. April die Erstaufführung einer neuen Bauernkomödie von Julius Pohl, dem lokalen Vorreiter in diesem Genre, mit dem TitelApril-Esel. Die Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 31. März 1944 macht die Leser auf Seite 4 durch folgende Charakteristik neugierig: „In Pohls Komödien gibt es nur lebenswahre Gestalten und wirklich mögliche, aber stets unerwartete humorvolle Situationen. So ist es auch in diesem seinem neuen Stück […].“

Als Mitautor der Komödie Heiraten muß er von Anton Maly brachte Albert Peychär auch seine Erfahrungen als Schauspieler in die Gestaltung des Stückes ein. Unter seiner Spielleitung fand am 15. April die Premiere statt (Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 14. April 1944, Seite 4). Albert Peychärs Schwank Die kluge Frau Bruck ging Anfang Juni 1944 als bejubelte Uraufführung über die Bretter der Breinößlbühne. Hildegard Ostheimer gibt einen Einblick zu Inhalt und Stilistik des belustigenden Stücks sowie zu dessen Präsentation (Innsbrucker Nachrichten vom 8. Juni 1944, Seite 4):

„Hier hat unverkennbar ein alter Fachmann für seine Bühne – dies sei vorweggenommen – zur Bereicherung ihres Spielplans ein heiteres Stück geschrieben, das im bekannten Geleise von Handlungsführung und Personenbesetzung lebendig und sehr bühnenwirksam über die Bretter geht. Es fehlt in diesem Schwank um ‚Liebe, Angst und Eifersucht’ keines jener altbewährten Bühnenmittel und -requisiten, die neben dem Einfall an sich nun einmal notwendig sind, um die Handlung ohne Längen vorwärtszutreiben. Doch läßt das Geschick des Autors sie nie zu deutlich in die Speichen des exakten Handlungsaufbaues greifen, fügt sie vielmehr gut abgewogen ein und erzielt verblüffende und wahrhaft heitere Effekte. Und das ist neben der Zeichnung des Polizeidirektors Scharf, die humorvoll und eigenwillig von der übrigen mehr schematischen Charakterisierung – der reschen heiratslustigen Witwe, dem zarten jungen Mädchen, dem ‚verfluchten‘ Kerl und dem ängstlichen Liebhaber à la Graf Bobby – abweicht, der größte Erfolg dieses fröhlich-leichten Spieles.

Von Albert Peychär, dem Autor selbst, in Szene gesetzt, errang das Stück in der ungezwungen-flüssigen und dramatischen Darstellung des Breinößl-Ensembles stürmischen Beifall, der nicht zuletzt auch den beliebten Spielern galt: Lisl Hörmann als ‚rassiger‘ und sympathischer Frau Bruck, Elli Thuille als entzückender Lola, Gustl Burgers mehr als kernigem Franz, Sepp Schmids aufreizendem Schmetterlingssammler und Liebhaber Rothnagel und vor allem Albert Peychärs scharfsinnigem und diensteifrigem Polizisten Scharf, der diese, sich selbst auf den Leib geschriebene Rolle mit köstlicher Komik verkörperte.“

Ein weiterer ideologiegerechter Aspekt im Wirken der Breinößlbühne war die Präsentation von Stücken aus dem Bauernleben mit moralisierendem Unterton. Ein Paradebeispiel dieser Gattung ist das Schauspiel in drei Akten Flammender Acker von Hanns Lerch, das am 25. März 1944 erstmals in Innsbrucker vorgestellt wurde:

„Henning, der junge Bauer auf dem Rohwedder-Hof, begnügt sich nicht mit dem Segen des heimatlichen Ackers, er verachtet das einzige wahre Gold der Welt, das auf der fruchtbaren Scholle wachsende Korn, sondern sucht, verführt durch das eigene unruhige väterliche Blut und durch betrügerische Spekulanten das vermeintliche Gold unter der Erde, das Erdöl, auf seinen moorumschlossenen Gründen. Mutter und Bruder warnen Hennings, der vom bäuerlichen Hof fortstrebt und den auch seine Frau Lene, trotzdem sie ihr erstes Kind erwartet, nicht zurückhält. Die schwere, aber gesegnete Arbeit des Bauern schätzt der junge Rohwedder gering, er will mühelos reich werden und in der weiten Welt seine Freiheit finden. Damit verfällt Hennung dem Fluch der Moorfrau, die – ähnlich wie bei Richard Billinger – symbolisch durch das Stück geistert.

Zunächst erfüllen sich Hennings Wünsche, das Erdöl quillt in reicher Fülle aus dem Boden und schüttet dem Besitzer den ersehnten Reichtum in den Schoß. Städtische Möbel verdrängen den bäuerlichen Hausrat, eine fremde Frau bedroht verführerisch die Ehe des Bauern, der in seinem verhängnisvollen Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit die drohenden Anzeichen einer Schicksalswende nicht erkennt. Schon ist er daran, sich endgültig von Scholle und Familie zu trennen, da bindet ihn noch im letzten Augenblick der bäuerliche Brauch des Erntehahns. Hennings betrügerische Umgebung entlarvt sich selbst, er steht vor dem Ruin, und als Feuer in den Bohrturm des Oelfeldes schlägt, entzündet von der alten Bäuerin, da findet Henning aus diesem ‚flammenden Acker‘ wieder zurück zum Segen des bäuerlichen Lebens.

Die Grundidee, die Urkraft deutschen Bauerntums gegen zersetzende Industrialisierung und Landflucht sieghaft zu behaupten, ist in dem Schauspiel des bekannten Erzählers Hanns Lerch mit starken theatralischen Mitteln durchgeführt. Realistische und symbolische Elemente verschlingen sich zu einer spannenden Handlung, in die mehrere Hauptmotive verflochten werden. Die Sprache betont in bewußt gesteigerten Formen, die nicht immer dem volkstümlichen Charakter des Werkes entsprechen, die ethische Absicht der Dichtung, die so stark hervortritt, daß sie trotz Effekthäufung den Gesamteindruck des Abends beherrscht.

Schon durch seine natürliche Dynamik sprengt das Stück fast den Rahmen der Breinößlbühne. Dazu kommt noch die Verstärkung der einzelnen Typen und das gesteigerte Tempo, das Spielleiter Albert Peychär im Sinne einer deutlichen Distanzierung vom üblichen Bauernstück der Erstaufführung mitgab. Der Spielleiter selbst setzte als Henning Rohwedder seine ganze darstellerische Kraft in der überzeugenden Gestaltung dieses problematischen Charakters ein. Im feinsten künstlerischen Gegensatz zu dieser überschäumenden Natur stand Emma Gstöttner, die als Hennings Mutter in die seelische Tiefe einer Frau leuchtete, deren tragischer Grundton sich fast zu einer mythischen Gestalt verdichtete. Lisl Hörmann stand in ihrer auf sich selbst beruhenden fraulichen Art als Lene Rohwedder neben dem Mann, den sie gerade durch ihre unbeirrbare stille Treue zurückgewann. In grellste Naturalistik tauchte Fred Tschofen den Makler Oldenburg; Eva Volkmer verstand es, den schwierigen Part der Anita zu künstlerisch tadelloser Wirkung zu bringen. Gustl Burger vertrat als Knecht Krischan den guten bodenverbundenen Geist des Hofes, der auch Friedl Spörr als alte Baumann erfüllte. Die schollentreue unbeugsame bäuerliche Art verkörperte Sepp Schmid als Hennings Bruder Karl.

Jedenfalls hat diese Neuaufführung in ihrer szenischen und darstellerischen Durchführung den Beweis erbracht, daß das strebsame Personal der Breinößlbühne auch zur künstlerischen Bewältigung höherer ernster dramatischer Aufgaben sich eignet. Der schöne Erfolg und der reiche Beifall des Abends hat dieser Erkenntnis überzeugenden Ausdruck gegeben.“ (Karl Paulin in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. März 1944, Seite 4).

Die Breinößl-Bühne unterstand der Intendanz des Reichsgautheaters. Noch vor Schließung aller Theater Ende August 1944 wurde der Spielbetrieb der Breinößl-Bühne August Klingenschmid, dem Direktor der beliebten, nach ihm benannten Volksbühne übertragen. Karl Paulin informiert dazu in den Innsbrucker Nachrichten vom 5. August 1944, Seite 5:

„Seit Beginn der diesjährigen Sommerspielzeit steht die Breinößl-Bühne in Innsbruck unter der Leitung des Direktors August Klingenschmid, des bekannten Leiters der Klingenschmid-Bühne, die seit bald drei Jahrzehnten das bodenständige Volksspiel pflegt. Unvergessen sind die Spielzeiten Klingenschmids im ehemaligen Löwenhaus-Theater, auch seine erfolgreiche Leitung der Spielgruppe II der früheren Gaubühne Tirol-Vorarlberg ist in bester Erinnerung. Nun hat August Klingenschmid mit seinen Spielern im Breinößl ein Innsbrucker Heim gefunden, auf dessen Bühne nun schon seit Jahren der volkstümliche urwüchsige Humor zu Wort kommt. Gerade in unserer Zeit bildet der heitere, unbeschwerte Spielplan, wie er auf der Breinößl-Bühne zu Hause ist, für viele Menschen nach harter Tagesarbeit eine willkommene Auflockerung des Gemüts, eine Entspannung, die nicht gering geschätzt werden darf, und die dort daher auch Abend für Abend von einem überfüllten Haus gesucht und gefunden wird.

Selbstverständlich pflegt die Breinößl-Bühne auch unter der Leitung August Klingenschmids vor allem das heiterkeitserweckende lustige Bauernstück mit schwankartigen Einschlägen. Das gegenwärtig laufende Stück Respekt, Hieronymus’ von Felder entspricht der diesbezüglichen Erwartung in jeder Hinsicht. Wie da der jüngere Gwiggner seinen älteren Bruder Chrisostomus resolut aus dem Simandlkäfig und sich selbst von der drohenden Gefahr eines noch ärgeren Hausdrachens befreit, da kann man wirklich nur lachend sagen: Respekt, Hieronymus! Gespielt wurde mit all der komödiantischen Lust, die den Klingenschmid-Leuten von jeher eigen ist. Herbert Nigg vor allem war ein echter, vollsaftiger Hieronymus, der sich in allen noch so verzwickten Lagen zu helfen wußte. Artur Hellinger hatte es als sein Bruder Chrisostomus wesentlich schwerer im wenig heroischen Kampf gegen seine von Emma Gstöttner drastisch ausgezeichnet dargestellte ‚Zwiderwurzen‘ Portiunkula.

In Gretl Klingenschmid pulsiert das elterliche Theaterblut so stürmisch, daß ihr der überderbe Typ der zweifach verwitweten Kaltenböckin überraschend gut gelang. Das eigentliche Lokalkolorit der Breinößl-Bühne trugen außerdem Gretl Berghammer als Klampferin und Sepp Fischer als heiratsvermittelnder Steinberger auf. Ein erfrischend junges, hübsches und spielgewandtes Paar waren Elly Thuille als Veverl und Rudolf Strobl als Knecht Bertl. Der Abend dürfte seine kaum zu übertreffende belustigende Wirkung wohl noch oft bewähren.“


Heimatbühnen


Varieté und sonstige Unterhaltung

Die NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude war der Veranstalter einer Fülle von Unternehmungen unterhaltenden Charakters, die der Bevölkerung suggerieren sollten, dass die Staatsmacht weiterhin Herr der Lage und die Vermittlung heiterer Stimmung Ausdruck der Siegeszuversicht sei. Diese planvoll kontinuierlich in Innsbruck, aber auch im Gaugebiet inszenierte Zurschaustellung von Optimismus stand somit ganz im Dienst der Propaganda.

Ende Jänner 1944 kam das Rundfunkorchester Heinz Sandberg zu einem solch „leicht beschwingten Unterhaltungsabend“ in die Gauhauptstadt und präsentierte Operetten- und Schlagermelodien. Neben den Darbietungen des Orchesters vervollständigten „Solovorträge des Violinspielers Ungolini“ und der Wiener Liedersängerin Friedl Sintes sowie des Baritons Fritz Neumayr den Konzertverlauf. Auch der Kapellmeister selbst trug als Akkordeonist zur Bereicherung des bunten Programms bei, das unter der Devise „Wir machen Musik“ stand (Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 22. Jänner 1944, Seite 4).

Von einem wenige Tage später im Großen Stadtsaal in abwechslungsreicher Programmfolge ablaufenden Unterhaltungsabend berichtet Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Februar 1944, Seite 4:

„Auch die heitere Muse verlangt ihr Recht, und so hatten sich für das vorgestrige Gastspiel dieser leichtgeschürzten Dame im Großen Stadtsaal – wieder von der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude eingeladen – bekannte Künstler wie Karl John und Maria Paudler angesagt, um dem Innsbrucker Publikum einen vergnüglichen Abend zu bereiten, was ihnen zum Teil glänzend gelang.

Karl John – bereits von seinen Filmen und seinem ersten Innsbrucker Abend her kein Fremder mehr – bestritt in fröhlich-unbekümmerter Weise voll Witz und Scharm als Conferencier den ersten Teil des Programmes, wobei ihn Christl Moißl mit einigen netten Tänzen und Litta Panfsauer mit sauber und hübsch zum Akkordeon gesungenen Liedern unterstützten. Den Höhepunkt dieses Programmteiles bildete jedoch eine künstlerische Soloeinlage des Conferenciers selbst, in der er mit viel Temperament, Gefühl und Humor einige Lieder zum Besten gab.

Der zweite Teil des Abends lag ganz in den Händen Frau Maria Paudlers und ihrer Begleiter am Doppelflügel, Herbert Flinke und Konrad Dähn. Eine erstaunlich wandlungsfähige Künstlerin trat damit an die Rampe, die nach einer anfänglich etwas beklemmenden Sentimentalität plötzlich ganz köstlichen Humor entwickelte. So waren ihre Lieder von der Wiener Gspusi und dem Mauerblümchen schlechthin unübertrefflich, scharmantestes und nettestes ‚Brettl‘, und ernteten dementsprechenden Lacherfolg. Soloeinlagen der beiden Pianisten ergänzten die Vorträge der Künstlerin.

Im ganzen gesehen ein schwereloser, lustiger Abend, an dem man sich gut unterhalten konnte.“

Unter dem Motto 1000 bunte Noten kam am 23. Mai 1944 ein Unterhaltungsorchester unter der Leitung von Kapellmeister Boris Tschaikoff zum Einsatz. Wie das Orchester waren die Sänger, der Wiener „Rundfunktenor“ Hans Skriwanek und die „temperamentvolle Soubrette“ Erna Sohm dem Innsbrucker Publikum von ihren Darbietungen aus dem Vorjahr bereits bekannt und bestens eingeführt. Für das aktuelle Programm galt allerdings „eine vollkommen neue Vortragsfolge“. Weiters wirkten mit die Sängerin Berta Schindler, die Solotänzerin Eva, Rudolf Ohla am Cimbal und Margit Merly als Sprecherin verbindender Worte (Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 23. Mai 1944, Seite 5).

Im Unterschied zu früheren Jahren waren offensichtlich die typischen Elemente des Varieté wie insbesondere die Artistik zugunsten der Musik verdrängt worden. Lediglich bei einem Heiteren Abend am 27. Juni 1944 gab es im Großen Stadtsaal mit den „2 Hofels, den erstklassigen Handspringern“ und Erna Bertini in einen „Sport- und Gymnastikakt“ noch erstklassige Akrobatik zu bestaunen. Diese Darbietungen wurden durch das „Musikal-Trio Hartmann“ umrahmt. Im Mittelpunkt des Abends stand allerdings der Humorist Oskar Paulig. Der Auftritt eines zweiten Humoristen wird in der Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 24. Juni 1944 auf Seite 5 damit begründet, dass der Abend damit das „Losungswort Freude“ erst so recht einlösen könne. Außerdem sorgten für unbeschwerte Unterhaltung die Sängerin Martha Silvior, die Tänzerin Lawens und Margit Heim, eine „Wiener Vortragskünstlerin“ mit ihrem „musikalischen bunten Allerlei“.


Symphoniekonzerte

Der Zyklus der Symphoniekonzerte des Reichsgautheaters in Zusammenwirken mit der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude wurde am 4. April 1944 nach längerer Unterbrechung mit dem Vierten Symphoniekonzert im Großen Stadtsaal fortgesetzt. Das Konzert des Reichsgausymphonieorchesters unter Leitung von Hans-Georg Ratjen war insbesondere dem Werk von Johanns Brahms gewidmet. Auf dem Programm standen dessen erstes Klavierkonzert mit der Solistin Elly Ney und die 4. Symphonie in e-Moll. Die Aufnahme der Ouvertüre „Carneval romain“ [Le Carnaval romain] des französischen Komponisten Hector Berlioz in das Programm ist zumindest bemerkenswert. Das Innsbrucker Orchester war durch Musiker aus München verstärkt (Vorschau von Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 28. März 1944, Seite 4; Besprechung von Emil Berlanda in den Innsbrucker Nachrichten vom 5. April 1944, Seite 4).

Im Fünften Symphoniekonzert war ursprünglich der Auftritt des Violinvirtuosen Wolfgang Schneiderhan geplant. In den Innsbrucker Nachrichten vom 16. Mai 1944 findet sich auf Seite 4 die folgende Notiz: „Das 5. Symphoniekonzert wird verschoben, weil Professor Schneiderhan seine erfolgreiche Spanien-Tournee um einige Tage verlängern musste. Der neue Zeitpunkt des Konzertes mit Professor Schneiderhan als Solisten wird durch die Presse bekanntgegeben.“ Offensichtlich ist dieses Gastspiel von Wolfgang Schneiderhan nicht zustande gekommen. Anstelle des geplanten Violinkonzerts wurde Beethovens 3. Klavierkonzert in das Programm genommen und der an der Innsbrucker Musikschule wirkende Pianist Hans Leygraf dafür engagiert. Das Programm vervollständigte Anton Bruckners Vierte Symphonie. Zum Konzert am 8. Juni 1944 im Großen Stadtsaal schreibt Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 10. Juni 1944, Seite 3-4:

„Das von der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude vergangenen Donnerstag [8. Juni 1944] in Innsbruck durchgeführte Symphoniekonzert unseres Reichsgausymphonieorchesters gestaltete sich zu einem großen künstlerischen Erfolg. Eingangs spielte der junge Leiter der Klavierausbildungsklasse unserer Städtischen Musikschule Hans Leygraf das Klavierkonzert c-moll, op. 37, von Ludwig v. Beethoven. Hans Leygraf ist ein Pianist von außerordentlichen technischen Fähigkeiten. Besonders seine Behandlung der Läufe ist in einem Maße klar und durchsichtig, das uneingeschränkte Bewunderung verdient. Seine geistige Haltung ist entsprechend einer natürlichen künstlerischen Entwicklung durch eine gewisse allerdings zurückhaltende Romantik gekennzeichnet, die auch für die Gestaltung des Beethoven-Konzertes ausschlaggebend war […].

Besonders eindrucksvoll gelang jedoch an diesem Abend die Wiedergabe von Bruckners IV., romantischer Symphonie. Operndirektor Hans-Georg Ratjen, dessen besondere Liebe und Sorgfalt vor allem und immer wieder der nachklassischen Musik gilt, schien uns an diesem Abend freier und gelöster am Werk als kaum einmal vorher. Es gelang bei dem immerhin umfangreichen Werk, fast jede Länge zu vermeiden und das Orchester dauernd in klingendem Fluß zu erhalten, der bei der Gesamtaufführung zu außerordentlichem Vorteil gereichte. Dabei wurden keineswegs – eine bei der Stabführung von Operndirektor Ratjen schon allmählich selbstverständliche Feststellung – die intimen Wirkungen vernachlässigt. Wir erinnern hier beispielsweise an die aus einem durchfühlten und auch technisch gelockert wiedergegebenen Dämmern aufblühenden Choralstellen des Andante, an den gemüt- und gesangvollen Ländler im Jagdscherzo oder an den in jeder Phase tief und überzeugend gedeuteten Schlußsatz. Das ausverkaufte Haus folgte willig und mit Begeisterung der schönen Wiedergabe der beiden Werke.“

Das letzte Konzert des Innsbrucker Orchesters als Reichsgausymphonieorchester war noch einmal mit Hingabe der Ideologie gewidmet. Das Programm bestimmten ausschließlich Werke heimischer Komponisten. Vermutlich nach einer Idee von Josef Eduard Ploner konnten auf „Einladung“ von Gauleiter Hofer lokal ansässige Komponisten Werke einsenden, die dann von einer Jury für das Konzert ausgewählt wurden. Das Projekt stand unter dem Motto Fröhliche Orchesterwerke. Demonstrativ wurde das Konzert in das Festprogramm des 7. Landesschießens eingebunden. Ehrentraut Straffner-Pickl informiert in den Innsbrucker Nachrichten vom [Freitag] 14. Juli 1944 detailreich von der für die Parteipropaganda so Erfolg versprechenden Unternehmung, dass selbst der Gauleiter und seine wichtigsten Kulturbeamten zu dieser Dokumentation „gaueigener“ Kulturleistung im Geist nationalsozialistischer Erwartung präsent waren:

„Im Rahmen des 7. Landesschießens, das nicht nur eine Zusammenkunft zur Bekundung der Wehrhaftigkeit des Landes und jedes einzelnen, sondern auch eine Gelegenheit sein soll, die geistigen Kräfte des Gaues anzuspornen und zu messen, fand am vergangenen Mittwoch [12. Juli 1944] im festlich geschmückten Großen Stadtsaal in Innsbruck ein Orchesterabend statt, an dem Gauleiter Franz Hofer und sein Stab, insbesondere die Mitarbeiter auf kulturellem Gebiet, teilnahmen. Er brachte Gelegenheit zur Aufführung von Orchesterwerken heimischer Tonsetzer, die auf Grund einer Einladung des Gauleiters eingesandt und durch eine Jury fachkundiger heimischer Musiker nicht nur als aufführungswert, sondern als würdig einer Auszeichnung befunden worden waren.

Gemäß der Einladung des Gauleiters, die für die Werke starke Verbundenheit mit der Eigenart unseres Heimatlandes und vor allem mit deren überall noch lebendigen Volksmusik forderte, waren die Werke der fünf heimischen Tonsetzer, die am Mittwochabend zur Aufführung gelangten, alle einheitlich ausgerichtet, ohne deshalb mit schematischer Gleichförmigkeit zu ermüden. Doch war ihnen allen eine gewisse Leichtigkeit der Schreibweise – die Einladung forderte das schon in ihrem Titel Fröhliche Orchesterwerke – gemeinsam und eine zumeist freie, aber immerhin merkbare Verwendung heimischen Volksmusikgutes. Daß keinem der Werke neben einer selbstverständlichen schulmäßigen Korrektheit hinsichtlich des Satzes und hinsichtlich der Instrumentierung auch echte Innerlichkeit und tieferer Gehalt mangelte, ist erfreulich festzustellen. Es zeigt auch auf diesem Gebiete die schöpferischen Kräfte des Gaues, wenn schon nicht in einer bahnbrechenden, so doch in einer durchaus hochwertigen und auch im größeren Umkreis bemerkenswerten Weise lebendig.

Was die Werke im einzelnen betrifft, so schätzte man an der Ouvertüre zur komischen Oper Banditen des in Neustift bei Brixen lebenden Altmeisters der Tiroler Komponisten Josef Gasser die geistreiche Lebendigkeit, die besonders im Rhythmischen, aber auch in einem lyrischen Zwischenspiel Abschnitte brachte, bei denen man aufhorchte. Doch wirkte die Ouvertüre jedenfalls deshalb vornehmlich als Anregung, weil sie, wie es ihrem Charakter entspricht, auf ein größeres Werk, eben auf die komische Oper Banditen hinweist, die zu hören den Innsbrucker Musikfreunden freilich bislang verwehrt wurde.

Vorbehaltlos nahmen die drei Sätze aus der Suite für Streichorchester des in St. Pölten lebenden Tiroler Komponisten Christian Artl gefangen. Streng, aber äußerst geschickt in der auf alte Stilformen bezogenen Schreibweise, überraschte jeder der einzelnen Sätze, die gehaltvolle, beschwingte Entrata, die gemütliche, sehr der Tiroler Volksmusik genäherte Tyrolienne und insbesondere die in der Melodieführung ausgeglichene Sarabanda durch eine Klanglichkeit, die frei war von jeder Verkrampfung und unmittelbar auf den Zuhörer wirkte. Den Abschluß des ersten Teiles des Abends bildete eine Innsbrucker Spielmusik des an der Städtischen Musikschule wirkenden Heinrich Barthelmes, eines Augsburgers, der sich in die Verhältnisse des Gaues schnell und gut eingelebt hat. Seine Innsbrucker Spielmusik scheint insbesondere für den Gebrauch von Spielmannszügen unserer Jugend geschrieben und sie erweckt auch im Zuhörer das Bild eines Zuges fröhlicher Jungen. Sie bringt zwischen zwei stark bewegten, rhythmisch außerordentlich charakteristisch gestalteten Sätzen, einem Aufzug und einem Kehraus, zwei Tänze – einen Tanz im alten Stil und einen Bauerntanz in guter Themensetzung.

Ein Kabinettstücklein volksverbundener Kammermusik muß die Tiroler Liedersuite für zwei Klarinetten, Horn und Streichquintett des in Bozen lebenden Eduard Lucerna genannt werden. In vier Sätzen – Ländler, Langsam, Gavotte, Finale – wird in durchsichtiger Verarbeitung eine Fülle bekannter Volkslieder aufgegriffen, gegeneinandergestellt, ineinandergeflochten und zum guten Ende doch so ‚verarbeitet‘, daß daraus ein durchaus eigenständiges, organisches Werk entsteht, das es verdient, besonders auch im Freien, bei Serenaden in stimmungsvollen Höfen und Gärten aufgeführt zu werden.

Diesem reizend beschwingten Oktett, mit dem der zweite Teil des Abends eingeleitet wurde, folgte die große Orchestersuite, das Tiroler Jahrunseres bekannten und geschätzten Josef Eduard Ploner, ein Werk, das umrahmt von der überzeugend innigen Melodieführung des Sterzinger Rauhnachtsjodlers in musikalisch lebendigen, ja handgreiflichen Bildern das Tiroler Jahr, wie es sich in seinem Brauchtum – Winteraustreibung, Imster Schemenlaufen, Hollerpfann, ein Südtiroler Osterbrauch, Brixentaler Flurritt, dem alljährlichen und auch schon Brauchtum gewordenen Landesschießen, Türkenpratschen und Almabtrieb – dargestellt, gleichsam bildlich zu erleben war. Es unterliegt keinem Zweifel, daß gerade dieses Werk am meisten dem Sinn der ergangenen Einladung und vor allem auch dem Zweck einer festlichen Aufführung innerhalb des Landesschießens entspricht.

Dem Abend war Intendant M[ax] A[lexander] Pflugmacher, der das verstärkte Reichsgau-Symphonieorchester leitete, ein verständnisvoller Interpret. Unsere einheimischen und die zur Verstärkung herbeigerufenen auswärtigen Musiker spielten unter seiner Leitung mit Hingebung und einer Musizierfreudigkeit, die den ausgewählten Werken in jeder Weise gerecht wurde. Die Zuhörer, von denen in überwiegender Mehrzahl Freunde der Volks- und nicht der Kunstmusik erschienen waren, verfolgten den Ablauf des Abends mit reger Anteilnahme und spendeten herzlichen Beifall. Sie bekundeten dadurch nicht nur ihr Verständnis für die lebendigen geistigen Kräfte unseres Gaues, sondern auch für eine mit aller Folgerichtigkeit durchgeführte Kulturpolitik, die gerade mit diesem Orchesterabend einen ersten Merkstein auf ihrem Weg gesetzt hat.“

Über einen besonderen Effekt im Konzertverlauf informiert Ernst Dieffenbach im Bozner Tagblatt vom 14. Juli 1944 auf Seite 4:

„[…] Wenn der Ausdruck nicht paradox wäre, so möchte man fast sagen, daß die Tiroler Liedersuite des in Gries bei Bozen lebenden Eduard Lucerna ins Scheinwerferlicht gerückt wurde, als der strahlend leuchtende Saal plötzlich verdunkelt wurde. Damit war sehr glücklich auch optisch der Abstand zu den anderen Werken der Vortragsfolge hergestellt, den die solistische Besetzung mit zwei Klarinetten, Horn und Streichquintett zu dem größeren Aufgebot an Mitteln des vollen Orchesterapparates akustisch wahrte. Unter der behutsamen, delikaten Direktion Pflugmachers kamen alle die Wirkungen des Klangsinnes, mit dem der Komponist seine Werke zu umgeben weiß, mit kammermusikalischer Feinheit zur besten Geltung.

Von einer ganz anderen Seite her packt Josef Eduard Ploner in seinem Tiroler Jahr für volles Orchester das musikalische Volksgut unseres Landes an. Die zielbewußte Art, die vor klanglichen Härten, selbst Derbheiten nicht zurückschreckt, wo es gilt, der lebenslustigen Seite des Bauernlebens Ausdruck zu verleihen, sicherte dem anwesenden Komponisten den anhaltenden Beifall des Publikums, das auch bei den anderen Werken des Abends Hans von Bülows Spott ‚Je preiser ein Werk gekrönt ist, desto durcher fällt es‘ zu Schaden machte.“


Serenaden und Kammermusik

In Zusammenarbeit mit der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude realisierte die Intendanz des Reichsgautheaters im Sommer Serenaden, die nach den vorjährigen überaus erfolgreichen Präsentationen im Hof des Volkskunstmuseums nun 1944 in den Riesensaal der Innsbrucker Hofburg verlegt wurden. An dieses stimmungsvolle neue Ambiente glichen die Veranstalter das Musikprogramm mit Werken der Barockzeit und Klassik und dessen Realisierung geschmackvoll an. Wie schon früher gehörten diese Projekte zum kulturellen Festzyklus im Rahmen des Landesschießens. Bei der ersten Serenade konnte der jungen Innsbrucker Pianist und Dirigent Othmar Suitner (1922-2010) seine bei Clemens Krauss als Meisterschüler erworbenen künstlerischen Fertigkeiten als musikalischer Leiter des Abends vorführen. Ehrentraut Straffner-Pickl schildert den Verlauf der fantasievollen Veranstaltung mit anerkennenden Worten:

„Es sind die Geister einer kultivierten, geistreichen Heiterkeit, die in den schönen, hellen, weißgoldenen Sälen der Rokokozeit entfesselt scheinen und die auch in unserem Riesensaal der Hofburg jedem unabweisbar lebendig werden, der ihn betritt. Solche Geister verpflichten, wenn sie, wie an dem von der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude gemeinsam mit dem Reichsgautheater veranstalteten Abend am letzten Samstag [8. Juli 1944] herausgefordert werden. Sie wollen Musik und Spiel nicht ohne Tiefe und auch nicht immer ohne Ernst, aber doch von der überlegenen Warte empfunden, der das Leben zwar nicht Tändelei, wohl aber Spiel im höheren Sinne bedeutet.

Es ist erfreulich, berichten zu können, daß die Verpflichtung des Saales von den beiden Veranstaltern der Serenade verstanden wurde, daß der Abend nicht ein Konzert schlechthin, sondern eben eine Musik zur Abendstunde war, in der sich die musikalische Linienführung eines Haydn und Mozart mit dem Anblick der kostümierten Sänger und dem Rahmen des unvergleichlichen Saales zu einer geschlossenen Einheit verschmolzen. Die Leichtigkeit echten Kammermusikgeistes lag über der ganzen Veranstaltung.

Die fachliche Besprechung fordert, daß auch auf die Einzelheiten des Abends eingegangen, daß vor allem angemerkt wird, daß dem jungen Innsbrucker Musiker Othmar Suitner Gelegenheit gegeben war, sich als Pianist und Orchesterleiter in doppelter Hinsicht zu bewähren. Als Pianist gestaltete er das reizende B-dur-Konzert von Haydn außerordentlich musikantisch und in steter engster Fühlung mit dem Orchesterkörper. Als Dirigent war ihm die Wiedergabe der Ouvertüre zur Oper Die Hochzeit des Figaro von W. A. Mozart, die Begleitung der aus dieser Oper gewählten Gesänge – es war eine reizende Idee, in den Mittelpunkt des Abends gleichsam eine Improvisationsaufführung dieser Oper zu stellen – und der Prager Symphonie desselben Meisters anvertraut. Alle diese Aufgaben erledigte Suitner mit sicherer Stabführung und einer musikalischen Selbstverständlichkeit, die sich vor allem auf die Herausarbeitung der großen Linie festlegte. Die Gesangsnummern wurden ausnahmslos von bekannten Mitgliedern unseres Reichsgautheaters gestaltet, wobei gleich vorneweg bemerkt sei, daß die Akustik des Saales alle Stimmen wunderbar und mit ungetrübtem Schmelz zur Geltung kommen ließ. Den Reigen der gesanglichen Darbietungen führte Margareta Castana mit der bekannten Arie des Cherubin an, die sie gesanglich und stilistisch sicher zum Vortrag brachte. Ihr folgte Carola Pleschner im Kammerkätzchenkleide, in dem sie die große Arie ‚Bald naht sich die Stunde‘ durchaus erfühlt sang. Besonders günstig war die Akustik für die Stimme Björn Forsells, die wir kaum einmal vorher in so warmer, weicher Tönung gehört haben. Er sang das Rezitativ und die Arie ‚Der Prozeß schon gewonnen‘. Nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Verstande geht Margot Winkler an ihr gestellte Aufgaben heran. Man merkte das auch an dem Serenadenabend, an dem sie die große Arie der Gräfin in einer vorbildlich kultivierten Form zum Vortrag brachte. Als Abschluß der Gesangsvorträge hörte man noch das Terzett Gräfin, Graf, Susanne, das vortrefflich abgestimmt erklang. Es erübrigt nur noch festzuhalten, daß die Orchesterleitung beim Haydn-Konzert Intendant M[ax] A[lexander] Pflugmacher besorgte, der dabei seinen jungen, fördernswerten Schützling Othmar Suitner aufs beste und freundschaftlichste einführte.“ (Innsbrucker Nachrichtenvom 10. Juli 1944, Seite 3).

Bereits wenige Wochen später erhielt Othmar Suitner abermals die Gelegenheit zu einem Auftritt, diesmal in Form eines von der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude veranstalteten Klavierabends im Konzertsaal der Städtischen Musikschule. An dieser hatte Suitner bei Fritz Weidlich seine pianistische Ausbildung erhalten, dann in den Jahren 1940 bis 1942 am Salzburger Mozarteum bei Franz Ledwinka noch vervollkommnet. Wiederum begleitet Ehrentraut Straffner-Pickl journalistisch den jungen Künstler mit wohlwollender Zustimmung (Innsbrucker Nachrichten vom 2. September 1944, Seite 4):

„[…] Fortschritte drängten sich vor allem bei der Beurteilung der technischen Leistungen auf. Natürliche Anlagen in der klaren Behandlung von Läufen wurden ausgearbeitet, der Anschlag locker und vor allem blühender und saftiger im Ton, worüber man sich vor allem im Vivaldi-Bach-Konzert und an besonderen Stellen der großen Sonate von Beethoven E-dur, op. 109, freute. Auch als Gestalter ist Suitner gewachsen. Dabei entspricht es der natürlichen Entwicklung, daß ihm der persönlicher anzufassende Beethoven mehr liegt als Mozart und daß er auch mit der Gestaltung des von J. S. Bach übertragenen D-moll-Konzertes von Vivaldi mehr anzufangen wußte als mit der D-dur-Sonate Köch.-Verz. 311 des Salzburger Meisters […].

Am besten gelangen dem jungen Künstler die beiden stark auf das virtuose Spiel abgestellten Schlußnummern, die Toccata von Schumann und eine Rhapsodie von Dohnany, ein technisch anspruchsvolles, gut durchgearbeitetes und gut klingendes Stück, das man öfter im Konzertsaal zu hören wünschte. Die Darbietungen Othmar Suitners wurden von der in der Hauptsache jugendlichen Zuhörerschaft mit solcher Begeisterung aufgenommen, daß eine lange Reihe von Zugaben das eigentliche Konzertprogramm ergänzen musste.“

Noch mehr als bei der ersten Serenade waren bei der folgenden Unternehmung Programm und Darbietung mit den optischen Gegebenheiten des Aufführungsortes verbunden. „Was am ersten Serenadenabend im Riesensaal unserer Hofburg nur Anregung war, das gestaltete sich am zweiten, letzten Samstag [15. Juli 1944] durchgeführten, zu künstlerischer und bildlicher Vollendung“ schreibt Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 17. Juli 1944, Seite 3. Diesen Eindruck prägte neben dem Programm mit einer Orchestersuite von Johann Sebastian Bach und Mozarts Divertimento KV 205 insbesondere auch der Umstand, dass Dirigent Max Alexander Pflugmacher und Orchestermusiker mit weißer Perücke und in buntem seidenem Frack musizierten. „Besonders Mozart wurde mit einer beschwingten Ausgeglichenheit gespielt, erfüllt vom Geiste seiner Zeit, deren unsterbliche Musik allzeit zum Schönsten zählen wird, was deutsche Geistigkeit und deutsches Gemüt hervorgebracht haben. Die Begeisterung der Zuhörer war so herzlich und dringend, daß der letzte Satz des Mozart-Divertimentos wiederholt werden mußte.“

Den Verlauf des anmutig beschwingten und reizvollen zweiten Teil des Serenadenabends schildert Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nachrichten vom 17. Juli 1944, Seite 3:

„Zum Abschluß ihres diesjährigen Sommersemesters trat – schelmisches Spiel des Rokoko, zauberhaft umschlossen vom festlichen Barock des wunderbaren Hofburgsaales und der jubelnden Beschwingtheit Bachscher und Mozartscher Musik – bei der zweiten Serenade die Opern- und Schauspielschule unseres Reichsgautheaters erneut mit der Laune des Verliebten, diesem frühen, zierlich-unbeschwerten Kind der Goetheschen Muse, vor die Oeffentlichkeit. Das kleine Schäferspiel, in all seiner Heiterkeit doch der Beginn der ‚großen Lebensbeichte‘ des Olympiers, hat bereits im Vorjahr die Besucher der letzten Serenade im Hof des Volkskunstmuseums entzückt. Es war darum heuer besonders interessant zu sehen, wie weit ein Jahr eifriger Arbeit nun ausgleichend, reifend und verbessernd gewirkt haben, wo voriges Jahr noch gewisse verständliche Unbeholfenheiten zu bemerken waren. Denn der Fortschritt in der heurigen Aufführung war unverkennbar und zeigte sich vor allem in sprachlicher Hinsicht, aber auch in der gesteigerten Sicherheit von Mimik und Geste, der ganzen Bewegung. Besonders Edith Martinstetters launischer Eridon – die weitaus anspruchsvollste Aufgabe des ganzen Stückes – ließ eine erstaunliche Entwicklung zur Reife und Geschlossenheit der Darstellung erkennen. Dabei war diese Gestalt, wenn sie wie die ganze Aufführung auch noch nicht vollkommen den allzu schwierigen spielerisch-überlegenen Rokokoton traf, doch von einer schönen und stets natürlichen Lebhaftigkeit durchpulst. Sehr reizvoll und bühnensicher erschien, wie schon im Vorjahr, die anmutig-muntere Egle Margit Seebers, die neben ihrer schon bekannten feinen Leichtigkeit der Geste eine wesentliche Verbesserung in der sprachlichen Gestaltung zeigte und bewußter im Ausdruck geworden ist. Diese letzten beiden Momente, besonders der Sprung vom Unbewußten zum Bewußten, bilden auch die Hauptpunkte in Traudl Neuners Entwicklung, deren Amine – sprachlich bereits viel reifer – lieblich und schelmisch-geziert ganz auf die künftige Naive hinwies. Irmgard Springets Lamon endlich paßte sich munter und ebenfalls sicherer geworden in Sprache und Auftreten gut dem Gesamtton an, die Paul Schmid mit geübter Hand zu zierlicher Geschlossenheit einte.“


Gast- und Meisterkonzerte

„Im Rahmen des deutsch-spanischen Kulturaustausches“ gab der „junge spanische Meisterpianist“ Ataulfo Argenta am 19. Jänner 1944 im Konzertsaal der Städtischen Musikschule einen Klavierabend. Im ersten Teil spielte er Kompositionen von Bach, Mozart und die virtuose b-moll-Sonate von Chopin. Nach der Pause gab er einen Einblick in das Klavierschaffen seiner Heimat mit Werken von Enrique Granados, Manuel de Falla und Isaac Albéniz (Konzertvorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 15. Jänner 1944, Seite 5).

Auf Einladung der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude kam die „junge kroatische Pianistin“ Branca Musulin am 16. März 1944 zu einem Klavierabend nach Innsbruck. Im Großen Stadtsaal spielte sie Johann Sebastian Bachs B-Dur-Partita, Beethovens Sonate in d-Moll, op. 31/2 und im zweiten Teil des Abends „Präludium, Choral und Fuge“ von Cesar Franck sowie drei Mazurken von Chopin, dazu seine virtuose f-Moll-Ballade als brillantes Finale (Konzertvorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 11. März 1944, Seite 4). Über die Leistungen der Pianistin urteilt Emil Berlanda in den Innsbrucker Nachrichten vom 18. März 1944, Seite 4, so:

„[…] Die junge kroatische Pianistin Branca Musulin zählt heute schon zu den erfolgreichsten und vielversprechendsten Nachwuchspianisten. Ihr feindifferenzierter Anschlag vom hauchdünnen Pianissimo bis zum fast männlich-kraftvoll zupackenden Forte bildet neben einem stark ausgeprägten Sinn für die Gestaltung mit die Voraussetzung einer stilistisch einwandfreien Wiedergabe des betreffenden Werkes. Die dramatischen Ballungen und Steigerungen in den Ecksätzen der Beethovenschen Sonate kamen besonders wirkungsvoll zur Geltung, während uns die große Linie im Adagio noch zu wenig geschlossen schien. Ausgewogenheit in der Stimmführung verriet die Wiedergabe der Fuge in der Komposition Cäsar Franks; im besonderen offenbarte sich ihre brillante und klare Technik in den Werken Chopins, vor allem aber in seiner anspruchsvollen Ballade.

Die Leistungen fanden anerkennenden und herzlichen Beifall, für den sich die Künstlerin mit einer kapriziösen Sonate von Scarlatti und mit einem weiteren Werk Chopins bedankte.“

Wie schon in den vergangenen Jahren gehörte der Auftritt des Schweizer „Meisterpianisten“ Adrian Aeschbacher zum fixen Meisterkonzert-Programm der Konzertunternehmung Johann Groß. Über Programm und Konzertverlauf berichtet Herbert Gschwentner in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. Mai 1944, Seite 5:

„Für den 3. Meisterabend hatte die Konzertunternehmung Johann Groß den hier schon rühmlich bekannten jungen Schweizer Meisterspieler Adrian Aeschbacher verpflichtet […].

Von vorbildlicher Geschlossenheit und höchstem künstlerischen Wert war seine diesmalige Vortragsfolge: Händels echt deutsche Chaconne G-dur mit ihrer gesunden Natürlichkeit und Klarheit eröffnete den Abend; zwei Musterbeispiele stürmender Toccaten folgten – Schumanns op. 7, eine Art ‚pianistisches Perpetuum mobile‘, und als romanischer Gegensatz mit impressionistischen Lichtern, jene von Debussy, die der Künstler hinreißend mit ungestümer Kraft dahinbrausen ließ. Den großartig gesteigerten Abschluß des ersten Teiles bildete das großangelegte Werk des Flamen Cesar Franck Präludium, Choral und Fuge. – Beethovens berühmte Hammer-Klaviersonate op. 106 füllte den ganzen zweiten Teil des Abends […]. Auch in der Wahl der Zugaben – nach Beethovens ragendem Bau sind sie eigentlich kaum am Platze – bewies Aeschbacher großen Geschmack: Schuberts melodieseliges Impromptu Ges-dur war nach dieser Titanenleistung die richtige Entspannung. Der stürmische Beifall nötigte zu weiteren Gaben; auch hierin bewies der Künstler feinstes Verständnis: Beethovens langsame Sätzen aus den Sonaten A-dur (op. 2/2) und c-moll (Pathetique) bildeten den ‚richtigen‘ Abschluß.“

Den Höhepunkt der Gastspiele mit Klavierrezitals bildete wohl der Auftritt der berühmten Künstlerin Elly Ney, die am 1. Juni 1944 auf Einladung der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude im Großen Stadtsaal Innsbruck die vier letzten Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven spielte:

„[…] Wir wollen hier von der rein körperlichen Anstrengung, die der Abend für Elly Ney bedeuten mußte, schweigen und die Würdigung des so betont und bewußt auf die höheren geistigen Bereiche abgestimmten Konzertes auch ausschließlich auf die entsprechende Ebene beschränken […]. Elly Ney ist nun im Laufe der Entwicklung ihrer Künstlerpersönlichkeit in ein Stadium abgeklärter Reife gelangt, das sie in besonderem Maße zur Gestaltung der späten Klaviersonaten Beethovens bestimmt und sicherlich auch drängt. Ihre Wiedergabe war, trotz des natürlich verschiedenen Stimmungsgehaltes der einzelnen Sonaten, einheitlich aufgefaßt und aus einer überlegenen, tief innerlich erlebten geistigen Schau gestaltet, die jedes kleinliche Eingehen auf Einzelheiten einfach verbietet. Dabei störte es in keiner Weise, daß Elly Ney zu Beginn jeder Sonate durch einige einführende Worte die geistige Bereitschaft ihrer zahlreich versammelten Zuhörergemeinde, an die dieser Abend ebenfalls sehr große Anforderungen stellte, wachrief. So rundete sich das Konzert zu einem Erlebnis, an das man in Innsbruck noch lange dankbare Erinnerungen bewahren wird.“ (Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juni 1944, Seite 4).

Auf seiner Tournee durch Deutschland stellte sich der junge lettische Geiger Olaf Ilzins im Februar 1944 auch in Innsbruck vor. Über das geplante Konzertprogramm informiert Herbert Gschwentner in den Innsbrucker Nachrichten vom 18. Februar 1944 auf Seite 4:

„[…] Das Innsbrucker Programm bringt Hauptwerke der Geigenliteratur, wie die selten zu hörende schwungvolle C-moll-Sonate op. 45 von Grieg, die fünfsätzige E-dur-Partita von J. S. Bach, das prächtige A-dur-Duo op. 166 aus Schuberts letzter Schaffenszeit und abschließend drei Werke von Paganini (zwei Capricen Nr. 13 und 20 und La campanella), also ein Programm, das vom Geiger vollen Einsatz seines Könnens verlangt, so daß die Musikfreunde einen genußreichen Abend erwarten dürfen. Dem jungen Künstler, der von München kommt, steht als Helfer am Flügel der Hamburger Pianist Wilhelm Werth zur Seite.“

Von den Kammermusikvereinigungen, die im Auftrag der Kulturpolitik im Reichsgebiet Konzertreisen unternahmen, kam am 9. Februar 1944 das Klaviertrio Carl Seemann – Hermann Hubl – Hans Münch-Holland nach Innsbruck. Im Konzertsaal der Städtischen Musikschule spielten die Musiker weisungsgemäß ausschließlich nationale Kunst: Beethoven, Brahms und Schubert (Konzertvorschau in den Innsbrucker Nachrichtenvom 7. Februar 1944, Seite 4; Konzertbesprechung von Hermann Josef Spiehs in den Innsbrucker Nachrichten vom 11. Februar 1944, Seite 4).

Zum Auftritt des Klarinetten-Trio Dahlke im Mai 1944 bringt Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 4. Mai 1944 auf Seite 4 eine zum Besuch des Konzerts animierende Vorschau:

„Das Dahlke-Trio ist das einzige ständige Klarinetten-Trio Großdeutschlands. Seine besondere Beliebtheit, die sich auf zahlreichen Konzerten in Deutschland wie im befreundeten Auslande immer wieder erwiesen hat, erklärt sich aus der besonderen klanglichen Zusammenstellung dieser Kammermusikvereinigung, wie vor allem auch aus der besonderen Programmgestaltung des Trios. Um Plattheiten oder Wiederholungen bei der immerhin beschränkten Literatur zu vermeiden, werden neben die Originaltrioliteratur Solostücke für das eine oder andere Instrument oder Duos gestellt, wodurch die Vortragsfolgen aufgelockert und weiten Kreisen zugänglich gemacht werden. So finden wir auch im Programm des von der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude am 7. Mai in Innsbruck durchgeführten Abends nicht durchaus Klarinettentrios. Neben dem Kegelstatt-Trio von Mozart und dem Beethoven-Trio B-dur, op. 11, werden wir Andante und Rondo aus dem großen konzertanten Duo für Klarinette und Klavier von Carl Maria von Weber, Adagio und Andante, op. 70, für Cello und Klavier von Robert Schumann und die große, von Busoni bearbeitete Chaconne für Klavier von Johann Sebastian Bach hören.“

Zum Konzert schreibt Emil Berlanda in den Innsbrucker Nachrichten vom 9. Mai 1944, Seite 5:

„[…] Durch die Triovereinigung (Prof. Julius Dahlke, Klavier, Prof. Alfred Richter, Klarinette, Walter Schulz, Cello) erfuhren die Werke eine den künstlerischen Anforderungen gerecht werdende Wiedergabe. Prof. Dahlke zeigte sich neben seiner solistischen Betätigung als feiner Kammermusiker von differenzierter Ausdeutung und stilistischer Einfühlung, Prof. Richter als ausgezeichneter Klarinettist und ebenso Prof. Schulz als Cellist von männlich kraftvoller Tongebung und seelenvoller Kantilene. Der besondere Vorzug dieser Vereinigung aber besteht zweifellos in dem weiter nicht mehr zu überbietenden und sich durch Ausgewogenheit und Präzision auszeichnenden Zusammenspiel […].

Das Publikum zollte den Ausführenden herzlichen Beifall, für den sich die Künstler mit Zugaben aus der einschlägigen Literatur bedankten.“

Auch das Strub-Quartett widmete sich bei seinem Auftritt in Innsbruck der deutschen Musiktradition und spielte am 27. März im Konzertsaal der Städtischen Musikschule ausschließlich Streichquartette von Ludwig van Beethoven. Vom beeindruckenden Konzertverlauf berichtet Ehrentraut Straffner-Pickl mit begeisterter Anteilnahme:

„Man fühlte, man wußte es nach den ersten Takten: ein Meisterquartett. Es ist Jahre her, daß wir in Innsbruck einen so einheitlich abgestimmten, in jedem Tempo, in jeder Nuance ausgewogenen Quartettkörper haben hören dürfen. Dabei gab die Vortragsfolge, die drei Streichquartette von Ludwig van Beethoven, das Quartett op. 18, Nr. 6, B-dur, das Es-dur-Quartett op. 74 und das Quartett op. 59, Nr. 2, c-moll, umfaßte, vielseitig Gelegenheit, sich in jeder Hinsicht zu bewähren. Und es begeisterte der fast virtuose Schwung des frühen op. 18-Streichquartettes, speziell der Prestissimo-Wirbel des letzten Satzes, ebenso wie etwa der ‚con molto sentimento‘ vorgetragene Adagiosatz des Es-dur-Quartettes, die Vielfarbigkeit der nachfolgenden Variationen oder die lebensvolle Bewegtheit der schnellen Sätze des e-moll-Quartetts. In immer wieder neuen Wendungen, rhythmischen Feinheiten und Klangzusammenstellungen erfreute man sich der vier gleichwertigen Stimmen der um die Wette singenden, brillierenden, stürmenden oder verhauchenden Violinen, der volltönenden, bei aller taktvoll gehandhabten Selbständigkeit fast solistisch gehandhabten Bratsche, des virtuos und mit unnachahmlicher Einfühlung behandelten Cello und eines Zusammenspiels, das keine Lücken offen ließ, keinen Atemzug lang aussetzte. Der Dank der Innsbrucker Musikfreunde zeigte sich in einem so herzlichen und stürmischen Beifall, daß sich die Herren des Quartetts, Max Strub, erste Violine, Hermann Hübl, zweite Violine, Hermann Hirschfelder, Bratsche, Hans Münch-Holland Cello, veranlaßt sahen, den kurzen letzten Satz des Streichquartetts op. 18, Nr. 3, zuzugeben. Dieser Dank galt wohl aber auch der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude, die die Bekanntschaft mit diesem hervorragenden Quartett vermittelt hatte.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 29. März 1944, Seite 4).

Der Verehrung nationaler Kunst war auch ein Gastkonzert der Münchner Philharmoniker am 14. und 15. Februar unter der Leitung von Generalmusikdirektor Oswald Kabasta im Großen Stadtsaal gewidmet. „Mit Werken von Beethoven, Schubert und Bruckner verkündeten sie wieder einmal den unsterblichen Ruhm der Wiener Symphonik“, schreibt Hermann Josef Spiehs in seiner Konzertbesprechung in den Innsbrucker Nachrichten vom 17. Februar 1944 auf Seite 4. Über den Verlauf des auf zwei Abende aufgeteilten Programms führt er aus:

„Die eingangs der Darbietungen gestellte Symphonie Nr. 4, B-dur, op. 60, von Beethoven empfand man dank der beschwingten Wiedergabe wirklich als das, was sie ihrem Stimmungsgehalt nach sein sollte: als schwärmerisch heitere B-dur-Phantasie […].

Daß Schuberts C-dur-Symphonie Nr. 7 als das Hohelied klassisch gefärbter Romantik diesem Orchester und seinem Dirigenten in besonderer Weise entgegenkam, trotz der ‚himmlischen Längen‘, die schon Robert Schumann euphemistisch vermerkte, bewies die Wiedergabe […].

Bruckners ‚Achte‘ in c-moll, die sich nun allenthalben in der Originalfassung durchzusetzen beginnt, also ohne die zumeist nur auf bloßen Klangeffekt abgestellten, namentlich die Blech- und Holzinstrumente betreffenden Partiturveränderungen aus zweiter und dritter Hand, vermittelte den unerhörten Reichtum dieses Musikgenies. Wahrlich eine Dirigentenleistung: ohne Partitur das Riesenwerk so herauszustellen [...].

Das in allen seinen Gruppen zu höchstem Glanz emporgesteigerte Orchester wurde den Intentionen des Dirigenten und damit denen einer zeitgemäßen Bruckner-Erneuerung in hohem Ausmaße gerecht. Es hatte berechtigten Anteil an den nimmer endenwollenden Ovationen, mit denen das Haus diese vollendete Musizierkunst bedankte.“

Zum Gastspiel des Kölner Kammerorchesters verfasste Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 28. Februar 1944 auf Seite 4 eine informative Vorschau zum geplanten Konzertprogramm:

„Die NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude hat das unter der Leitung von Erich Kraack stehende Kölner Kammerorchester, das man in Innsbruck von einem Konzert im Vorjahre noch in bester Erinnerung hat, zu einem neuerlichen Abend am Mittwoch, den 1. März, verpflichtet, der mit ausgewählten Werken alter Meister und zwei modernen Kompositionen für Kammerorchester bekannt machen soll. Die Abendfolge, in der als Solisten außerdem die in Innsbruck längst heimisch gewordene Cellistin Beatrice Reichert und Karl Stumvoll aus Salzburg mitwirken, sieht vor: ein Concertato für sechs Stimmen und eine Aria [für] Solocello und Streicher von dem altitalienischen Meister Claudio Monteverdi, das dritte Brandenburgische Konzert G-dur von Johann Sebastian Bach und ein Konzert für Violoncello und Streichorchester von Leonardo Leo. Dieser stilistisch einheitlich abgestimmten ersten Hälfte des Konzertabends steht eine zweite gegenüber, in der ausschließlich Werke zeitgenössischer Meister vorgesehen sind. Wir hören ein Konzert für Viola d’amore von Karl Stumvoll, ein Werk des als Solist mitwirkenden bekannten Salzburger Komponisten und Instrumentalisten und ein Concertino des in Köln tätigen und schon mit mehreren Werken hervorgetretenen Philipp Jarnach, ein interessantes, alte Motive frei, aber doch kontrapunktisch verarbeitendes Werk.“

Der Komponist Emil Berlanda widmet sich in seiner Konzertbesprechung besonders den zeitgenössischen Werken (Innsbrucker Nachrichtenvom 4. März 1944, Seite 4):

„[…] Der als Viola-d’amore-Spieler bekannte Professor am Salzburger Mozarteum, Karl Stumvoll, hat sich als Komponist in seinem Konzert für dieses Instrument mit Begleitung eines Streichorchesters mit einem Werk vorgestellt, das zwar kompositorisch den Zuhörern keinerlei Probleme aufgibt, wohl aber durch seine musikantische Art und die eingängige Thematik gewinnt. Es stellt zweifellos eine willkommene Bereicherung der nicht gerade umfangreichen Konzertliteratur für das genannte Instrument dar […].

Der Komponist war selbst sein virtuoser Wegbereiter und führte sein Werk zu einem aufmunternden Erfolg.
Zu dem Concertino für zwei Soloviolinen, Solocello und Streichorchester von dem in Köln tätigen Philipp Jarnach bildete ein Instrumentalkonzert von Platti (geb. um 1700, Kammermusikus des Fürstbischofs von Bamberg und Würzburg) die Unterlage. Philipp Jarnach hat daraus mit feinem Stilgefühl und Formempfinden, durch die Einbeziehung von solistisch behandelten Instrumenten ein interessantes viersätziges Werk geschaffen, das sich seines Erfolges weiterhin gewiß sein dürfte. – Inwieweit jedoch eine zwingende Notwendigkeit für derartige Bearbeitungen alter Instrumentalwerke besteht, möge bei dieser Gelegenheit unerörtert bleiben […].

Erich Kraack hat uns mit seinem Kölner Kammerorchester, dessen Mitglieder sich in großem Maße seiner Stabführung und seinem Ausdruckswillen unterordnen, einen genußreichen Abend geschenkt. Im besonderen verdient der Vortrag des an den Beginn gestellten Werkes von Monteverdi sowie die Dezentheit der Begleitung und die Anpassung an die solistische Gestaltung herausgehoben zu werden. Vielleicht wäre in Zukunft auch manche mit begründetem Interesse zu begrüßende Aufführung zeitnäherer Werke möglich.

Die ausgezeichneten Solisten und der Dirigent mit seinem Orchester konnten am Schluß herzlichen Beifall entgegennehmen.“


Liederabende

Die Liederabende des Jahres 1944 wurden vor allem Interpreten mit lokalem Bezug anvertraut, wobei die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude offensichtlich Mühe hatte, wie in vergangenen Jahren bedeutende Sängerpersönlichkeiten für ein Gastspiel für Innsbruck zu gewinnen. Am 22. März 1944 gab Margarete Castana, die als Sophie in der Aufführung des Rosenkavalier im Innsbrucker Reichsgautheater Eindruck gemacht hatte, im Konzertsaal der Städtischen Musikschule einen Liederabend. Ihr Programm präsentierte eine „Auswahl besten deutschen und nordischen Liedguts“, darunter auch drei Lieder des jungen Innsbrucker Komponisten Robert Nessler (Vorschau von Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 17. März 1944, Seite 4).

Thora Hauck-Sandbichler, die Leiterin einer Gesangsklasse an der Städtischen Musikschule, präsentierte sich am 17. April an ihrer Wirkungsstätte ihrem Publikum ebenfalls mit einem national bestimmten Programm, somit ausgewählten Liedern von Schubert, Brahms, Wolf und Pfitzner. Ihr Klavierbegleiter, Professor Georg Mantel aus Karlsruhe, brachte sich auch solistisch mit der C-Dur-Phantasie von Robert Schumann ein (Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 15. April 1944, Seite 5).

Georg Oeggl, der aus Innsbruck stammende erste Bariton des Opernhauses der Stadt Wien, stellte sich am 11. April auf Einladung der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude mit einem Lieder- und Arienabend in seiner Heimatstadt vor. Sein Programm enthielt mit Liedern von Schubert und Hugo Wolf sowie Arien aus Wagners Tannhäuser, Verdis La Traviata und Leoncavallos Bajazzo ausschließlich bekannte und beliebte Musikstücke, was Emil Berlanda als Konzertberichterstatter zu einer kritischen Stellungnahme veranlasste (Innsbrucker Nachrichtenvom 13. April 1944, Seite 4):

„Auf Einladung der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude gab der seit mehreren Jahren als Bariton im Opernhaus der Stadt Wien (früher Volksoper) tätige, bekannte Opernsänger Georg Oeggl – ein gebürtiger Innsbrucker – am 11. April im Großen Stadtsaal in seiner Vaterstadt einen Lieder- und Arienabend. Die von ihm gewählte Vortragsfolge war durchaus dem Geschmack des Publikums angepaßt und verbürgte so von vornherein einen starken Publikumserfolg. Sie enthielt genügsam bekannte Lieder von Franz Schubert und Hugo Wolf sowie Arien aus verschiedenen Opern von Wagner, Verdi und Leoncavallo. Die Stimme Oeggls ist trotz ihres Umfanges nicht sonderlich modulationsfähig, ist in ihrer Mittellage von sympathischer und gewinnender Wärme, nach der Höhe zu vermißte man allerdings an diesem Abend das Befreiende in den Steigerungen des Ausdrucks.

Bei der Wiedergabe hatte man das Empfinden, daß dem Künstler das Liedschaffen Hugo Wolfs näher liegt als jenes von Schubert; ungleich besser gelangen die den zweiten Teil des Abends ausfüllenden Arien. Die Darbietungen Oeggls, von Rudolf Theo Liebing (Wien) am Klavier einfühlend begleitet, fanden bei den zahlreich erschienenen Zuhörern starken Beifall, der den Sänger noch zu mehreren Zugaben veranlaßte.

Abschließend noch ein allgemeines Wort zur Vortragsfolge: Es mag vollkommen angezeigt erscheinen, für Lieder- und Arienabende in den Kreisstädten unseres Gaues z. B. ein Programm zu erstellen, welches die an ein solches Publikum zu stellenden Anforderungen nicht zu sehr überspannt; unmotiviert war es jedoch, uns in Innsbruck mit einem Programm aufzuwarten, das durchweg aus Liedern und Arien bestand, die einen überkommenen Grundstock für jeden Sänger bilden. Es hätte wohl erwartet werden dürfen, daß neben bekanntem Liedgut auch weniger Bekanntes derselben Komponisten berücksichtigt worden wäre, oder mehr Abwechslung Platz gegriffen hätte, ohne die Aussicht auf anerkennenden Erfolg zu schmälern.


Gerade aus der Verpflichtung eines Sängers der Kunst gegenüber erwachsende Ausschöpfung des noch weniger bekannten aber musikalisch hochwertigen Liedschaffens unserer Meister und die Erfassung ihrer seelischen Struktur ist ein Teil jenes Undeutbaren, das einen noch so glänzenden Bühnensänger und Darsteller sehr oft sogar zum weniger befriedigenden Liedsänger macht – mit anderen Worten: für einen Sänger, der bestrebt ist, Mittler des Kunstliedes zu sein, bildet zur Erreichung dieses Zieles ein tieferes Eindringen in das Liedschaffen die unerläßlichste Voraussetzung.“

Georg Oeggl war bereits am 1. April 1944 im Rahmen des 10. Anrechtskonzerts in Kufstein mit demselben Programm auf Einladung der KdF zu Gast gewesen:

„[…] Dieser Lieder- und Arienabend gab den Zuhörern – wie alle künstlerisch wertvollen Veranstaltungen – jene wahrhaft innere Freude und Erbauung, die manche Volksgenossen in bloß für den Augenblick geschaffenen Unterhaltungen immer wieder vergeblich zu finden hoffen. So war denn dieser Abend ein wertvolles Geschenk an die Kufsteiner Kunstfreunde, die mit ihren impulsiven Dankesbeweisen den Künstler und seinen Begleiter [Rudolf Theo Liebing] zu baldigem Wiederkommen einluden – auf dieses freuen wir uns schon jetzt“ (Josef Heitzinger im Tiroler Volksblatt vom 5. April 1944, Seite 3; über weitere kulturelle Aktivitäten in Kufstein siehe unten im Abschnitt „Beispiele für Konzerte und Varietés außerhalb von Innsbruck“).

Die am Reichsgautheater engagierten Sänger Erika Feichtinger und Björn Forsell verabschiedeten sich von ihrer Wirkungsstätte mit einem Lieder- und Arienabend. Björn Forsell war an die Wiener Staatsoper berufen worden, und auch Erika Feichtinger verlegte ihre künstlerische Tätigkeit nach Wien. Ehrentraut Straffner-Pickl berichtet darüber in den Innsbrucker Nachrichten vom 26. Juni 1944, Seite 3:

„Der von der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude durchgeführte Abend, in dem sich Erika Feichtinger und Björn Forsell, die neue Verpflichtungen nach Wien rufen, am vergangenen Freitag [23. 6. 1944] von ihren Innsbrucker Freunden verabschiedeten, erhielt seine Note durch eine Herzlichkeit der Anteilnahme, die mit unverholener Frische zeigte, in welchem Maße sich diese beiden Künstler in die Herzen der Innsbrucker hineingesungen haben. Es gab Beifall und Blumen ohne Ende und ein hinüber und herüber der Verbindung vom Podium zum Zuhörerraum, wie es selten und vor allem nur im Falle einer wirklich erprobten Gegenseitigkeit vorkommt.

Allerdings hatten auch die beiden Mitglieder unseres Reichsgautheaters in richtiger Einschätzung ihrer Zuhörergemeinde die Abendfolge so zusammengestellt, daß sie neben wenigen einleitenden Liedvorträgen ausschließlich Arien und Duette aus Opern und sogar Operetten und da wieder mit beziehungsvoller Bevorzugung solche gewählt hatten, die den Hörern – es handelte sich vor allem um den Stamm unseres Opernpublikums – einen Rückblick über den Opernspielplan des vergangenen Jahres vermittelte […].

Zum Gelingen des Abends trug Herta Reiß, die die beiden Künstler am Flügel begleitete, ein Gutteil bei […].“

Als einzigen Star von internationaler Bekanntheit konnte die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude 1944 Frida Leider für einen Liederabend nach Innsbruck engagieren. Von diesem Auftritt informiert wiederum Emil Berlanda (Innsbrucker Nachrichten vom 4. Mai 1944, Seite 4):

„In dem dankenswerten Bemühen, wahre Kunst zu fördern und anerkannte Kräfte für Innsbruck zu verpflichten, hat die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude für den 2. Mai zu einem Abend mit Frau Kammersängerin Frieda [!] Leider (Mezzosopran) geladen. Wir durften an diesem Abend die Bekanntschaft einer Sängerin von Format machen, die ihre hochkultivierte Stimme wohl zu gebrauchen versteht, eine Stimme, die eine jeden Zuhörer ansprechende Wärme ausstrahlt und diese auch in jeder Lage und in jedem Stärkegrad beibehält. Dazu kommt der durchgeistigte Gestaltungswille, der ein restloses Eingehen auf die Absichten des Komponisten ermöglicht, und somit jene Voraussetzung bildet, die für das Erfassen des stilistischen Empfindens – dies kam besonders in den aufgeführten Liedern von Schumann und Brahms zum Ausdruck – notwendig ist. – Hervorgehoben sei ferner die Vortragsfolge, die fast zur Gänze weniger Bekanntes von Mozart, Schumann und Brahms enthielt, und uns somit mit einem Ausschnitt aus dem Liedschaffen dieser Meister bekannt machte, der uns bisher zum Großteil vorenthalten geblieben war.

Sebastian Peschko war am Flügel ein ausgezeichneter und mitgestaltender Begleiter, dessen Beitrag, ebenso wie die Darbietung der Künstlerin mit herzlich-aufrichtigem Beifall bedacht wurde. Es war ein schöner Abend, für den wir den Ausführenden und nicht zuletzt der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude dankbar sind.“

Das Programm hatte bereits Ehrentraut Straffner-Pickls Vorschau in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. April 1944 auf Seite 4 bekannt gemacht:

„Die Vertreterin der hochdramatischen Faches an der Staatsoper Berlin, Kammersängerin Frida Leider, singt am Dienstag, den 2. Mai, in einem von der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude veranstalteten Liederabend in Innsbruck. Kammersängerin Frida Leider ist nicht nur auf der Bühne, sondern ebenso auf dem Konzertpodium eine Gestalterin von großer Eindringlichkeit. Mit unfehlbarem Stilgefühl, klangvollem, unverbrauchtem Organ und meisterhafter Gesangstechnik wird Frida Leider auch der Kleinkunst des Liedes in vollendeter Form gerecht. Die Abendfolge für den 2. Mai sieht durchwegs selten gehörte, in stimmlicher und gestalterischer Hinsicht anspruchsvolle Lieder vor, neben dramatisch zu gestaltenden Kompositionen auch solche einer beschwingten, ja humorvollen Art. Wir hören von W. A. MozartAbendempfindung, Als Luise die Briefe ihre ungetreuen Liebhabers verbrannte, Der Zauberer, Das Veilchen, zwei Liedgruppen von Robert Schumann mit Heiß mich nicht reden, Die Sennin, Erstes Grün, Suleika, Singet nicht in Trauertönen, Intermezzo, Schöne Fremde, Der Schatzgräber, O Ihr Herren, und vier Lieder von Joh. Brahms: Frühlingstrost, Erinnerung, Die Sonne scheint nicht mehr, Wie komm ich denn zur Tür herein. Am Flügel wird Frau Leider von Seb[astian] Peschko, Berlin, begleitet werden.“


Konzerte erblindeter Künstler und Konzerte der Städtischen Musikschule

Die Konzerte mit blinden Künstlern hatten Tradition: „Durch eine dankenswerte Einrichtung des Reichspropagandaministeriums ist es möglich gemacht worden, daß erblindete Künstler im Rahmen einer eigenen Organisation geeignete Entfaltungsmöglichkeiten finden. Bekanntlich sind besondere Musikbegabungen gerade bei Blinden nicht selten und so hatte auch das Konzert erblindeter Künstler in Innsbruck am Sonntag, den 18. Juni, im Großen Stadtsaal einen gewissen Rang. Zur Durchführung der Vortragsfolge hatten sich die Sopranistin Viktoria Fischer, der Cellist Josef Dohlus und der Pianist Max Hohner zusammengefunden. Der Abend brachte zum Teil ziemlich anspruchsvolle Werke von Schubert, C. M. v. Weber, Richard Strauß, Hugo Wolf, Fr. Mixa, Max Reger und D. van Goens. Die Darbietungen waren unter Berücksichtigung der schwierigen Umstände, unter denen erblindete Künstler zu arbeiten gezwungen sind – Studium allein nach dem Gehör, Gestaltung auf einer Ebene, der die Farbigkeit der Sehenden absolut abgeht – durchaus ansprechend und auf jeden Fall bewundernswert.“ (Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 20. Juni 1944, Seite 4).
 
Über die Neukonzeption der üblichen Vortragsabende der Studierenden an der Städtischen Musikschule in konzentrierter Planung statt der üblichen Fülle im Programmangebot informiert Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juli 1944, Seite 5:
 
„In bewußtem Gegensatz zu den früher üblichen sogenannten ‚Schülervortragsabenden‘, in denen unsere Städtische Musikschule mit einer verwirrenden Fülle oft recht ungleichmäßiger Schülerleistungen Rechenschaft über ihre Arbeit ablegte, vereinigten sich diesmal zum Schluß des Studienjahres Schüler der Ausbildungsklassen Roman Wisata, Violine, und Mimi Haselsberger, Klavier, mit Lehrerinnen der Anstalt zur Gestaltung eines Musikabends, der eine Fülle erfreulicher Erlebnisse vermittelte. Denn durch diese weise Beschränkung war es nicht nur möglich, den Abend bis in die Einzelnummern des Programmes zu gestalten und ihm so auch musikalischen Gehalt zu geben, sondern auch die Schüler nach Anlagen und Kenntnissen so auszuwählen, daß von der ‚Dressurschau‘ sonstiger Schülerabende auch kein kleinster Rest fühlbar wurde.
 
Von den vier Nummern, die, folgerichtig aufgebaut, von Mozart über Schubert und Brahms zu Dvorak führten, waren die zwei mittleren Sololeistungen vorbehalten, während Eingang und Schluß kammermusikalische Werke bildeten. Am meisten von einer aus Schülerabenden nun einmal nicht wegzudenkenden Nervosität war naturgemäß die Eingangsnummer, der 2. Satz aus der Symphonie Concertante für Violine und Bratsche von Mozart, beeinträchtigt. Doch erkannte man trotzdem schon beim Vortrag dieses Musikstückes, in das sich Peter Heinermann und Vera Magun teilten, daß es sich um sorgfältig vorbereitete und sauber gespielte Leistungen handelte, und man war erfreut, die beiden Schüler zusammen mit Rose Eichenhofer in dem abschließenden Trio für zwei Violinen und Bratsche von Dvorak als bereits ambitionierte und sichere Kammermusikkräfte wiederzufinden. Rose Eichenhofer, die das Dvorak-Streichtrio anführte, brachte außerdem durchaus reif und gestaltet die A-moll-Sonate für Violine und Klavier von Schubert zum Vortrag. An der Anstalt als Lehrerin wirkend, ist sie überdies als Schülerin von Roman Wisata laufend um die Vervollkommnung des eigenen Spieles bemüht und ihre Leistung deshalb nicht wie die eines Schülers schlechthin zu werten. Ueber das Schülermaß ragt geraume Zeit auch schon Ilse Helff-Hibler von Alpenheim hinaus. Ihre außerordentliche Begabung wird seit Jahren mit viel Verständnis und Sorgfalt von Mimi Haselsberger betreut und entwickelt sich mit erfreulicher Folgerichtigkeit. Diesmal hörte man von der jungen Pianistin die H-moll-Rhapsodie von Brahms, echtempfunden und technisch wie gestalterisch einwandfrei. Die Begleitung der Mozart-Symphonie und der Schubert-Sonatine besorgte Irmingard Morawetz, die als Lehrerin an der Anstalt wirkt.“
 
Bei einem weiteren Musizierabend stellten sich ausschließlich Lehrende der Anstalt, die wegen der Bombenbedrohung nach Seefeld ausgelagert worden war, in den Dienst der öffentlichen Zurschaustellung der Leistungsfähigkeit der Städtischen Musikschule. Wiederum ist Ehrentraut Straffner-Pickl die engagierte Berichterstatterin:
 
„In einem stilistisch wundervoll geschlossenen Musizierabend konnte man am vergangenen Dienstag [18. 7. 1944] Einblick in die Arbeit unserer Städtischen Musikschule Innsbruck gewinnen, wie sie sich aus dem lagermäßig geführten geschlossenen Betrieb in Seefeld entwickelt hat. Der losgelöst von der städtischen Kulturpflege ganz neuartig geführte Unterrichtsbetrieb in Seefeld ergibt immer wieder die Gelegenheit, ja die Notwendigkeit, daß sich die Lehrer der Anstalt zu Musizierabenden zusammenfinden, um den Schülern den Unterricht lebendig und eindringlich zu gestalten. Zum Unterschied von den gewohnten Konzerten bieten diese Abende den Vorteil, mehr als gewöhnlich dem Werk der Musik an sich zu dienen, wobei freilich das Können der Lehrer dafür bürgt, daß die Aufführungen auch werkgerecht und in einer durchaus konzertreifen Form gebracht werden.
 
Der Musizierabend, der einer größeren Oeffentlichkeit am vergangenen Dienstag im Konzertsaal der Städtischen Musikschule zugänglich war, wurde eingeleitet durch einen kurzen erläuternden Vortrag, in dem Direktor Grad das Programm des Abends, das ausschließlich Werke aus dem Generalbaßzeitalter brachte, besprach. Für die Aufführung der einzelnen Werke, die einerseits geschichtlich, andererseits nach ihrem Ursprungslande gegliedert waren, hatten sich bewährte Kräfte unserer Städtischen Musikschule mit Elma van der Venn, einem Gast aus Salzburg, zusammengefunden. Natürlich war diesem Gast, Elma van der Venn, einer begabten und auch im Technischen bewundernswert klaren Cembalistin, in jeder Weise der Vortritt gelassen. Er bestritt den größten Teil des Programmes und spielte mit einem Stilgefühl, das mit Sicherheit auch jene zeitlich gebundene gleichsam unpersönliche Art der Interpretation, wie sie vor allem die frühen Werke des Generalbaßzeitalters (1600-1750) verlangen, traf, Variationen über ein Landsknechtlied von Sweelinck, zwei kleinere Stücke von Rameau und Händel, zwei Sonaten von D. Scarlatti und die Fantasien in c- und a-moll von J. S. Bach. Als willkommene Abwechslung und Ergänzung wirkten zwei Arien von Händel, die Thora Hauck mit sicherem Stilgefühl und klanglich wunderbar ausgeglichen zum Vortrag brachte, und die Violinsonate D-dur von Händel, in der wir Rose Eichenhofer wiederum als saubere und sichere Instrumentalistin schätzen lernten. Die Baßverstärkung besorgte Liselotte Richter-Schönnamsgruber, die seit kurzem als Lehrerin für das Cellospiel an unserer Städtischen Musikschule wirkt. Sie, die sich durch eine Reihe gut besprochener Solokonzerte schon in einem weiteren Umkreis einen Namen zu machen gewußt hat, sollte man auch in Innsbruck einmal in wichtigerer Funktion, am liebsten im Rahmen eines eigenen Soloabends, zu hören bekommen. Der so anspruchslos vorgebrachte Abend fand ein anspruchsvolles Publikum und löste bei diesem Begeisterung aus.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 20. Juli 1944, Seite 4).
 
In den Innsbrucker Nachrichten vom 28. Juli 1944 erschien auf Seite 4 eine kurze zusammenfassende Darstellung der Konzertsaison 1943/44, die die letzte unter der Ära der Nationalsozialisten sein sollte:
 
„Auch im fünften Kriegsjahr konnte die musikalische Betreuung der Volksgenossen – nicht zuletzt durch die Einschaltung der NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude – in einer großen Anzahl von Konzerten fast reibungslos durchgeführt werden.
 
Das Reichsgau-Symphonieorchester unter den Dirigenten Intendant M[ax] A[lexander] Pflugmacher und Hans Georg Ratjen brachte in sechs Orchesterkonzerten mit bedeutenden Solisten klassische und moderne Werke und widmete das letzte Konzert der erfolgreichen Uraufführung preisgekrönter Werke fröhlicher Art von Tiroler Komponisten; zudem führte es zwei Serenaden im Riesensaal der Hofburg mit Werken von Bach, Haydn und Mozart durch.
 
Eine Reihe bedeutender Solistenkonzerte ergänzte das musikalische Programm: Die Pianisten Walter Gieseking, Josef Pembaur, Branka Musulin, Elly Ney (Soloabend und mit Orchester), Adrian Aeschbacher und Hans Leygraf, die Geiger Gerhard Taschner, Prof. Leßmann, Olafs Ilzins und Roman Wisata, die Cellisten Prof. Ludwig Hoelscher und Chrystja Kolessa; besonders zahlreich waren die Vertreter des Gesanges: Anni Konetzni (Wien), Frida Leider (Berlin), Thora Hauck (Innsbruck), Herbert Alsen (Wien), Wilhelm Strienz (Berlin), Karl Schmitt-Walter (Berlin), Marcell Wittrisch (Berlin), Georg Oeggl (Wien) und das Duo Erika Feichtinger-Björn Forsell (Innsbruck).
 
Gediegene Kammermusik boten das Klaviertrio Prihoda-Grümmer-Riebensahm, das Klaviertrio Seemann-Hubl-Münch-Holland und das Dahlke-Trio sowie das Strub-Quartett und das Wiener Streichquartett. Begeisterten Beifall fanden die Gastkonzerte der Münchner Philharmoniker mit Prof. Oswald Kabasta (2) und des Kölner Kammerorchesters.“
 

Beispiele für Konzerte und Varietés außerhalb von Innsbruck

Die Kulturorganisation der Deutschen Arbeitsfront, die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, unternahm nach den Richtlinien der Parteiideologie auch im Jahr 1944 trotz vielfach erschwerter Bedingungen im Gaugebiet mannigfaltige Aktivitäten. Diese Unternehmungen stützten sich auf einen bestens organisierten zentralen Organisationsablauf, dem sich auch die in den meisten Ortsgruppen installierten Zweigstellen bedienen konnten. Der Tourneeplan der einzelnen Interpreten war so abgestimmt, dass eine möglichst große Anzahl von Aufführungen zumeist mit fixem Programm realisierbar erschien. Die Kulturbetreuung orientierte sich allerdings nicht nach den Wünschen und Vorlieben der Bevölkerung, sondern wurde zentral nach ideologischen Grundsätzen verordnet.

Auf Einladung der Deutschen Arbeitsfront-Deutsches Volksbildungswerk unternahm Hans Fuhrmann eine Lesereise mit Deutscher Literatur, die ihn am 19. Jänner auch nach Kufstein führte. Dem Ernst der Kriegszeit trotzend, stand der Abend unter dem Motto „Lachende Muse-Tolle Geschichten“. Von der Veranstaltung berichtet Josef Heitzinger im Tiroler Volksblatt vom 21. Jänner 1944, Seite 3:

„[…] Beginnend mit Heinrich von Kleist deutete Hans Fuhrmann sorgsam gewählte Ausschnitte des Schaffens von Detlev von Liliencron, Christian Morgenstern, Wilhelm Busch, Otto Julius Bierbaum und anderen sowie zum Abschluß aus eigenen, noch unveröffentlichten Romanen. Der Künstler liest nicht vor, er deklamiert auch nicht, er plaudert mit der Wärme gemächlicher Dichtung, er rast mit dem Sturm dichterischer Leidenschaft, er stellt sich immer selbst in die von ihm zu zeichnende Gestalt […].

Aber Hans Fuhrmann ist nicht nur ein außerordentlich begabter Rezitator; seine phantasiereiche Gestaltungskraft bringt ihn auch zu schöpferischer Arbeit, deren Bild- und Gefühlsreichtum seinen inneren Humor aufstrahlen läßt, einen tieferen Sinn dem einfachen und manchmal auch verschlungenen Geschehen unterlegend [Hans Fuhrmann las aus seinen Werken Antike heiter und Intrigen, nichts als Intrigen].

[…] Dem Künstler schlug am Schluß dieses Abends langanhaltender, herzlicher Beifall entgegen, den Wunsch ausdrückend, Hans Fuhrmann möge uns recht bald wieder mit seiner Kunst beschenken.“

Auf kurzzeitige Verdrängung der vielfach präsenten Absurdität der Zeitumstände abgestimmt waren insbesondere die in ihrer bunten Heiterkeit und geistigen Anspruchslosigkeit gefälligen Varietés, die nun auch in den Kreisstädten immer mehr Raum bekamen. Josef Heitzinger vermittelt im Tiroler Volksblatt vom 23. Februar 1944 auf Seite 3 eine Vorstellung vom abwechslungsreichen Verlauf einer solchen durch vordergründige Fröhlichkeit auf Beruhigung und Zuversicht abzielenden Aktion:

„Künstlerische oder artistische Vorführungen sind in der Aula der Oberschule in Kufstein nur in beschränktem Maße möglich, es fehlt an Raum und an der Darsteller und Publikum zusammenführenden Atmosphäre. Man sollte meinen, daß unter diesen Voraussetzungen alle Unterhaltungsveranstaltungen gleichförmig seien; aber dies trifft schon deshalb nicht zu, weil jede Veranstaltung eine gewisse eigene Note trägt, die uns manchmal mißfällt, meist aber erfreut. Das ‚Bunte Allerlei‘ von KdF. am 20. Februar war eine gute Unterhaltung.

Berta Yllerom gab als sympathische und einfallsreiche Ansagerin der Geschichte den richtigen Schwung, so daß trotz der etwas allzu fühlbaren Kühle die Besucher dennoch ‚warm‘ wurden. Wir sahen ferner Berta Yllerom in einem akrobatischen Walzer und einem Bühnenstepp, erfreuten uns an ihrem geschmeidigen und exakten Können, bewunderten dann das Tanzpaar Ninon, das Gleichmaß und Bewegungsanmut in sich vereinigt, und unterhielten uns an den Darbietungen des singenden Tanzpaares Nelly und Nolly, das wir besonders in dem Duett als kecker Steirerbua und schalkhafter Trampel liebgewannen. Als spassige Angelegenheit empfanden wir die Teko-Affenparodie. Eine sehr beachtenswerte artistische Leistung bot Bottner mit einem humoristischen Kraftakt, der auch Training und großes Können erfordert, wie dies auch bei den akrobatischen Vorführungen von Berta und Beta Yllerom zutrifft. Bottners Partnerin zeigte als Mensch oder Puppe Körperbeherrschung und Geschmeidigkeit von erstaunlicher Höhe. Inge Schraden sang mit schelmischer Anmut eine nette Parodie, Edita Lesne brillierte mit lustigen Vorträgen, Ferdinand Fink stellte einen wirklich humorvollen Komiker auf die Bretter, bei dessen Schnurren herzlich gelacht wurde.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß den Kufsteinern dieses ‚Bunte Allerlei‘ gut gefiel, und das ist wohl die Hauptsache, darüber freuen sich die Artisten und die KdF.“

Am 14. April 1944 veranstaltete die KdF einen ähnlich konzipierten Unterhaltungsabend unter der Devise „Was jeder gerne hört“ in Wörgl. Am 16. April wurde der Abend in der Oberschule in Kufstein wiederholt:

„[…] Die Sprecherin Lotte Funk begrüßte die sehr zahlreichen Besucher und fand im Verlauf des Abends jenen innigen Kontakt zu den Zuhörern, der die Voraussetzung für das Gelingen der Veranstaltung selbst ist. Den musikalischen Teil besorgte das Wandl-Trio, bestehend aus einem Saxophonisten, der Klavierspielerin Gusti Hainz und einem weiblichen Schlagzeugwerker. In bunter Reihe wechselten nun Gesang, Tanz- und Musikvorträge mit den verbindenden witz- und mehr oder weniger geistreichen Einstreuungen der Sprecherin, die sich auch als Sängerin beim Vortrag mehrerer Lieder bestens bewährte. Die Soubrette Anni Seidl und der Bariton Josef Valerien überraschten durch Wiedergabe einiger Wienerlieder mit klangvollen, wohlgeschulten Stimmen.

Die Tänze der Maria Brunner, insbesondere ihr Stepptanz, zeugten von der vollkommenen Durchbildung ihres Körpers. Der Schlager des Abends waren aber – ohne die übrigen Mitwirkenden auch nur eines Bruchteiles ihrer Erfolge zu berauben – die Darbietungen Cilli Mertens. Sie begleitete ihre Lieder selbst mit der Ziehharmonika und beherrschte dabei eine Mimik ihrer Vortragsweise, die alle Zuhörer zu stürmischen Beifallsbezeigungen hinriß. Abschiedsworte und ein Abschiedschor aller Mitwirkenden beschloß die sehr gelungene Veranstaltung.“ (Franz Richter im Tiroler Volksblatt vom 19. April 1944, Seite 3).

„Zwei Stunden Lachen mit Oskar Paulig“ lautete die Schlagzeile eines Berichts von Josef Heitziger über eine von der KdF veranstaltete Varietéveranstaltung am 26. Juni 1944 in Kufstein. Neben dem Spaßmacher, der den Abend mit seinen belustigenden Beiträgen dominierte, gab es den für das Varieté typischen bunten Ablauf mit den Darbietungen verschiedener Artisten und Gesangseinlagen aus Operette und Schlager: Erni Bertini zeigte „anmutige Frauengymnastik“, Gretl Feischer präsentierte sich als Wiener Operetten-Soubrette, Marsi Siewor mit Liedern aus Operetten sowie Rita Schön als „temperamentvolle Ansagerin“. Ilse Slawenna zeigte „Kunsttänze“. Eine besondere Attraktion war der „groteske Rollschuhfahrer Tobinski“. „Am Flügel wirkte unermüdlich Hans Hackmann, der den einzelnen Darbietungen den nötigen rhythmischen Schwung gab.“ (Tiroler Volksblatt vom 30. Juni 1944, Seite 5).

Anfang August 1944 gab es in Kufstein den letzten Auftritt einer Varietégruppe, wie überhaupt solche Aktionen in früheren Jahren gerade in dieser Kreisstadt mit einer beachtenswerten Kulturpflege eher selten vorkamen. Erst durch die Traumatisierung der schon vielfach erkannten Aussichtslosigkeit der Kriegssituation wurden solche die Realität durch belanglosen Zeitvertreib verdrängende Suggestionsprojekte offenbar vermehrt notwendig. Wie sehr diese Abläufe auf bewusste Inszenierung des Optimismus ausgelegt waren, zeigt einmal mehr der Bericht von Josef Heitzinger im Tiroler Volksblatt vom 9. August 1944, Seite 3:

„Auf dem sonntägigen Unterhaltungsabend ‚Für Aug und Ohr‘ der Deutschen Arbeitsfront (NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude) in der Aula der Oberschule in Kufstein warteten begabte Künstler und Artisten mit beachtenswerten Leistungen auf. Die launige Ansagerin Gisl Horty brachte gleich anfangs erfrischenden und herzhaften Humor ins Haus, so daß bald die richtige Stimmung herrschte. Elvira zeigte mit ihrem Partner Jost Akrobatik in staunenswert hoher Vollendung mit spielerischer Leichtigkeit und vollkommener Körperbeherrschung. Das Tanzpaar Dorita und Loretta sowie die Solotänzerin Ferry Kral offenbarten beschwingte frauliche Anmut und leidenschaftliche Empfindungen, aber auch schalkhafte Intermezzi mit reichem künstlerischen Gestaltungsvermögen. Besonders hervorgehoben sei ein Spitzentanz und ein tief empfundener Valse triste. Höhepunkt des Abends war ein Violinvortrag der jugendlichen Maria Neglia mit einem Czardas, zwei Polka[s] und dem Kanarilied. Sie formte ihr Spiel technisch und künstlerisch zu seltener Schönheit. Zwei Dobras erfreuten die Zuschauer mit komischer Akrobatik aufs beste. (Es ab ferner einen geschickten und liebenswürdigen Taschenspieler und Jongleur, der aber seine Vorführungen mit einer wenig geschickten Werbung für eine Großfirma beschloß. An derartigen, in anderen Ländern gebräuchlichen Reklamemethoden haben wir allerdings wenig Freude.) Die musikalische Leitung war Wolfgang von Meinzingen anvertraut, der seine Aufgabe mit Können und Einfühlung vorzüglich bewältigte und damit den musikalischen und tänzerischen Aufführungen die Grundlage für ihr gutes Gelingen gab. – Dieser Unterhaltungsabend stand erheblich über den bisherigen, auch wenn diese manchmal größer aufgezogen worden sind.“

Einen Abend unter dem Motto „Ernstes und Heiteres in Lied und Gedicht“ gestaltete auf Initiative der KdF Gertrude Böser am Flügel, begleitet von Generalmusikdirektor Hans Trinius aus Dortmund am 4. April 1944 in der Aula der Oberschule Kufstein:

„[…] Ausgehend von Scheibelsreiters Gedicht an die Musik über Liebesgedichte von Goethe und Fallersleben sowie dem Gedicht Das Herbstlied von Storm und kleinen Stimmungsbildern des größten Dichters ihrer steierischen Heimat – Peter Roseggers – bis zu Dialektdichtungen von Karl Jäger und Josef Weinheber, vermochte Gertrude Böser in manchmal etwas eigenwilliger Form die inneren Werte der Dichtungen nahezubringen […].

Die gesanglichen Vorträge waren gleichfalls vielfältig: Schuberts Lied Der Frühlingstraum, Richard Strauß’ Ruhe, meine Seele, die Waldeinsamkeit Max Regers sowie die Wolf-Lieder Er ist’s und Heimweh standen den Zigeunerliedern Brahms’, der quecksilberigen Forelle und schließlich dem Kaiserwalzer von Johann Strauß gegenüber. Gertrude Böser bewies bei der Gestaltung ihres Repertoires großes Einfühlungsvermögen und fand damit rasch Kontakt zu den Zuhörern. So war denn dieser Abend von einem ehrlichen Gestaltungswillen erfüllt, an dem Hans Trinius mit seinem guten Begleitpart beachtlichen Anteil hatte. Die Zuhörer dankten mit starkem Beifall.“ (Josef Heitzinger im Tiroler Volksblatt vom 7. April 1944, Seite 3).

Ebenfalls Anfang April stellten diese beiden Künstler, diesmal unter der Devise „Hab’ Sonne im Herzen“, ihr vielfältiges Programm in Reutte vor (Tiroler Landbote vom 10. April 1944, Seite 3).

Für ihre Tourneeprojekte im Gaugebiet zog die KdF vermehrt auch heimische Künstler heran. Über einen Auftritt von Mitgliedern des Innsbrucker Reichsgautheaters in Kufstein informiert Fritz Bachler, der mit vielen Initiativen als Musikdirektor und Leiter der Musikschule das Musikleben Kufsteins in der NS-Zeit prägte:

„[…] Mit auffallender Zurückhaltung im Vortrag sang Rolf Ankowitsch, dessen stimmlicher Glanz an eine mittlere Tonhöhe gebunden erscheint, den Morgengruß von F. Schubert, Schumanns Frühlingsfahrt und Der Wagen rollt von Fiat. An Stelle der angekündigten Wolf-Lieder folgte Claire Mohr mit dem Veilchen von Mozart und mit dem bekannten Wiegenlied, das allgemein immer wieder dem gleichen Meister zugeschrieben wird, vermutlich aber der einmalige Wurf eines Berliner Arztes ist. Eine anfängliche Uneingesungenheit vermochte die Künstlerin ebenso rasch zu überwinden, wie sie uns auch im Verlaufe der Lieder vollends von ihrer Künstlerschaft zu überzeugen verstand. Anschließend brachte Rudolf Christ D’Alberts Das Mädchen und der Schmetterling als besondere und köstliche Seltenheit, um dann in dem Standardwerk der deutschen Liedkunst, in der Mondnacht von Schumann, sein Bestes zu geben […].

Im zweiten Teil des Abends waren die Künstler in ihrem ureigensten Element. Ankowitsch mit Arien aus Zar und Zimmermann und aus Smetanas Verkaufte[r] Braut und Claire Mohr mit einer warm strömenden Butterfly-Arie und mit Mozarts Endlich naht die Stunde aus Figaros Hochzeit […].

Die beiden abschließenden Duette aus Der Wildschütz und abermals aus Butterfly steigerten den Gesamteindruck des Abends in helle Begeisterung und hatten fast frenetischen Beifall auf der einen Seite und mehrere dankbar empfundene Zugaben auf der anderen im Gefolge.“ (Tiroler Volksblatt vom 9. August 1944, Seite 3).

Das „7. Anrechtskonzert“, eine Veranstaltung der KdF in Kooperation mit der Stadt Kufstein, spielten der Geiger Roman Wisata und die Pianistin Herta Reiß mit ihren üblichen Tourneeprogramm, darunter auch das Concertino von Robert Nessler (Besprechung von Fritz Bachler im Tiroler Volksblatt vom 21. Februar 1944, Seite 4).

Beim „8. Anrechtskonzert der ständigen Konzertreihe“ der Stadt Kufstein stellte sich der Klavierlehrer der Gaumusikschule in Innsbruck, Hans Leygraf, in den Dienst der Tourneeunternehmungen der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude. Er bot ein Programm mit Werken von Johann Sebastian Bach, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven (Sonate in A-Dur, op. 2/2) und die virtuose h-Moll-Sonate von Frédéric Chopin. Unter den Zuhörern war auch der Dirigent Oswald Kabasta, der den jungen Pianisten für seine überzeugenden Darbietungen eigens beglückwünschte (vgl. Fritz Bachler im Tiroler Volksblatt vom 8. März 1944, Seite 3).

Über das Schlusskonzert der Musikschule bringt Josef Heitzinger im Tiroler Volksblatt vom 12. Juli 1944 auf Seite 3 einen ausführlichen Bericht. Er beginnt seine Ausführungen mit grundsätzlichen Überlegungen zur Intention ideologiegerechter Musikausbildung:

„,[…] Es gilt heute vor allen Dingen, den jungen Musiker so zu erziehen, daß er – ungeachtet seiner Spezialausbildung – stets den Forderungen, die das Gemeinschaftsmusizieren an ihn stellen wird, aufgeschlossen gegenübersteht.‘ Dieses Ziel in hohem Maße erfüllend, arbeitet die Städtische Musikschule Kufstein unter der Leitung von Musikdirektor Fritz Bachler mit einer Anzahl bewährter Lehrkräfte systematisch auf Breitenwirkung, ohne hierbei den wirklichen Einzelbegabungen sorgsamste Förderung zu versagen. Besonderer Wert wird auch auf die Pflege bodenständiger Volksmusik gelegt, deren Instrumente – Harfe, Zither, Harmonika, Blockflöte und andere – erst seit dem Umbruch in den Lehrplan aufgenommen sind. Es gilt hier vor allem, das Musizieren als Kraftquell in weiteste Volkskreise zu verpflanzen, gleichzeitig aber auch neben der Freude an dem Volkslied das Verständnis für wertvolle alte und neue Musik zu vertiefen. Daß diese Bestrebungen der Städtischen Musikschule Kufstein außerordentlich befruchtend sind, beweist die Tatsache, daß sich die Schülerzahl seit dem Jahre 1938 verfünffacht hat, wobei sich etwa ein Drittel der Schüler und Schülerinnen für die Volksmusik entschieden hat.

Einen Querschnitt durch ihr Schaffen gab die Städtische Musikschule am 6. und 7. Juni mit zwei Schlußkonzerten in der Aula der Oberschule in Kufstein, bei deren Eröffnung Ortsgruppenleiter P[artei]g[enosse] Linderl anwesend war. Musikdirektor Bachler betonte einleitend, daß die Tätigkeit der Musikschulen auch im fünften Kriegsjahr nicht überflüssig sei, denn die Musik bilde im Leben der Volksgemeinschaft einen gewaltigen Gutposten. Die Pflege der deutschen Musik sei daher ein wichtiges Gebiet, an der nun fast die gesamte Jugend teilhabe und nicht mehr wie früher nur die sogenannten ‚höheren Töchter‘. In launiger Wiese führte dann Musikdirektor Bachler die außergewöhnlich vielen Zuhörer durch die sorgsam aufgebaute Musik- und Chorfolge des Abends, die von den Schülern und Schülerinnen der Städtischen Musikschule in Einzel- und Gemeinschaftsdarbietungen bewältigt wurden. Ausgehend von alten Volks- und Kinderliedern über klassische Opern und zurück zur volksgebundenen Brauchtumsmusik – die der Standschützenverband zu neuem Leben erweckte – gab diese Zusammenstellung ein klares Bild von der Vielfalt der weitgespannten Unterrichtsziele der Städtischen Musikschule […].“

Eine Besonderheit im Kulturleben Kufsteins waren die Platzkonzerte der Standschützenkapelle auf dem Adolf-Hitler-Platz. Während der Sommerzeit wurden samstags von 20 bis 21 Uhr unter der Leitung des Kapellmeisters Pg. Hans Juffinger, der 1943 dem beliebten und unternehmungsfreudigen Cyrill Deutsch nachgefolgt war, solche Veranstaltungen kontinuierlich durchgeführt. Das erste Platzkonzert am 24. Juni 1944 hatte folgendes Programm:

Unter dem Siegesbanner, Marsch von F[ranz] v[on] Blon; Fest-Ouvertüre von F[ranz] v[on] Suppé; Im Tal der schönen Isar, Walzer von Hans Lohr; Schubert-Melodien, Potpouirri von Emil Stolz; Heinzelmännchens Wachtparade von [Kurt] Noa[c]k; Carmella Soldatenklänge, Marsch von [Julius] Fucik“ (Tiroler Volksblatt vom 23. Juni 1944, Seite 3).

Bei einem Konzert am 15. Juni 1944 erklangen folgende Stücke:

Frei weg, Marsch von [Carl] Latan[n]; Ouvertüre Fantastique von [Franz] Springer; Feuilleton-Walzer von [Julius] Fucik; Fantasie aus der Oper Traviata von Verdi; Wurzel und Purzel, Konzertpolka für zwei Klarinetten von [Hans] Löhr (die Soli spiel[t]en die Kameraden Gschwendtner und Schmieder); Radetzkymarsch von Strauß (Tiroler Volksblatt vom 14. Juli 1944, Seite 3).

Zum letzten Platzkonzert der Standschützen-Musikkapelle Kufstein 1944 erschien im Tiroler Volksblatt vom 25. August auf Seite 4 zum geplanten Programm auch eine kurze Würdigung dieser beliebten Initiative:

„Die regelmäßigen Platzkonzerte der Standschützen-Musikkapelle in Kufstein werden von der Bevölkerung mit großer Freude aufgenommen. Alt und jung finden sich an den Samstagabenden auf dem Adolf-Hitler-Platz zusammen, um sich an dem flotten Spiel zu erfreuen. Wenn es auch für die Standschützen-Musikkapelle in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist, ein einheitlicher und brauchbarer Klangkörper zu bleiben, so konnte doch dank der Freude unserer Jugend an der Musik alle Schwierigkeiten überwunden werden. Für jeden Schützen, der zur Wehrmacht einrückte oder sonst wie eingesetzt wurde, trat ein Jungschütze an den leeren Platz und bemühte sich, das Beste zu leisten. Mit Schwung und Begeisterung konnte dadurch die Standschützen-Musikkapelle unter Führung von Pg. [Hans] Juffinger ihre gewohnten Konzerte abhalten und auch sonst bei verschiedenen Anlässen zur Stelle sein. Samstag, den 26. August, wird die Standschützen-Musikkapelle ihre diesjährigen sommerlichen Platzkonzerte beschließen; die vielen Volksgenossen, die sich regelmäßig an den munteren Weisen erfreuten, werden der Musikkapelle Dank sagen.

Beim letzten Platzkonzert im heurigen Jahr wird die Standschützen-Musikkapelle in der Zeit von 20 bis 21 Uhr auf dem Adolf-Hitler-Platz in Kufstein folgende Musikstücke spielen: Unter Waffengefährten, Marsch von [Carl] Teike; Lustspiel-Ouvertüre von [Kéler] Bela; Faschingskinder, Walzer von Ziehrer; Die lustige Witwe, Potpourri von Lehar; Aus den Alpen, Idylle von Ruß; Deutschlands Ruhm, Marsch von [Martin] Schröder.“

Am 8. Jänner 1944 veranstaltete die KdF im DAF-Saal Kitzbühel einen Arienabend. Im Rahmen seiner Tournee brachte das Gesangstrio Ilse Peterson, Alfred Wilde und Erwin Wald, am Flügel begleitet von Felix Schröder, dem Publikum die „schönsten Arien von Mozart, Weber und Verdi“ zu Gehör. „Der Saal war voll besetzt. Die Volksgenossen dankten den Künstlern für die genußreichen Stunden mit langanhaltendem Beifall“ (Tiroler Volksblatt vom 12. Jänner 1944, Seite 3).

Zugunsten des Kriegs-Winterhilfswerks fand Anfang Dezember in Kitzbühel ein Chor-Orchesterkonzert statt. Aufgeführt wurde Das Lied von der Glocke für Soli, Chor und Orchester nach Friedrich Schiller mit der Musik von Andreas Romberg (1767-1821). Zu dieser engagierten Unternehmung hatten sich der 80 Mitglieder umfassende Chor der Humboldt-Oberschule Essen, das Kitzbüheler Kammerorchester und vier heimische Solisten zusammengefunden. „Man war überrascht von dem hervorragenden Chor, der mit großer Sicherheit und musikalischer Schönheit seine wichtigen Teile, darunter den schwierigen Feuerchor und den Aufruhrchor, durchführten. Als Solisten wirkten mit: Josefa Tonner, Pepi Mößner, Toni Praxmayr und Dr. Otto Trieloff. Die fein abgestufte Begleitung des Kammerorchesters Kitzbühel fiel besonders auf. Musikdirektor Studienrat Otto Helm hatte Chor, Orchester und Solisten vorzüglich vorbereitet und alle Mitwirkenden zu einem schönen Erfolg geführt. Das Werk wurde viermal aufgeführt.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 11. Dezember 1944, Seite 3).

Die in Kitzbühel ansässige Komponistin Maria Hofer war im Juni 1944 in Salzburg mit einem Konzertprojekt zu Gast, das ausschließlich ihren Werken gewidmet war. Die Innsbrucker Nachrichten vom 24. Juni 1944, Seite 5, bringen anerkennend einen kurzen Beitrag:

„[…] Auf dem Programm standen eine Paraphrase für Orgel über Ich hatt’ einen Kameraden, eine Burleske für Klavier, eine Suite für Orgel und Violine, Orgellieder, Frauenchöre a cap[p]ella und als Abschluß eine Toccata für Orgel. Dr. M. Forster anerkennt in der Salzburger Zeitungdas Bestreben der Komponistin, auf dem Gebiete der Orgelmusik neue Wege zu gehen, und hebt den eigentümlichen Klangcharakter der gesamten Hoferschen Komposition, die ungemein farbige Harmonik, das durchsichtige Stimmgewebe, starke melodische Begabung und die fast männliche Härte und Kompromißlosigkeit Maria Hofers hervor. Die Komponistin am Flügel war sich selbst eine meisterhafte Interpretin von ausgesprochener Virtuosität.“

Auf Initiative der KdF gab die ukrainische Cellistin Chrystia Kolessa, die jüngere Schwester der berühmteren Pianistin Lubka Kolessa, die im Gaugebiet und auch in Innsbruck schon mehrfach konzertierte, auf ihrer Konzerttournee ein Gastspiel in Solbad Hall. Der Aufbau ihres Konzertprogramm entsprach dem üblichen Muster mit klassischen Stücken darunter Beethovens A-Dur-Sonate im ersten Teil und virtuose Literatur, z. B. von Enrique Granados nach der Konzertpause. Als Novität bei ihren Auftritt im Haller Stadtsaal am 4. Februar 1944 brachte sie Kompositionen ihres Klavierbegleiters, des Wiener Komponisten Egon Kornauth (1891-1959; vgl. die Konzertvorschau von Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 28. Jänner 1944, Seite 4).

Über ein Gebirgsjägerkonzert in Landeck informieren die Innsbrucker Nachrichten vom 4. Februar 1944 auf Seite 3 und gleichlautend der Tiroler Landbote vom 11. Februar 1944, Seite 4:

„Die Konzertreise eines Musikkorps der Gebirgsjäger vom hohen Norden, die unter dem Leitwort Die Front grüßt die Heimat steht, führte die Soldaten auch nach Landeck, wo sie im Festsaal der Kreisleitung spielten. Kreisleiter Pg. Bernard hieß die Kameraden von der Front herzlich willkommen, worauf eine Mädelsinggruppe in Tracht als Gruß ein Heimatlied sang. Die reichhaltige Vortragsfolge zeugte von hochstehendem musikalischem Können. Dirigent und Musikkorps ernteten wohlverdienten reichen Beifall.“

Wenige Tage zuvor hatte dieselbe Musikformation der Gebirgsjäger im Theatersaal in Fulpmes konzertiert: „Die Darbietungen der Soldaten wurden vom vollbesetzten Haus mit größtem Beifall aufgenommen“ (Innsbrucker Nachrichten vom 2. Februar 1944, Seite 3).

Im Auftrag der KdF gaben der Kufsteiner Musikdirektor und Cellist Fritz Bachler sowie die Klavierlehrerin an der Kufsteiner Musikschule Linde Vill am 5. Februar 1944 in Schwaz ein Konzert mit dem gleichen Programm, das sie am 11. Dezember 1943 in Kufstein gespielt hatten. Zur Intention der Unternehmung schreibt Josef Heitzinger im Tiroler Volksblatt vom 9. Februar 1944, Seite 3:

„[…] Fritz Bachler und Linde Vill erfüllen mit ihren Konzerten eine beachtenswerte kulturelle Aufgabe, wie sie die Schöpfungen großer Meister auch jenen Volksgenossen nahebringen, denen ein Besuch von Konzerten in großen Städten nicht möglich ist. Das Konzert in Schwaz wurde – wie das in Kufstein – zu einem außergewöhnlich starken, künstlerischen Erfolg, ein Hinweis, daß derartige Konzerte einem großen Kreis von Volksgenossen in vielen Städten unseres Gaues zugänglich gemacht werden sollten.“

Von einem Wunschkonzert der Mädchen des Lagers Kundl des Reichsarbeitsdienstes bringt das Tiroler Volksblatt vom 24. Mai 1944 auf Seite 3 einen detaillierten Bericht. Dieser vermittelt auch Einblicke in die besondere Atmosphäre solcher Abschiedsfeiern der aus dem ganzen Reichsgebiet stammenden Mädchen, die über mehrere Monate für landwirtschaftliche Hilfsdienste im Lager Kundl vereint waren:

„Feste sind selten geworden. Dennoch aber flechten sie sich hin und wieder wie eine duftende Blume in den eintönigen Kranz des Jahres. Dann schlagen alle Menschenherzen höher und schöpfen neue Kraft für das Kommende.

Solch ein Fest feierten kürzlich die Maiden des RAD.-Lagers Kundl. Die Maiden der Winterbelegschaft fanden sich noch einmal zusammen, um Abschied voneinander zu nehmen, ehe sie zum Kriegshilfswerk entlassen werden.

Die Abschiedsfeier stand unter dem Motto Wunschkonzert, und der Erlös war für das Kriegswinterhilfswerk des Deutschen Roten Kreuzes bestimmt. Jede Maid durfte sich für irgend jemanden ein Lied, einen Walzer, einen feschen Landler oder sonst etwas wünschen. War das ein Ueberlegen und Beratschlagen in allen Kameradschaften! Aber dann lief Wunschzettel auf Wunschzettel ein und eine Spende suchte die andere zu überbieten. Geschickte Hände bauten einen Lautsprecher in das Rundfunkgerät ein, so daß in einem Raum, dem ‚Funkhause‘, die Darsteller ungestört arbeiten, im anderen Saal die Maiden mit ihren Gästen den kunterbunten Klängen des Wunschkonzertes lauschen konnten.

Bald füllte sich der Gemeinschaftsraum im RAD.-Lager, den die Maiden mit frischen Zweigen und duftenden Blumen liebevoll geschmückt hatten. Die ‚Außendienstleute‘, wie die Maiden sagen, hatten die Mühe nicht gescheut, am Abend noch einmal das Lager aufzusuchen, denn schließlich hatten sie doch alle ihre Maiden liebgewonnen, sie wollten mit ihnen gemeinsam die Abschiedsfeier erleben. Besonders froh waren die Maiden, daß Ortsgruppenleiter Pg. Ellinger zum Wunschkonzert erschien.

Die Führerin des RAD.-Lagers begrüßte mit herzlichen Worten ihre Gäste, dann ging es Schlag auf Schlag! Da wünschten sich drei Arbeitsmädel für ihre jüngste Kameradin, das Ingridlein, ein Wiegenliedchen, dann eine andere für ‚ihren‘ Flieger das Lied Hoch drob’n, auf’n Berg…, die Hedi für einen Kameraden irgendwo im Lazarett das schöne Lied Heimat, deine Sterne…, die Gretl für die Mitzi einen feschen Wiener Walzer, usw. Auch die Kundler, die als Gäste erschienen waren, meldeten sich zu Wort und ließen für die Maiden zum Abschied ein schneidiges Lied erklingen. Und jedes Mal sprangen die Münzen, tanzten geradezu in allen Geldtascherln und ließen sich kaum halten […]. Und weil in einer Gemeinschaft auch ‚verkannte Talente‘ zu finden sind, sang eine Arbeitsmaid als Hans Moser; sie erntete damit bei den Gästen und Kameradinnen wahre Lachsalven […].“

Auf Initiative der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude brachten Torsten Bernow, Rudolf Christ und Karola Pleschner, allesamt Mitglieder des Reichsgautheaters Innsbruck, mit einem Lieder- und Arienabend das eher seltene Erlebnis von Hochkultur in die Kreisstadt Imst. „Die Darbietungen wurden von den zahlreich erschienenen Kunstfreunden begeistert aufgenommen, der reichlich gespendete Beifall erwirkte manche Zugabe“ wird in den Innsbrucker Nachrichten vom 22. April 1944 auf Seite 3 exklusiv berichtet, um damit auch das ideologiegerechte Engagement der KdF gebührend zu würdigen. Die Klavierbegleitung der Künstler hatte Fritz Seiler, der Leiter der Städtischen Musikschule Bregenz, übernommen.

In Zusammenarbeit mit der Seefelder Zweigstelle der Musikschule der Gauhauptstadt Innsbruck, veranstaltete die KdF Konzerte, so im Juni 1944 ein Kammerkonzert mit dem berühmten Tiroler Pianisten Josef Pembaur jun. und Musikdirektor Fritz Bachler am Violoncello (Tiroler Volksblatt vom 19. Juni 1944, Seite 3). Die Reihe dieser Sonntagskonzerte wurde mit dem „Jahresabschluß“ an der Musikschule Seefeld mit einem festlichen Programm beendet, das vollständig den Wiener Klassikern gewidmet war. „Die Zuhörer dankten den Künstlern (Thora Hauck, R. Eichenhofer und [Hans] Leygraf) mit begeistertem Beifall. Zu einer internen Feier, umrahmt von einem Flötentrio von [Joseph] Haydn und einer unbekannten Fuge von [Wolfgang Amadé] Mozart für Kammerorchester, verabschiedete der Leiter der Schule die Berufsmusikstudierenden und beschloß mit einem Ueberblick über die Jahresarbeit des vergangenen Studienjahres.“ (Innsbrucker Nachrichtenvom 2. August 1944, Seite 3).

Im Juli veranstaltete die KdF in Reutte einen Unterhaltungsabend unter dem Motto Musik und Schabernak. Im Tiroler Landboten vom 14. Juli 1944, Seite 3, wird kurz davon Notiz genommen: „Die Vorführungen, die allgemein gut gefallen haben, bestanden aus musikalischen Vorträgen der Kapelle Walter sowie aus Tänzen und Gesang. Für die Bewegung der Lachmuskeln sorgte Adolf Wagner mit seiner lustigen Ansage.“

Kurz vorher hatten die Innsbrucker Schüler des Kinderlandverschickungslagers in Reutte einen bunten Abend als Abschiedsveranstaltung gestaltet, zu der sich auch Kreisleiter Pg. Höllwarth mit Politischen Leitern seines Kreisstabes einfand:

„Nach der Eröffnung durch den Leiter des Lagers Pg. Perkstaller wurde eine von den Schülern selbständig gestaltete Vortragsfolge abgewickelt, deren Chorgesänge, Zithervorträge, Schuhplattler, humorgewürzte kurze Sprechstücke und Schwänke den ungeteilten Beifall der zahlreichen Besucher fanden. Ein kleines Hausorchester und ein Ziehorgelorchester füllten die Pausen aus. Durch ihr musikalisches Können und ihren frischen, frohen Humor haben sich die Innsbrucker Schüler erneut die Zuneigung der Bevölkerung von Reutte erworben. Dem Kriegshilfswerk konnte ein beträchtlicher Ertrag der Veranstaltung überwiesen werden.“ (Tiroler Landbote vom 27. Juni 1944, Seite 3).

Zugunsten der Straßensammlung für das Winterhilfswerk 1943/44 organisierte die Ortsgruppe der NSDAP in Wörgl im „neuen Astner-Saal“ ein Wunschkonzert, bei dem die Reichsbahnkapelle zum Einsatz kam. Das Publikum konnte sich gegen Entgelt ein Musikstück wünschen. Zuweilen fanden Versteigerungen statt, wobei besonders bekannte Märsche, etwa der Gauleiter-Hofer-Marsch oder der StandschützenmarschHöchstpreise erzielten. „Dank der Musik- und Gebefreudigkeit der Bevölkerung konnte dem Winterhilfswerk wieder eine namhafte Summe überantwortet werden“ (Tiroler Landbote vom 7. April 1944, Seite 3).


Gedenken und Ehrungen

Zum Tod des Opernsängers Georg von Tschurtschenthaler (28. 12. 1883 Gries/Bozen – 17. 12. 1943 Bremen), der während eines Gastspielaufenthalts „in einer deutschen Großstadt“ bei einem Bombenangriff ums Leben kam, erschien in den Innsbrucker Nachrichten vom 31. Jänner 1944 auf Seite 5 ein Nachruf:

„[…] An dem schweren Verlust, den das deutsche Kunstleben durch den Tod Georg von Tschurtschenthalers erlitt, nimmt seine Heimat besonderen Anteil. Tschurtschenthaler wurde in Gries bei Bozen im Jahre 1885 als Sproß einer alten südtirolischen Adelsfamilie geboren und widmete sich nach dem Mittelschulstudium der Laufbahn eines aktiven Offiziers. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges, den Tschurtschenthaler als Generalstabshauptmann mitgemacht hatte, wandte er sich zunächst in Innsbruck dem journalistischen Beruf zu und war einige Zeit als Hauptschriftleiter der Zeitung Alpenland tätig.

Bald aber drängten seine hervorragenden künstlerischen Anlagen Georg von Tschurtschenthaler in die Bühnenlaufbahn eines Opernsängers, der rasch von Erfolg zu Erfolg schritt und nun schon seit vielen Jahren als geschätzter Heldenbariton im klassischen und modernen Opernspielplan des Landestheaters Oldenburg tätig war. Seine ausgesprochene Bühnenbegabung betätigte er auch als Stütze des Intendanten und Gastregisseur und wurde durch zahlreiche Gastspiele im Reichsgebiet, besonders in Berlin, Hamburg, Bremen u. a. weiten Kreisen bekannt. Auch als Gast der Bayreuther Festspiele, in deren Rahmen er u. a. den Biterolf in Wagners Tannhäuser sang, ist Tschurtschenthaler wiederholt hervorgetreten.

Mit besonderer Vorliebe war Georg von Tschurtschenthaler, soweit es seine Verpflichtungen erlaubten, auch in seiner Heimat künstlerisch tätig. So kennen ihn die Innsbrucker Musikfreunde als beliebten Lieder- und Oratoriensänger von seinen Konzerten und Liederabenden, vor allem aber von vielen Gastspielen im ehemaligen Stadttheater.

Nun hat sein jäher Tod für Großdeutschland das Leben und Wirken eines Sängers viel zu früh abgeschlossen, der nicht nur in seiner engeren Heimat, sondern in weiten deutschen Landen durch seine liebenswerten menschlichen und künstlerischen Vorzüge unvergessen bleiben wird.“

Am 15. März 1944 starb in Wien „im hohen Alter von 86 Jahren“ Karl Mühlberger, der letzte Kapellmeister des 1. Tiroler Kaiserjäger-Regiments und Komponist des Kaiserjägermarsches. Die Innsbrucker Nachrichten vom 21. März 1944 (Seite 3) widmeten seinem Wirken einen Nachruf:

„[…] Kapellmeister Mühlberger war eine der bekanntesten Persönlichkeiten des österreichischen Musiklebens; 37 Jahre lang diente er als Militärkapellmeister und verlebte einen großen Teil dieser langen Zeit in Innsbruck, dem Standort des 1. Tiroler Kaiserjäger-Regimentes, dem Karl Mühlberger als Kapellmeister bis zum Zusammenbruch im Jahre 1918 angehörte. Im Jahre 1914 zog Kapellmeister Mühlberger mit dem Feldregiment nach der Mobilisierung auf den nördlichen Kriegsschauplatz, wo sein einziger Sohn als Leutnant den Heldentod fand. Kapellmeister Mühlbergers Name ist hauptsächlich durch den Kaiserjägermarsch, dessen Melodie von Mühlberger stammt, in die weitesten Kreise gedrungen. In den Reihen der ehemaligen Kaiserjäger wird das Andenken an Kapellmeister Karl Mühlberger und seine vornehme, kameradschaftliche Art stets in Ehren gehalten werden.“

Zum Andenken an den verstorbenen Kapellmeister der Standschützen-Musikkapelle in Stockach veröffentlichte der Tiroler Landbote vom 9. Mai 1944 auf Seite 3 eine kurze Würdigung seiner Tätigkeit:

„Vor einiger Zeit hat uns eine tückische Krankheit den Kapellmeister der Standschützen-Musikkapelle, Ferdinand Fuchs, entrissen. Unser lieber Fuchs war Musikant mit Leib und Seele. Als ganz junger Bursche trat er bei der Gründung unserer Musikkapelle im Jahre 1880 in ihre Reihen. 64 Jahre lang gehörte er ihr an, zuerst als Flügelhornist und 25 Jahre als Kapellmeister. Für seine Musik war ihm nichts zuviel und kleine Mühe zu groß. Mit vielen anderen Trauergästen erwies ihm auch die Musik die letzte Ehre und spielte den Kameradenmarsch als Abschiedsgruß. Er war uns ein guter Kamerad, den wir nie vergessen werden.“

Dem Tiroler Komponisten Josef Eduard Ploner, der sich in der Zeit des Nationalsozialismus seiner Weltanschauung gemäß in den Dienst der Machthaber stellte und mit seiner Kunst der Ideologie bereitwillig Gefolgschaft leistete, erwiesen die noch vorhandenen Printmedien zu seinem 50. Geburtstag am 4. Februar 1944 entsprechende Reverenz. In den Innsbrucker Nachrichten veröffentlichte Hermann Josef Spiehs einen ausführlichen Lebenslauf in Form einer beeindruckenden Laudatio (Details siehe in Josef Eduard Ploner, 1943/44).

Unter der Überschrift „,Das echte Volkslied in die Heimat!‘“, womit Ploners hauptsächliches, aktuelles, in der Öffentlichkeit besonders wahrgenommenes Wirken als engagierter Mitarbeiter des Tiroler Volksliedarchivs betont erscheint, bringt das Tiroler Volksblatt vom 4. Februar 1944 auf Seite 5 eine Würdigung des Komponisten:

„Der weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt gewordene Tiroler Komponist Josef Eduard Ploner begeht am 4. Februar seinen 50. Geburtstag. Als Herausgeber der Liederblätter für den Gau Tirol-Vorarlberg, des Hellau-Liederbuches und Betreuer des Volksliedarchivs verfolgt Ploner unentwegt sein Ziel, das echte Volkslied ins Volk und in die Heimat zu tragen und neben der Moderne auch wertvolles Musikgut der Heimat aus der Vergangenheit neu zu beleben.

Ploners Eigenschaffen umfaßt heute bereits 450 größere und kleinere Kompositionen, die zum Teil von führenden Verlegern herausgegeben worden sind. Ploners Orgelwerke werden von den führenden Künstlern Deutschlands in Weihestunden des Volkes gespielt, seine Kammermusik und seine Vokalwerke sind in Innsbruck wie in zahlreichen Großstädten des Reiches mit Erfolg aufgeführt worden und haben dem Namen des Künstlers bereits guten Klang verschafft. Jeder billigen Wirkung abhold, auf gediegenem Können aufbauend, gibt Ploner in ernstem Streben und tiefem Verantwortungsbewußtsein dem deutschen Wesen überragenden Ausdruck.“

Ein annähernd gleichlautender Text erschien im Bozner Tagblatt vom 8. Februar 1944, Seite 3.

In ähnlicher Weise, das „Völkische“ im Wirken und Schaffen Ploners hervorhebend, bringt der Tiroler Landbote seine Hochachtung für den Komponisten zum Ausdruck (8. Februar 1944, Seite 4):

„[…] Mit gutem Können ausgerüstet, übernahm Ploner dann die Lehrtätigkeit als Chormeister der akademischen Sängerschaft Skalden und als Leiter des von ihm geschaffenen Innsbrucker Kammerchores. Als treuer Helfer des genialen Sangwartes Toni Fischer erlebte Ploner chorische Spitzenleistungen des Deutschen Männergesangvereines. Schon damals schuf Ploner seine ersten eigenen Werke, die von Anfang an schön und edel, in ihrer ganzen Auffassung und ihrem inneren Gehalt kerndeutsch waren […].

Uns Alpenländern erscheint der auch in seiner Tonsprache kernige Landsmann besonders bedeutsam durch seine Kantate Das Land im Gebirge, die Bühnenmusik zu Michael Gaismayr sowie die Wiederbelebung der Wolkensteiner-Lieder. Gut bekannt geworden ist er auch als Herausgeber der Liederblätter für den Gau Tirol-Vorarlberg und des Hellau-Liederbuches. Das Volksliedarchiv hat Ploner sorgfältig ausgestaltet. Sein ganzes Sinnen und Trachten gilt der musikkulturellen Aufbauarbeit. Das wesensechte Musikgut, insbesondere der älteren Zeit, wiederzubeleben, den Geschmack der Bevölkerung für das wahre Volkslied zu schulen, ebenso für die gesunde Richtung der Blasmusik, darin erblickt Ploner die wichtigsten Ziele erfolgreicher völkischer Musikerziehung.“


Rundfunk

Mit der Schließung der Theater im Herbst 1944 und dem Ausfall öffentlicher kultureller Veranstaltungen übernahm der Rundfunk neben seiner Informations- und Propagandafunktion nahezu ausschließlich auch die kulturellen Aufgaben für die Bevölkerung. Bereits Ende 1943 war das Programmschema neu festgelegt und ab 2. Jänner 1944 in Kraft gesetzt worden. Die Intention war schon damals, einen Ausgleich für das durch die Kriegereignisse immer mehr eingeschränkte öffentliche Kulturleben zu schaffen. Aus diesem Grund wurden nun auch im Rundfunk vermehrt Übertragungen kompletter Opern- und Theaterproduktionen sowie Operettenvorstellungen angesetzt. Mit der Überschrift „Der Rundfunk im neuen Jahr. Aufgelockerter Sendeplan für Reichs- und Deutschlandsender“ informieren die Innsbrucker Nachrichten vom 29. Dezember 1943 auf Seite 4 über die Neuerungen:

„Ab 2. Jänner 1944 wird der Sendeplan des Großdeutschen Rundfunks noch beweglicher als bisher gehalten werden. Wer z. B. nur den Deutschlandsender einschalten kann, wird in Zukunft auch hier Sendungen wechselnden Stils und Inhalts empfangen können. Für die Aufeinanderfolge der verschiedenen Sendungstypen sind zwei Wochenpläne aufgestellt worden, die einander ablösen. Sie sind in sich schon unterschiedlich und farbig für die einzelnen Abende gehalten und lassen nie zwei anspruchsvolle, starke Aufnahmebereitschaft fordernde Sendungen aufeinander folgen. So werden also die Hauptsendungen in der ersten Woche im Reichsprogramm, in der zweiten im Doppelprogramm des Deutschlandsenders erscheinen. Auf diese Weise begegnen jedem Hörer im Laufe von zwei Wochen Sendungen mit leichter Unterhaltungs[musik, mit] Opern- und Operettendarbietungen, kammermusikalische und symphonische Konzerte, volkstümliche Weisen und beschwingte Rhythmen, auch wenn sein Empfangsgerät nicht umgeschaltet wird.

Am Sonntag erwartet der Hörer eine besonders bunte Sendefolge. Für diesen Tag wird deshalb das Programm fast durchgehend als Doppelprogramm gestaltet. Die Reihenfolge der beiden nebeneinander laufenden Sendungen wechseln auch hier achttägig. Will man z. B. an jedem Sonntag sein Schatzkästlein hören, so schaltet man jeweils einen Reichssender und am nächsten Sonntag den Deutschlandsender ein. Bleibt man aber immer auf gleicher Welle, so wird es einem wenigstens an jedem zweiten Sonntag geboten.

Mehr noch als bisher wird der Rundfunk geschlossene Aufführungen ganzer Bühnenwerke bringen. An jedem Sonntagnachmittag wird eine Oper gesendet, und zwar wechselnd im Reichsprogramm oder im Deutschlandsender. Ein Abend der Woche bleibt der Operette vorbehalten; in der ersten Woche ist es der Dienstag für die Hörer des Deutschlandsenders, in der zweiten erklingt sie am Freitag über die Reichssender.

Die Musik zur Dämmerstunde, die bisher täglich über den Deutschlandsender ausgestrahlt wurde, wechselt an jedem zweiten Tag ins Reichsprogramm hinüber. Zur gleichen Zeit wird in der parallel laufenden Sendung Unterhaltungsmusik dargeboten. Diese Umgruppierung erfüllt den Wunsch zahlreicher Verwundeter, die nun auch am Nachmittag über den Deutschlandsender des öfteren leichte Sendungen hören können.

Dem festen Kreis der Freunde philharmonischer Konzerte sei noch mitgeteilt, daß diese Sendereihe keine Verlagerung im Programm erfahren hat und weiterhin die Zeit von 18 bis 19 Uhr am Sonntag behält. Eine Wiederholung dieser Konzerte wird nun auch vierzehntägig am Montag im Deutschlandsender durchgeführt.

Zur gewohnten Stunde kehrt am Montagabend in jeder Woche im Reichsprogramm die beliebte Folge Für jeden etwas wieder. Und mehr noch als bisher versucht der Rundfunk mit seinen Sendungen für jeden Hörer etwas zu bringen, ganz gleich auf welcher Welle er sendet.“

Ein Beispiel für ein nach den neuen Vorgaben typisch gestaltetes Rundfunkprogramm findet sich in den Innsbrucker Nachrichten vom 5. Mai 1944 auf Seite 4:

R e i c h s p r o g r a m m:
7.30 bis 7.45: Zum Hören und Behalten: Die Dynamomaschine. 12.35 bis 12.45 Uhr: Der Bericht der Lage. 14.15 bis 15 Uhr: Musikalische Kurzweil von der Kapelle Erich Börschel. 15 bis 15.30 Uhr: Kleines Konzert. 15.30 bis 16 Uhr: Solistenmusik: junger Nachwuchs stellt sich vor. 17.15 bis 18.30 Uhr: Ja, wenn die Musik nicht wär! Unterhaltung aus Hamburg. 18.30 bis 19 Uhr: Der Zeitspiegel. 19.15 bis 19.30 Uhr: Frontberichte. 19.45 bis 20 Uhr: Dr.-Goebbels-Aufsatz: Die unsicheren Faktoren. 20.15 bis 22 Uhr: Wiener Blut, Operette von Johann Strauß.

D e u t s c h l a n d s e n d e r:
17.15 bis 18.30 Uhr: Konzertsendung der Wiener Symphoniker: Bach, Cherubini u. a. 20.15 bis 20.45 Uhr: Liedsendung An die Freunde. 20.45 bis 21 Uhr: Hubert Giesen spielt Klaviermusik von Chopin und Schubert. 21 bis 22 Uhr: Opernkonzert mit Werken von Hans Pfitzner (zum 75. Geburtstag).“

Als Vergleichsbeispiel diene der Programmvorschlag „Was bringt der Rundfunk am Freitag?“ eine Woche später in den Innsbrucker Nachrichtenvom 12. Mai 1944, Seite 4:

R e i c h s p r o g r a m m:
7.30 bis 7.45 Uhr: Zum Hören und Behalten: Chemische Nutzung der Kohle. 11 bis 11.30 Uhr: Ausgewählte Unterhaltungsmusik. 11.30 bis 12 Uhr: Wer schaffen will, muß fröhlich sein, eine Sendung des RAD. mit Volksliedern und Spielmusik. 12.35 bis 12.45 Uhr: Der Bericht zur Lage. 14.14 bis 15 Uhr: Klingende Kleinigkeiten von der Kapelle Erich Börschel. 15 bis 15.30 Uhr: Aus Oper und Konzert. 15.30 bis 16 Uhr: Solistenmusik von Beethoven und Schumann. 16 bis 17 Uhr: Buntes Nachmittagskonzert. 17.15 bis 18.30 Uhr: Hamburger Unterhaltungskapelle Jan Hoffmann spielt. 18.30 bis 19 Uhr: Der Zeitspiegel. 19.15 bis 19.30 Uhr: Frontberichte. 19.35 bis 20 Uhr: Dr.-Goebbels-Aufsatz: Die Partei im Kriege. 20.15 bis 21 Uhr: Beschwingtes Unterhaltungskonzert. 21 bis 22 Uhr: Melodien Zwischen Ernst und Scherz.

D e u t s c h l a n d s e n d e r:
17.15 bis 18.30 Uhr: Klassisches Konzert des Orchesters des Stadttheaters Krakau. Leitung Hans Antolits. Solist Friedrich Wührer. 19 bis 19.15 Uhr: Wir raten mit euch. 20.15 bis 21 Uhr: Liedsendung Aus der Heimat. 21 bis 22 Uhr: Konzert der Wiener Philharmoniker mit Werken von Strauß und Beethoven. Leitung Karl Böhm, Solist Gottfried Freyberg.“

Eine detaillierte statistische Auflistung des Programms mit Erläuterung, die offiziell vom Rundfunk als Statement an die Medien weitergeleitet wurde, um der Kritik zu begegnen, dass zuviel an Unterhaltungsmusik gesendet würde, bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 7. April 1944 auf Seite 4 mit dem Aufmacher „Zuviel Tanzmusik durch den Rundfunk?“ Die Darstellung diente natürlich auch der Eigenpropaganda und verweist auf die überragende Bedeutung des Unternehmens in dem durch das Kriegsgeschehen sonst eingeschränkten Kulturleben:

„Kleines Rechenexempel und zugleich ein Wort an Dauerhörer und Besserwisser.

Jeder Tag hat 24 Stunden. 24 Stunden täglich ist der Rundfunk uns ein liebenswerter, nimmermüder Gesellschafter, Unterhalter, Erzähler, Berichter, Aufklärer, Warner und wohlmeinender Freund. 20 Stunden davon – rund gerechnet – sendet er Musik, leichte und schwere Musik, Opernmusik, Tanzmusik, je nach Bedarf und Tageszeit. Das sind im Durchschnitt zwischen 250 und 300 Nummern am Tag. Oder: in der Woche 140 Stunden Musik mit etwa 2000 Einzelsendungen, im Monat 600 Stunden mit rund 9000 Musikstücken […].

Es ergibt sich dann zunächst, daß der Großdeutsche Rundfunk jedenfalls der größte Musikproduzent der Welt ist, der größte Konzertunternehmer, wenn man so will, und damit auch wirtschaftlich eine kaum zu unterschätzende Rolle in unserem Kulturleben spielt. Berücksichtigt man ferner, daß jede musikalische Sendung ja auch ausgewählt, zusammengestellt und geprobt werden muß und daß diese Vorbereitung naturgemäß ein Vielfaches von dem erfordert, was schließlich die Aufführung selbst an guter und kostbarer Zeit benötigt, so erhält man des weiteren auch einen ungefähren Begriff von dem Ausmaß an organisatorischer Arbeit, das dazu gehört, das Programm so nahtlos ablaufen zu lassen, wie es das tatsächlich tut.

Nun – wird unser Dauerhörer und Rundfunkbesserwisser sagen, so schlimm ist das ja alles nicht; wo es sich doch zumeist um Tanzmusik und billige Unterhaltung handelt!

Aber hier irrt er sich doch ein wenig und fällt hier einer Mystifikation zum Opfer, an der in erster Linie die fröhlichen Morgen- und flotten Abendprogramme, die er laufend hört, schuld sein mögen, die zu einem guten Teil aber auch auf seine Denkfaulheit und allzu große Radiogewöhnung zurückgeht. Denn macht man sich einmal die Mühe, die Gliederung des musikalischen Programms des Deutschlandsenders für eine bestimmte Zeit stundenmäßig festzulegen, so ergibt sich nämlich, daß die ernste, allgemein verständliche Musik (Mozart, Haydn bis Reger) 98, volkstümliche Unterhaltungsmusik 97, leichte, klassische Musik (Weber, Strauß und geschlossene Opern) 85, leichte Tanz- und Unterhaltungsmusik 57, gehobene Unterhaltungsmusik 30,5, schwere, klassische Musik (Bach bis Bruckner) 19, musikalische Solistensendungen 15,3, die sonntäglichen Soldatensendungen 10 und die künstlerischen Wortsendungen (z. B. Schatzkästlein) 8,45 Stunden des Angebotes in Anspruch nehmen (wobei bei den Reichssendern allerdings eine gewisse, aber nicht ausschlaggebende Verlagerung zugunsten der leichten Tanz- und Unterhaltungsmusik stattfindet). Daraus ergibt sich also mit der Beweiskraft der arithmetischen Rechnung, daß nicht allein leichte und allerleichteste musikalische Unterhaltungsware über den hilflosen Hörer ausgeschüttet wird, sondern daß es sich um ein wohldurchdachtes, zwischen Ernst und Heiter weitgehend ausbalanciertes Programm handelt.

Damit ist über die Qualität der Wiedergabe noch nichts gesagt. Dieses dürfte sich aber selbst einem unverbesserlichen Zweifler gegenüber erübrigen. Wenn ihm Furtwängler Beethoven dirigiert, Clemens Kraus den Rosenkavalier, wenn ihm Helge Roswaenge und Erna Berger Opernarien singen, Gerhard Taschner Bachs Chaconne, Gieseking Mozarts D-dur-Sonate spielt, Elfie Mayerhofer ihm von der Liebe zwitschert, Franz Lehar einem großen Orchester seine eigenen Melodien entlockt – dann dürfte er, behaglich oder selbstvergessen den Tönen lauschend, die ihm der Rundfunk schenkt, sich zufrieden geben und mit der Amortisierung seiner monatlichen Zwei-Mark-Aktie einverstanden sein.“

Mit der ab 1. September 1944 verordneten Schließung aller Bühnen und Varietés im Zusammenhang mit der Verkündung des totalen Krieges wurde das Rundfunkprogramm erneut adaptiert, um der neuen Herausforderung für das Fehlen von Live-Erlebnissen im Theater zumindest annähernd Ersatz zu schaffen. Reichsminister Dr. Joseph Goebbels beauftragte den mit der Leitung der Abteilung Rundfunk im Propagandaministerium betrauten Ministerialdirektor Hans Fritzsche, mittels Nationalsozialistischer Parteikorrespondenz die Öffentlichkeit über die wesentlichen Neuerungen zu informieren. Hans Trimmer berichtet im Tiroler Volksblatt vom 29. September 1944 auf Seite 5 über die diesbezüglichen Ausführungen:

„[…] Berücksichtigt man, so betonte der Ministerialdirektor, daß der Rundfunk schon seit einigen Jahren durch Zusammenlegung der Reichssender und die Ausstrahlung eines Reichsprogrammes einen wesentlichen Kriegsbeitrag geleistet und auch jetzt im Verfolg der erlassenen Anordnungen erneut eine Anzahl Kräfte für anderen Einsatz frei gemacht hat, so wird man zugeben müssen, daß sich Mannigfaltigkeit, Inhalt und Umfang der Programme trotz der kriegsbedingten Einschränkungen stetig aufwärts entwickelt haben.

Dieses Bestreben, auch fernerhin ein abwechslungsreiches Programm aufzustellen und zu senden, muß sich natürlich erst recht in dem Augenblick zeigen, in dem die Möglichkeiten einer Erbauung wie auch die einer Zerstreuung geringer werden. Und so ist es eigentlich nur selbstverständlich, daß der Rundfunk die durch Schließung der Kulturinstitute entstandene Lücke schließt.

Im einzelnen ist zu diesem Vorhaben folgendes zu sagen:

Es wäre natürlich verfehlt, an mehreren Abenden im Monat die ungekürzten Aufführungen unserer Dramatiker zu senden, denn zu einem derartig konzentrierten Hören bleibt heute den wenigsten Menschen die Zeit. Daher wird die geplante Reihe Bühne im Rundfunk nur Sendungen von einer dreiviertel Stunde bringen. Mit den besten Kräften des deutschen Theaters wird hier in einem Querschnitt jeweils vierzehntägig am Freitag im Deutschlandsender und ebenso zweimal im Monat am Dienstag über das Reichsprogramm von 20.15 bis 21.00 Uhr ein bedeutendes Werk unserer Dichtkunst gesendet. Die Reihe beginnt Anfang Oktober mit einer Sendung der Minna von Barnhelm, in der Ewald Balser und Marianne Hoppe die Hauptrollen sprechen.

Der theaterbegeisterte Hörer hat also in jeder Woche einmal Gelegenheit, ‚mit dem Rundfunk ins Theater‘ zu gehen. Vom großen Drama bis zum Schwank wird für jeden Geschmack etwas in diese Sendereihe aufgenommen. Zu diesen Sendungen werden die besten Kräfte des deutschen Theaters herangezogen. Soweit sie im totalen Kriegseinsatz stehen, haben sie sich über ihre Dienstzeit hinaus für diese künstlerische Arbeit zur Verfügung gestellt.

Im Zusammenhang mit dieser Theatersendung steht auch die Reihe Unsterbliches Wort, die entsprechend der Folge Unsterbliche Musik mit den Spitzenkräften der Schauspielkunst zweimal im Monat am Sonnabend von 18.00 bis 18.30 gesendet wird. So wie dort die unvergänglichen Werke deutscher Tonsetzer, die sich mit ihrer Musik unsterblich machten, zu Gehör kommen, so sollen in dieser Reihe die ebenso unvergänglichen Worte der unsterblichen Dichter dem Hörer vermittelt werden.

Ueber diese feststehenden Sendereihen hinaus wird der schon zur lieben Gewohnheit gewordene Zeitspiegel noch eine wesentliche Erweiterung erfahren. Neben den bekannten Folgen Der Hörer fragt, der Zeitspiegel antwortet und dem Europa-Film des Zeitspiegels ist neuerdings eine Sendung Aus deutschen Gauen aufgenommen worden, deren Sinn es ist, dem Hörer ein Bild seiner großen deutschen Heimat zu vermitteln. Wenn dieser Hinweis im Zusammenhang mit den Bühnensendungen des Rundfunks gegeben wird, so soll damit deutlich gemacht werden, daß der Rundfunk bemüht ist, auch auf anderen Gebieten die durch den totalen Kriegseinsatz entstandenen Lücken auszugleichen. Gleichzeitig gibt diese Reihe gewissermaßen eine landschaftliche Untermalung der oben genannten Wortsendungen.

Abschließend versichert der Leiter des Rundfunks, daß an der weiteren Programmgestaltung ständig gearbeitet wird. Anregungen aus Hörerkreisen werden dazu beitragen, die Vielfalt der Sendungen noch zu steigern. Der Rundfunk ist Gemeingut des ganzen deutschen Volkes, an ihm mitzuarbeiten ist also auch dessen Aufgabe.

Größter Wert wurde auf die Feststellung gelegt, daß der Rundfunk ja immer auf den guten Willen seiner Hörer angewiesen ist und an deren Mitarbeit appellieren muß insofern, als kein Hörer erwarten darf, daß er bei zufälligem Einschalten des Empfängers das erwarten kann, was er gerade hören möchte.

Es gibt ganze Sendungsblöcke der politischen Unterrichtung, der ernsten und anfeuernden Stellungnahme zu den Zeitereignissen, aber auch solche der ganz abseits des Tagesgeschehens liegenden Vermittlung von Wissen oder leichter und entspannender Unterhaltung. Es ist unmöglich, diese verschiedenen Aufgaben ständig im ganzen Tagesprogramm miteinander zu mischen. Deshalb muß sich der Hörer schon etwas nach der Programmgestaltung richten. Man darf also von der Stunde der leichten Unterhaltung ebenso wenig politische Unterrichtung verlangen, wie man von einer Romanzeitung die neuesten Tagesnachrichten verlangen könnte.

Auch der Rundfunk hat in dieser Zeit schicksalhafter Entscheidung seine große Probe zu bestehen. Vierzig Millionen Hörer etwa sind Nutznießer seiner Programme. Sie erwarten die Mitteilung über das Tagesgeschehen ebenso wie die seelische Bereicherung durch seine Sendungen, die Erbauung und die Heiterkeit, den sittlichen Ernst und die Zerstreuung.“

Einen mehr ins Detail gehenden Bericht von der Umsetzung des neuen Programmkonzepts bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 2. Oktober 1944, Seite 4:

„Nachdem die Theater schweigsam geworden, die Opernaufführungen und Konzerte im Reich verklungen sind, wird der Großdeutsche Rundfunk in neuen Sendereihen die Erinnerung an glanzvolle Aufführungen deutscher Bühnen lebendig halten und in seinem Musikprogramm noch stärker als bisher die Spitzenorchester und ersten Solisten des Reiches herausstellen.

Querschnitte durch die bekanntesten Bühnenwerke bringt eine Sendereihe Bühne im Rundfunk, die mit Lessings Minna von Barnhelm(Marianne Hoppe und Ewald Balser in den Hauptrollen) am 13. Oktober beginnt und an den Dienstagen und Freitagen wechselnd über die Reichssender oder den Deutschlandsender zu hören sein wird. Für weitere Sendungen sind vorgesehen: Ludwig Thomas gesellschaftskritische Komödie Moral in der Besetzung der Münchner Staatsschauspieler, Johann Nestroys Wiener Volksposse Einen Jux will er sich machen in der Besetzung des Wiener Akademietheaters, Das Konzert von Hermann Bahr, Hans Hömbergs Kirschen für Rom in einer Rundfunkbearbeitung des Autors und von Kurt J. Braun Mit meinen Augen, ebenfalls in einer Bearbeitung des Autors. Die Leitung dieser Sendereihe hat der Münchner Rundfunkdramaturg und Spielleiter Dr. Wilfrid Feldhütter.

Geschlossene Operndarbietungen, die als Sonderaufführungen der ersten deutschen Opernbühnen für den Rundfunk durchgeführt wurden, sind 14täglich an den Sonntagnachmittagen in der Zeit zwischen 15.30 bis 18 Uhr über den Deutschlandsender zu hören. So in den nächsten Wochen Elektra von Richard Strauß in der Besetzung der Hamburger Staatsoper, Der Freischütz von Weber und Mozarts Don Giovanni mit Kräften der Staatsoper Dresden, Der fliegende Holländer von Wagner, eine Aufführung der Staatsoper München. Geschlossene Aufführungen von Leoncavallos Bajazzo und Bizets Perlenfischern werden in der Sendereihe Bühne im Rundfunk erscheinen. Die Opernkonzerte Wie es euch gefällt von Fritz Ganß sind wie bisher regelmäßig an den Donnerstagen im Programm.

Eine beträchtliche Anzahl von Operettenspielen liegt auf Magnetophon vor, so daß die wöchentliche Operettensendung weitergeführt werden kann, die noch ergänzt wird durch rundfunkeigene Einstudierung.

In verstärktem Maße wird der Rundfunk sich auch der Pflege des Singspiels annehmen. In den nächsten Wochen sind im Programm: Der betrogene Kadi von Gluck, Der Holzdieb von Marschner, Abu Hassan von Weber, Die Opernprobe von Lortzing, Die Verschworenen von Schubert u. a. An die Seite der großen Konzertstunde Unsterbliche Musik deutscher Meister tritt eine neue Sendereihe Unsterbliches deutsches Wort, in der Dichtung und Prosa von überzeitlicher Gültigkeit durch Meister der Vortragskunst 14täglich samstags dargeboten werden. Die bisher von verschiedenen Volksbildungsinstituten veranstalteten Vortragsstunden, Dichterlesungen und Morgenfeiern erhalten durch diese Sendung und die bereits seit einigen Monaten laufenden Dichterlesungen als Stimme unserer Dichter einen größeren Wirkungsradius.

Die Atmosphäre des Konzertsaales bewahren die Solistensendungen. Klavierabende mit Walter Gieseking, Elly Ney, Conrad Hansen und Wilhelm Kempff, Violinabende mit Georg Kulenkampff, Siegfried Borries u. a. wollen die Tradition des Konzertsaales pflegen; daneben werden die bereits seit langem im Programm stehenden Sendungen mit Gesangs- und Instrumentalsolisten unter Leitung von Michael Raucheisen weitergeführt. Die deutschen Spitzenorchester können in verstärktem Maße für Sendungen eingesetzt und dadurch die Philharmonischen Konzerte an den Freitagabenden mit rundfunkeigenen Darbietungen bereichert werden. Altvertraute Sendungstypen mit kammermusikalischen Vortragsfolgen, Komponistenbildern und bunten Konzertprogrammen in der Musik zur Dämmerstunde werden ergänzt durch das wöchentliche Rundfunkkonzert unter Leitung von Artur Rother, Generalmusikdirektor des Großdeutschen Rundfunks, durch neue Sendereihen wie Ewige Gestalten in Musik und Dichtung, eine Zusammenfassung von Musikschöpfungen um Gestalten der Weltliteratur, und Wodurch sie berühmt wurden, eine Herausstellung der Werte unserer großen Meister, die Allgemeinbesitz des Volkes geworden sind. Musik und Wort unter dem Motto Mit vergnügten Sinnen unterhalten künstlerisch interessierte Hörer mit heiteren Lied- und Instrumentalvorträgen unserer großen Meister.

Auch die volkstümlichen unterhaltenden Sendungen erhalten manche Erweiterung. Eine Neuerscheinung bedeutet hier der Musikkalender, eine volkstümliche Programmfolge, die nach dem Arbeitsrhythmus des Menschen, den Regungen der Natur und den Gedenktagen des Monats ausgewählt wird.“

Zum Rundfunkprogramm erschienen in der Presse wöchentlich zusammengefasste Vorschauen, zum Beispiel in den Innsbrucker Nachrichtenvom 23. Oktober 1944, Seite 4:

„Im Rundfunkprogramm der Woche vom 22. bis 28. Oktober begegnen uns unsere Meister der Oper in Sendungen mit musikalischen Bühnenwerken. Ein Richard-Wagner-Konzert mit Ausschnitten aus Lohengrin und Tannhäuser führt die Bayerische Staatsoper unter der Leitung von Heinrich Hollreiser am Dienstag aus (20.15 Reichssender). Von Künstlern der Wiener Staatsoper wird am Mittwoch das Singspiel von Gluck Der betrogene Kadi unter musikalischer Leitung von Lovro von Matacic dargeboten (21.00 Deutschlandsender) und noch einmal ist die Wiener Staatsoper beteiligt bei der Aufführung eines Opernkonzerts am Donnerstag, in dem Szenen aus Mozarts Entführung aus dem Serail unter der Leitung von Rudolf Moralt erklingen (21.00 Uhr Reichssender).

Ins Reich des Theaters führt der Rundfunk am Freitag. Die zweite Sendereihe Bühne im Rundfunk wartet mit Ludwig Thomas Komödie Moral in einer Rundfunkbearbeitung von Franz Weichenmeyer auf. Die Spielleitung hat Alexander Golling. Von den Mitwirkenden werden Erhard Siedel, Gustav Waldar, Evamarie Duhan genannt (20.15 Deutschlandsender). In der Sendung Unsterbliche Musikdeutscher Meister erklingt am Sonntag der Herbst aus Haydns Oratorium Die Jahreszeiten. Clemens Krauß leitet die Aufführung mit den Wiener Philharmonikern, dem Wiener Staatsopernchor und den Solisten Trude Hipperle, Julius Patzak und Georg Hann (18.00 Uhr).

Von den Abendkonzerten werden hervorgehoben das „Rundfunkkonzert“ am Donnerstag unter Leitung von Artur Rother. Das Programm enthält eine Lustspielouvertüre von Busoni, drei Nocturnos von Debussy und das Liebesduett aus Feuersnot von Rich[ard] Strauß (20.15 Reichssender). Der Freitag bringt wieder eine Sendung mit dem Linzer Reichs-Bruckner-Orchester, das unter Leitung von Georg Ludwig Jochum Werke von Wagner, Respighi und Cäsar Franck spielt (21.00 Uhr Reichssender).

Die Kammermusik ist mit Werken von Brahms, dem Streichquintett in G-Dur und Klavierstücken in der Sendung am Mittwoch vertreten (20.15). Bruno Aulich macht Freunde häuslichen Musizierens am Dienstag mit Serenaden, auf Gassen und Plätzen zu spielen bekannt.

Zum Schluß sei noch auf die neue Sendereihe Mit vergnügtem Sinn hingewiesen, die für eine halbe Stunde an den Samstagen Humorvolles in Musik und Wort über den Deutschlandsender bietet und diesmal neben Liedern von Hugo Rasch Verse von Wilhelm Busch, gesprochen von Victor de Kowa, enthält (18.00 Uhr Reichssender).“

Das Rundfunkprogramm vom 25. Oktober 1944, laut „Was bringt der Rundfunk am Mittwoch?“ in den Innsbrucker Nachrichten vom 25. Oktober 1944, Seite 4:

R e i c h s p r o g r a m m:
7.30 bis 7.45 Uhr: Eine Sendung zum Hören und Behalten aus der Physik. 8.50 bis 9 Uhr: Der Frauenspiegel. 11.30 bis 12 Uhr: Die bunte Welt. 12.35 bis 12.45 Uhr: Der Bericht zur Lage. 15 bis 15.30 Uhr: Orchester- und Klaviermusik von Franz Liszt. 15.30 bis 16 Uhr: Solistenmusik, Streichquartett A-dur von Schumann. 16 bis 17 Uhr: Ouvertüren, Tänze und Szenen aus klassischen Operetten. 17.15 bis 18 Uhr: Buntes unterhaltsames Konzert. 18 bis 18.30 Uhr: Otto Dobrindt dirigiert das Berliner Rundfunkorchester. 18.30 bis 19 Uhr: Der Zeitspiegel. 19.15 bis 19.30 Uhr: Frontberichte. 20.15 bis 21 Uhr: Die bunte Stunde. 21 bis 22 Uhr: Eine Stunde für dich mit Melodien von gestern, heute und morgen.

D e u t s c h l a n d s e n d e r:
17.15 bis 18.30 Uhr: Musik zur Dämmerstunde: Werke von Rosetti, Reinecke, Sandberger, Dvorak u. a. 20.15 bis 21 Uhr: Meisterwerke deutscher Kammermusik: Streichquartett G-dur und Klaviermusik von Brahms. 21 bis 22 Uhr: Der betrogene Kadi, Singspiel von Gluck.“

Lokale Beiträge zum Rundfunkprogramm waren Werken Artur Kanetscheiders und dem Osttiroler Standschützenwesen gewidmet. Am 14. April 1944 übertrug der Ostlandfunk zwischen 17.15 und 18 Uhr ein Konzert mit Kompositionen Kanetscheiders. Solistin von Orchesterliedern war die Sopranistin der lettischen Staatsoper, Maria Vinterle, Dirigent des Großen Orchesters des Hauptsenders Riga der Komponist (Innsbrucker Nachrichten vom 6. April 1944, Seite 4).

„Dieser Tage kam im Zeitspiegel des Reichssenders Wien eine Hörfolge über den Osttiroler Standschützenverband. In einer anschaulichen Reportage wurde die Gründung des Osttiroler Standschützenverbandes durch Gauleiter und Landesoberstschützenmeister Dr. Friedrich Rainer zu Pfingsten 1943 geschildert. Noch einmal wurde für die Hörer das bunte Bild, das sich beim Aufmarsch aller Standschützenkompanien aus den Bergtälern Osttirols damals bot, lebendig. Es wurde dann auch der großen Osttiroler Freiheitskämpfer gedacht, die 1809 den feindlichen Eindringlingen bei der Lienzer Klause eine so vernichtende Niederlage bereitet haben, und ferner von jener vorbildlichen Jugend gesprochen, die beim letzten Aufgebot den kampfbereiten Männern das Blei der feindlichen Geschosse zusammensuchte, mit dem gegen die Feinde zurückgeschossen wurde. Die Männer des deutschen Volkssturms, der gegenwärtig auch in Osttirol in Aufstellung begriffen ist, werden sich ihrer großen Ahnen würdig erweisen und alles einzusetzen bereit sein, wenn die Stunde der Bedrohung unserer schönen Heimat es gebieten sollte.“ (Bozner Tagblatt vom 27. Oktober 1944, Seite 3).

Der Rundfunk war der exklusiven Propaganda durch die Partei vorbehalten. Das Abhören ausländischer Sender war verboten. Bei Missachtung konnte in „besonders schweren Fällen“ die Todesstrafe verhängt werden. Im Herbst 1944 wurden auf dem Höhepunkt einer neuen Propagandawelle in den Medien jene Sender angeführt, die eingeschaltet werden durften (Tiroler Landbote vom 3. November 1944, Seite 3; vgl. Tiroler Volksblatt vom 1. November 1944, Seite 3):

„Wir bringen in der Folge heute eine neue Gesamtaufstellung aller Rundfunksender, die zur Zeit abgehört werden dürfen. Alle darin nicht enthaltenen unterliegen auf Grund der Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen vom 1. September 1939 dem Abhörverbot. Desgleichen ist die Verbreitung von Nachrichten dieser Sender verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Zuchthaus, in besonders schweren Fällen mit dem Tode bestraft. Folgende Rundfunksender (Wellenlänge in Meter) dürfen abgehört werden: 204,8 Dresden, 209,9 Danzig II, 209,9 Kaiserslautern, 211,3 Krainburg, 216,8 (vorübergehend) Magdeburg, 219,6 Budweis, 222,6 Königsberg II, 222,6 Mährisch-Ostrau, 224,0 Litzmannstadt, 225,6 Norddeutsche Gleichwelle, 228,7 Wien-Stadt, 230,2 Ostdeutsche Gleichwelle, 231,8 Freiburg, 233,5 Südostdeutsche Gleichwelle, 231,8 Linz, 243,7 Schlesische Gleichwelle, 249,2 Posen, 251,0 Westdeutsche Gleichwelle, 259,1 Brünn, 269,5 Böhmen, 271,7 Kattowitz, 291,0 Königsberg II, 293,5 Krakau, 304,3 Danzig II, 315,8 Breslau, 331,9 Hamburg, 349,2 Saarbrücken, 356,7 Berlin, 377,4 Iglau, 382,2 Leipzig, 395,8 Bremen, 405,4 München, 455,9 Köln, 470,2 Prag, 506,8 Wien, 522,6 Stuttgart, 559,7 Pilsen, 569,3 Laibach, 578,0 Süddeutsche Gleichwelle, 1517,0 Deutschlandsender.“


Volkskultur

Das strukturelle Konzept im Bereich der Volkskultur war mit der Gründung des Standschützenverbandes im Herbst 1938 durch Gauleiter Franz Hofer wirksam geworden. Mit Kalkül und kluger Voraussicht hatte der oberste Repräsentant der Parteihierarchie alle Gruppierungen, deren öffentliche Präsenz kulturelle Identität und Gemeinschaftsbewusstsein ausdrücken konnte, zu einem ausschließlich dem Einfluss der Partei verfügbaren Interessenverband zusammengeschlossen. Schützenkompanien und Musikkapellen sowie alle weiteren Repräsentanten volkskultureller Aktivitäten wurden so zum Sinn- und Abbild einer im nationalsozialistischen Staat geeinten „Volksgemeinschaft“. Die Volkskultur war im Gau Tirol-Vorarlberg das Rückgrat und folglich ein Hauptträger der Ideologie.

Die funktionale Umsetzung und die damit verbundene öffentliche Wirksamkeit manifestierten sich in den Orts-, Kreis- und besonders in den Landesschießen mit der Vielfalt der sie begleitenden Aktionen, bei denen sich der Standschützenverband in seiner Komplexität nach außen hin darstellte. Dies erfolgte in bewusster Übereinstimmung mit den Idealen der Ideologie. Die Mitglieder des Standschützenverbandes, Schützen, Musikkapellen, Volkstänzer, Volksmusikanten, Laienbühnen und Trachtenvereinigungen, hatten alle eine zumeist schon traditionsreiche Vergangenheit, die nun in der Zeit des Nationalsozialismus mit strategischer Überlegung für Zwecke der Machtlegitimation instrumentalisiert wurde. Die Mitglieder des Standschützenverbandes waren zusammengefasst Träger der kulturellen Identität und vermittelten in ihrer überzeugenden Aktivitätsbereitschaft den öffentlichen Beweis unbedingter Parteigefolgschaft des überwiegenden Teils der Bevölkerung. Dies geschah offensichtlich nicht nur zwanghaft, sondern aus einer inneren Haltung heraus, die die Traditionspflege und die propagandistischen Forderungen der Ideologie wie selbstverständlich vereinte. Abgesehen von der allgemeinen Euphorie im Gefolge des „Anschlusses“ ist der Standschützenverband, nach allen Berichten zu schließen, auch in den folgenden Jahren ein engagierter Förderer der Parteiinteressen geblieben. Selbst in der Spätphase der nationalsozialistischen Herrschaft haben sich noch Schützenkompanien und Musikkapellen sowie nahezu alle anderen Vertreter volkskultureller Vereinigungen öffentlich im Verbund mit den Machthabern gezeigt und diese Demonstration überzeugter Gemeinsamkeit mit selbstverständlicher Einlösung einer allgemeinen Erwartungshaltung vollzogen. Wenngleich manche Berichte in Details im Interesse der Propaganda beschönigt und übertrieben wurden, so erweisen die Grundzüge doch eine kaum verringerte Bereitschaft zu unreflektiertem Mittun, zumal diese auch symbolträchtigen Aktionen in der Öffentlichkeit vor zahlreichen Zuschauern abliefen. Der Standschützenverband mit seiner die „Volksgemeinschaft“ durch Volkskultur idealtypisch repräsentierenden Aura war und blieb einer der Hauptträger der Ideologie, hat so im Gau Tirol-Vorarlberg die Macht der Nationalsozialisten fundamental gestützt und bis zum Ende ihrer Wirksamkeit treu begleitet.

Elemente der Volkskultur wie Volkslied, Volkstanz, Tracht und Volksbühne wurden bewusst eingesetzt, um das von der Ideologie geforderte Bewusstsein nach Zusammengehörigkeit zu vertiefen. Aufgrund der durch britische und amerikanische Luftangriffe verbreiteten Angst zogen zahlreiche Städter in ländliche Gebiete. Um diesen Flüchtlingen die soziale Einbindung zu erleichtern, wurden kulturelle Veranstaltungen geboten, die in Form von Dorfgemeinschaftsabenden oder Dorfstuben diese Annäherung erreichen sollten. Das Reichsamt für das Landvolk der NSDAP hat zur Einrichtung solcher Dorfstuben Richtlinien herausgegeben, die im Tiroler Volksboten vom 13. März 1944 auf Seite 4 der Bevölkerung bekannt gemacht wurden:

„[…] Dabei ist nicht an einen bestimmten Raum gedacht, sondern an ein regelmäßiges Zusammenkommen der Dorfgemeinschaft, um die Feierabendstunden gemeinsam zu verbringen. Bei dieser Gelegenheit kann gespielt, gesungen, vorgelesen und vorgetragen werden; wer handwerkliche Fähigkeiten besitzt, kann sie hier auswirken lassen.

Von den anderen Möglichkeiten, das Dorfgemeinschaftsleben zu aktivieren, seien folgende kurz erwähnt: Obenan steht das Singen, das immer wieder Freude schafft. Man sollte, wo es irgend geht, aber auch die Hausmusik pflegen. Es gibt auf vielen Dörfern noch gute volkstümliche Musik, so daß man sich hier nur Anregungen zu holen braucht. In manchen Dörfern hat man recht bemerkenswerte Erfolge mit Dichterlesungen erzielt. Es gibt überall Volksgenossen, die in der Lage sind, durch einen guten Vortrag den Hörern die Dichter und Schriftsteller nahezubringen. Ernst und Scherz kann man dabei abwechseln und neben die kulturelle Weiterbildung die Unterhaltung treten lassen. Von der Arbeit der Gaufilmstellen ist schon viel gesprochen worden. Sie sind heute zu einem Bestandteil des dörflichen Lebens geworden. Darüber hinaus aber muß sich das Laien- und Puppenspiel mehr als bisher entwickeln. Wo dies geschah, haben die umquartierten Volksgenossen sehr schnell die unterhaltenden Bequemlichkeiten der Großstadt vergessen und sich in das Dorfgemeinschaftsleben eingefügt.

Die Dorfgemeinschaftsarbeit steht heute nicht nur vor der Aufgabe der Betreuung des Dorfes selbst; ihr obliegt es vielmehr, Millionen Volksgenossen aus den Städten mitzubetreuen, ihnen das Leben des Landes verständlich zu machen und die in den Kreislauf des ländlichen Daseins einzufügen. Unendliches Elend, das Briten und Amerikaner über viele Volksgenossen brachten, wird dadurch wenigstens zu einem kleinen Teil positiv umgewandelt, die Gemeinschaft der Deutschen wird härter und stärker denn zuvor. Wer darum heute an der kulturellen Arbeit mittut, muß sich solcher Verantwortung bewußt sein, er muß jetzt seine ganze Kraft einsetzen, um das Gesetz dieser Jahre zu erfüllen.“

Die Dorfgemeinschaftsabende, bei denen sich die Dorfgemeinschaft mit ihren volkskulturellen Ressourcen wie Lied, Tanz, Schauspiel und Vorträgen zusammenfand und damit im Sinn der NS-Politik als geschlossene gefolgschaftsbereite Einheit präsentierte, hatten im Gau Tirol-Vorarlberg bereits reiche Tradition. Für das Jahr 1944 gibt es allerdings nur noch spärlich Berichte über solche Zusammenkünfte, war doch die Dorfgemeinschaft durch die schon lange Dauer und Brutalität des Krieges brüchig geworden. Volkskulturelle Vielfalt von einst reduzierte sich nunmehr vor allem auf Darbietung einzelner Mitglieder des Standschützenverbandes oder der „Arbeitsmaiden“ im Rahmen von Brauchtums- oder Dorfabenden. Zudem traten als primäre Intention immer mehr das Sammelinteresse für das Winterhilfswerk und Propagandaaktivitäten in den Vordergrund. So gaben Ende April z. B. die Arbeitsmaiden des Lagers Prutz einen Dorfabend mit Gesang, Tanz und Spiel“ (Tiroler Landbote vom 25. April 1944, Seite 3).

Für das Winterhilfswerk veranstaltete die Brauchtumsgruppe Walchsee des Standschützenverbandes einen Brauchtumsabend, der unter der Leitung des Ortsgruppenleiters Pg. Wurnig in Szene ging: „[…] Ein Einakter, Schuhplattler und Volkslieder, nicht zuletzt die Beiträge des erst zwölfjährigen Jungmädels Strickner aus Innsbruck gestalteten die Vortragsfolge abwechslungsreich. Dankbarer Beifall und ein ansehnliches Ergebnis für das Winterhilfswerk zeugten den Erfolg des Abends.“ (Tiroler Landbote vom 28. Jänner 1944, Seite 3). Während dieser Brauchtumsabend in seiner strukturellen Vielfalt den üblichen Dorfgemeinschaftsabenden angenähert war, hatte die Volksschule Matrei am Brenner für ihre Aktion zugunsten des Winterhilfswerks lediglich einen „Sing- und Spielabend“ vorgesehen, vermutlich mit Volksmusikdarbietungen (Tiroler Landbote vom 25. Februar 1944, Seite 3).

Auch in Hochfilzen kam der Ertrag eines Dorfgemeinschaftsabends der „Reichsstraßensammlung für das Kriegshilfswerk des deutschen Volkes“ zugute. Die Veranstaltung, die „allgemein gefiel und gute Einnahmen brachte“, fand auf Initiative der Ortsgruppe der NSDAP statt. Die Besucher wurden mit „Theaterspiel und Musik“ unterhalten (Tiroler Landbote vom 25. August 1944 Seite 3 f.)

Einen Dorfgemeinschaftsabend der typischen Form organisierte die Ortsgruppe Buch (bei Jenbach):

„Zu einem großen Erfolg gestaltete sich der Dorfgemeinschaftsabend, der unter der Leitung von Ortsgruppenleiter Pg. Bonier vor kurzem durchgeführt wurde. Die zahlreichen Besucher erfreuten sich an den Darbietungen der Brauchtumsgruppe Buch und der Jenbacher Standschützen-Musikkapelle, auch Arbeitsmaiden des RAD. trugen zur reichhaltigen Vortragsfolge bei. Die Versteigerung eines Musikstücks erbrachte eine ansehnliche Summe für das Kriegshilfswerk […].“ (Tiroler Landbote vom 23. Juni 1944 Seite 4).

Bei einem Dorfgemeinschaftsabend in Ellmau trat Pg. Becker als Redner auf. Diese von der NSDAP gezielt gesetzten Initiativen in der Verknüpfung von geselliger Volkskultur mit propagandistischer Beeinflussung des Publikums zeigen den Wandel, dem diese einst primär der Gemeinschaftsbildung gewidmeten Veranstaltungen ausgesetzt waren. „Pg. Becker ging in seiner Ansprache auf den gemeinschaftsbildenden Wert der Brauchtumspflege in jeder Form und auf das Zeitgeschehen ein, das nur durch unerschütterlichen Zusammenhalt gemeistert werden kann.“ (Tiroler Landbote vom 9. Juni 1944, Seite 5). Was er dabei unter „Zeitgeschehen“ konkret vermittelte, hatte er in Ellmau im Rahmen einer Versammlung der NSDAP im Mai 1944 verkündet: „Seine Ausführungen gipfelten in der Aufforderung, dem Führer unentwegt treue Gefolgschaft zu leisten, denn er allein ist dazu berufen, Deutschland und ganz Europa vor der bolschewistischen Gefahr und vor jüdisch-plutokratischer Verknechtung zu bewahren.“ (Tiroler Landbote vom 12. Mai 1944, Seite 3).

Wie die großen Schießveranstaltungen, das Kreis- und insbesondere das Landesschießen, so waren auch die Ortsschießen von der gleichen Intention geleitet, einerseits die traditionelle Wehrhaftigkeit der Tiroler Schützen neu zu organisieren und für Parteizwecke zu instrumentalisieren, andererseits den Geist der Zusammengehörigkeit mit Formen der Volkskultur zu festigen. Von einer solchen Serie von Ortsschießen im Kreis Imst berichten die Innsbrucker Nachrichten vom 16. Mai 1944, Seite 3:

„Am vergangenen Sonntag besuchte der Kreisleiter Pg. Pesjak die Ortsgruppen des Pitztales sowie Roppen, Sautens, Oetz und Haiming anläßlich der Eröffnung der Ortsschießen. In seinen Ansprachen wies der Kreisleiter auf den heroischen Kampf hin, den das deutsche Volk zu führen gezwungen ist und der nur gewonnen werden kann, wenn jeder Volksgenosse zum Endsieg beiträgt. Um die Gemeinschaft zu fördern, werden die Ortsschießen durchgeführt, und aus dieser Gemeinschaft sollen die deutschen Menschen die Kraft zur Erfüllung der Leistungsaufgaben schöpfen.

Standschützenmusikkapellen, Sing- und Volkstanzgruppen umrahmten durch ihre Darbietungen die Eröffnungsfeiern; besonders die Ortsgruppen Arzl, Sautens und Haiming zeigten, daß der Sinn der Brauchtumsarbeit voll verstanden worden ist. Auf den Schießständen wurde bis zum Einbruch der Dunkelheit eifrig geschossen […].“

Ergänzend dazu ist in den Innsbrucker Nachrichten vom 9. Mai 1944 auf Seite 3 zu lesen:

„[…] Besonders viele Frauen und Mädchen waren allenthalben in ihren schmucken Trachten erschienen, um an den Eröffnungsfeiern teilzunehmen. Die Ortsgruppenleiter erstatteten dem Kreisleiter Bericht über die im vergangenen Jahr geleistete Arbeit und meldeten ihm Volksgenossen, die in vorbildlicher Weise ihre Pflicht als deutsche Männer und Frauen erfüllt haben […].“

Anlässlich der Eröffnung des Schießens am Ortschießstand in Wenns durch Kreisleiter Pg. Pesjak wurde der „zweite Dorfgemeinschaftsabend veranstaltet. In bunter Folge gab es Theater, Volkslieder und Tänze zu hören und zu sehen, so daß sich alt und jung köstlich unterhielten. Eine Sammlung ergab einen schönen Betrag für das Kriegswinterhilfswerk“ (Tiroler Landbote vom 23. Mai 1944, Seite 3).

Gauleiter Franz Hofer nützte die Eröffnung des Ortsschießens im Bergdorf Fiss für einen leidenschaftlichen Propagandaauftritt, bei dem er beschwörend die Anwesenden, die sich schon durch ihre Trachtenkleidung ergeben zeigten, auf die Bedeutung der Schießübungen als Überlebensnotwendigkeit verwies und Vertrauen in die Zukunft einforderte:

„Gauleiter und Reichsstatthalter Hofer besuchte jüngst anläßlich der Eröffnung eines Ortsschießens das Bergdorf Fiß im Oberinntal.

Zum Empfang des Gauleiters, der von Kreisstabsamtsleiter Pg. Vernier als Vertreter des Kreisleiters begleitet wurde, hatten sich Ortsgruppenleiter Pg. Lenz mit den Politischen Leitern, den Standschützen und der Bevölkerung von Fiß sowie viele Schützen aus dem ganzen Kreis Landeck am Schießstand eingefunden. Die Volksmenge, in der die heimatlichen Trachten vorherrschten, bereitete dem Gauleiter einen herzlichen Empfang. Der Ortsgruppenleiter dankte ihm für die tatkräftige Förderung, die das Bergdorf seit Jahren erfahren hat. Gauleiter Hofer wandte sich an die Versammelten mit Worten, mit welchen er die Zweckbestimmung des Schießstandes als Gemeinschaftsstätte, an der alt und jung in frohen wie in ernsten Zeiten zusammenfinden, betonte und die sichere Handhabung der Schußwaffe als ein Erfordernis für die Wehrhaftigkeit des Volkes bezeichnete.

[Fettdruck in den Innsbrucker Nachrichten:] An den Ereignissen der letzten Zeit zeigte der Gauleiter auf, wie es Völkern ergeht, die dem Kampf aus dem Wege zu gehen suchen. Sie geben sich damit selbst auf und liefern sich ihren Henkern aus. Wir dagegen wollen, wie es in Tirol zu allen Zeiten war, als unüberwindliche Festung das Reich im Süden schirmen und werden kämpfen, bis der Sieg errungen ist. Eindringlich wies der Gauleiter darauf hin, daß der Bolschewismus für unser Bauerntum den Untergang bedeuten würde, und stellte dagegen, was der Nationalsozialismus für die Bauern geleistet hat und welche noch viel größere[n] Leistungen nach dem Siege zu erwarten sind. Aber alles im Leben muß erarbeitet, erkämpft und verteidigt werden. Auch die größte Geschichtsepoche des deutschen Volkes, in der wir gegenwärtig stehen, muß nach dem ewigen Gesetz des Kampfes siegreich bestanden werden. Mit der Waffe in der Hand bekunden wir am Schießstand unsere Bereitschaft, unser Großdeutsches Reich, unser deutsches Volk, unsere Heimat, das Leben unserer Frauen und Kinder, unser Hab und Gut, Haus und Hof zu schützen.

[Normaldruck in den Innsbrucker Nachrichten:] Die Rede des Gauleiters wurde mit großer Aufgeschlossenheit aufgenommen. Die Freude der Bergbauern am Schießen zeigte sich, als unmittelbar anschließend der Schießbetrieb aufgenommen wurde und bei starker Beteiligung bis zum schwindenden Büchsenlicht anhielt. Das Schießen in Fiß wird auch am kommendem Samstag und Sonntag fortgesetzt […].“ (Innsbrucker Nachrichten vom 27. September 1944, Seite 3; gekürzter, aber inhaltlich weitgehend gleicher Bericht, vermutlich nach einer Aussendung durch das Gaupresseamt, im Tiroler Volksblatt vom 27. September 1944, Seite 3).

Die Folge der alljährlich im Gaugebiet abgehaltenen Kreisschießen begann 1944 am 29. April in Kitzbühel. Weil der Termin in die Nähe des Maibeginns fiel, wurde zur Eröffnungsfeier ein „prächtiger Maibaum“ aufgestellt. Kreisleiter Pg. Merath nütze die Zusammenkunft für eine Ansprache, mit der er den ideologisch bestimmten Sinn der Kreisschießen als Waffenübung und Brauchtumsdemonstration erklärte. Nach Fanfarenklängen und „frischfröhliche[n] Mailieder[n] der Jungmädel“ wurden die Stände für die Schützen freigegeben.

Wie sehr diese Kreisschießen ein Abbild der Intention des Standschützenverbandes repräsentierten und öffentlich veranschaulichten, kommt in den vielen, das Schießen begleitenden volkskulturellen Veranstaltungen zur Geltung. Bereits am Abend des Eröffnungstages fand im Saal der Kreisleitung eine von Pg. Professor Erik Digli, Liesl Bischof und Stammführer Pg. Norbert Wallner gestaltete Feierstunde mit dem Motto Heimat und Vaterland statt. „In Heimat- und Volksliedern wurden bei dieser Veranstaltung die Begriffe Heimat, Volk und Vaterland künstlerisch verlebendigt“, schreibt der Berichterstatter in den Innsbrucker Nachrichten vom 2. Mai 1944 auf Seite 3. Ausführende waren die gemischte Bannsingschar, der Eigenchor der Musikschule Kitzbühel und die Jungmädelsingschar.

Am folgenden Tag besuchten Gauleiter Hofer und sein Stellvertreter Parson die Veranstaltung. Hierbei wurde den höchsten politischen Funktionären die übliche Hochachtung erbracht, mit Huldigungszeremonien, in Anwesenheit der Würdenträger und politischen Organisationen, alles im festlichen Schmuck der Stadt (Innsbrucker Nachrichten vom 2. Mai 1944. Seite 3):

„[…] Zum Empfang des Gauleiters hatten sich an der Kreisgrenze in Going Kreisleiter Pg. Merath und Abschnittsleiter Landrat Dr. Wersin mit Mitarbeitern der Kreisleitung eingefunden. Obwohl die Jugend an diesem Tage größtenteils in Kitzbühel versammelt war, waren Einheiten und Singscharen der Jugend auch schon auf dem Anfahrtswege zur Kreisstadt zur Begrüßung des Gauleiters gekommen, so in Going, in St. Johann, wo Kirchdorfer Mädel und Jungen den Gauleiter erwarteten, und in Oberndorf.

Die Kreisstadt Kitzbühel war mit Fahnen der Bewegung reich geschmückt. Auf dem Stadtplatz erwarteten Bürgermeister Pg. Müller und der Landesbauernführer mit Männern der Partei, des Staates und der Verwaltung den Gauleiter. Auf dem Platz waren starke Einheiten der Pimpfe und der Hitler-Jugend, darunter auch des KLV. [Kinderlandverschickungs]-Lagers Kitzbühel, angetreten. Beim Eintreffen des Gauleiters schmetterten die Fanfaren. Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister stellte sich die Kindergruppe der NS.-Frauenschaft mit einem Gedicht und Blumen ein. Pöllerschüsse auf dem Kreisschießstand kündigten bald darauf das Eintreffen des Gauleiters dortselbst an. Vor dem Kreisschießstand erstattete Kreisschützenmeister, Oberforstmeister Pg. von Schollmayer dem Gauleiter Meldung über die angetretenen Formationen. Der Gauleiter begrüßte die Ehrengäste, darunter besonders die Abordnung der großdeutschen Wehrmacht unter Führung von Major Wercher. Nachdem ihm die Jungmädel auf dem Schießstand noch einige Lieder gesungen hatten, ging der Gauleiter selbst an den Stand und schoß.

Der Zustrom zu den Ständen war auch am zweiten Schußtag groß. Neben der Jugend, die wie überall mit Feuer und Flamme bei der Sache war, wetteiferten die Meisterschützen des Kreises und Frontkämpfer des ersten und dieses Weltkrieges untereinander an Schußfertigkeit. Die Standschützenkapelle Kitzbühel spielte vor dem Schießstand mit Fleiß und Eifer die traditionellen Märsche der Heimat und ihrer Standschützen.

Am Nachmittag des Sonntag fand im Saale der Kreisleitung der große Singwettstreit der Jugend des Kreises Kitzbühel statt, den auch der Gauleiter mit seinem Stellvertreter besuchte. Ueber das Ergebnis dieses Singwettstreites wird noch berichtet werden.

Am Sonntag abends wurde im Rahmen der Veranstaltungen des Kreisschießens das Volksstück Alles in Ordnung aufgeführt. Am Vormittag des 1. Mai stellte eine Morgenfeier das Bekenntnis zur Arbeit und zum Kampfe heraus. Gleichzeitig sprach Kreisleiter Pg. Merath zum Nationalen Feiertag des deutschen Volkes und überreichte den 34 Kreissiegern im Kriegsberufswettkampfe die Diplome. Den sieben Gausiegern und der Reichssiegerin aus dem Kreis Kitzbühel, die ihre Diplome im Rahmen späterer Veranstaltungen erhalten werden, sprach der Kreisleiter seinen besonderen Glückwunsch und seine Anerkennung aus.

Das Kreisschießen Kitzbühel nimmt am 6. Mai seinen Fortgang. Weitere Schußtage sind dann noch: 7., 13., 14., 20., 21. und 22. Mai.“

Ein gleichlautender Bericht erschien im Tiroler Landboten vom 3. Mai 1944, Seite 3.

Über die Intention der Kreisschießen äußert sich der Stellvertretende Gauleiter Herbert Parson in einem Aufsatz „Die Kreisschießen 1944“ in der von Gauleiter und Reichsstatthalter Franz Hofer herausgegebenen Zeitschrift Tirol-Vorarlberg. Natur Kunst Volk Leben 1944, Heft 2, Seite 3:

„Die Kreisschießen sind aber nicht nur Ausdruck unseres Wehrwillens, unserer ständigen Wehrbereitschaft und unseres Gemeinschaftsgeistes, sondern gewissermaßen auch Rechenschaftsbericht über die kulturell-brauchtumsmäßige Aufbauarbeit eines jeden Kreises im vergangenen Jahr.“

Diese Funktion der Kreisschießen als „Festigung des Wehrwillens und der Pflege heimischer Art“ folgten ideologischen Grundsätzen unter alleiniger Kontrolle der Parteiführung:

„Denn allein die NSDAP. schuf die Voraussetzungen für diese Arbeit; allein die NSDAP. ist in der Lage, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat durch ihre Dynamik alle Volksgenossen aufzurütteln und zum höchsten Einsatz zu bringen, alle Hindernisse zu überwinden und alle Schwierigkeiten immer wieder zu meistern. Daß die Kreisschießen und auch das Landesschießen von Jahr zu Jahr immer größere Erfolge werden, ist ebenso ein Erfolg der Initiative und des persönlichen Einsatzes des Gauleiters und des Landes-Oberstschützenmeisters Franz Hofer wie auch des Einsatzes der Kreisleiter und Ortsgruppenleiter der NSDAP., die als Kreis- und Ortsschützenleiter an der Erfüllung der Aufgaben des Standschützenverbandes Tirol-Vorarlberg arbeiten.“ (Ebd., Seite 4)

Details zum technischen und organisatorischen Ablauf der Kreisschießen, auch mit Informationen über Geld- und Ehrenpreise, bringt das Tiroler Volksblatt vom 3. Mai 1944 auf Seite 3:

„Das Bekenntnis zum wehrhaften Brauchtum ist im Gau Tirol-Vorarlberg im ganzen bisherigen Verlauf des großdeutschen Freiheitskampfes von Jahr zu Jahr klarer und allgemeiner hervorgetreten. Wir können die Bestätigung dieses Sachverhaltes neuerdings aus den Ladschreiben zu den Kreisschießen 1944 entnehmen, deren gemeinsame Ausgabe für sämtliche Kreise des Gaues (außer Innsbruck) zeigt, daß die technischen und organisatorischen Voraussetzungen im ganzen Gau nunmehr die gleiche Vollkommenheit erreicht haben und daß überall mit annähernd gleichwertigen Leistungen gerechnet werden kann. Die grundlegende Absicht der Schießpflege im Standschützenverband, die in erster Linie auf einen möglichst hochstehenden Leistungsdurchschnitt einer möglichst großen Zahl von Schützen und erst an zweiter Stelle auf Höchstleistungen von Spitzenkönnern gerichtet ist, kommt der Verwirklichung also immer näher.

Mit den Kreisschießen des Standschützenverbandes Tirol-Vorarlberg ist das Deutsche Wehrschießen 1944 verbunden. Jedem Schützen, der mindestens die Bedingungen für das Goldene Kreisleistungszeichen in wenigstens einer der vier Waffenarten erfüllt, wird eine Urkunde ausgehändigt, die ihm die erfolgreiche Teilnahme am Deutschen Wehrschießen bescheinigt. Die Urkunde trägt die Unterschrift des Stabchefs der SA. Wilhelm Schepmann.

Die Kreisschießen werden auf den Kreisschießständen durchgeführt. Auf allen Kreisschießständen wird mit dem Kleinkalibergewehr auf die KK. [Kleinkaliber]-Volksscheibe, der Pistole, dem Wehrmannsgewehr und mit dem Scheibenstutzen oder beliebiger Waffe geschossen. An einigen Tagen finden auch überall Ortsschießen statt, deren Umfang durch die Einrichtungen der Ortsschießstände bestimmt wird.

Die KK.-Volksscheibe ist die zehnkreisige Ringscheibe des Standschützenverbandes, Entfernung 50 Meter, Anschlag liegend frei. Auf dieser Scheibe können die Kreisleistungszeichen für Bronze, Silber und Gold sowie das Kreismeisterzeichen in Gold mit Eichenlaub zu den aus den Vorjahren bekannten Bedingungen erworben werden. Mit der Pistole wird die zehnkreisige Olympia-Figurenscheibe auf 25 Meter Entfernung stehend freihändig beschossen. Es werden die gleichen Stufen der Kreisleistungs- und ein Kreismeisterzeichen für dieselben Leistungen wie beim vorjährigen Landesschießen ausgegeben. Auf den Weitständen wird als Waffe das Wehrmannsgewehr und der Scheibenstutzen (beliebige Waffe) zugelassen; die Scheibe ist ebenfalls die zehnkreisige Ringscheibe des Standschützenverbandes, die Entfernung 150 Meter, der Anschlag beim Wehrmannsgewehr liegend freihändig, beim Scheibenstutzen stehend freihändig.

Kreisleistungs- und Kreismeisterzeichen erhalten die Schützen mit dem Wehrmannsgewehr zu den aus den Vorjahren bekannten leistungsmäßigen Bedingungen; dieselben Zeichen werden auch für das Schießen mit dem Scheibenstutzen ausgegeben, und zwar in Bronze für 24 (64), in Silber für 28 (76), in Gold für 32 (88) und in Gold mit Eichenlaub für 36 (100) Kreise in 5 (15) gebundenen Schüssen.

Das Feuerschießen ist überdies mit zahlreichen Geld- und Ehrenpreisen ausgestattet. Für die 5er-Serie mit Wehrmachtsgewehr sind 200 Preise mit 1273.- RM [Reichsmark] vorgesehen, die aber nur an Schützen ausgezahlt werden, welche wenigstens 40 Kreise erreichen; ebenfalls 200 Preise mit 1273.- RM stehen für Schützen bereit, die wenigstens 112 Kreise in einer 15er-Meisterkarte erreichen, wobei diese nicht unterbrochen werden darf. Für Scheibenstutzen 5er-Serie (Mindestleistung 36 Kreise) und 15er-Meisterkarte (Mindestleistung 100 Kreise) sind je 100 Preise mit 695.- Reichsmark vorgesehen. Außerdem gibt es 400 Schleckerpreise mit insgesamt 2043.- RM für Schußergebnisse bis einschließlich 1500 Teiler.

An Ehrenpreisen verfügt jedes Kreisschießen über 80 für eine Fünfer-Serie in drei Waffen, 60 für eine 15er-Meisterkarte in drei Waffen, 30 für fünf 5er-Serien in drei Waffen und 30 für drei 15er-Meisterkarten in drei Waffen (KK.-Volksscheibe, Wehrmannsgewehr, Pistole) Diese Ehrenpreise sind im Gegensatz zu allen anderen Preisen kreisgebunden und ebenfalls an bestimmte Mindestleistungen gebunden. Jedes einzelne Kreisschießen ist demnach mit 1200 Gold- und Ehrenpreisen im Werte von rund 10 000 RM ausgestattet; der Gesamtwert der 10000 Geld- und Ehrenpreise bei den Kreisschießen 1944 im Gau Tirol-Vorarlberg beträgt rund 100 000 RM.

Auch der Standschützenverband Osttirol veranstaltet ein Kreisschießen in Lienz, worauf das Ladschreiben noch besonders hinweist […].“

Am 22. Mai 1944 wurde der erste Teil des Kreisschießens in Kufstein eröffnet. Der Bericht im Tiroler Volksblatt vom 31. Mai 1944, Seite 3, beginnt mit einer treffenden Beurteilung der ideologiebedingten Funktion der Kreisschießen:

„Die Pflege des Brauchtums und des wehrhaften Schießens ist den Volksgenossen unseres Gaues seit altersher ein kulturelles und volkshaftes Bedürfnis, das dank der Initiative des Gauleiters Hofer im Standschützenverband zusammengefaßt, gefördert und damit in die einzig richtige Bahn des wehrhaften deutschen Brauchtums gelenkt wurde. Durch diese zielbewußten Maßnahmen gibt es heute in unserem Gau wohl kaum einen Volksgenossen, der die Arbeit des Standschützenverbandes nicht mit freudigem Ernst bejahen und tätig mithelfen würde. Diese Tatsache kam in den ersten Tagen des am 27. Mai eröffneten Kreisschießens Kufstein 1944 stark zum Ausdruck.“

Über den weiteren Verlauf der Veranstaltung, bei der sich die Standschützenkapelle, eine gemischte Jugendsingschar aus Brixlegg sowie eine Brauchtumsgruppe des Standschützenverbandes Wörgl „mit heimatlichen Darbietungen“ beteiligte, wird ebenso berichtet:

„Schon lange vor Beginn des Kreisschießens hatten sich auf dem Schießstand am Kienberg in Kufstein viele Schützen jeden Alters und Berufs sowie eine große Schar Jungschützen eingefunden, die im Verlauf des Kreisschießens ihr Können prüfen und anerkennen lassen wollen. Kreisleiter und Kreisschützenmeister [Hans] Ploner erschien mit Ehrengästen aus Partei, Wehrmacht und Staat. In einer Ansprache wies der Kreisleiter auf die Wichtigkeit der Arbeit des Standschützenverbandes hin, in der im fünften Kriegsjahre besonders dem Schießen außerordentlich hohe Bedeutung zukomme. Er wünschte den Schützen gute Erfolge und eröffnete das Kreisschießen, an dem er sich als erster beteiligte. Kurz nachher traf als besonderer Gast der Stellvertretende Gauleiter, Befehlsleiter Parson, ein, der sich sofort eifrig und mit gutem Erfolg am Kreisschießen beteiligte.

Während der zweieinhalb Tage des ersten Abschnittes des Kreisschießens waren die Beteiligung der Schützen und die Schießerfolge außerordentlich gut. Für die kommenden Abschnitte wurde Vorsorge getroffen, daß längere Wartezeiten der Schützen möglichst entfallen. Das Kreisschießen wird fortgesetzt am 3. und 4., am 10. und 11., am 17. und 18. sowie am 24. und 25. Juni. Außer den vielen Geldpreisen wurde eine Anzahl Ehrenpreise gestiftet, darunter eine Zuchtsau im Werte von 600 Reichsmark, verschiedene Ackergeräte sowie wertvoller Hausrat und Kunstgegenstände. Als Neuerung findet in Kufstein auch ein Pistolenschießen (25 Meter) statt, für das in mühevoller und selbstloser Arbeit ein schöner und zweckmäßiger Pistolenschießstand gebaut wurde.“

Parallel zum Kreisschießen wurden in Brandenberg, Brixlegg, Kirchbichl, Kundl, Langkampfen, Münster und Schwoich die Ortsschießen eröffnet:

„Kreisleiter Ploner besuchte die Schießen in Kirchbichl, Kundl und Langkampfen und konnte auch in diesen Ortsgruppen die besondere Schießfreudigkeit der Volksgenossen feststellen.

[Fettdruck im Tiroler Volksblatt:] Das Kreisschießen gibt jedem Deutschen Gelegenheit, seinen Wehrwillen und seine Wehrkraft zu beweisen; es ist ein Vorzug unseres Gaues, daß diese nationale Pflicht als willkommenes Geschenk aufgenommen und besonders von unserer Jugend vorbildlich gepflegt wird. Es sollte deshalb in unserem Kreis keinen Volksgenossen geben, der nicht das Leistungszeichen des Kreisschießens trägt.“ (31. Mai 1944, Seite 3).

Gleichzeitig wie in Kufstein wurden auch die Kreisschießen in Reutte, Imst und Landeck durchgeführt. Gauleiter Franz Hofer besuchte dabei die Kreisstädte. Die Kreisschießen wurden als „Rechenschaftsbericht einer Jahresarbeit“ definiert, der in Form dieser Schießübungen und seiner integrierten volkskulturellen Rahmenveranstaltungen die „Geschlossenheit und Widerstandskraft der Volksgemeinschaft durch volkskulturelle, wehrerzieherische und wirtschaftspolitische Führungsmaßnahmen“ aufzeigen sollte. Intendiert war zudem, dass diese Bestrebungen „trotz aller kriegsbedingter Schwierigkeiten von Jahr zu Jahr steigende Erfolge und begeisterten Widerhall in der Bevölkerung“ finden sollten (Innsbrucker Nachrichten vom 31. Mai 1944 Seite 3). Über den Eröffnungstag des Kreisschießens in Reutte mit den üblichen Zeremonial unter substantieller Einbindung volkskultureller Elemente wird sodann mitgeteilt:

„Um die Mittagsstunde des Samstag begab sich Gauleiter Hofer, nachdem ihn der Kreisleiter Pg. Höllwarth und der stellvertretende Landrat Pg. Dr. Praxmarer am Fernpaß erwartet hatten, unmittelbar zum Ortsschießstand in Wängle, der einstweilen als Kreisschießstand benützt wird, bis die Zeitverhältnisse den Neuaufbau eines großen Kreisschießstandes zulassen. Hatten schon die herzliche Begrüßung des Gauleiters und der besonders reiche Flaggenschmuck in den durchfahrenden Orten, vor allem in der Kreisstadt, von der Aufgeschlossenheit der Bevölkerung für den Anlaß des Tages gezeugt, so wurde dieser Eindruck durch den lebhaften Betrieb auf dem Schießstand und die dort gebotenen Leistungen der Brauchtumsgemeinschaften noch weiter bestätigt. Wie an allen anderen Schießständen, trat der Gauleiter auch hier an den Stand und holte sich das Kreismeisterzeichen. Dieses Zeichen des Kreises Reutte zeigt die Darstellung eine Artilleristen im Gewande eines Schützen – ein aus dem Rahmen des Ueblichen fallender und gerade deshalb interessanter Vorwurf, der auf den neben anderen Freiheitskämpfern weniger bekannten Georg Schieferer zurückgeht […].

Nach längerem Aufenthalt am Schießstand begab sich der Gauleiter zunächst in die Dienststelle der Kreisleitung, wo ihm Kreisleiter Höllwarth eine aus Edelholz gefertigte und mit einer Nachbildung des Schützenzeichens geschmückte Kassette überreichte, die eine Sammlung von Aufnahmen bodenständiger Bauernstuben und Einrichtungsstücke aus dem Kreis Reutte enthielt […].

Im Anschluß an den Besuch in der Kreisleitung begab sich der Gauleiter sodann in das Erholungsheim Urisee, wo Kriegerwitwen aus diesem und dem ersten Weltkrieg und schwer vom Luftkrieg betroffene Frauen seine Gäste zu mehrwöchigen Erholungsaufenthalt sind. Als der Gauleiter in die Mitte der versammelten Frauen trat, begrüßte ihn das Gemeinschaftslied ‚Wie ist die Welt so schön und weit …‘ […].

Den Abschluß des Tages bildete der Besuch bei einem Dorfgemeinschaftsabend in Ehenbichl bei Reutte. Eine abwechslungsreiche Vortragsfolge vermittelte ebenso wie die lebhafte Anteilnahme des ganzen Dorfes starke Eindrücke von den Leistungen der Brauchtumsarbeit in dieser kleinen, knapp zweieinhalbhundert Einwohner zählenden Ortsgruppe. An den Ortsgruppenleiter Pg. Koch richtete der Gauleiter Worte der Anerkennung für den sichtbaren Erfolg seiner auf die Zusammenführung der Dorfgemeinschaft gerichteten Bemühungen und faßte, indem er die in beträchtlicher Zahl anwesenden Fronturlauber ansprach, den Sinn der Brauchtumsarbeit in der Feststellung zusammen, daß die Heimat für unsere Soldaten immer besser und schöner werden solle.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 31. Mai Seite 3).

Die bewusst ausführliche und betonte Darstellung des herzlichen Empfangs des Gauleiters in den Kreisstädten in den Innsbrucker Nachrichtenverfolgte natürlich grundsätzlich eine propagandistische Absicht, Zuversicht in der Vorspiegelung unveränderter Gefolgschaftstreue zu vermitteln.

In Imst wurde den Vorlieben des Gauleiters mit einem umfangreichen Angebot an volkskulturellen Darbietungen entsprochen (Innsbrucker Nachrichten vom 31. Mai Seite 3):

„Am Sonntagvormittag traf der Gauleiter wieder auf dem Fernpaß ein, wo ihn Kreisleiter Pg. Pesjak, von Landrat Pg. Allrecht begleitet, empfing. In der Kreisstadt nahm der Gauleiter sodann den Vorbeimarsch der Politischen Leiter, der Parteigliederungen und Verbände zahlreicher, von allen Hochtälern des Kreises zusammengekommenen Schützenkompanien in Trachten und mit ihren Musikkapellen ab. Die Formationen, die am Vorbeimarsch teilgenommen hatten, traten dann im weiten Viereck auf dem geräumigen Vorplatz des Schießstandes an und erwarteten dort den Gauleiter. Der Platz, der weitum von zahlreichen Zuschauern, meist in Trachten, eingesäumt war, bot ein äußerst eindrucksvolles Bild. Nach der Entgegennahme der Meldung wohnte der Gauleiter den Vorführungen mehrerer Singgruppen, darunter einer als Oktett besetzten, der Vogelhändler, bei. Als Erinnerungsgabe wurde ihm eine kunstvoll gearbeitete Wiege überreicht. Ein außergewöhnlich einprägsames Bild vom Volkstanz als Gemeinschaftsveranstaltung vermittelte der Bandltanz, der von zahlreichen Gruppen von Jungen und Mädeln gleichzeitig am Vorplatz des Schießstandes als Großaufführung gebracht wurde.“

Der Abend des Eröffnungstages der Kreisschießen wurde wie üblich mit einem Brauchtumsabend festlich begangen, bei dem sich der Standschützenverband von seiner kulturellen Ausrichtung her inszenierte.

„Am Samstag war den Veranstaltungen des Sonntags ein Brauchtumsabend in der Kreisstadt Imst vorausgegangen, in dessen Rahmen die Vogelhändler das Lied des Imster Heimatdichters Jakob Kopp Miar Oberländer in der Vertonung von Josef Eduard Ploner erstmalig in der Oeffentlichkeit vortrugen. Die bekannte Imster Heimatbühne stellte sich mit einer Aufführung des Einakters Die Väter ein und bewies dabei ebenso wie mit der Aufführung Das Goldfischl von Hans Renz am Sonntagabend, daß sie ihre Leistungen gegenüber den vergangenen Jahren noch wesentlich zu steigern verstanden hat.

Im Mittelpunkt der Veranstaltungen zum Imster Kreisschießen stand die Zuchttierschau von Rindern, der Braun- und Grauviehrasse und von Haflinger Pferden […].

Es ist bekannt, daß die Viehzucht im Gau Tirol-Vorarlberg der Förderung durch den Gauleiter letzten Endes ihren unerhörten Aufschwung und vor allem ihren Hochstand trotz der kriegsbedingten Belastungen verdankt. Der Gauleiter warnte aber auch mit allem Nachdruck davor, durch gefährliche einseitige Verbesserungsversuche die mühsam hergestellte Rassenreinheit zu zerstören.“

Bei Empfang des Gauleiters an der Grenze des Kreises Landeck und in der Kreisstadt selbst beeindruckten nachdrücklich die Jungschützenkompanie Landeck und ihre Musikkapelle, außerdem die vielen Trachten. Dem Gauleiter zu Ehren wurde ein Wettbewerb der Singscharen angesetzt, natürlich auch das für Landeck übliche Rennen der Haflingerpferde. Sein besonderes Interesse für die Trachten zeigte Gauleiter Hofer, indem er unmittelbar nach seinem Eintreffen in Landeck die von der NS-Frauenschaft und dem BDM „gemeinsam betreute“ Trachtennähstube des Standschützenverbands besuchte. Auch die Heimatbühne Landeck des Standschützenverbandes stellte sich im Rahmen des Kreisschießens mit drei Einaktern von Franz Kranewitter repräsentativ vor, das dann wie üblich mit einem Brauchtumsabend den Höhepunkt des kulturellen Angebots erreichte (Innsbrucker Nachrichten vom 31. Mai 1944, S. 3 f.):

„Als dann in den frühen Nachmittagsstunden der Gauleiter an der Grenze des Kreises Landeck eintraf, erwarteten ihn dort Kreisleiter Pg. Bernard mit Landrat Pg. Dr. Gold, die Politischen Leiter, Gliederungen und Verbände, besonders starke Formationen der Hitler-Jugend der zunächstliegenden Ortsgruppen und die Jungschützenkompanie Landeck mit ihrer Musikkapelle. Wir kannten diese Formation vom vorjährigen Landesschießen, wo sie in Innsbruck berechtigtes Aufsehen erregte, und waren überrascht, sie nicht nur in wesentlich größerer Stärke und reicher Instrumentalbesetzung der Musikkapelle unter ihrem Kapellmeister Muigg vorzufinden, sondern auch in noch besser durchgebildeter Haltung.

Im Zusammenhang mit dem Eindruck, den diese Formation machte, kann der Gesamteindruck aus den vielfältigen Veranstaltungen im Kreis Landeck vorweg genommen werden. Wir erinnern uns vieler anderer Kreisschießen und der gewaltigen Fortschritte, die auf dem Gebiet der Schieß- und Brauchtumspflege überall ausnahmslos festzustellen waren. Selbst wenn wir uns der unübersehbaren Vielfalt beim Landesschießen erinnern, können wir doch nicht darum herumkommen, daß wir dem Kreis Landeck, an seinen Größenverhältnissen gemessen, auf manchen Gebieten, so etwa auf dem der Trachtenpflege, die größten Fortschritte zubilligen müssen. Nicht nur die unabsehbare Menge schönster Trachten, die das Gelände beiderseits des Weges zum Schießstand und um diesen selbst belebten, sondern auch die überraschend große Anzahl einheitlicher, in erneuerte Trachten gekleideter Gemeinschaften, jede einem bestimmten Ort oder einer Talschaft zugehörig, riefen diesen Eindruck hervor. Er wurde noch verstärkt durch die große Zahl von Singgemeinschaften, deren durchaus harmonische äußere Erscheinung ebenso wie ihre gesanglichen Leistungen über den gewohnten Durchschnitt hinausragten. Wir sind uns bewußt, daß dieser Erfolg, dem alle nachstreben und den früher oder später auch alle erreichen werden, nicht allein einzelnen tüchtigen Helfern bei der fachlichen Ausrichtung und Unterweisung zu verdanken ist, sondern mit der erhöhten Bereitwilligkeit zum Mitgehen aller steht und fällt; diese Bereitwilligkeit aber ist ausschließlicher Erfolg verständnisvoller und einfühlungssicherer Menschenführung.

Unter dem Zeichen dieses Erfolges standen – vor allem immer dann, wenn Gemeinschaftsleistungen zu beurteilen waren – die einzelnen Veranstaltungen, die mit dem Kreisschießen in Landeck verbunden waren. Ins Gebiet der Trachtenpflege gehört die Trachtennähstube, die vor kurzem im Rahmen des Standschützenverbandes errichtet wurde, von NS.-Frauenschaft und BDM. gemeinsam betreut wird und die der Gauleiter nach seinem Eintreffen in Landeck besuchte. Das Kreisschießen, an dem sich der Gauleiter sodann beteiligte, hatte bereits am Samstag begonnen. Bis Montagabend, also nach dreitägiger Dauer, waren schon rund 3200 Schützen zu verzeichnen. Auf einer kleinen Waldlichtung in der Nähe des Schießstandes wurde der Wettbewerb der Singscharen ausgetragen, woran sich über zwanzig der besten Singgemeinschaften des Kreises beteiligten. Im Saal der Kreisleitung wurde nachher die Bannsingschar Landeck als erste Siegerin verkündet, die Singschar Zams als zweite und die Standort-Singschar als dritte, von den Standorten wurde der erste Preis Tobadill, bekanntlich einem kleinen Bergdorf auf steiler Lehne weit oberhalb Landeck, der zweite Flirsch zuerkannt, von den Jungmädeln stand Landeck an erster, Grins an zweiter und Zams an dritter Stelle.

Am Sportplatz in Perjen folgte sodann das Renner der Haflinger, bei dem Alfred Wurzer auf einem Pferd aus dem Besitz von Hermann Haueis in Zams und Franz Bouvier auf einem dem Josef Hammerl in Landeck gehörenden Pferd den ersten Preis teilten, ferner Sportwettbewerbe der Hitler-Jugend.

Tags vorher war die vom Kreisamtsleiter Pg. Mazagg neuaufgebaute und von ihm geleitete Heimatbühne Landeck des Standschützenverbandes Tirol-Vorarlberg mit den Einaktern Der Naz, Der Med und Der Giggl von [Franz] Kranewitter zum erstenmal mit bestem Erfolg an die Oeffentlichkeit getreten. Sonntagvormittag hatte Kreisleiter Bernard die Partei- und Volksgenossen zu einer großen, mit nachhaltiger Wirkung verlaufenden Kundgebung auf dem Platz unterhalb der Burg zusammengerufen.

Mit einem Brauchtumsabend im Saale der Kreisleitung, dem wiederum der Gauleiter beiwohne, klang der Tag aus. In seinen Schlußworten verwies der Gauleiter unter anderem auf die Anwesenheit des Meraner Kreisleiters Torggler der deutschen Volksgruppe in der Provinz Bozen und auf die Schicksalsgemeinschaft mit den deutschen Brüdern jenseits des Brenners, die die gleichen Trachten tragen, die gleichen Lieder singen, mit der gleichen Waffenfreude den Stutzen tragen und am Schießstand den gleichen Brauch üben im Dienst des Wehrgedankens. In ein Bekenntnis, daß alle unsere Gemeinschaftsleistungen, unsere Wehrerziehung und unsere Volkstumsarbeit dem Zwecke dient, für unser Großdeutschland immer mehr zu leisten und dafür zu kämpfen, klangen die Worte des Gauleiters mit dem Gruß an den Führer aus.“

Aus Propagandagründen erschien ein gleichlautender Bericht auch im Tiroler Landboten vom 2. Juni 1944, Seite 3.

Zu Pfingsten 1943 hatte der Gauleiter von Kärnten, Dr. Friedrich Rainer, den Osttiroler Standschützenverband gegründet. Die Initiative dazu war auch hier von Gauleiter Franz Hofer ausgegangen, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Auge hatte, nach dem errungenen „Endsieg“ Tirol in seiner historischen Dimension mit Süd- und Osttirol wieder territorial zusammenzuführen. Auch in Osttirol präsentierte sich der Standschützenverband als eine der Partei treu ergebene Vereinigung, die ihre Geschlossenheit mit den traditionellen Ausdrucksformen der Volkskultur öffentlich demonstrierte. Schützenkompanien fast aller Ortsgruppen und ihre Musikkapellen waren beherzt zur Stelle und bekundeten damit, die Volksgemeinschaft darstellend, die Unterwürfigkeit und folglich Herrschaftsberechtigung der nationalsozialistischen Machthaber. In kameradschaftlichem Verbund mit den Funktionsträgern und Verbänden der Partei dokumentierten die Mitglieder des Standschützenverbandes öffentlich ihr Einverständnis mit der Ideologie. Beim zweiten Osttiroler Kreisschießen Anfang Juni 1944 trat in Lienz als Hauptredner Gauleiter Franz Hofer auf. In seiner Ansprache verbreitete er insbesondere Siegesbewusstsein, mit den gängigen plakativen Argumenten, die die große Menge der Versammelten im Begeisterungsrausch der Massensuggestion heftig akklamierte. Wie üblich verwies Gauleiter Hofer auf die substanzielle Bedeutung der Pflege des Brauchtums „zur Sicherung und Kräftigung unserer Art“, damit als unabdingbare Handlung einer intakten Gemeinschaft. Zur Propaganda bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 6. Juni 1944 auf Seite 3 einen umfangreichen Bericht vom 2. Kreisschießen in Lienz, wobei die Rede des Gauleiters ausführlich zitiert ist. Auch in Osttirol wurde dieses Ereignis zu einem großen Volksfest, bei dem die Zusammengehörigkeit versinnbildlichenden folkloristischen Elemente dominierten:

„Das wehrhafte Schützenwesen, das seit altersher auf das engste mit dem Wesen des Tiroler Stammes verbunden war, hat seit dem Vorjahre auch in Osttirol neues und starkes Leben gewonnen. Dank der Initiative weniger einsatzbereiter Männer konnte der Standschützenverband in Osttirol neu errichtet werden. Der Appell an die Osttiroler hatte einen so nachhaltigen Erfolg, daß schon 1943 das erste Kreisschießen in Lienz erfolgreich durchgeführt werden konnte. Auch in diesem Jahre rief der Standschützenverband die Schützen wieder zu einem Kreisschießen in die Kreisstadt. Einer Einladung des Gauleiters und Reichsstatthalters Rainer folgend, kam Gauleiter und Reichstatthalter Franz Hofer, der als Landesoberstschützenmeister des Standschützenverbandes Tirol-Vorarlberg den Osttirolern bei der Neuerstellung der Standschützenorganisation und bei der Durchführung des ersten Kreisschießens weitgehende Unterstützung angedeihen hatte lassen, zur Eröffnung des diesjährigen Kreisschießens, das am 3. Juni stattfand, nach Lienz […].

Bei ihrem Eintreffen in Lienz wurden die beiden Gauleiter vom Kreisschützenleiter Bürgermeister Winkler herzlich willkommen geheißen. Bald darauf nahm auf demselben Platze die große Kundgebung ihren Anfang […]. Der Platz selbst bot ein farbenprächtiges und festliches Bild. Da standen die Standschützen von Prägraten, Virgen, Sillian, Obertilliach, Villgraten, Kartitsch, Ainet, Nußdorf, Veit-Defereggen, Dölsach, Kals, Hopfgarten, Nikolsdorf, Matrei, Oberlienz, Straßen, Abfaltersbach, Huben, St. Johann und Tristach und neben ihnen die zahlreichen und starken Südtiroler Standschützen-Abordnungen aus dem Kreis Bruneck. Neben Einheiten der großdeutschen Wehrmacht standen die Stürme der SA., der NSKK., die Marschblocks der Politischen Leiter und die Jugend des Führers, sowie die NSKOV., der weibliche Arbeitsdienst und die Feuerwehr.

Nach dem Einmarsch der Fahnen eröffnete Kreisleiter Kaufmann die Kundgebung. Dann ergriff, mit lautem Beifall begrüßt, Gauleiter Hofer das Wort. Er erklärte einleitend, daß er mit großer Freude nach Lienz gekommen sei, um an der Eröffnung des Kreisschießens teilzunehmen und zu den Osttirolern zu sprechen. Anschließend dankte er Gauleiter Rainer für das große Verständnis, das dieser für das Wesen der Osttiroler habe, und forderte diese auf, ihren Dank dadurch abzustatten, daß jeder einzelne in dieser entscheidungsschweren Zeit voll und ganz seine Aufgaben erfülle. Es sei jetzt nicht die Zeit, irgendwelche innerdeutschen Wünsche, mögen sie an sich auch begreiflich sein, zu erfüllen, da jetzt alle Kräfte nur einem Ziel zu dienen haben, dem deutschen Sieg […]. Diesem Ziel, dem deutschen Sieg, diene auch die Wehrertüchtigung und diene die Arbeit des Standschützenverbandes, für die die Kreisschießen den alljährlichen Höhepunkt und die Leistungsschau darstellen. Gauleiter Hofer wies darauf hin, daß es ein schönes Gefühl sei, die Kreisschießen mitzuerleben, die überall im Gau Tirol-Vorarlberg, am Bodensee so gut wie in Kitzbühel oder südlich des Brenners oder in Osttirol davon zeugen, daß der alte Wehrbauernstamm, der seit Jahrhunderten stolz und gerade seine Pflicht tat, in historischer Stunde wieder angetreten ist, um seinen Mann zu stellen.

[Fettdruck in den Innsbrucker Nachrichten:] Unter stürmischen Beifall sagte Gauleiter Hofer: ‚Was man von Seite unserer Feinde auch immer gegen uns zu unternehmen gedenkt, wir sind bereit zu jedem Einsatz, wir glauben und wissen, daß am Ende dieses Kampfes doch nur unser Sieg stehen kann. Wir Tiroler mit unseren harten Schädeln geben nicht nach. Aus der heißen Liebe zu unserer Heimat erwuchs uns die größere Liebe zu Deutschland. Wir wollen gute Tiroler und noch bessere Deutsche sein!‘

[Normaldruck in den Innsbrucker Nachrichten:] Gauleiter Hofer fuhr dann fort, daß die Pflege unseres von den Vätern übernommenen Brauchtums zur Sicherung und Kräftigung unserer Art unumgänglich notwendig sei. In dieser Hinsicht seien überall erfreuliche Fortschritte festzustellen, die auch durch den Krieg oder gerade wegen des Krieges, der uns zusammenschweißt, nicht aufgehalten werden. Von Jahr zu Jahr treten bei den Kreisschießen nicht weniger, sondern mehr Schützen an und an Stelle der Soldaten, die draußen an der Front stehen, marschiert in der Heimat eine Jugend, die sich volle Wehrertüchtigung schon frühzeitig erwerben will, und die Jungen und Greise, die heute in den Standschützen-Musikkapellen wieder eingetreten sind, um die entstandenen Lücken auszufüllen, sie zeigen jene Haltung, die wir an unserem ganzen Volk bewundern können und die der großen Tradition entspricht.

[Fettdruck:] Im Gegensatz zum ersten Weltkrieg sehen wir heute keine Anzeichen der Zersetzung, dafür offenbaren sich Glaube, Siegeszuversicht und Einsatzbereitschaft […].

[Normaldruck:] Nach der Rede des Gauleiters Rainer, die ebenfalls oftmals vom Beifall unterbrochen wurde, beschlossen die gemeinsam gesungenen Lieder der Nation die eindrucksvolle Kundgebung. Kurz darauf formierten sich die Standschützenkompanien, die Einheiten der Partei und der Wehrmacht zum Vorbeimarsch auf dem Adolf-Hitler-Platz. Der Zug marschierte dann durch die Hauptstraßen der Stadt zur Festwiese vor Schloß Bruck, die sich alsbald mit einer frohen Menge füllte.

Standschützen-Musikkapellen, sowie Sing- und Tanzgruppen wechselten in bunter Reihe mit ihren Darbietungen ab. Für die Ehrengäste fand unter Führung von Gaukonservator Dr. Frodl eine Besichtigung des Osttiroler Heimatmuseums Schloß Bruck statt. Der festliche Tag wurde mit einem Brauchtumsabend im Saal Zur Alpenraute beschlossen, der von der Tristacher Standschützenmusikkapelle, der BDM-Singschar Lienz, dem Bannmusikzug der HJ., der Volkstanzgruppe der HJ. Lienz, den Matreier und Dölsacher Hackbrettmusiken und der Spitzkofler Tanz- und Singgruppe bestritten wurde. Die Darbietungen, die vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal abgewickelt wurden, fanden immer wieder begeisterten Beifall. In ganz besonderem Maße galt dieser den prachtvollen Leistungen der Innsbrucker Polizeisänger, die Gauleiter Hofer nach Lienz mitgebracht hatte und die schon am Nachmittag auf der Festwiese die Herzen der Osttiroler im Sturm erobert hatten.“

Den Zyklus der Kreisschießen beschlossen jene von Schwaz und Kufstein. Besondere Attraktion beim Besuch von Gauleiter Hofer in Schwaz war ein vermutlich vom Tanzexperten und Schwazer Gymnasialdirektor Karl Horak einstudierter Schwerttanz einer Jugendgruppe. Auch die erst kürzlich formierte Jungschützenmusikkapelle beeindruckte mit engagiertem Musiziereifer. Wie so oft wurde auch das Hellau-Lied („Hellau! Mir sein Tirolerbuam“) als die Festlichkeit abschließender gemeinschaftlicher Gesangsvortrag, in einer zeremoniellen hymnischen Funktion, als klingendes Identitätssymbol eingesetzt:

„Am Sonntag besuchte Gauleiter Hofer die Kreisstädte Kufstein und Schwaz und deren Kreisschießen, nachdem als letzter der Kreise im Gau Tirol-Vorarlberg, in Osttirol und in der Provinz Bozen der Kreis Schwaz am vergangenen Samstag sein Kreisschießen begann. Begleitet von Kreisleiter Pg. Aichholzer, traf der Gauleiter von zahlreichen Partei- und Volksgenossen herzlich begrüßt, auf dem Schwazer Schießstand ein, wo ihm Ortsgruppenleiter Pg. Thürriedl Meldung erstattete. Die erst vor kurzem neu aufgestellte Jungschützenmusikkapelle Schwaz erwarb sich hierbei wohlverdiente Anerkennung durch ihr strammes und flottes Spiel; junge Mädeln in Trachten sangen zum Empfang des Gauleiters ihre frischen, frohen Volkslieder, und die Kinder überreichten ihm Blumengrüße. Der Schießstand zeigte das vertraute Bild lebhaftesten Treibens. Der Gauleiter beteiligte sich am Schießen und begab sich sodann zu einer die Rahmenveranstaltungen zum Kreisschießen einleitenden Morgenfeier. Der Leitgedanke war die Geschichte des wehrhaften Bauerntums unserer engeren Heimat. Nach einem Schwertertanz einer Jungengruppe, dessen Schildspruch ‚Vor keinem stocken, vor keinem weichen, Schwert und Pflugschar blank weiterreichen!‘ mit kurzen Worten Haltung und Verpflichtung im Sinne unserer überlieferten wehrgeistigen Auffassung umriß, bildete das Hellau-Lied den Abschluß der Feier; ihr folgte am Nachmittag ein Singwettstreit der Singgruppen des Kreises Schwaz und abends eine Brauchtumsveranstaltung unter dem Leitwort Auf tirolerischen Almen“. (Tiroler Volksblatt vom 19. Juni 1944, Seite 3).

Zur Gründung der lobend erwähnten Jungschützenkapelle Schwaz und zu anderen jugendlichen Blas- und Volksmusikformationen bringt der Leiter des Gaumusikzuges und Musikreferent im Standschützenverband Tirol-Vorarlberg, Sepp Tanzer, im Familienkalender Alpenland 1945 ergänzende Informationen (Seite 43):

„[…] Dank des großen Verständnisses, das der Gauleiter und Reichsstatthalter in Tirol und Vorarlberg, Pg. Franz Hofer, unserem bodenständigen Brauchtum entgegenbringt, und durch seine besonders tatkräftige Förderung aller musikalischen Zweige unserer heimischen Kunst, ist es möglich gewesen, in den letzten fünf Jahren trotz Krieg und Einberufungen viele Kapellen neu aufzubauen. Einige Beispiele mögen Zeugnis ablegen für die Kulturarbeit in unserem Gau:

Im Kreis Kitzbühel wurden seit 1942 rund 150 Jungbläser im Alter von 11 bis 16 Jahren geschult, wovon der größte Teil auch wirklich einsatzfähig wurde. Kufstein hatte einen Jungschützenmusikzug von ganz beachtlicher Höhe, der erst heuer durch Einberufungen zu einer immer noch tadellosen Bläserkameradschaft zusammenschmolz. Schwaz begann im März 1944 mit der Aufstellung einer Jungschützenkapelle, und was mit viel Fleiß und ungeheurer Musikliebe in fünf Monaten erreicht werden kann, bewies sie bei den Volkskulturtagen der Hitler-Jugend im Juli dieses Jahres. 46 ‚Mann‘ hoch, spielte sie zwei Märsche so tadellos und schneidig, daß die Zuhörer begeistert waren. Besonders anerkennenswert war dabei die starke Besetzung von Holzbläsern. 14 Klarinetten, ein Piccolo und eine Flöte wetteiferten im Spiel mit den Blechbläsern. Wer sich vor Augen hält, daß man mindestens zwei bis drei Jahre braucht, um alle Griffe auf der Klarinette richtig zu beherrschen, kann den Fleiß und vor allem die ungeheuere Musikalität unseres Bergvolkes ermessen. Hall hatte eine eigene Jungschützenkapelle, deren Mitglieder in der Zwischenzeit so manche Lücke bei den Speckbachern ausfüllten. Innsbrucks Jungbläser brachten es so weit, daß sie neben einer erstklassigen Marschmusik auch alle Feiern der Hitler-Jugend musikalisch umrahmten und sogar im Hofgarten öffentliche Konzerte aufführten, bei denen sie erstaunliche Leistungen zeigten. Die Imster Jungschützen bliesen ebenfalls ihre Weisen mit großer Begeisterung. Eine Glanzleistung stellt die Landecker Jungschützenkapelle dar. Das flotte Spiel und das militärisch exakte Auftreten dieser ‚Oberländerbuam‘ erregte überall Aufsehen. Viele Jungen dieser Kapelle mußten in der Zwischenzeit einrücken und kamen zu irgendeiner Wehrmachtkapelle. Die jüngeren Kameraden daheim griffen dafür zum Flügelhorn oder zur Posaune und werden von ihrem unermüdlichen Kapellmeister geschult und geschliffen. Auch jenseits des Arlbergs wachsen die Jungbläser wie Pilze nach einem Regen. In Bludenz wird in Kürze ein strammer Jungschützenmusikzug seine Töne hinausposaunen, genau so, wie es bisher die Feldkircher machten.

Das waren einige Beispiele, wie in den Kreisstädten für Nachwuchsbläser gesorgt wird. Darüber hinaus blasen in unzähligen kleinen Gemeinden die ‚Buam‘ an Stelle der eingerückten ‚Alten‘. Auch dazu ein kleines Beispiel: Die so weit zerstreute Gemeinde Navis rückte beim 7. Landesschießen 1944 mit einer 32 Mann starken Standschützenkapelle aus, wovon 20 Mitglieder unter 16 Jahren zählten.

Neben der schweren Bauernarbeit noch bis zu zwei und drei Stunden weit zur Probe zu gehen, verlangt schon eine große Begeisterung und viel Idealismus. Man muß das einmal erlebt haben, wenn am Tage der Musikprobe die Jungen und die ganz Alten in der geräumigen Bauernstube des Kapellmeisters zusammenhocken und ihre Märsche, Tänze und Volksweisen üben. Wenn draußen die kleinen Buben mit offenen Munde und plattgedrückter Nase durch die Fenster starren und sich auf den Tag freuen, wo auch sie einmal mitblasen dürfen. In der ‚Pause‘ wird dann der Aufmarsch in Innsbruck beim Landesschießen oder vom nächsten Einsatz bei der Fest- und Feiergestaltung des Dorfes gesprochen [richtig wohl: besprochen] und alle haben den langen, mühevollen Weg zur und von der Probe vergessen. Und so ist es in vielen Gemeinden.

Nur durch die Jugend ist eine Überbrückung der heutigen Schwierigkeiten möglich. Die alten, erfahrenen Musikanten sind dabei Lehrer und Vorbild. Hunderte von jungen Musikern unseres Gaues rückten zu irgendeiner Wehrmachtskapelle ein. Diese Schule, die die Militärmusik für unsere volksmusikalische Betätigung ist, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die zurückkehrenden Musiker werden dann den richtigen ‚Zund‘ in unsere Stadtschützenkapellen bringen.

Neben den Standschützenkapellen sind in den letzten Jahren viele Volksmusikgruppen entstanden, die sich größtenteils aus Mitgliedern der Blaskapellen zusammensetzen. Hier gibt es wohl die eigenartigsten Besetzungen, die man sich denken kann. Zither, Klampfe, Harmonika, Harfe, Geige, Klarinett[e], Trompete, Posaune und Baß wetteifern im schwungvollen Spiel und geben einen, dem älplerischen Empfinden entsprechenden, unbeschwerten Klang.

Auch neues, bodenständiges Musiziergut wird geschaffen und so manch alte, sogar vergessene Volksweise wieder ins Leben gerufen. Unseren Musikkapellen und Volksmusikgruppen gutes und vor allem Dingen echtes Musiziergut zu verschaffen, bemühen sich auch unsere heimischen Komponisten mit größtem Erfolg.

Was in den vergangenen drei Jahren trotz des Krieges durch die planvolle Arbeit im Standschützenverband, gerade auf dem Gebiete der Musikkapellen, aufgebaut wurde, war durch zwei Dutzend Friedensjahre nicht möglich. Die Früchte dieser Arbeit werden sich aber erst richtig zeigen, wenn die Siegesfanfaren unserer Standschützenkapellen eine neue, arbeitsreiche und glückliche Zeit ankünden. Bis dahin wollen wir ‚nit lugg lass’n‘ und weiterarbeiten am Brauchtum unserer herrlichen deutschen Bergheimat.“

Auch in Kufstein waren es die im Standschützenverband organisierten volkskulturellen Vereinigungen, die mit Liedern und Trachten das Flair von Heimat vermittelten und dem Gauleiter den überzeugenden Erfolg seiner Bemühungen zur Belebung des Brauchtums im Sinn einer Stärkung der ideologischen Zusammengehörigkeit bewiesen (Tiroler Volksblatt vom 19. Juni 1944, Seite 3):

„Kurz nach Mittag verließ der Gauleiter Schwaz, um sich zum Kreisschießen nach Kufstein zu begeben. Kreisleiter Pg. [Hans] Ploner erwartete mit Landrat Dr. Walter den Gauleiter an der Grenze unseres Kreises und geleitete ihn nach Kufstein. Hier bot der Adolf-Hitler-Platz im Schmuck der Fahnen, belebt von vielfältigen Trachten und Uniformen, ein farbenbewegtes Bild, als der Gauleiter hier eintraf und die Meldung von Ortsgruppenleiter und Kreisamtsleiter Pg. Schwarz, des Ortsgruppenleiters Pg. Linderl sowie die Begrüßung des Standortältesten der Wehrmacht Oberstleutnant Goetz und des Bürgermeisters Pg. Reisch entgegennahm. Hier stand die Jungschützenkompanie, die unter Gewehr angetreten war, mit ihrer Musikkapelle im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Die Jungmädel-Singschar Kufstein, die Jungmädel- und Pimpfen-Singschar Brixlegg, die BDM.-Singschar Söll-Leukental sowie eine Kindergruppe in Tracht der NS.-Frauenschaft Kufstein und Brauchtumsgruppen begrüßten den Gauleiter mit Spiel, heimatlichen Liedern und mit Blumensträußen. Die große Zahl alter und erneuerter Trachten, die Haltung und das Können der Singgruppen wiesen unverkennbar darauf hin, daß die Brauchtumspflege auch im Kreise Kufstein auf beachtlicher Höhe steht.

Auch auf dem Weg zum Schießstand wurde der Gauleiter überall herzlich begrüßt. Beim Madersbergerdenkmal in der Kienbergstraße erwarteten den Gauleiter die Politischen Leiter und die Gliederungen der NSDAP., die Thierseer Altschützen-Kapelle und Brauchtumsgruppen. Nachdem der Gauleiter von Kreisschützenmeister Lamche begrüßt wurde, entbot ihm eine schmucke Unterinntalerin den Willkommtrunk. Weithin hallten die Böller, als der Gauleiter zum Schießstand aufstieg, immer wieder freudig mit Liedern begrüßt, die ihm die BDM.-Singscharen Kufstein, Alpbach, Brixlegg und Thiersee sowie die Jungmädel-Singscharen Kramsach und Kundl entboten […].“

Den Abschluß der Eröffnungsfeierlichkeiten bildete wie üblich ein Brauchtumsabend. Die Organisatoren der gemütvollen Veranstaltung waren Pg. Anton Katschthaler und Elfriede Wagner, beide von der HJ-Bannführung Kufstein (Tiroler Volksblatt vom 19. Juni 1944, Seite 3):

„Anschließend besuchte der Gauleiter eine Brauchtumsveranstaltung, die in der Zahl der Mitwirkenden und in der Reichhaltigkeit der Ausgestaltung ganz erhebliche Fortschritte gegen frühere Jahre erkennen ließ. Der Vorwurf dieser Veranstaltung war Liebn und Huazatn, sie bildete einen Ausschnitt aus dem brauchtümlichen Liebeswerben und den bäuerlichen Hochzeitsbräuchen. Zusammengestellt wurde sie von Pg. Katschthaler und Pgn. Elfriede Wagner, beide von der HJ.-Bannführung Kufstein. Vor Beginn dieser Veranstaltung überreichte Kreisleiter Pg. Ploner dem Gauleiter eine kunstvoll geschmückte Mappe, die den Wortlaut der im Rahmen dieser Veranstaltung dargebotenen Lieder, Hochzeitsladersprüchen und Gstanzeln in künstlerischer Zierschrift und ansprechenden farbigen Zeichnungen enthält. Sie ist ein graphisches Meisterwerk des Pg. Fricker aus Kufstein.

Nach einleitenden Spiel- und Gesangvorträgen sprach ein Kufsteiner Jungmädel den Gruß an den Gauleiter […]. Und dann gaben die Brauchtumsgruppen des Standschützenverbandes und die Singscharen der Hitler-Jugend des Kreises Kufstein einen Ausschnitt aus ihrer Brauchtumsarbeit, wie es bisher wohl kaum in so schöner und vollendeter Weise gegeben wurde. In bunter Folge zeigten ihr Können die Bauernmusik der Hitler-Jugend Kufstein, die Jungmädel-Singschar Kufstein, die Brixlegger Dorfmusik, die Singschar der HJ.-Bannführung Kufstein, die Frauen-Singgruppe Wörgl, die Männer-Singgruppe Brixlegg, die BDM.-Singschar Söll-Leukental, die gemischte DJ.- und JM.-Singschar Brixlegg sowie die HJ.-Plattlergruppen Angath und Kirchbichl […].“

Der Bericht enthält auch eine ideologiegerechte Definition vom Sinn der Brauchtumspflege im Verbund mit dem Kreisschießen als verbale Hymne an den Gauleiter:

„Das Brauchtum ist Ausdruck unserer Weltanschauung und des rassisch bedingten Schicksalsglaubens. Wir bekennen uns mit ihm zum Sinn des Lebens der ständigen Erneuerung und Wiedergeburt des Volkes. Es gibt uns die Kraft für den Kampf des Lebens. Bestes Brauchtum ist aber das wehrhafte Brauchtum, das in unserem Gau mit dem Kreisschießen von Gauleiter Hofer zu höchster Blüte entfaltet wurde […].“ (Tiroler Volksblatt vom 19. Juni 1944, Seite 3).

Von den Kreisschießen in Bludenz, Dornbirn und Bregenz bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 23. Mai 1944 auf Seite 3 f. einen ausführlichen Bericht. Wie wichtig Gauleiter Hofer diese ideologischen Volksfeste für seine Propaganda- und Inspektionstätigkeit nahm, erweist das Faktum, dass er bei allen sechs Kreisschießen in Tirol, bei den sechs Kreisschießen in Südtirol und bei jenen in Vorarlberg jeweils persönlich anwesend war und auch mit zündenden Ansprachen seine Durchhalteparolen überzeugend vermittelte. Die Kreisschießen in Vorarlberg zeigen die üblichen Elemente in der öffentlichen Bekundung von Gefolgschaftsverhalten, insbesondere dargestellt von den Mitgliedern des Standschützenverbandes, wenngleich der Enthusiasmus in der Beteiligung im Vergleich zu Tirol wesentlich verhaltener ausfiel.

„Mit dem Empfang in Langen, wo der Kreisleiter Pg. Richter den Gauleiter erwartete und begrüßte, hub die Fahrt durch die drei Kreise Bludenz, Dornbirn und Bregenz an, die der Gauleiter am Samstag und Sonntag besuchte, um sich im Rahmen ihrer Kreisschießen von den Fortschritten der Schießpflege und der Brauchtumsarbeit zu überzeugen.

Durch die fahnengeschmückten Orte des Klostertales ging die Fahrt dann weiter in die festlich beflaggte Kreisstadt Bludenz. Am frühen Nachmittag eröffnete dort der Gauleiter das Kreisschießen 1944 inmitten einer festlich gestimmten Volksmenge, die ihn bei seinem Eintreffen herzlich begrüßte. Hier wie an allen anderen Orten hatte die Jugend, die den Gauleiter auf seinem Weg zum Schießstand in hellen Scharen umringte, im äußeren Bild der festlichen Stunde den unbestrittenen Vorrang, und unabsehbar war die Menge der farbenfreudigen Trachten, die rundum das Gelände belebten. Nach dem ersten Schuß, den der Gauleiter abgab, begann es auf allen 36 Ständen zu knallen und im Nu war der Schießbetrieb im Gange, wie er uns schon seit Jahren überall im Gau vertraut ist und doch immer wieder neue Eindrücke wehrbereiter und waffenfreudiger Haltung der Menschen in unsere Bergheimat vermittelt.

Nachdem der Gauleiter noch am Schloßplatz einem Volksliedersingen und Volkstanzvorführungen beigewohnt hatte, besichtigte er mit seiner Begleitung Arbeitsstätten in der Umgebung der Stadt Bludenz und besuchte die Landfrauenschule Gauenstein, den Landwirtschaftsbetrieb und die Nutzgartenanlagen dieser Anstalt. An die Schülerinnen, die ihn in schmucken Trachten am Vorplatz erwarteten, richtete er eine Ansprache und wies auf die Aufgaben des deutschen Bauerntums hin, die diesem aus der Führungsaufgabe des deutschen Volkes nach dem Sieg erwachsen werden und wofür die Schule beitragen soll, das geistige und praktische Rüstzeug zu sichern.

Der Abschluß des Eröffnungstages war ein Brauchtumsabend, der in einer überaus reichhaltigen Vortrags- und Vorführungsfolge ein umfassendes Bild der Brauchtumsarbeit im Kreise vermittelte. Besondere Hervorhebung verdient eine Folge von Bühnenbildern, eine geschichtliche Darstellung der Entwicklung der Walser Tracht in den letzten hundert Jahren und des Wandels der Einstellung zur Trachtenpflege und zur Gesamtheit der bäuerlichen Ueberlieferungswerte im Laufe dieser Zeitspanne. Eine wirksame Werbung für die Trachtenpflege als den geradezu schreienden Mißklang, der durch das Auftreten einer Bäuerin im städtischen Kleid inmitten einer trachtengekleideten Familie hervorgerufen wurde, kann man sich kaum vorstellen […].“

Den Brauchtumsabend nützte der Gauleiter wieder für seinen Propagandaauftritt. Er erinnerte in seiner Rede besonders an die Heldentaten der Kämpfer von 1809 und mahnte dieses Vorbild an Entschlossenheit und Tapferkeit für die Gegenwart ein. Wie so oft, verwies er in der Ansprache auf seine Schöpfung, den Standschützenverband. Dieser sei äußerliches Zeichen der Heimatliebe und der „Treue und Hingabe für unser Großdeutschland“. Aus diesen Werten erwachse die „Kraft und Stärke, die dem Reich den Endsieg in diesem Schicksalsringen sichern“ wird. Dramaturgischer Höhepunkt der Rede war das „Bekenntnis zum Führer, der über Deutschland“ und seine Volksgemeinschaft „wacht“: Die wahnwitzige, die Ausführungen wirkungsvoll abschließende Feststellung „So bringt uns jeder Tag näher dem größten deutschen Sieg der Geschichte“ wurde offensichtlich ernst genommen, wie die begeistere Zustimmungsreaktion des Auditoriums schließen lässt.

„Am Schießstand in Feldkirch hatte bereits am Samstag mittags das Kreisschießen des Kreises Dornbirn begonnen. Als der Gauleiter mit dem Kreisleiter Pg. Mahnert am frühen Vormittag des Sonntags eintraf, waren am Vorplatz des Schießstandes die Politischen Leiter, die Gliederungen und angeschlossenen Verbände der Bewegung und in beträchtlicher Stärke mit zwei Musikzügen die Hitler-Jugend angetreten. Von ihr wurde die Morgenfeier gestaltet, die den eigentlichen Eröffnungsakt bildete. Im Mittelpunkt dieser Feier stand eine durch mehrere Sprecher mit wirkungsvollen musikalischen Einlagen gebotene geschichtliche Darstellung der Wehrgeschichte und des Schützenwesens im Kreis. Angefangen von den ersten, aus dem 14. Jahrhundert urkundlich nachweisbaren Einrichtungen der Schießpflege in Feldkirch über die Freiheitskämpfe Michael Gaismayrs und die Franzosenkriege, die in der Umgebung von Feldkirch zu scharfen Gefechten führten, leitete die Darstellung zur Bewährung des Wehrgeistes unserer Bergheimat im gegenwärtigen großdeutschen Freiheitskampf über und fand ihren Höhepunkt in der Verlesung der Namen der Ritterkreuzträger aus dem Gau Tirol-Vorarlberg […].

Am Nachmittag traf der Gauleiter mit Kreisleiter Mahnert am Schießstand Berg Isel in Bregenz ein und beteiligte sich am Schießen […].“

Bevor Gauleiter Hofer noch am Abend die Rückreise nach Innsbruck antrat, besuchte er im „Deutschen Haus in Bregenz“ einen „Singwettbewerb der KLV.-Lager und Brauchtumsveranstaltungen der Hitler Jugend“.

Zuletzt bringt der Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 23. Mai 1944 ein Resümee, das auch die Intention der Kreisschießen ideologiegerecht erklärt (Seite 3 f.):

„Wenn wir die Eindrücke dieser zwei Tage zusammenfassen, so können wir hinsichtlich aller drei Kreise eine über allen Einzelzügen stehende Gemeinsamkeit feststellen: es ist überall mit dem gleichen Eifer gearbeitet und mit gleichen Nachdruck nach dem gleichen Ziel gestrebt worden. Wir sahen saubere, unter dem Einfluß der kriegsbedingten Hemmnisse wohl zuweilen nur vorläufig ausgestaltete und räumlich nicht zureichende, aber doch allen anderen Anforderungen entsprechende Schießstände. Wir erhielten besonders in Bludenz Einblick in Unterlagen, die eine bis ins kleinste gehende, vorbildlich durchgearbeitete Vorbereitung und Organisation belegen. Wir fanden die Ergebnisse jahrelanger emsiger Arbeit in den Brauchtumsgruppen, den Trachtengemeinschaften, den Sing-, Spiel- und Tanzgemeinschaften, in den vielen neuerweckten alten Tänzen und Liedern wieder und konnten vor allem feststellen, daß die Bevölkerung in Stadt und Land, ohne Unterscheid des Alters und der Berufszugehörigkeit, mit größter Aufgeschlossenheit mitgeht und die Bereitschaft zur tätigen Mitarbeit von Jahr zu Jahr weitere Kreise zieht. Die Kreisschießen sind überall zu einem festen, in seiner ganzen Bedeutung wohlverstandenen Begriff geworden. An ihnen nimmt jung und alt Anteil, auf ihren Erfolg ist die ganze Bevölkerung in jedem Kreis stolz, nicht weil damit ein Fest im gewöhnlichen Sinn des Wortes den Lauf des Alltags angenehm unterbricht, sondern weil jeder ihren tieferen Sinn erfaßt hat: ein Bekenntnis zur Heimat, zur aufrechten, stolzen Haltung eines wehrhaften Bergvolkes, das auf seine Weise mit der Waffe in der Hand und mit dem trauten, frohen Lied auf den Lippen sein Treuegelöbnis ablegen will für ein ewiges, unzerstörbares und unüberwindliches Deutschland.“


Kreisschiessen


Als repräsentativste Form des Brauchtums galt das alljährlich in der Gauhauptstadt Innsbruck abgehaltene Landesschießen, das 1944 bereits zum siebten Mal durchgeführt wurde. Das Landesschießen war ein Volksfest, das den Gau kulturell repräsentierte im augenscheinlichen Einvernehmen von Partei und Volksgemeinschaft. Aus dem ganzen Gaugebiet versammelten sich Schützenkompanien, ihre dazugehörigen Musikkapellen, folkloristische Vereinigungen, alle in bunten Trachten das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Heimat vermittelnd, in Gemeinsamkeit mit den Uniformen der Soldaten der Machthaber und den Symbolen und Repräsentanten der NSDAP. Die Großkundgebung auf dem Adolf-Hitler-Platz diente als Demonstration der Unterwürfigkeit unter das Parteidiktat und der Gefolgschaftstreue, die durch Propagandareden des Gauleiters bestärkt wurde. Äußerlicher Ausdruck des Einvernehmens mit den Machtträgern war der symbolisch effiziente Akt des Vorbeimarsches, den die die Volksgemeinschaft und die Partei stellvertretenden repräsentierenden Formationen in öffentlicher Aktion vollzogen. Begleitet wurde diese theatralische Propagandaschau von einer Vielzahl kultureller Veranstaltungen, die nicht nur als Rahmenprogramm zu den Schießaktivitäten und klingenden Volkstumsdemonstrationen dienten, sondern substanziell zum Gesamtkonzept der Darstellung des Gaues als eine auch in den Erschwernissen des Krieges intakte „Schicksalsgemeinschaft“ erwies. Seit 1943 wurde das Begleitprogramm des Landesschießens zu einem mehrwöchigen kulturellen Festprogramm ausgeweitet, dessen Elemente aus verschiedensten Bereichen des Kulturlebens man mit der ideologischen Intention des Landesschießens in Einklang brachte.

In den Innsbrucker Nachrichten und im Tiroler Landboten, jeweils vom 1. Juli 1944, Seite 3, ließ Gauleiter Hofer den Inhalt seines „Ladschreibens“ verlautbaren, mit dem er wiederum auf die grundlegenden Bedeutung dieser Veranstaltung für die „Festigung der Volksgemeinschaft“ anhand der Pflege „heimatverwurzelten Brauchtums“ hinwies. Das Landesschießen sei aber auch eine propagandistisch wirksame Demonstration der unerschütterlichen Entschlossenheit und der Siegeszuversicht:

„In seinen einleitenden Worten zum Ladschreiben für das 7. Landesschießen 1944 in Innsbruck hat der Landesoberstschützenmeister, Gauleiter und Reichsstatthalter Hofer die Sinngebung dieser Veranstaltung mit folgenden Worten umrissen:

‚Das 7. Landesschießen soll ein neuerlicher Rechenschaftsbericht sein über den Erfolg unserer Bemühungen, jeden Volksgenossen unseres Gaues, der zur Handhabung einer Feuerwaffe tauglich ist, hierzu durch Uebung am Schießstand auch praktisch zu befähigen; es soll eine Ueberschau geben über die innere Festigung der Volksgemeinschaft im Gau durch die Pflege unseres heimatverwurzelten Brauchtums; es soll vor allem ein flammendes Bekenntnis der Menschen dieses Gaues in Stadt und Land sein, den schweren Belastungen und höheren Anforderungen des Krieges einen immer noch stärkeren Widerstand, eine noch entschlossenere Haltung und einen noch verbisseneren Kampf- und Siegeswillen entgegenzusetzen – komme was wolle!‘
Diese grundsätzlichen Ausführungen stellen zugleich die Begründung dafür, daß das Landesschießen im fünften Kriegsjahr ebenso wie in früheren Jahren durchgeführt wird und daß mit den Schwierigkeiten, die sich diesem Beginnen entgegenstellten, auch der Wille und die Kraft zu ihrer Ueberwindung gewachsen sind. Im Gau Tirol-Vorarlberg ruhen in der Pflege des wehrhaften Brauchtums die Hauptkräfte der wehrgeistigen Erziehung der Heimat und der unmittelbaren Wehrertüchtigung durch die Uebung mit der Waffe. Wie die vorangegangenen Kreisschießen im Gau, in Osttirol und in der Provinz Bozen wird das Landesschießen, und zwar dieses in erhöhtem Maße und in stärkerer Zusammenfassung, den Nachweis über die Erfolge dieser Erziehungsarbeit im abgelaufenen Jahr zu erbringen haben. Damit wird diese Veranstaltung umso mehr zu einem Bedürfnis, als die entscheidungsreife Entwicklung der Kriegsereignisse täglich und stündlich mehr die Kampfbereitschaft des ganzen Volkes auf die Probe stellt.

Als vielsagendes Symbol für das Landeschießen zeigt das Umschlagbild des Ladschreibens die von L[uis] Alton ausgeführte Darstellung eines Schützen und eines Soldaten, die, beide die Waffe über der Schulter, im entschlossenen Gleichschritt auf das gleiche Ziel marschieren. Auf der ersten Textseite findet sich die Wiedergabe eines Gemäldes von Egger-Lienz, drei Freiheitskämpfer aus Tirols Heldenzeit, die über der blanken Waffe ihren Treueschwur durch Handschlag besiegeln […].

In den Rahmenveranstaltungen zum 7. Landesschießen erscheinen wieder die schon zur Tradition gewordene Gau-Kunstausstellung und die Lehr- und Musterschau für bodenständige Wohnkultur. In enger Beziehung zur wehrhaften Brauchtumspflege steht eine Ausstellung Wehr und Waffen aus Tirols Vorzeit. Die Eröffnung des Landesschießens fällt in den Rahmen einer Großkundgebung der NSDAP.; der Vorbeimarsch der Partei und ihrer Gliederungen und der Standschützenkompanien in Trachten und in Waffen mit ihren Musikkapellen wird auch in diesem Jahre wieder das vertraute Bild der allzeit wehrbereiten Heimat vermitteln. In enger Verbindung mit dem Landesschießen stehen ferner die Volkskulturtage der Hitler-Jugend, die in ihrem Rahmen den musischen Wettbewerb der HJ. umfassen und in Landeck durchgeführt werden.“

Die Innsbrucker Nachrichten vom 1. Juli 1944 veröffentlichten auf Seite 3 Programmdetails zum 7. Landesschießen 1944:

„Samstag, 1. Juli:
9 Uhr Eröffnung der Gaukunstausstellung 1944 im Tiroler Landesmuseum. Anschließend Eröffnung der Ausstellung Wehr und Waffen aus Tirols Vorzeit ebendort.
11 Uhr Eröffnung der Lehr- und Musterschau für bodenständige Wohnkultur in der alten Universitätsbibliothek.
Nachmittags spielen Standschützen-Musikkapellen auf den Plätzen und in den Straßen der Gauhauptstadt.
20 Uhr Großappell der NSDAP. auf dem Adolf-Hitler-Platz. Es spricht der Gauleiter. Plätze sind bis 19.45 Uhr einzunehmen.

Sonntag, 2. Juli:
8 Uhr Vorbeimarsch auf dem Adolf-Hitler-Platz. Am Vorbeimarsch nehmen die Politischen Leiter, die Gliederungen und angeschlossenen Verbände der NSDAP., Abteilungen des Heeres, der Luftwaffe und der Waffen-SS mit ihren Musikzügen und des Reichsarbeitsdienstes teil. Der Vorbeimarsch der Standschützen wird durch die Musikkapellen und Kompanien aus der Provinz Bozen, voran die Salurner Standschützen, hernach die Standschützen aus Schlanders, Meran, Bozen, Brixen, Bruneck und Cortina-Hayden eröffnet; ihnen folgen die Osttiroler und sodann die Abordnungen der Standschützen aus den zehn Kreisen des Gaues Tirol-Vorarlberg. Es wird gebeten, die Plätze bis 7.45 Uhr einzunehmen.
10 Uhr (ungefähr) Beginn des Schießens am Hauptschießstand.“

Das Landesschießen wird auch über die Presse zum effizienten Propagandaunternehmen mit Einfluss auf die Leser. Der Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juli 1944, Seite 3, trägt dementsprechend die Überschrift „Demonstration des Wehrwillens und der Siegeszuversicht“, jener im Tiroler Landboten vom 4. Juli 1944, Seite 3 „Unser fanatischer Glaube an den Führer und den Sieg“. Annähernd gleich lautende, offensichtlich von der Propagandaabteilung in der Gauverwaltung zentral vermittelte Informationen zum Landesschießen enthalten die Ausgaben des Bozner Tagblatts vom 3. Juli 1944, Seite 5 und des Tiroler Landboten vom 4. Juli 1944, Seite 3.

Der Wortlaut in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juli 1944, Seite 3:

„Mit machtvollen Kundgebungen des unbeugsamen Wehrwillens wurde das 7. Landesschießen eingeleitet. Die Großkundgebung auf dem Adolf-Hitler-Platz und der Vorbeimarsch wurden in ihrer tiefen Sinngebung und in ihrem stolzen äußeren Rahmen zu einer Demonstration der ganzen Heimat, im fünften Kriegsjahr alles für den Sieg im Schicksalskampf der Nation einzusetzen. Nie ist dieses Bekenntnis unserer Heimat schöner und eindringlicher gegeben worden, als heute.

Auf dem Adolf-Hitler-Platz marschierten in den gestrigen Abendstunden umsäumt von Tausenden der Bevölkerung die Abordnungen der Bewegung, Wehrmacht und der Standschützen auf.

Auf den Tribünen beiderseits des Rednerpultes hatte die Ehrengäste des Gauleiters Platz genommen [darunter der Stabschef der ‚SA. Parteigenosse‘ Wilhelm Schepmann, ‚Reichminister Parteigenosse‘ Karl Wilhelm Ohnesorge und hohe Militärangehörige und Politfunktionäre].

[…] Nach einem Fanfarenmarsch des Gaumusikzuges und der Eröffnung der Großkundgebung durch Kreisleiter Dr. Primbs senkten sich die vielen Fahnen unter den Klängen des Liedes vom guten Kameraden zum ehrenden Gedächtnis der Gefallenen. Daran schloß sich ein Gedenkwort, worauf die Heldische Musik von Sepp Tanzer, gespielt vom Gaumusikzug unter Stabführung des Komponisten, zur Rede des Gauleiters überleitete.“

Gauleiter Hofer mahnte in seiner Ansprache insbesondere das Vertrauen auf den „Führer“ ein und verbreitete Siegeszuversicht. Betont verwies er auf den vorbildlichen Kampfeinsatz der Jugend:

„[…] Untergehen aber können wir nicht, denn erstmalig in der Geschichte sind alle deutschen Stämme eins im Willen zum Siege um jeden Preis: unter einheitlicher Führung stehen die deutschen Soldaten, die besten der Welt; Versuche der Zersetzung der Heimat sind zum Scheitern verurteilt, weil die nationalsozialistische Bewegung über die Haltung der Heimat wacht und das deutsche Volk gegen Spaltungsversuche durch sein Schicksal nach dem ersten Weltkrieg immun geworden ist. Vor allem aber, weil uns der Sieg schon in dem Augenblick gesichert wurde, als die Vorsehung dem deutschen Volk den Führer schenkte!“

In seiner Rede ging Gauleiter Hofer natürlich auch auf das aktuelle Kriegsgeschehen ein. Die Landung der Alliierten empfand er als „Erleichterung“, „weil wir nun endlich den Feind an der Klinge haben“. Den Zuhörern verkündete er als Hoffnung eine neue Wunderwaffe. „Geduldig und gläubig haben wir auch gewartet, bis der Führer in der unfehlbaren Erkenntnis des richtigen Augenblicks der höchsten möglichen Wirkung die erste deutsche Vergeltungswaffe eingesetzt hat“. Dann bezifferte er die enormen Verluste an Menschen und Material, die die Kriegsgegner auf dem Kontinent erlitten hatten. In seinen weiteren Ausführungen verkündete Franz Hofer die Erfolge in der „wehrhaften Brauchtumspflege“ und stellte dabei fest, dass bei den Kreisschießen des Jahres 1944, ohne den Kreis Innsbruck gerechnet, 55.625 aktive Schützen teilgenommen hätten.

„Auch an die Bewährung der SS-Division Hitler-Jugend, die in der letzten Zeit wiederholt im Wehrmachtbericht genannt wurde, erinnerte der Gauleiter und fand neuerdings begeisterte Zustimmungskundgebungen, als er verkündete, daß aus allen Bannen der Hitler-Jugend mehrere starke Marschblocks als Abordnungen von Kriegsfreiwilligen angetreten seien, die sich neuerdings aus den Reihen der Hitler-Jugend unserer Heimat als Kriegsfreiwillige zum Waffendienst gemeldet haben. Diese Jugend sei, so betonte der Gauleiter, würdig dieses Landes, in welchem ein Jahrtausendlang Wehrpflicht und Wehrrecht von einem Stamm kampfbereiter Wehrbauern gepflegt und hochgehalten wurde.

Abschließend gedachte der Gauleiter des Führers, dem über 80 Millionen deutsche Herzen ihren ganzen Glauben und ihr ganzes Vertrauen entgegenbringen […]“.

Mit dem „Vorbeimarsch“ drückte die Volksgemeinschaft, dargestellt durch ihre Identitätsträger, symbolisch ihr Einverständnis mit der Machtbefugnis der Partei aus, die ihrerseits ihre Stärke durch den Auftritt militärischer Formationen und Organisationen der Parteigefolgschaft demonstrierte:

„In den Morgenstunden des Sonntags begann dann der Anmarsch der zahllosen Kolonnen. Mit klingendem Spiel kamen die Standschützen aus ihren Quartieren angerückt, die Jugend zog mit Gesang an die Stellplätze, während sich in der inneren Stadt immer mehr Menschen sammelten, um den Vorbeimarsch zu sehen. Bis weit in die Anichstraße hinein standen viele Tausende Spalier.

Nachdem der Gauleiter mit seinen Ehrengästen auf der Tribüne Platz genommen hatte, begann dann am Adolf-Hitler-Platz der große Vorbeimarsch. Nahezu zwei Stunden lang zogen die Kolonnen durch das dichte Menschenspalier, immer wieder von den Zehntausenden herzlich begrüßt.

An der Spitze rückte die Wehrmacht an. Im Parademarsch zogen ein Musikkorps der Gebirgsjäger, mit den Fahnen, zwei Züge des Heeres, darunter eine Spezialformation, vorüber. Ihnen folgte die Waffen-SS mit der Abordnung des Gebirgsjägerregimentes der Waffen-SS Michael Gaismair und ein Musikkorps der Luftwaffe und eine Abteilung der Schutzpolizei.

Der Stellvertretende Gauleiter, Befehlsleiter Pg. Parson, meldete nun dem Gauleiter den Vorbeimarsch der Bewegung.

Dann kamen die Formationen der Bewegung, voran die Gliederungen mit ihren Standarten und Fahnen, die SA., SS und das NSKK. und die Marschblocks der Politischen Leiter mit den Hoheitsfahnen aus allen Kreisen, geführt von den Kreisleitern. Ihnen folgten die Kolonnen der Jugend, darunter die Abteilungen aus den Wehrertüchtigungslagern.

Mit lautem Beifall wurde auch die Abteilung des Reichsarbeitsdienstes begrüßt, der mit seinem Musikzug und den Zügen unter Gewehr und Spaten im Parademarsch angerückt kam.

Unter den Klängen des Andreas-Hofer-Marsches marschierten dann die ersten Musikkapellen und Kompanien der Standschützen auf. An ihrer Spitze, von den Massen laut begrüßt, die Salurner in ihrer schönen Tracht. Dann folgten in langem Zuge die Musikkapellen und Kompanien aller Kreise der Provinz Bozen, die Schützen aus Schlanders und Meran mit der starken Standschützenkompanie der Burggräfler und berittenen Fanfarenbläsern. Mit den Meraner Schützen waren in diesem Jahre zum erstenmal die Schildhofbauern aus dem Passeiertal mit den uralten Schilden ihrer wehrhaften Höfe und den Hellebarden gekommen. Den Schildhofern folgten dann die Partschinser. Dann hielten die Kolonnen, und während die Partschinser Musikkapelle spielte, zeigte der Burggräfler Fahnenschwinger wieder seine Kunst, von lautem Händeklatschen bedankt.

Nach den Meranern rückten die Standschützen aus dem Kreis Bozen an, voran die Musikkapelle Zwölfmalgreien, dann die Sarntaler, die Standschützen aus Jenesien und Ritten. Immer wieder grüßten die Massen die anmarschierenden Kolonnen mit ihren uralten Fahnen, die in ihrem zerschlissenen Tuch die wehrhafte Geschichte unserer Heimat bergen.

Nach Bozen kamen die Standschützen aus Brixen, und zwar die von Wiesen, Villanders und die Sterzinger Jungschützen.

Den Abschluß bildeten dann die Standschützenkompanien und Musikkapellen aus Bruneck und Cortina-Hayden und die Abordnungen der Osttiroler Standschützen.

Im endlosen Zug kamen dann die Formationen des Standschützenverbandes Tirol-Vorarlberg, wieder besonders herzlich begrüßt die Landecker Jungschützen mit ihrer trefflichen Musikkapelle und die Matreier Jungschützen, die wie immer den riesigen Zug beschlossen und vor dem Gauleiter unter tadellosen Gewehrgriffen eine exakte Ehrensalve abgaben. Auch die Wildschönauer Sturmlöter fehlten nicht, die mit ihrer alten Holzkanone Feuer gaben.“

Wie sehr sich die Idee des Standschützenverbandes als Repräsentant der Volksgemeinschaft im augenscheinlichen und demonstrativen Verbund mit der Ideologie verwirklicht hatte und auch so wahrgenommen wurde, kommt im Schlussabsatz des Berichtes zum Ausdruck:

„So zog zwei Stunden lang in einem Bild von unbeschreiblicher Schönheit die wehrhafte Heimat der Berge vorüber. Wehrmacht, Bewegung, Volk und wehrhaftes Brauchtum verwuchsen so zu einer einzigartigen Demonstration jenes Geistes, der in allen schweren Zeiten, die so oft unsere Heimat bedrohten, in unseren Vätern lebendig war, und heute wieder, in Deutschlands größter und schicksalsschwerster Zeit lebendiger denn je ist.“

Ergänzend dazu berichtet das Tiroler Volksblatt vom 5. Juli 1944, Seite 2:

„[…] Dann kamen, stürmisch bejubelt als erste der Standschützenformationen die Salurner und die anderen Standschützen der Provinz Bozen heran, die das mannigfaltige Bild der Trachten noch weiter bereicherten, gefolgt von den Osttirolern und den Standschützenabordnungen aus den Kreisen des Gaues außer Innsbruck. Diese neun Kreise hatten mit Rücksicht auf die kriegsbedingten Verkehrsverhältnisse nur Abordnungen und einzelne Kompanien und Musikkapellen entsandt, während sich aus dem Kreis Innsbruck der nachfolgende größte Teil des Vorbeimarsches der Standschützen zusammensetzte. Weißhaarige Greise und jüngste Buben waren in die Reihen der Standschützen und ihrer Musikkapellen eingesprungen, um auf alle Fälle die Einheit marschfähig, die Musikkapelle spielfähig zu machen und die Teilnahme zu ermöglichen.“


Details


In dem oben beim Schwazer Kreisschießen zitieren Aufsatz von Sepp Tanzer ist auch die Mitteilung enthalten, dass beim „Vorbeimarsch“ zum 7. Landesschießen rund 70 Musikkapellen „mit klingendem Spiel“ beteiligt waren.

Mit der Überschrift „Demonstration der Wehrbereitschaft“ brachte der Volkskalender Alpenheimat 1945 auf Seite 91-94 eine Zusammenfassung über das 7. Landesschießen mit folgendem Resümee:

„Vor allem aber sagen uns die Ergebnisse des 7. Landesschießens, daß die eingewurzelte Freude an der Waffenübung als beredtes Zeugnis wehrgeistiger Gesinnung und unentwegter Einsatzbereitschaft im Gau Tirol-Vorarlberg von Jahr zu Jahr stärker und mächtiger wirkt. Von allen bisherigen Landesschießen war zweifellos das siebente der größte und schönste Erfolg – ein Erfolg, der gerade am Ende des fünften Kriegsjahres eine machtvolle Demonstration der Heimat darstellt.“

Nach der Großkundgebung am Eröffnungstag des 7. Landesschießens lud Gauleiter Hofer „eine große Anzahl seiner Gäste“ zu einem „Brauchtumsabend“ im Gemeinschaftssaal des Landhauses:

„Eine Reihe von Brauchtumsvorführungen vermittelte den vielen auswärtigen Besuchern aufschlußreiche, mit großem Beifall aufgenommene Einblicke in unser heimisches Volksliedergut, unsere Volkstänze und mannigfaltige, erst in den letzten Jahren wieder zu neuem Leben erweckte Zweige der Volksmusik, z. B. der Harfe und das originelle Raffele.“

Im Rahmen dieses mit seinen folkloristischen Elementen eine gemütvolle Atmosphäre vermittelnden Ambiente erläuterte der Gauleiter seinen Gästen aus dem Reich sein Kulturprojekt Standschützenverband:

„Gauleiter Hofer entwickelte seinen Gästen in eingehenden Worten einen aufschlußreichen Ueberblick über die wehrhafte Brauchtumspflege im Gau und in der Provinz Bozen sowie über die wehr- und kulturpolitischen und wirtschaftlichen Fragen, die in diesem Raum zu lösen sind, damit er sich sinnvoll und nutzbringend als starker Südwall des Großdeutschen Reiches zu bewähren vermag.“

Hermann Esser, Staatssekretär im Reichministerium für Volksaufklärung und Propaganda, bestätigte Franz Hofer den Erfolg seiner kulturpolitischen Unternehmungen, die insbesondere die identitätsstiftende Volkskultur für Zwecke ideologisch bedingter Gemeinschaftsbildung vereinnahmten und unter die alleinige Observanz der Partei stellten:

„Im Namen der Gäste erwiderte Staatssekretär Pg. Esser als anwesender ältester Parteigenosse die Begrüßung des Gauleiters und stellte dabei Erkenntnisse heraus, die für die Aufgeschlossenheit des ganzen deutschen Volkes für die Wesensart der Wehrertüchtigung und Brauchtumspflege, wie sie im Gau Tirol-Vorarlberg aufgebaut wurde, von entscheidender Wichtigkeit sind […]. Die Mittel und Wege, die Gauleiter Hofer hierzu eingeschlagen habe, seien in der Eigenart des Lebensraumes begründet. Ihre Anwendung in Gestalt der wehrhaften Brauchtumspflege ist dieser Eigenart angepaßt und geht von der richtigen Erkenntnis aus, daß dem nationalsozialistischen Deutschland jede seelenlose Gleichmacherei fremd ist. Pg. Esser erinnerte an ein Wort des Generals Ludendorff, der Deutschland einmal ‚nach außen stark und schwertgewaltig, nach innen reich und vielgestaltig‘ genannt hat, stellte fest, daß der darin zum Ausdruck kommende Grundsatz in diesem Alpenraum vollkommene Verwirklichung gefunden hat und beglückwünschte den Gauleiter zu den großen Erfolgen, die er dabei zum Besten des Reiches erzielt hat […].“ (Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juli 1944, Seite 4).


Standschützenverband - Landesschießen - Kreisschießen und Appelle


Integraler Teil des Standschützenverbandes waren auch die Heimatbühnen, die in Tirol eine reiche Tradition aufwiesen und von der Partei vor allem wegen ihres die Dorfgemeinschaft vertiefenden Charakters gefördert wurden.

Am 2. Juli 1944 nahm die Heimatbühne Innsbruck des Standschützenverbandes Tirol-Vorarlberg nach längerer Pause wieder ihren Spielbetrieb auf.

„Zum Beginn des Spieles Der Prankenhof begrüßte Bannführer Pepeunig als Leiter der Heimatbühne die zahlreichen Gäste und gedachte des durch Bombenangriff gefallenen Spielleiters Markus Rainer und seiner Familie. In kurzen Worten schilderte der Bannführer den Werdegang der Heimatbühne und ihre voraussichtliche Weiterentwicklung. Das Laienspiel gehört zur Brauchtumspflege des Standschützenverbandes und wird von Gauleiter Hofer stärkstens gefördert. Wir spielen, weil wir Freude am Spiel haben, keiner der Spieler will für seine Leistung Entgelt. Nach diesen Worten bat Bannführer Pepeunig die Anwesenden, noch oft Gäste der Heimatbühne Innsbruck zu sein.

Das Spiel Der Prankenhof wurde von den einzelnen Spielern in einer klaren, gut durchdachten Form gezeigt. Die einzelnen Gestalten waren gut herausgearbeitet, so daß das Spiel sehr lebensnah wirkte. Die spielerische Leitung der Spielgruppe Berger kann neben der hervorragenden Leistung des Ahnl und der Bäuerin als sehr gut bezeichnet werden. Starker Beifall dankte den Darstellern für ihre gute Leistung. Der Spielabend war ein erfolgversprechender Anfang.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 7. Juli 1944, Seite 4).

Ende Juli 1944 führte die neu gegründete Heimatbühne des Standschützenverbandes Zell am Ziller das ländliche Lustspiel Bis die Uhr zwölfe schlägt auf:

„Die beiden Aufführungen waren sehr gut besucht. Das schauspielerische Können der Mitwirkenden war hervorragend, wie auch die neuausgestaltete Bühne großen Gefallen beim Publikum fand. Wir sind sehr stolz auf unsere Heimatbühne und hoffen, in Zukunft unter der Spielleitung von Josef Waibl noch manche schöne Aufführung erleben zu können.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 2. August 1944, Seite 3;Tiroler Landbote vom 4. August 1944, Seite 4).

Die bekannte Klingenschmid-Bühne unter Leitung von August Klingenschmid brachte mit der dreiaktigen Bauernposse Der verkaufte Großvatereine belustigende Abwechslung nach Wörgl (Tiroler Landbote vom 25. Februar 1944, Seite 3):

„Das Spiel der einzelnen Darsteller sowie die Gesangs- und Zithereinlagen in den Zwischenpausen wurden von den zahlreichen Zuschauern mit herzlichem Beifall bedankt.“

Auf ihrer „Gastspielreise“ besuchte die Klingenschmid-Bühne auch Kirchbichl: „Wie überall wurde den Darstellern für ihre vorzüglichen Leistungen mit starkem Beifall gedankt“ (Tiroler Volksblatt vom 23. Februar 1944, Seite 4).

Ein weiteres Beispiel für die Theaterleidenschaft auch in trauriger Zeit ist die Darstellung der Komödie Der Verschwiegene von Peter Toll durch die Heimatbühne Angath. Beide Aufführungen „vor überfülltem Saale“ wurden mit „begeisterten Beifall“ aufgenommen. Der finanzielle Ertrag war für das Kriegs-Winterhilfswerk bestimmt (Tiroler Landbote vom 25. Februar 1944, Seite 3; Tiroler Volksblatt vom 23. Februar 1944, Seite 4).

Eine den Kreis- und Landesschießen ähnliche öffentliche Demonstration des Einvernehmens von Ideologie und Volksgemeinschaft in Form eines Volksfestes war der Brixentaler Flurritt. Traditionell hatte seit Jahrhunderten die Kirche den Umzugsbrauch mit Pferden als spezielle Form der Fronleichnamsprozession praktiziert. Die Nationalsozialisten sahen indessen in den Grundelementen des Brauches, zum Beispiel dem Umreiten von Bäumen oder dem Schmuck der Pferde mit Wachstumssymbolen, ein germanisches Frühlingsfest, das durch die liturgische Verbrämung wie dem Mitführen der Monstranz, den Gebeten unter Beteiligung von Klerikern und dem Umreiten von religiösen Bauten seiner ursprünglichen Sinnhaftigkeit entstellt wurde.

Für das Jahr 1939 wurde eine neue Konzeption des Flurritts verbindlich eingeführt, mit der man die neu geschaffene Form des Brauches mit den Propagandainteressen der Partei ideal verknüpfen konnte. Der gewohnte Termin am Fronleichnamstag wurde für 1939 noch beibehalten, weil man der Bevölkerung die neue Art der Durchführung und Sinnbestimmung erst erklären wollte. Dies geschah 1939 durch den Gaupresseamtsleiter Franz Pisecky bei seiner Ansprache auf der „Festwiese“ in Kirchberg:

„[…] Er verwies auf den Sinn des Flurrittes und trat der von gewisser Seite geforderten irrigen Ansicht entgegen, als ob es sich bei diesem Brauch um ein kirchliches Gelöbnis aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges handle. Der Redner betonte, daß dieser Brauch viel weiter zurückgehe und daß der althergebrachte Schmuck der Pferde mit Blumen und Lärchengrün, das Umreiten des Baumes und andere bei dem Brixentaler Flurritt geübte Gepflogenheiten klare Erinnerungen an unsere germanischen Vorfahren aufweisen […]“ (Innsbrucker Nachrichtenvom 10. Juni 1939, Seite 10).

Auch noch beim Flurritt 1940 hatte die neue Form der Durchführung offensichtlich Erklärungsbedarf. Diesmal informierte der Kreisleiter in seiner Festansprache über die neue Sinnerfüllung des Brauches. Er führte aus, dass „der Brixentaler Flurritt tatsächlich uralte und arteigene Überlieferung darstellt und bezeichnete den Flurritt als ein rechtes Fest der Naturverbundenheit […]. Letzten Endes ist dieser Tag ein Fest der Gemeinschaft […]“ (Innsbrucker Nachrichten vom 28. Mai 1940, Seite 3).

Auch 1941 wurde, durch die Autorität des Gauleiters selbst, wieder an die neue Zweckbestimmung erinnert. Auch Franz Hofer führte aus, dass „dieser Flurritt viel, viel weiter zurückgehe, als gewisse Kreise noch vor wenigen Jahren wahrhaben wollten. Heute sei es erwiesen und allseits anerkannt, daß dieser Flurritt nicht erst aus dem 17. Jahrhundert stamme, sondern daß wir es bei ihm mit einem aus der Frühzeit unseres Volkes erhaltenen Brauch zu tun haben. Dieser festliche Ritt sei ein Stück altgermanischer Überlieferung, die wir Menschen von heute in dem Bewußtsein weiter pflegen, uns zu der von unseren Ahnen überlieferten Art zu bekennen. Der Schmuck der Pferde ist für uns Symbol der Fruchtbarkeit. Wir dürfen aber auch nicht übersehen, daß die Reiter, die mit Schwert und Spieß ihre Flur umreiten, damit ihren Willen bekundeten, die heimatliche Gemarkung vor feindlichen Eingriff zu schützen. Gerade deswegen wollen wir auch in der Zeit des Ringens um die Sicherheit unserer Zukunft, dieses Fest der Heimatliebe, der Gemeinschaft und des Wehrwillens in würdiger Weise begehen.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 17. Juni 1941, Seite 3).

Die ideologische Instrumentalisierung dieser neuen Sinnerfüllung des Brauches wird durch die Ansprache des Stellvertretenden Gauleiters Herbert Parson, der 1943 die Festrede hielt, offenkundig: „Wenn wir nun in einer so ernsten Zeit wiederum den Brixentaler Flurritt durchführen, so hat dies seine volle Berechtigung, denn der Flurritt ist ja keine Unterhaltung, er ist einer der Rechenschaftsberichte der Heimat, Bekenntnis zum bodenständigen Brauchtum und ein Beweis des Glaubens an unsere Zukunft. Wenn in unserer Heimat am Ende des vierten Kriegsjahres so viele Menschen zur Begehung eines altehrwürdigen Brauchtums zusammenkommen, dann zeigt dies am besten unseren unbeirrbaren Siegeswillen. Es ist beim Brixentaler Flurritt nicht anders als bei den Kreisschießen […]“ (Innsbrucker Nachrichten vom 29. Juni 1943, Seite 3).

Abgesehen vom Jahr 1939 wurde der Brixentaler Flurritt immer an einem Sonntag im Juni abgehalten, vermutlich, um sich vom kirchlichen Fronleichnamstermin zu distanzieren.

Der Brixentaler Flurritt wurde vom Standschützenverband Tirol-Vorarlberg organisiert. Für das Jahr 1940 sind in den Innsbrucker Nachrichtenvom 28. Mai 1940, Seite 3, folgende mitwirkende Persönlichkeiten und Organisationen genannt:

„Die Organisation dieses Brixentaler Flurrittes 1940 war mustergültig. Die Vorarbeiten dazu hatten, unter der Oberleitung des Pg. [Curt] Braunsdorff, [Leiter des Gauorganisationsamtes], Männer der Partei und ihrer Gliederungen, des Reichsnährstandes, der NS.-Frauenschaft und der Gemeinden durchgeführt. Um das Gelingen des Festes haben sich besonders der Kreisausbildungsleiter Pg. Godai, Ortsgruppenleiter Pg. Papp, Bürgermeister und Ortsbauernführer Pg. Paufler, Kreisbauernführer Pg. Reisch und Bürgermeister Pg. Müller, Kitzbühel, verdient gemacht. Erwähnt sei noch, daß auch die Wehrmacht kameradschaftlich half.“

Der erste Brixentaler Flurritt 1939 in der neuen, von den NS-Organisatoren geprägten Form war auch das Muster für alle nachfolgenden Veranstaltungen der kommenden Jahre bis einschließlich 1944. In den Vormittagsstunden strömten die Besucher des Volksfestes aus allen Dörfern des Kreises nach Kirchberg, das „im festlichen Schmuck der Hakenkreuzfahnen und freudigem Grün prangte“. Zur gleichen Zeit sammelten sich die Reiter, allesamt Bauern, die ihre Pferde mit Flurblumen, Lärchengrün und bunten Bändern prachtvoll geschmückt hatten, in Gruppen der verschiedenen Orte am Klausenbach und traten ihren Ritt von dort gemeinsam nach Kirchberg an. „Zuerst reiten die aus Hopfgarten, dann die von Brixen im Thale, und aus allen anderen Gegenden schließen sich die Reiter an. In Kirchberg ist das lebhafte Treiben am Höhepunkt angelangt, in der Hauptstraße des Dorfes drängen sich schon Tausende.“

In einem Vorbericht zum Brixentaler Flurritt 1940 in den Innsbrucker Nachrichten vom 22. Mai 1940 ist auf Seite 5 der exakte organisatorische Ablauf der Reiterabordnungen der verschiedenen Ortsgruppen angekündigt:

„Die erste Reiterschar reitet von Hopfgarten um 11 Uhr ab und trifft sich um 12 Uhr mit den Reitern von Westendorf; um 13 Uhr erfolgt der gemeinsame Abritt von Brixen, um 14 Uhr von Kirchberg zum Klausenbach. Die Reiter von Jochberg, Aurach, Oberndorf und St. Johann i[n] T[irol] sammeln sich in Kitzbühel und verlassen in geschlossener Kolonne, mit dem Kreisbauernführer an der Spitze, um 13.30 Uhr die Kreisstadt. Am Klausenbach treffen die beiden großen Reitergruppen um 14.30 Uhr zur feierlichen Begrüßung zusammen. Um 15 Uhr kommen die Reiter in geschlossenem Zug in Kirchberg an.“

Die feierliche Begrüßung der beiden Reitergruppen aus Ost und West am Klausenbach, der eine alte Flurgrenze bildete, einstmals auch die Grenze zwischen den Herrschaften Salzburg und Tirol, bestand im feierlichen gemeinsamen Umritt um einen dort aufgestellten prächtig geschmückten Maibaum (vgl. „F. P.“ [Franz Pisecky], „Der Brixentaler Flurritt“, in: Alpenheimat. Familienkalender für Stadt und Land 1942, Seite 104).

In Kirchberg empfingen die Reiter Musikkapellen. Am frühen Nachmittag langte Gauleiter Hofer mit seiner Delegation politischer Funktionäre und mit Ehrengästen in Kirchberg ein, nachdem er wie beim Kreisschießen und sonstigen offiziellen Anlässen an der Kreisgrenze vom Kreisleiter begrüßt worden war. „Stürmische Heilrufe begrüßen unseren Gauleiter […] Musik klingt auf“, Böllerschüsse verkünden den Beginn des Festzuges. An der Spitze marschiert die Musikkapelle von Kirchberg. In der Spitzengruppe reitet der Kreisbauernführer. Im formellen Vorbeiritt am Gauleiter, der seine rechte Hand zum Gruß der Bauern erhoben hält, bezeugen die Bauern der Partei ihre Treuegefolgschaft. Auch die Bauern reiten mit der Hand zum Deutschen Gruß erhoben am Gauleiter vorüber. Viele tragen die Fahnen der Bewegung, andere historische Flaggen „aus den Kämpfen der Vergangenheit“. Zum Zeichen ihrer Wehrbereitschaft führten die Bauern auch Büchsen, Morgensterne und Hellbarden mit.

Für das Jahr 1940 wird diese Ergebenheitszeremonie wie folgt beschrieben: „Unter dem Spiel von drei Musikkapellen aus Kitzbühel, Brixen und Itter zogen dann die Reitertrupps, angeführt von Gauamtsleiter Pg. Braunsdorff, der derzeit den Kreis Kitzbühel leitet, Landrat Pg. Dr. Wersin, Kreisbauernführer Pg. Reisch und Bürgermeister und Ortsbauernführer Pg. Paufler am Gauleiter vorbei, der mit einer großen Zahl von Ehrengästen aus Partei, Wehrmacht und Staat in der Ortsmitte Aufstellung genommen hatte. Zweimal durchritten die Reiter, von denen der Großteil die alte heimische Bauerntracht angelegt hatte, das Dorf […]. Nach der Meldung, die Bürgermeister und Ortsbauernführer Paufler dem Gauleiter verbunden mit einem Treuegelöbnis der Bauernschaft des Kreises Kitzbühel erstattete, begrüßte Gauamtsleiter Braunsdorff den Gauleiter und die Ehrengäste […] und dankte dem Gauleiter für sein Erscheinen und für die Förderung, die er nun schon traditionell dieser bedeutenden Kundgebung heimischen Brauchtums angedeihen lässt.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 28. Mai 1940, Seite 3). Die Ehrenbezeugung und Unterwürfigkeit der Kreis-Bauernschaft dem Gauleiter und damit der Partei gegenüber, als Seele der neu konzipierten Brauchtumsgestalt wird auch damit bekräftigt, dass dieser Ergebenheitsakt mit den „Liedern der Nation“ von den nun folgenden Belustigungen mit Volksfestcharakter weihevoll und suggestiv pathetisch abgegrenzt war. Den Festzug der ca. 160 Reiter begleiteten bunt geschmückte Wagen, auf denen die Mitglieder volkskultureller Vereinigungen saßen, die dann auf der Festwiese das „bodenständige“ Unterhaltungsprogramm gestalteten. 1940 zum Beispiel waren auf den Festwagen außerdem die „Maiden vom weiblichen Arbeitsdienst in rotem Kopftuch und blauem Kittel, ein Wagen voll lachender BDM.-Mädeln“, weiters ein Wagen mit Spinnerinnen bei der Flachsverarbeitung zu sehen, den die Frauenschaft von Westendorf stellte. Bevor die Reiter auf dem mit Parteifahnen und einem hoch aufragenden Maibaum geschmückten Festplatz einzogen, hatten sie in festgelegter Weise die Flur von Kirchberg umritten, wobei der Zug einmal für ein apotropäisch wirksames und fruchtbarkeitsförderndes Zeremoniell anhielt, um den Flurspruch des Kreisbauernführers zu hören. Bei der zweiten Umrundung schlossen sich dann die Festwagen an.


Film


Das Programm auf der Festwiese bestand aus einer Festansprache, die in der Regel der Gauleiter hielt und so der jeweils aktuellen Parteipropaganda gewidmet war, der Vorführung der Noriker- und Haflingerpferde sowie der mit Preisen bedachten Trachten. Seit 1942 wurde auch „Landarbeitern und Landarbeiterinnen“ vom Gauleiter zum Zeichen ihrer „Freisprechung“ der „Lehrbrief“ überreicht. Der Gauleiter begründete diese Aktion damit, „daß bisher wohl jeder Handwerker seinen Freibrief erhielt, daß man es aber nicht für nötig gehalten hatte, dem Bauern seine fachliche Ausbildung zu bekunden.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 9. Juni 1942, Seite 3).

Den Volksfestcharakter bestimmten sportliche Geschicklichkeitsübungen der Reiter, Tanzgelegenheiten sowie unterschiedliche Darbietungen volkskultureller Vereinigungen. Für das Jahr 1941 ist diese Festatmosphäre wie folgt beschrieben:

„Nachdem die Lieder der Deutschen den offiziellen Teil der Feier beendet hatten, fanden die anschließenden Brauchtumsvorführungen eine zahlreiche und beifallsbereite Zuhörerschaft. Fröhliche Volkslieder und Jodler klangen auf, Brauchtumsgruppen des Tiroler Standschützenverbandes zeigten volkstümliche Tänze und Reigen, und während noch die turnerischen Vorführungen die Aufmerksamkeit der Besucher erregten, krachten an den Schießständen bereits die Stutzen.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 17. Juni 1941, Seite 3). 1940 hatten während der Pferde-Prämierung die Arbeitsmaiden des Lagers Kirchberg Reigentänze gezeigt, eine Westendorfer Jodlergruppe ihr virtuoses Können demonstriert und die Trachtengruppe Kirchberg Volkstänze vorgeführt, während sich die Jugendtrachtengruppe, ebenfalls aus Kirchberg, mit Schuhplattlervorführungen bewundern ließ. „Viel Beifall holten sich auch die frischen Mädel der Kitzbüheler BDM. mit ihrem Bandeltanz. Die Tänze der BDM. und der NS.-Frauenschaft wirkten besonders reizvoll dadurch, daß sie nach alter Sitte auf grünem Rasen getanzt wurden“, was als Fruchtbarkeitsritual gedeutet werden konnte (Innsbrucker Nachrichten vom 28. Mai 1940, Seite 3).

Die Rede auf dem Festplatz wurde mit Musik eingeleitet. 1939 etwa spielte der Fanfarenzug der Hitler-Jugend aus Kitzbühel einen Fanfarenmarsch. 1942 konnte man vor der Rede des Kreisleiters Pg. Merath „über Sinn und Bedeutung des Flurrittes“ einen „Festchoral, gesungen von der HJ. und BDM und gespielt von der Standschützenkapelle Kirchberg“ vernehmen (Tiroler Landbote vom 12. Juni 1943, Seite 3).

Die Auswahl der schönsten Männer- und Frauentrachten wurde von der Gausachbearbeiterin für Volkstum und Brauchtum in der Gaufrauenschaftsleitung „Parteigenossin“ Gertrud Pesendorfer getroffen. Die Preise selbst überreichte Kreisschützenmeister Oberforstrat Ing. von Schollmeyer. 1940 bestanden die Preise aus „Anweisungen auf Trachtenstoffe und Urkunden“.

Die Verteilung der Preise für die „bestbefundenen Pferde“ nahm Gauleiter Hofer vor. Im Zusammenhang mit der Nennung der Preisträger von 1942 enthält der Bericht im Tiroler Landboten vom 16. Juni 1942 (Seite 3) auch einige grundsätzliche Ausführungen über die ideologische Sinnhaftigkeit dieser Unternehmungen im organischen Zusammenhang mit dem Flurritt:

„Der Brixentaler Flurritt war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg. Diese Feststellung bezieht sich aber nicht nur auf den äußeren Ablauf dieses Brauchtumsfestes, sondern vor allem auf die ihm vorangegangene Aufbauarbeit, über deren Ergebnis die Veranstaltung selbst Rechenschaft abgelegt hat.

Zwei Dinge sind es vor allem, die an diesem Tage besonders in Erscheinung traten: auf kulturellem Gebiete die fortschreitende Aufgeschlossenheit für Brauchtum und Trachtenpflege und im Bereich des Wirtschaftlichen ein unverkennbarer Aufschwung der Pferdezucht.

Es ist als ein großer Erfolg der im Standschützenverband Tirol-Vorarlberg zusammengefaßten Brauchtums- und Trachtenpflege zu werten, daß heuer mehr und schönere alte Trachten zu sehen waren als in den vergangenen Jahren, daß immer mehr Bauern und Bäuerinnen, Burschen und Mädel lieber aus Kisten und Truhen die Erbstücke der Vorväter herausholen und zum Festtag anlegen, als daß sie der Fehlmeinung anhängen, im städtisch bestimmten Gewand einen ‚vornehmeren‘ Eindruck zu machen. Nicht weniger Wert ist auf die Feststellung zu legen, daß als Alltagstracht ebenfalls immer mehr Kleider gewählt und getragen werden, die nach den Vorbildern der alten Trachten sinnvoll und verständig angefertigt sind, dabei aber allen praktischen Anforderungen an zweckmäßige Arbeitskleidung gerecht werden. Wie diese Frage zu lösen ist, zeigt sich am besten bei solchen Gemeinschaftsveranstaltungen, wo Vergleiche gezogen, Erfahrungen ausgetauscht und Bewertungen vorgenommen werden können […].“

Diese engagierten Bemühungen im Bereich der Trachtenpflege und -erneuerung von Gertrud Pesendorfer erwiesen sich auch weiterhin als äußerst erfolgreich. Beim Flurritt des Jahres 1943 war die „Jugend aus den Dörfern zum großen Teil in den erneuerten Festtags- oder Werktagstrachten gekommen. Dieser Fortschritt in der Trachtenarbeit ist besonders erfreulich und im Hinblick auf die heutigen Schwierigkeiten doppelt anerkennenswert.“ Im Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 29. Juni 1943 wird auf Seite 3 ferner die Bildung einer Jugendmusikkapelle besonders hervorgehoben: „Nicht unerwähnt darf auch das Auftreten der vor einigen Monaten aufgestelltem Jungschützenmusikkapelle des Kreises Kitzbühel des Standschützenverbandes bleiben, deren 13- bis 14-jährige Spielleute sich auf den ganzen Kreis Kitzbühel verteilen. Trotzdem aber zeigten sie in Kirchberg, daß ihr sichtlicher Eifer in der kurzen Zeit ein sicheres Zusammenspiel erreichte, mit dem sie schneidig und flott ihre Weisen zu Gehör brachten.“ Zur Prämierung der Pferde wird mitgeteilt: „Nach der Rede des Stellvertretenden Gauleiters fand die Prämiierung der mit Preisen ausgezeichneten Pferde statt. Die Bewertung hatte ergeben, daß das Pferdematerial in diesem Jahr bedeutend besser als im Vorjahre war. So konnten diesmal 20 Pferde gegen nur 14 im Vorjahre erste Preise und 31 Pferde gegen 20 Pferde zweite Preise erhalten. Mit dritten Preisen wurden 45 und mit vierten Preisen 15 Pferde ausgezeichnet. Prämiiert wurden nur Noriker und Haflinger Pferde, die am Flurritt teilgenommen hatten. Nach dem Umritt der mit dem ersten Preis ausgezeichneten Pferde überreichte der Stellvertretende Gauleiter den sieben besten landwirtschaftlichen Lehrlingen des Kreises Diplome und, als Erinnerungsgabe des Gauleiters, Bücher. Anschließend fand dann die Verkündigung der Sieger im Trachtenwettbewerb statt.“

Der Brixentaler Flurritt des Jahres 1944 als letzte Ausführung im Gewand nationalsozialistischer Brauchtums- und Gemeinschaftspflege diente noch mehr als in den vergangenen Jahren der Propaganda. Im Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 13. Juni 1944 auf Seite 3 mit dem bezeichnenden Titel „Wehrbauernstamm im Süden des Reiches. Der Brixentaler Flurritt, ein Bekenntnis zu Heimattreue und Einsatzbereitschaft“ ist daher nicht mehr von der „Festwiese“ die Rede, sondern vom „Platz der großen Kundgebung“, wo Gauleiter Hofer mit einer zündenden Ansprache den „unerschütterlichen Glauben“ an den Endsieg beschwor und damit „felsenfeste Zuversicht“ zu verbreiten suchte. Das anschließende Volksfest mit seinem fröhlichen Charakter hatte keine natürliche Folgerichtigkeit, sondern musste vom Kreisamtsleiter Norbert Wallner mit überwiegend jugendlichen Teilnehmern durchgestaltet und geprobt werden. Von einer Bewertung der Trachten findet sich in der Darstellung, die sonst detailreich und propagandistisch wirksam die zahlreiche Präsenz der „Volksgenossen“ und deren begeisterte Anteilnahme betonte, auch keine Erwähnung mehr:

„Die hervorragende Stellung, die der Brixentaler Flurritt schon wegen seiner Ursprünge in germanischer Vorzeit im Schatz des Brauchtums unserer Bergheimat einnimmt, kam auch bei der diesjährigen Wiederholung dieses einzigartigen Brauches überzeugend zum Ausdruck. Trotz der Erschwernisse, die im 5. Kriegsjahr auch seiner Beibehaltung und Durchführung entgegenstehen mußten, war sowohl hinsichtlich des Umfanges der Beteiligung bäuerlicher Reiter, als auch der Anteilnahme der Bevölkerung kein Abfall gegen frühere Jahre festzustellen.

In herkömmlicher Weise zogen die Reitergruppen von allen Seiten in den Vormittagsstunden heran. Zum großen Teil mußten sie schon sehr früh aufbrechen, um die beiden Sammelpunkte Brixen-Hof und Grundhabing zu erreichen, wo die mit den Flurritt verbundene Beurteilung der Pferde durch den Kreisbauernführer Pg. Reisch, den Landstallmeister Ingenhaeff und ihre fachkundigen Helfer durchgeführt wurde. Die beiden großen Reitergruppen zogen dann von Osten nach Westen zum Klausenbach heran, wo sie sich vereinigten. Es bot sich hier ein besonders eindrucksvolles und ansprechendes Bild: die Spitzen der beiden Reiterzüge, die sich genau vor der Brücke trafen und mit lautem Zuruf des deutschen Grußes begrüßten, die Pferde prächtig aufgezäumt und mit frischgrünen Lärchenzweigen geschmückt, die Reiter zum größten Teil in den abwechslungsreichen, zum Teil sehr alten Trachten und über allem die flatternden Hakenkreuzfahnen. Der Reiterzug, nunmehr an die anderthalbhundert Pferde stark, umritt den Maibaum am Klausenbach und zog geschlossen gegen Kirchberg. Am Ortseingang setzten sich der Kreisleiter Pg. Merath und der Landrat Pg. Dr. Wersin an die Spitze des Zuges und führten ihn weiter zum Vorbeiritt vor dem Gauleiter.

Gauleiter Hofer war kurz vorher in Kirchberg eingetroffen. Inmitten des Ortes erwarteten ihn zahlreiche Ehrengäste, darunter SS-Obergruppenführer Pg. Schaub und der Standortälteste der Wehrmacht aus Innsbruck, Generalleutnant Freiherr von Faber du Faur. Die Jungschützenmusikkapelle des Kreises Kitzbühel, Mädel- und Kindergruppen und die Bevölkerung, die in dichter Masse die Straßen säumte und in der die zahlreichen Trachten das Bild bestimmten, bereiteten dem Gauleiter einen überaus herzlichen Empfang.

Mit der Standschützenkapelle Kitzbühel an der Spitze kam nun der Reiterzug heran, Kreisleiter Merath erstattete dem Gauleiter die Meldung und die Reiter zogen am Gauleiter und den Ehrengästen vorbei.

Nach Beendigung des Vorbeirittes begab sich der Gauleiter zum Platz der großen Kundgebung, die mit Fanfarenklängen und einem von Kreisamtsleiter Pg. [Norbert] Wallner gesprochenen Fürspruch eingeleitet wurde. Hernach ritten die Flurreiter auf den Kundgebungsplatz ein, geführt von Ortsgruppenleiter Parteigenossen Paufler, der den Gauleiter namens der Reiterschar begrüßte. Nach dem Vortrag des Flurrittliedes von Pg. [Norbert] Wallner, das in der Vertonung hier zum ersten Male zu hören war, eröffnete Kreisleiter Merath die eigentliche Kundgebung mit einer Ansprache, worin er dem Gauleiter den Dank aussprach, daß dieser das Höchste und Wertvollste wieder zum vollem Leben erweckt hat: die Liebe zur Heimat, die die Menschen zur höchsten Treue und zu jedem Einsatz für unser großes Vaterland befähigt.

Gauleiter Hofer erinnerte in seiner Ansprache an den Aufbau ohnegleichen, der seit 1938, als der Brixentaler Flurritt zum ersten male als überlieferungsechter altgermanischer Brauch wieder auflebte, auf allen Gebieten geleistet wurde. Unsere Bauern wissen es am besten, wenn sie ihre Wirtschaftslage, den Zustand ihrer Höfe und ihre Viehbestände von damals mit den heutigen vergleichen. Aber der Neuaufbau beschränkte sich nicht allein auf das materielle Gebiet, sondern war nicht geringer auf dem geistigen. In dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinschaft hat sich das große deutsche Wunder vollzogen, der Führer hat uns wieder den Glauben an Deutschland gegeben.“

Der Flurritt in seiner heutigen Form sei nicht zuletzt auch ein Rechenschaftsbericht über die Haltung der Heimat und ihre Leistungen in abgelaufenen Jahren. Ebenso wie die Kreißschießen, die nun überall im Gau durchgeführt würden, wäre auch dieser alte Brauch eine Kundgebung des unerschütterlichen Glaubens, daß dieser Krieg, möge er dauern wie lange er wolle, ein siegreiches Ende hätte. Leidenschaftlich mahnte der Gauleiter Gefolgschaftstreue ein, indem er psychologisch klug an den Freiheitsstolz der Bauern appellierte und sie als „Herrenmenschen“ titulierte sowie ihre „unerschütterlicher Treue zu Führer und Reich“ auch nach dem Frontwechsel der italienischen Alliierten herausstrich. Seine Propagandarede effektvoll beschließend, fasste er noch einmal die ideologisch bestimmte Sinngebung des Flurrittes prägnant zusammen als „Ausdruck der Geschlossenheit und Entschlossenheit“. Er sei weiters „ein Ausdruck des Vertrauens zu unseren Soldaten und des Glaubens an den Führer, der Deutschland zum größten Sieg seiner Geschichte führen wird“.

„Die Ausführungen des Gauleiters wurden von den Kundgebungsteilnehmern, die den weiten Platz in dichten Massen füllten, mit wiederholten Zustimmungskundgebungen aufgenommen. Dem Gauleiter wurden nunmehr die erstklassig prämiierten Pferde vorgeführt, deren Reiter aus seiner Hand die Anerkennungsurkunden entgegennehmen konnten. Auf Grund der strengen Prüfung konnten elf Pferde erstklassig beurteilt werden. Ihre Besitzer sind folgende [folgt Namensliste].

Zur Prüfung waren nur Pferde der norischen und der Haflinger Rase zugelassen, die am Flurritt teilgenommen hatten [vgl. auch bei der Tierhaltung die Achtung auf Bodenständigkeit und Rassereinheit].

Die guten Zuchtergebnisse und die einwandfreie Haltung des Pferdebestandes im Kreis Kitzbühel wird nicht nur durch die hohe Zahl der erstklassig prämiierten Pferde bewiesen, sondern auch dadurch, daß über 70 Pferde in die 2. Klasse gereiht werden konnten. Auch um diese Beurteilung zu erfahren, muß ein Pferd noch sehr hohen Anforderungen genügen.

Die Überreichung der Anerkennungsurkunden an die besten Landwirtschaftslehrlinge des Kreises durch den Gauleiter in Verbindung mit dem Flurritt ist nun ebenfalls schon zum festen Brauch geworden. Diese Ehrung wurde heuer folgenden Lehrlingen zuteil: [folgt Namensliste].

Den Abschluß der Kundgebung bildeten Darbietungen zahlreicher Sing- und Tanzgemeinschaften aus dem ganzen Kreis unter Leitung von Pg. [Norbert] Wallner. Begleitet von der Jungschützenmusikkapelle, bot die Jugend des Kreises einen lebensvollen Ausschnitt aus ihrer Brauchtumsarbeit. Wir sahen ausgezeichnete Schuhplattler und andere Volkstänze und erlebten in vielerlei Abwandlungen das heimische Volkslied, das in seiner gesunden Verbindung von Gemütstiefe und köstlichem Humor kaum in einem zweiten Gebiet des Gaues in so reicher Fülle vorzufinden ist, wie in seinem nordöstlichen Teil. Mit dem Hellau-Lied fand der Tag sinn- und stimmungsvollen Ausklang.“ Dieses Lied beschloss die meisten volkskulturellen Veranstaltungen und wurde damit funktional zu einer identitätsstiftenden Hymne und so zum Idealtopos eines Heimatliedes.


Details zu Norbert Wallner


Brixentaler Flurritt 1939-44


weitere Details


Propaganda-Initiativen

Die wiederholten Bombenangriffe auf Innsbruck im Dezember 1943, mit denen die Alliierten nicht nur die Infrastruktur beschädigen wollten, sondern insbesondere die Moral der Bevölkerung ins Wanken zu bringen versuchten, hatten zur Folge, dass die Schulen der Gauhauptstadt und diverse Verwaltungseinrichtungen in ländliche Gebiete umgesiedelt wurden. Auch der offenkundige Mangel in der Versorgung und die zahlreichen gefallenen Soldaten konnten der Bevölkerung nicht verborgen bleiben. So sah sich die Partei veranlasst, die schon seit der Niederlage von Stalingrad im Winter 1942/43 verstärkte Propagandatätigkeit noch zu intensivieren. Von höchster Instanz, vom „Führer“ und Reichskanzler Adolf Hitler selbst, wurde das auf ihn verübte Attentat für Zwecke der Propaganda genützt und der Fehlschlag als Wirken der „Vorsehung“ interpretiert mit der Konsequenz der Unersetzbarkeit seiner Person für die Errettung Deutschlands. Am 4. August 1944 „empfing“ Adolf Hitler die Reichsleiter und Gauleiter im „Führerhauptquartier“, um sich ihrer ungebrochenen Treue zu versichern. Er nützte die Versammlung der Parteiführerschaft zu einer energischen Ansprache, mit der er in gewohnter Eloquenz und den üblichen Argumenten seine Botschaft der Siegeszuversicht erneut seinen engsten Gefolgsleuten, ihr eigenes Zutrauen stärkend, vermittelte. Die wesentliche Passage seiner Rede bringen die Medien aus Gründen der Propaganda im Fettdruck, so auch die Innsbrucker Nachrichten vom 7. August 1944 auf der Titelseite:

„Ich bin dem Schicksal dafür, daß es mich am Leben ließ, nur deshalb dankbar, weil ich den Kampf weiterführen kann. Denn ich glaube, daß ich für die Nation notwendig bin, daß sie einen Mann braucht, der unter keinen Umständen kapituliert, sondern unentwegt die Fahne des Glaubens und der Zuversicht hochhält, und weil ich glaube, daß das kein anderer besser machen würde, als ich es tue. Was immer für Schicksalsschläge kommen mögen, immer werde ich als Träger der Fahne gerade stehen!

Ich habe gerade durch den 20. Juli eine Zuversicht bekommen, wie noch nie in meinem Leben. Wir werden diesen Krieg am Ende deshalb siegreich bestehen.“

In ähnlicher Intention hatte bereits im März Gauleiter Franz Hofer seine engsten Mitarbeiter zu einer Arbeitstagung versammelt, um sie in ihrer Überzeugung aufzurichten. „Im Verlauf dieser Tagung wurden vom Gauleiter für [die] weitere Arbeit Richtlinien gegeben, die sich für die Hoheitsträger der NSDAP. aus ihrer Verantwortung für die Haltung und Pflichterfüllung der Heimat in den kommenden entscheidenden Monaten des großdeutschen Freiheitskampfes ergeben.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 11. März 1944, Seite 3).

Im Jänner war Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley für einen Propagandaauftritt nach Innsbruck gekommen. Im Großen Stadtsaal hatte sich die Parteiprominenz versammelt, galt die Rede doch vor allem der ideologischen Stärkung der Politischen Leiter. Nach dem KampfliedRebellen schwor der hohe Politfunktionär sein Auditorium insbesondere auf die Gefolgschaftstreue zum Führer ein: „[…] Nur der beharrliche Glaube an den Führer und an die Idee kann dem Volk jene Kraft geben, die es braucht, um alle Belastungen dieses Krieges zu überwinden. Mit dem unbändigen Glauben an den Führer aber gibt uns auch das Wissen um die Notwendigkeit dieses Ringens die Kraft zum Durchstehen“. Weitere Argumente waren die üblichen Angstparolen: „Eindringlich stellte Dr. Ley den Zuhörern jenes Grauen vor Augen, dem wir unrettbar verfallen würden, wenn wir in diesem Kampf dem Judentum unterliegen würden.“ In der Folge ließ er Hasstirarden gegen die Juden freien Lauf und schloss „mit einem begeisterten Bekenntnis zum Führer, der uns Deutschen auch in schwersten Stunden immer Vorbild und Kraftquell ist“. „Beifallstürme“ dankten dem prominenten Redner für seine aufbauenden Ausführungen. „Der Gauleiter dankte Dr. Ley mit der Versicherung, daß im Gau Tirol-Vorarlberg der Wille zur bedingungslosen Mitarbeit für den Sieg heute, im fünften Kriegsjahr, lebendiger denn je ist, und, daß das Führerkorps der Partei mit Fanatismus bereit ist, alle Aufgaben, die der Krieg uns noch stellt, zu erfüllen. Gauleiter Hofer bat unter stürmischem Beifall den Reichsleiter, mit dem Gruß unseres Gaues dem Führer dieses Gelöbnis der Bereitschaft zu überbringen.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 21. Jänner 1944, Seite 5).

Der ehemalige Gauleiter von Wien, Alfred Frauenfeld, sprach bei einem „feierlichen Appell der NSDAP“ Anfang Juni 1944 „zu den „Männern und Frauen der Bewegung“ im Großen Stadtsaal Innsbruck:

„Im Schmuck der Fahnen und Hoheitszeichen der Partei, bis auf den letzten Platz besetzt von Politischen Leitern, den Männern und Frauen der Gliederungen und angeschlossenen Verbänden, bot der Große Stadtsaal das vertraute festliche Bild einer nationalsozialistischen Feierstunde. Wehrmacht und Staat waren durch zahlreiche Ehrengäste vertreten. Unter dem Spiel des Gaumusikzuges betrat Gauleiter Frauenfeld, von Kreisleiter Pg. Doktor Primbs geleitet, den Saal. Nach Entgegennahme der Meldung und dem Fahneneinmarsch begrüßte der Kreisleiter den Gast. Er erinnerte dabei an das Jahr 1930, da Pg. Frauenfeld erstmals in Innsbruck zu einer kleinen Schar von Idealisten als Anhänger des Führers sprach, und unterstrich den Gegensatz zwischen der damaligen Zersplitterung des deutschen Volkes und seinem heutigen geschlossenen Einsatz für ein einziges großen Ziel: den Sieg! Das alte Kampflied Rebellen erklang, dann sprach Gauleiter Frauenfeld.“

Der Redner schilderte die Ursachen für die Entstehung des Krieges, mit der üblichen Umkehrung der Schuldzuweisung. Den Hauptteil seiner aufstachelnden Ansprache widmete Gauleiter Frauenfeld der abschätzigen Beurteilung der Kriegsgegner und der optimistischen Darstellung der eigenen Position:

„80 Millionen deutsche Menschen stehen in geschlossenem Block gegen den Feind und mit ihnen das neue Europa, das aus der gemeinsamen Not dieses Krieges erwachsen ist und seine volle Wirtschaftskraft, zum Teil auch seine Wehrkraft mit der unseren vereint. Aus dem Wissen um die Kraft unseres Blutes, das uns der Nationalsozialismus gegeben hat, aus dem Glauben an den Führer und an die hohe Sendung des deutschen Volkes als Kulturträger der Menschheit schöpfen wir unerschütterliche Siegeszuversicht […].“ (Innsbrucker Nachrichten vom 5. Juni 1944, Seite 3).

Die bei diesen zentralen Propagandaveranstaltungen gewonnenen aufputschenden Eindrücke wurden von den politischen Funktionären in ihren Kreisen zur Motivation ihrer Mitarbeiter weitergegeben.

Unter dem Motto „Der Führer lebt, mit ihm lebt Deutschland“ hielt der Imster Kreisleiter Pg. Pesjak am 5. August eine Kreisarbeitstagung ab, mit den Ziel „sämtliche aktiven Kräfte zusammenzufassen und eine einheitliche Ausrichtung herbeizuführen, um den Kriegsereignissen tatkräftig entgegentreten zu können.“ Der Stellvertretende Gauleiter „Befehlsleiter“ Herbert Parson thematisierte in seiner Ansprache zuerst das Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 und erklärte, „daß die Tatsache der Lebenserhaltung des Führers für uns eine unerhörte Verpflichtung bedeute“. Diese „glückliche Schicksalsfügung“ habe den unbedingten Einsatzwillen aller zu folgern: „Unbeirrbar in der Treue zu unserem Führer, unbeirrbar im Glauben an unsere Zukunft gehen wir in das sechste Kriegsjahr […].“ Weitere Redner verbreiteten Siegeszuversicht, unter ihnen Hauptgemeinschaftsleiter Pg. Bose mit dem Thema „Führungsanspruch Deutschlands in Europa“. „Kreisleiter Pg.“ Pesjak bat den Stellvertretenden Gauleiter, „dem Gauleiter das Gelöbnis des Kreises Imst zu übermitteln, daß auch dieser Kreis alles tun wird, um seinen Beitrag zum totalen Krieg zu leisten“ (Innsbrucker Nachrichten vom 7. August 1944, Seite 3).

Ähnliche Aktionen, vor allem zur Erklärung des unbedingten Einsatzes für den „totalen Krieg“, gab es auch in allen anderen Kreisen mit speziellen Tagungen. In Kufstein zum Beispiel berief Kreisleiter Hans Ploner Anfang August eine „Kreistagung der NSDAP“ ein, in deren Rahmen er den politischen Funktionären Argumentationshilfen unterbreitete:

„[…] Aus dem riesigen Aufwand des Feindes an Menschen und Material ergibt sich die unbedingte Notwendigkeit des restlosen Einsatzes auf unserer Seite. Wir brauchen Arbeitskräfte, um der Front die Waffen zu schmieden, deren sie für die Erringung des Endsieges bedarf. Kein deutscher Volksgenosse kann und wird sich abseits stellen. Der Führer ist uns die Gewähr des deutschen Sieges. Sein Glaube an Deutschland und an das deutsche Volk, sein Kampf um die Erhaltung unseres Volkes sei uns hierbei immer Ansporn, bei unserer Arbeit alles Persönliche hintanzusetzen und unseren Einsatz so zu leisten, wie es der Größe und den Opfern des deutschen Schicksalskampfes entspricht. Am Ende dieses gigantischen Kampfes wird der deutsche Endsieg stehen. Wir müssen ihn erkämpfen oder untergehen. Wir geloben daher, komme was wolle, dem Führer treu zu bleiben […].“ (Tiroler Landbote vom 8. August 1944, Seite 3).

Der Kitzbüheler „Kreisleiter Pg.“ Alfred Merath forderte ebenso seine politischen Gefolgsleute und Funktionsträger im Rahmen einer Arbeitstagung „zur Mobilisierung aller Kräfte und zur äußersten Pflichterfüllung im gewaltigen Entscheidungskampf, in dem es um Sein oder Nichtsein der Nation geht“, auf (Tiroler Landbote vom 15. August 1944, Seite 3). Von einer „Kreisarbeitstagung“ in Telfs berichten die Innsbrucker Nachrichten vom 5. September 1944 auf Seite 3 mit dem Titel: „Die Partei im totalen Kriegseinsatz“. Was darunter gemeint ist, erklärt „Kreisleiter Pg.“ Dr. Max Primbs.

„[…] Mit Nachdruck wies der Kreisleiter darauf, daß bei dieser Arbeit keine lauen Mitläufer, sondern nur tat- und einsatzwillige Aktivisten Erfolg haben können. Die Partei muß in alle Winkel hineinleuchten und alle Rückständigkeiten aufstöbern. In jeder Ortsgruppe trägt der Ortsgruppenleiter die volle Verantwortung dafür, daß auch der letzte Mann herausgeholt und auf den richtigen Platz gestellt wird, wo er nach seinen Fähigkeiten hingehört und das Höchstmaß von Leistung hergeben kann. Heute ist die Zeit der höchsten Bewährung und die Zeit der Scheidung von Spreu vom Weizen. Das Vorbild des Führers vor Augen, wird die Partei die Probleme meistern und die Voraussetzungen schaffen für den Sieg Großdeutschlands.“

Der Stellvertretende Gauleiter Herbert Parson hatte in seiner Grundsatzrede das vorbildliche Verhalten der Funktionäre als Stimulans für die Bevölkerung eingefordert: „Die Aufgabe, das deutsche Volk zur höchsten Kraftanspannung anzufeuern, kann mit Worten allein nicht gelöst werden. Jeder Politische Leiter, jeder Amtsträger der Partei, der für seinen Teil Mitträger der Verantwortung ist, die der Führer der Partei übertragen hat, muß diese Verpflichtung nicht nur vorsprechen, sondern vor allem durch seine eigene Haltung und Pflichterfüllung als Vorbild vorleben.“

In Landeck hielt die NSDAP für alle ihre Mitarbeiter einschließlich des Kreisstabes und der Kreisredner einen Appell zur Motivationssteigerung. In Vertretung des „Kreisleiter Pg.“ Hans Bernard sprach „Kreisstabamtsleiter Pg.“ Vernier, der in seiner Rede deutlich, auch in Anlehnung an Reden des Gauleiters, zur Stärkung der Siegeszuversicht auf die Heldentaten der Tiroler Vergangenheit verwies.

„Ausgehend von der schweren Belastungsprobe, die das Reich heute durchzustehen hat, zeigte er auf, welch schwierige und verwickelte Lagen der Führer schon gemeistert hat und daß er die Stunde bestimmen wird, in der die geballte Kraft der ganzen Nation den Feinden die entscheidende Niederlage zufügen wird. Dem Führer zu glauben und zu vertrauen ist das Gebot, dem sich jeder Deutsche mehr als je unterzuordnen hat. Pg. Vernier forderte seine Zuhörer auf, sich als wirkliche Kämpfer zu zeigen und den fanatischen Willen, allen Belastungen zu trotzen, auf die ganze Bevölkerung zu übertragen sowie in der Haltung und Einsatzbereitschaft beispielgebend voranzugehen. Dabei wies Pg. Vernier besonders auch auf die Appelle des Gauleiters hin und auf die ehrenvolle Tradition unserer Vorfahren, an die das Heldentum unserer Kaiserjäger und Standschützen des ersten Weltkrieges und der Gebirgsjäger von heute anknüpft. Das Bekenntnis unserer Heimat kann daher nur sein, zu Deutschland nach Sitte und Brauch der Väter in unverbrüchlicher Treue und Kampfentschlossenheit zu stehen.“ Über die Auswirkung dieser Propagandaaktion wird im Tiroler Landboten vom 22. September 1944 auf Seite 4 schließlich mitgeteilt: „In den Tagen darauf folgten in fast allen Ortsgruppen des Kreises Versammlungen, in denen die Kreisredner die von Pg. Vernier übermittelten Parolen des Gauleiters bis in die höchsten Bergdörfer hinaustrugen.“

Abgesehen von den theatralischen öffentlichen Aktionen wie den Kreis- oder Landesschießen und zahlreichen Parteifesten, die alle im Sinne der Propaganda wirksam waren, unternahm man in speziell der Propaganda gewidmeten Unternehmungen den Versuch, der Bevölkerung mit schlüssiger Argumentation Siegeszuversicht zu suggerieren. Dazu wurden neben höheren Parteifunktionären wie die Kreisleiter insbesondere eigens geschulte Reichs-, Gau- und Kreisredner eingesetzt, die in den einzelnen Ortsgruppen im Rahmen von Volksversammlungen und Appellen für entsprechend optimistische Stimmung sorgten. Um die Propagandaarbeit überzeugend und effizient zu erledigen, wurde gerade auch vor Ort auf die Parteifunktionäre eingewirkt, ihre Überzeugung und Zuversicht gefestigt. Aus diesem Grund rief beispielsweise zu Jahresbeginn 1944 in Jenbach „Ortsgruppenleiter Pg.“ Höllwarth seine Mitarbeiter zu einem „Appell“ zusammen und vermittelte die folgende Botschaft:

„Je härter die Anforderungen sind, die der Krieg besonders an die seelische Standfestigkeit des Volkes stellt, desto schwieriger und verantwortungsvoller wird auch die Aufgabe der Partei in der Menschenführung. Härte und Beharrlichkeit der Heimat wird der ausschlaggebende Faktor für den Endsieg sein.“ (Tiroler Volksblatt vom 12. Jänner 1944, Seite 3).

Zu einer Ortsgruppentagung der NSDAP in Tiersee, der eine öffentliche Gemeinderatssitzung angeschlossen war, hatte man „Gauredner Pg.“ Becker aus Brixlegg eingeladen, um den Versammelten mit seiner Ansprache Hoffnung für eine gute Zukunft zu geben. Er bezeichnete dabei die nationalsozialistische Weltanschauung als eine unerschöpfliche Kraftquelle. Mit dem Beginn des totalen Krieges gegen den Bolschewismus und dem unerschütterlichen Siegeswillen des ganzen deutschen Volkes könne nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa gläubig und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Abschließend appellierte er an die unbedingte Einsatzbereitschaft der Anwesenden, denn in diesem „Augenblick der Entscheidung unseres Schicksals“ müsse jeder einzelne Volksgenosse an der Erfüllung der Aufgaben der Heimat mitarbeiten (Tiroler Volksbote vom 31. Jänner 1944, Seite 4).

Dies galt vor allem für die Bauern, die durch ihre Arbeit die Ernährung der Bevölkerung und der Soldaten sicherstellen sollten. So wurde im Rahmen einer Bauernversammlung in Kramsach vom Ortsgruppenleiter Gutmann von den anwesenden 200 „Bauern“ und „Bäuerinnen“ und landwirtschaftlichen Arbeitern eingefordert, ihr „Arbeitsergebnis noch zu steigern“. Auch Kreisbauernführer Dr. Widschwendter ermahnte seine Gefolgschaft, „daß sich jeder bäuerliche Volksgenosse durch restlose Arbeit und Erfüllung aller ihm auferlegten Pflichten, besonders der Ablieferungspflichten, bis zum Letzten bewähre“. Dies sei der Beitrag der bäuerlichen Bevölkerung zum Endsieg. Die Versammlung wurde musikalisch von der Standschützenmusikkapelle Kramsach eingeleitet und abgeschlossen (Tiroler Volksbote vom 31. Jänner 1944, Seite 4).

In Kitzbühel berief im April 1944 „Kreisleiter Pg.“ Merath die Ortsgruppenleiter mit ihren Mitarbeitern zu einer Kreisarbeitssitzung zusammen, um sie mit einem ansprechenden Programm in ihrer Zuversicht für das Kommende zu festigen:

„Die Tagung wurde im Kinosaal mit einer Morgenfeier durch Kreisschulungsleiter Pg. [Norbert] Wallner eröffnet. Im Rahmen der Arbeitstagung sprach Gauschulungsleiter Pg. Dr. [Fritz] Mang und beleuchtete die heutigen Zeitfragen vom weltanschaulichen Standpunkt aus. Hierauf fand Kreisleiter Pg. [Alfred] Merath Worte der Anerkennung für alle Mitarbeiter, ihre Arbeit und ihren Leistungswillen, und forderte auf, auch weiterhin in der Heimat die ganze Kraft für den Endsieg einzusetzen. Im Verlauf der Arbeitstagung gab der Kreisleiter Richtlinien für die kommende Parteiarbeit. Ein Farbfilm vom Landesschießen in Innsbruck vermittelte starke Eindrücke vom Wehrwillen, dem Brauchtum und dem Trachtenreichtum unseres Gaues.“ (Tiroler Volksblatt vom 17. April 1944, Seite 3).

Zur gleichen Zeit versammelte der Kufsteiner Kreisleiter seinen Kreisstab, die Ortsgruppenleiter und die Ortsgruppenpropagandaleiter zu einer ganztägigen Arbeitstagung. Anwesend war hier auch der oberste Kulturfunktionär, Gaupropagandaleiter Karl Margreiter, der ausdrücklich den „Wert und die Wichtigkeit der Brauchtumsarbeit und deren gemeinschaftsfestigende Wirkung hervorhob“ und durch Beispiele bekräftigte. Außerdem wurden Strategien der „Volksaufklärung eingehend behandelt“ (Innsbrucker Nachrichten vom 17. April 1944, Seite 3).

Der Innsbrucker Kreisleiter Dr. Max Primbs veranstaltete in seinem Kreis „Dorfgemeinschaftsappelle“, die – wirkungsvoll im Freien inszeniert – vom Spiel der Standschützenmusikkapellen aufmunternd begleitet wurden und in einem Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 23. Mai 1944 auf Seite 4 entsprechend propagandistischen Widerhall fanden:

„In den vergangenen vierzehn Tagen fanden diese Appelle in den Ortsgruppen des Ober- und Unterinntales statt. Sie sind Vorschau, Musterung und Ausrichtung für das alljährliche Landesschießen des Standschützenverbandes Tirol-Vorarlberg. Alle Ortsgruppen wetteiferten miteinander in der festlichen Gestaltung der Feierstunden, die im Freien durchgeführt wurden. Obwohl wir im fünften Kriegsjahr stehen, war die Beteiligung der Bevölkerung überall noch stärker als in den vergangenen Jahren, ein Beweis dafür, daß allen Widerwärtigkeiten und Härten zum Trotz die Heimat gewillt ist, alle ihr gestellten Aufgaben in treuer Gemeinschaft zu bewältigen. Sei es in den Ortsgruppen im Tal oder hoch droben am Berg, ob Bauer oder Bäuerin, ob Junge oder Mädel, alle waren in aufgeschlossener Bereitschaft zur Stelle. Neben die Uniformen der Politischen Leiter und der Parteigliederungen reihte sich das Feldgrau der Urlauber, die gerade von der Front kamen, zusammen mit den farbenfrohen Trachten der Musikkapellen und Standschützenkompanien.

Von den bisher besuchten 20 Ortsgruppen traten 17 mit spielfähigen Standschützenmusikkapellen an. Die Aeltesten und die Jüngsten und mancher Wehrmacht[s]urlauber sprangen ein, um Lücken auszufüllen und die Musikkapellen und Standschützenkompanien auf vollen Stand zu bringen.

Kreisleiter Pg. Dr. Primbs wies in seinen Ansprachen darauf hin, daß heute für jeden einzelnen in der Heimat die Zeit der Bewährung gekommen sei […]. Gerade jetzt wird es sich beweisen, wo es hart auf hart geht, wer mit seinem ganzen Herzen bei der Sache unseres Führers steht […].

Wer sich heute in diesem Ringen, das nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes geht, abseits stellt, hat es verwirkt, sich zur Gemeinschaft des deutschen Volkes zählen zu dürfen.“

Der Einsatz der „Vergeltungswaffen“ V 1 (erster Marschflugkörper) und V 2 (erste Großrakete) insbesondere gegen England und Belgien verschaffte der NS-Propaganda neue wirksame Möglichkeiten, die Bevölkerung vom „Endsieg“ zu überzeugen. Über eine spezielle, dieser Strategie gewidmeten, von Kreisleiter Dr. Max Primbs initiierten „Kundgebung“ in „Solbad Hall“, bei der sich auch die Standschützen mit ihrer Musikkapelle einfanden, informiert der Tiroler Landbote vom 20. Juni 1944 auf Seite 3:

„Am Freitag [16. 6. 1944] abend, an dem denkwürdigen Tage des erstmaligen Einsatzes neuer deutscher Kampfmittel gegen England, versammelten sich mit den Politischen Leitern, den Gliederungen und angeschlossenen Verbänden, den Standschützen und ihrer Musikkapelle viele hundert Partei- und Volksgenossen zu einer von der Ortsgruppe der NSDAP. veranstalteten Stunde der Gemeinschaft. Kreisleiter Pg. Dr. Primbs brachte in seiner Ansprache die Gefühle zum Ausdruck, die jeden aufrichtigen Deutschen zur Zeit zutiefst bewegen und im Hinblick auf den immerwährenden Einsatz der Soldaten an den Fronten und die unbeugsame Opferbereitschaft der Heimat Kraft und Ausdauer zur äußersten Pflichterfüllung geben. Unser Führer aber, an dessen Vorbild sich die Entschlossenheit des Volkes immer von neuem aufrichtet, wird die Entscheidung dieses Ringens und damit den deutschen Sieg mit der unerschütterlichen Gläubigkeit erkämpfen, die auch im Kampf um die innere Freiheit der sicherste Garant der Erneuerung unsers Volkes war.“

Bei einer Versammlung der NSDAP in Jenbach sprach „Kreisstabsamtsleiter Pg.“ Slonek. „In aufschlußreichen Ausführungen beschäftigte er sich mit den feindlichen Kräften, die dem deutschen Volk seinen Kampf ums Leben aufgezwungen haben, und mit den Verpflichtungen der Heimat in diesem Entscheidungsringen. Auf das Verhalten gegenüber Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern ging Pg. Slonek besonders ein.“ (Tiroler Volksblatt vom 19. Juni 1944, Seite 3).

„Kreisstabsamtsleiter Pg. Slonek“ war auch Teilnehmer einer zweitägigen „Kreisarbeitstagung“ der NSDAP in Schwaz, zu deren vielfältigem Programm ein von Karl Horak gestalteter „Brauchtumsabend“ gehörte. Details über den Verlauf und Inhalt der ähnlich Exerzitien nachgebildeten ideologischen Verinnerlichungsveranstaltung bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 24. Juli 1944 auf Seite 3:

„Kreisleiter Pg. Aichholzer berief für vergangenen Samstag und Sonntag [22./23. 7. 1944] sämtliche Ortsgruppenleiter des Kreises und die Mehrzahl der Mitarbeiter zu einer Arbeitstagung nach Schwaz. Kreisstabsamtsleiter Pg. Slonek eröffnete am Samstag die Arbeitstagung, worauf der Kreisschulungsredner Pg. Griesmayr über das Thema: Unsere nationalsozialistische Weltanschauung und Gauredner Pg. Holzwarth über das biologische Weltbild des Nationalsozialismus sprachen. Im Verlauf des Nachmittags wurden die Sondertagungen der Ortsgruppenleiter und der einzelnen Fachamtsleiter und Gliederungsführer durchgeführt. Anschließend daran brachte Reichsredner Pg. Hafner einen Vortrag über die deutsche Finanz- und Wirtschaftspolitik im Krieg und Frieden. Ein unter der Leitung des Pg. [Karl] Horak im dichtgefüllten Saal der Kreisbauernschaft durchgeführter Brauchtumsabend unter dem Leitspruch: Brauchtum im Wandel der Jahreszeitenbrachte den Teilnehmern der Arbeitstagung Stunden der Erholung und Entspannung. Der Sonntag begann mit einer Morgenfeier, die unter dem Leitsatz: Wir sind die Pflüger unserer Zeit einen würdigen Verlauf nahm. Mit einem Vortrag des Reichsschulungsredners Pg. Griesmayr über die Gestalt des Führers als Politiker und Feldherr und abschließenden Worten des Kreisstabsamtsleiters wurde die Kreisarbeitstagung, die den Teilnehmern neues Rüstzeug für ihre weltanschauliche und führungsmäßige Arbeit übermittelt hatte, beendet.“

Bei einer Propagandaveranstaltung der Ortsgruppe der NSDAP in Wörgl im Juni 1940 war „Pg.“ Becker als Redner geladen. Er mahnte insbesondere das Vertrauen auf den Führer ein: „Wir wollen uns stets noch enger in unbegrenztem Vertrauen um den Führer scharen, der uns zum Endsieg führen wird.“ Mit dieser Argumentation begeisterte er sein Auditorium, womit die Veranstaltung sich „zu einer eindrucksvollen Kundgebung des Siegeswillens“ emotional steigerte (Tiroler Landbote vom 20. Juni 1944, Seite 3).

Bei einer Versammlung der NSDAP sprach der Kreisobmann der Deutschen Arbeitsfront in Schwaz, „Gauredner Pg.“ Dr. Detlef Mahnert. Er brachte die üblichen zündenden Argumente vom dem „uns aufgezwungenen Krieg“: „Seine Ausführungen befaßten sich mit den unvergleichlichen kämpferischen Leistungen unserer Soldaten an allen Fronten und mit dem verbrecherischen Treiben der Kriegshetzer, die im Auftrag des Judentums uns zu dieser entscheidenden Auseinandersetzung gezwungen haben. Nun ist der restlose Einsatz von Front und Heimat erforderlich, um unseren Sieg zu erzwingen. Die zahlreichen Versammlungsteilnehmer nahmen die Ausführungen des Pg. Dr. Mahnert mit aufgeschlossener Anteilnahme auf.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 2. August 1944, Seite 3).

Wenige Tage nach seinem Schwazer Auftritt brachte Gauredner Detlef Mahnert dieselben Argumente in einer „Großversammlung“ der NSDAP in Kramsach vor, die vom Auditorium mit „lebhaften Zustimmungskundgebungen aufgenommen“ wurden (Tiroler Volksblatt vom 9. August 1944, Seite 3).

Um auch die Arbeitsleistung der Handwerksbetriebe für die gesteigerten Erfordernisse des „totalen Kriegseinsatzes“ zu forcieren, forderte im Rahmen einer Arbeitstagung in Kitzbühel „Pg.“ Münsterer die Ortsobmänner und „Handwerkswalter“ des Kreises dazu auf, dass „ in der Zeit des totalen Kriegseinsatzes mehr als je alle Kräfte in den Betriebsgemeinschaften zusammengefaßt werden müssen, damit der Betrieb den höchstmöglichen Beitrag zur Erringung des Sieges leiste“. Anschließend gab „Kreisstabsamtsleiter Pg.“ Engelhard einen „Überblick über die politische Lage“. Die Überzeugungskraft seiner Argumentation mündete in ein Treuebekenntnis zum Führer aller Anwesenden (Tiroler Landbote vom 26. September 1944, Seite 3).

Auch im Kreis Imst wurde es notwendig, der Bevölkerung die Zwangsmaßnahmen und maßlosen Erschwernisse des „totalen Kriegs“ zu erklären. Zudem war schon in den eigenen Reihen Überzeugungsarbeit dringend vonnöten:

„In allen Ortsgruppen des Kreises Imst fanden in den letzten Tagen öffentliche Versammlungen statt. Ueber Weisung des Kreisleiters Pg. Pesjak kamen Parteigenossen in die entlegensten Weiler, um hier zu den Volksgenossen über die allgemeine Lage zu sprechen und die Bereitschaft für die Maßnahmen des totalen Kriegseinsatzes zu vertiefen. Die Versammlungen wiesen überall einen außerordentlich guten Besuch auf und zeugten von der starken Anteilnahme der Bergbauern am heutigen Zeitgeschehen. In Imst selbst rief der Kreisleiter seine Mitarbeiter im Kreisstab, die Behördenleiter und die Gefolgschaftsmitglieder der Partei- und Staatsdienststellen zu einem Appell zusammen und setzte ihnen die Pflichten auseinander, die der totale Einsatz heute von jedem mit verantwortlichen Aufgaben betrauten Parteigenossen fordert.“ (Tiroler Landbote vom 26. September 1944, Seite 3).

In Erl erklärte im Rahmen einer Versammlung der NSDAP „Gauredner Pg.“ Gropl den Anwesenden die Kriegslage positiv und stellte den „Vernichtungswillen der Feinde“ als Angstszenario dar, um die „Notwendigkeit der Anspannung aller Kräfte im Entscheidungskampf“ plausibel zu machen. Die Propagandawirkung ist natürlich wie bei allen diesen Berichten auch auf die Leser gerichtet: „Die zahllosen Zuhörer brachten der Aufforderung des Redners, sich mit ganzer Entschlossenheit in den Dienst des totales Krieges zu stellen, Kundgebungen rückhaltloser Bereitschaft entgegen.“ (Tiroler Landbote vom 3. Oktober 1944, Seite 3).

In Imst verknüpfte der Redner „Pg.“ Dr. Kunkel eine optimistische Einschätzung der Kriegslage mit der Warnung, dass, wenn man den Krieg nicht siegreich beendete, das deutsche Volk „dem Untergang verfallen“ wäre. Er bemühte in seiner Rede Beispiele aus der Geschichte, mit denen er demonstrierte, „daß der unbeugsame Wille und die harte Kampfentschlossenheit allein, aber auch mit Sicherheit den Endsieg verbürgen. Parteigenosse Kunkel fand lebhafte Zustimmung.“ (Tiroler Landbote vom 3. Oktober 1944, Seite 3).

Bei einer Parteiversammlung der NSDAP in Rum Anfang Dezember 1944 sprach „Reichsredner Pg.“ Stubenbaum „über alle aktuellen Fragen, die mit dem sechsten Kriegsjahr in den Vordergrund getreten sind und das gesamte deutsche Volks zutiefst bewegen“. Neben der üblichen Argumentation „erweckten besonderes Interesse seine klaren überzeugenden Ausführungen über das Judentum als Drahtzieher der Vernichtungsabsichten gegen das deutsche Volk“. Auch Stubenbaum appellierte an den Zusammenhalt und mahnte unbedingte vereinte Kraftanstrengung ein zur Erreichung des Endsiegs. Seine Ausführungen wurden „mit lebhaften Zustimmungskundgebungen aufgenommen. Pg. Hölbling gab dieser Zustimmung in zusammenfassenden Schlußworten Ausdruck und beendete die Versammlung mit dem Gruß an den Führer.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 7. Dezember 1944, Seite 3).

Eine „Kreisarbeitstagung“ in Imst war ebenso den propagandistischen Erfordernissen des „totalen Krieges“ gewidmet: „An einer von Kreisleiter Pg. Pesjak einberufenen Kreisarbeitstagung nahmen die Ortsgruppenleiter, Bürgermeister und Ortsbauernführer teil. Nach der Morgenfeier, die unter dem Leitgedanken Glaube, Wille, Sieg stand, sprach der derzeitige Leiter des Gauamtes für Rassenpolitik Pg. Dr. Mathis über rassenpolitische Fragen unter besonderer Berücksichtigung der rassischen Eigenarten des deutschen Volkes […]. Kreisleiter Pesjak wandte sich in seiner Rede besonders an die Milchleistungsausschüsse und an das Landvolk und forderte die restlose Erfüllung der Ablieferungspflicht als Sicherung unserer Ernährungslage […].“ (Tiroler Landbote vom 15. Dezember 1944, Seite 3).

Das Attentat auf den „Führer“ Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde in Innsbruck mit hoher Effizienz im Rahmen einer Großveranstaltung am 26. Juli für Propagandazwecke genützt. Bewusst hatte man, wie bei vielen Parteizeremonien, die Abendsstunden dafür angesetzt, um der Inszenierung im Fackelschein einen pathetisch erhebenden Rahmen zu verleihen. Diese imposante Treuekundgebung, deren ausführlicher Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 28. Juli 1944 auf Seite 3 allein schon eminente Propagandawirkung aufwies, versammelte demonstrativ die „Volksgemeinschaft“ auf dem Adolf-Hitler-Platz. Bevor der Gauleiter das Wort zu seiner dramaturgisch geschickt gestalteten Propagandarede ergriff, in der er vor allem neben üblichen Argumenten auf die Unersetzlichkeit des „Führers“ für das Wohlergehen des deutschen Volkes verwies, spielte der Gaumusikzug die Heldische Musik von Sepp Tanzer, worauf ein von „Pg.“ Breiner gesprochenes „Gelöbnis an den Führer“ folgte und die vereinigten Männergesangvereine von Innsbruck das Lied „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ (Text: Ernst Moritz Arndt, 1812; Melodie: Albert Methfessel, vor 1813) vortrugen. Nach der mit „minutenlangen Beifallskundgebungen“ akklamierten Rede von Gauleiter Hofer wurde mit dem Lied „Volk ans Gewehr“ (Text und Melodie: Arno Pardun, 1931) die „Überzeugungskraft des Treuebekenntnisses noch eindringlich unterstrichen“, worauf die „Volksmenge bewegten Herzens und mit grenzenloser Begeisterung in das Sieg-Heil! auf den Führer“ einstimmte. Daran schloss sich der opernhaft inszenierte Fackelzug durch das Spalier der Innsbrucker Bevölkerung, die sich in „überwältigender Anteilnahme“ an der ganzen Propagandaaktion beteiligte, vom Burggraben durch die Maria-Theresien-Straße bis zur Triumphpforte, dann durch die Maximilianstraße, Bürgerstraße und Anichstraße wieder zurück über den unteren Teil der Maria-Theresien-Straße zum Goldenen Dachl. Dort erfolgte der Vorbeimarsch, voran die zahlreichen Schützen und ihre Musikkapellen sowie die Mitglieder der Parteiorganisationen als Huldigungsakt und Ergebenheitsgeste vor Gauleiter Hofer und Generalleutnant von Faber du Faur. Besondere Aufmerksamkeit erregte einmal mehr die Landecker Jungschützenkapelle, die mit „klingendem Spiel“ zum Bahnhof zog und symbolhaft für Treue den Andreas-Hofer-Marsch spielte. Im Detail werden die Leser im Tonfall überzeugender Propaganda unterrichtet, möglicherweise von Franz Pisecky, dem Leiter des Gaupresseamtes selbst oder von einem seiner Mitarbeiter (Innsbrucker Nachrichten vom 28. Juli 1944, Seite 3):

„Es kann keinen Deutschen geben, in dessen Gedanken und Gemüt die Ereignisse vom 20. Juli nicht erschütternde Vorstellungen und aufwühlende Gefühlsbewegungen hervorgerufen haben. Vom ersten Bemühen an, die unfaßbar scheinende Nachricht vom Mordanschlag auf den Führer überhaupt einmal sachlich zu begreifen, bis zu der beglückenden Erkenntnis, daß mit dem Leben des Führers auch das Schicksal von Millionen deutscher Menschen gerettet und weltgeschichtliche Entscheidungen der Entwicklungsgang in bestimmter Richtung vorgezeichnet worden ist, haben wir allesamt seelische Erregungszustände durchlebt, die schließlich in den Wunsch mündeten, irgendwie eine Gelegenheit zu finden, um unsere innere Einstellung zu den Tatsachen nach außenhin sichtbar zu dokumentieren. Als daher gestern der Gauleiter aufrief, in einer großen Gemeinschaftskundgebung zu zeigen, daß es für jeden anständigen Deutschen nur eine Antwort auf diese Ereignisse geben kann, nämlich noch festere Treue, noch stärkeren Glauben und noch entschlossenere Einsatzbereitschaft als zuvor, da fand dieser Ruf den Widerhall, der dem eigenen Wunsch und der Bereitschaft Tausender und aber Tausender entsprach. Innsbruck erlebte eine Großkundgebung, die sich nicht nur in den Massen, welche sie auf die Beine brachte, sondern vor allem auch in ihrem nach Ausdruck und Ausbruch ringenden Stimmungsgehalt wohl nur mit dem einen Tag vergleichen läßt, an dem vor mehr als sechs Jahren der Führer selbst in der Gauhauptstadt weilte. In der unvergeßlichen Abendstunde, als damals tausende jubelnder Menschen am Südtiroler Platz in Innsbruck noch nach der großen Kundgebung das Glück hatten, den Führer zu sehen und zu hören, ging vielen erst das volle Bewußtsein der endlich erkämpften Befreiung auf.

An dieses Glücksempfinden gemahnte auch die gestrige Abendstunde am Adolf-Hitler-Platz, als Gauleiter Hofer die Bedeutungsschwere der Errettung des Führers mit inhaltsgewichtigen Worten umriß und den Treu[e]schwur des Landes im Gebirge erneuerte. Da war keiner, der sich dem Eindruck entziehen konnte, daß es auch diesmal eine Befreiung war, Befreiung von einer tödlichen, unheimlichen Gefahr, von unfaßlichen und darum ebenso unheimlichen Hemmungen, von lauernden Zweifeln und ursächlich unverkennbaren seelischen Bedrückungen – Befreiung und Durchbruch zur kristallenen Klarheit eindeutigen, einheitlichen Wollens und vorbehaltloser Tatbereitschaft, ausgerichtet nach einem einzigen, weder offen noch versteckt mehr zu durchkreuzenden Willen, dem Willen des Führers.

In diesem Geiste sind alle die vielen Tausende im sinkenden Abend des 26. Juli in Reih und Glied und in dichtgeballten Massen auf dem Adolf-Hitler-Platz gestanden, sind Wort für Wort mit vollem Herzen mitgegangen mit dem, was ihnen der Gauleiter zu sagen hatte, haben ihm als dem Repräsentanten des Führers auf dem Weg durch die enggedrängten, endlosen Menschensäume Heilgrüße zugerufen, jubelten den Soldaten, den Standschützenkompanien und -musikkapellen – am herzlichsten denen aus Südtirol – zu, grüßten mit erhobener Hand und festen, klaren, gläubigen Blickes die Fahnen und Standarten der Bewegung und sahen im lodernden Feuerschein der Fackeln das Symbol neu aufflammender Hingabebereitschaft, neuen Mutes und neuer Tatkraft, zu der ein Blitzstrahl des Schicksals das ganze Volk emporgerissen hat.

Am Adolf-Hitler-Platz nahmen die Politischen Leiter und Gliederungen der Bewegung aus Innsbruck und Abordnungen aus allen Kreisen des Gaues, die Offiziere und Soldaten der Standorte Innsbruck und Solbad Hall, starke Abteilungen des Reichsarbeitsdienstes und der Polizei, Standschützenkompanien und -musikkapellen aus dem Kreis Innsbruck und aus anderen Kreisen nördlich und südlich des Brenners mit Front zum Reichsgautheater Aufstellung. Auf den Stufen des Gebäudes ordneten sich die Fahnen ein, zu beiden Seiten des davorstehenden Rednerpultes versammelten sich die zahlreichen Ehrengäste. Die Bevölkerung von Innsbruck füllte den Platz nach allen Richtungen, von der Dogana bis hinauf zum Volkskunstmuseum bis zur letzten Möglichkeit. Nachdem Gauleiter Hofer mit dem Standortältesten der Wehrmacht, Generalleutnant v. Faber du Faur, eingetroffen war, konnte ihm der Stellvertretende Gauleiter, Befehlsleiter Pg. Parson, die Stärke der in geschlossenen Formationen angetretenen Kundgebungsteilnehmer mit über 23.000 melden.

Die Raumverhältnisse am Adolf-Hitler-Platz und der Seitenstraßen gestatteten nur einem Teil der Volksgenossen die unmittelbare Teilnahme an der Kundgebung. Wie groß die Anziehungskraft dieser Feierstunde auf die Bevölkerung von Innsbruck war, zeigte sich in vollem Ausmaß erst beim anschließenden Fackelzug, dessen langer Weg ohne Unterbrechung von dichten Massen eingesäumt war. Es ist unmöglich, diese Anteilnahme der Bevölkerung auch nur annähernd zahlenmäßig zu schätzen, fest steht aber, daß in vollem Sinne des Wortes ganz Innsbruck zur Stelle war.

Die Kundgebung nahm ihren Fortgang mit der heldischen Musik von [Sepp] Tanzer, die der Gaumusikzug spielte, einem von Pg. Breiner gesprochenen Gelöbnis an den Führer und dem von den vereinigten Männergesangvereinen Innsbrucks vorgetragenen Lied ‚Der Gott, der Eisen wachsen ließ‘. Dann sprach der Gauleiter.

Gauleiter Hofer erinnerte an die kürzliche Kundgebung zur Eröffnung des 7. Landesschießens und verwies darauf, daß nun neuerdings, und zwar zu einer der größten Kundgebungen, die dieser Platz jemals gesehen hat, das Land im Gebirge hierstehe, vertreten durch seine Menschen vom Bodensee bis zum Wilden Kaiser, von der Nordkette bis zur Salurner Klause.

Als der Gauleiter wörtlich fortfuhr: ‚Wir alle sind aus nah und fern hierher geeilt, weil wir vor aller Welt zeigen wollen, wie uns ums Herz ist, weil wir es hinausschreien wollen in alle Welt: Der Führer lebt! Es lebe der Führer!‘ – brandeten ihm Beifallskundgebungen und Jubelrufe entgegen, die kein Ende nehmen wollten.

Der Gauleiter schilderte dann die Gefühle und Empfindungen, die uns bewegten, als uns die Kunde von dem verbrecherischen Mordanschlag erreichte, das Bewußtsein der unabsehbaren Gefahr und die Vorstellung, was aus Deutschland und Europa geworden wäre, wenn uns der Führer nicht erhalten geblieben wäre. Wer uns in der Zeit der schwersten Belastung und des entscheidenden Endkampfes unseres Führers berauben will, der will uns in ein Chaos stürzen. Wir alle wissen, was wir dem Führer [ver]danken, der uns aus tiefster Not herausgeführt, uns wieder aufgerüttelt, uns wieder zu einer Einheit zusammengeschweißt und uns den Glauben an Deutschland wiedergegeben hat. Alle Erfolge jahrzehntelangen Ringens und schwerster Arbeit wollte man uns rauben, alle Leistungen und Opfer von Millionen Deutschen, alle die Tränen der Mütter, Frauen und Kinder um hunderttausende gefallener deutscher Soldaten sollten umsonst sein!

Während der Führer Jahr um Jahr, Tag und Nacht uns alle und besonders unsere Soldaten umsorgt und für uns alle die Personifizierung von Treue, Pflicht und Gewissenhaftigkeit ist, wollte eine Handvoll wahnsinniger Verbrecher ihrem krankhaften Ehrgeiz die Zukunft der deutschen Nation opfern und im Dienste unserer Feinde uns ein zweites 1918 von unvorstellbarem Ausmaß bereiten.

‚Doch auch hier gilt: Was uns nicht umwirft, das macht uns nur noch stärker! – Es hat uns nicht umgeworfen, wir sind nur stärker, entschlossener, verbissener und härter geworden.‘

Nachdem der neuerliche Beifallssturm, mit dem diese Worte des Gauleiters aufgenommen wurden, verklungen war, stellte der Gauleiter im weiteren Verlauf seiner Ausführungen fest, daß sich in ganz Deutschland für diese Handvoll alter ‚Militärs‘ kein Finger gerührt, die Generale in den deutschen Gauen sich nicht um Befehle dieser Verräter gekümmert haben, Front und Heimat von ihnen nichts wissen wollten und jeder Soldat sich mit tiefster Verachtung von diesen Verbrechern abgewandt hat. So bitter die Stunden nach dem verruchten Mordanschlag auf unseren Führer waren, so erhebend war es, die Haltung Deutschlands zu sehen.

In einem solchen Deutschland kann nie mehr ein Jahr 1918 kommen!

Der Gauleiter erklärte es dann für ein Zeichen der inneren Macht und Stärke, der Festigkeit des nationalsozialistischen Deutschlands, wie in diesen kritischen Stunden die Offiziere der Wehrmacht und die Hoheitsträger der Partei ohne Verzug zusammenfanden, um ein einiges Deutschland vor der ganzen Welt zu dokumentieren, vor allem aber um jede Reaktion, wann, wo und wie immer sie sich zeigen sollte, zu vernichten […].

Der Gauleiter erinnerte dann an ein Wort, das der Führer in seiner Neujahrsrede ausgesprochen hat: ‚Unser einziges Gebet an den Herrgott soll nicht sein, daß er uns den Sieg schenkt, sondern daß er uns gerecht abwägen möge in unserem Mut, in unserer Tapferkeit, in unserem Fleiß und nach unseren Opfern.‘

Dieses Wort wird wie viele andere des Führers die Jahrhunderte überdauern und zu einem Ewigkeitswert des deutschen Volkes werden. Worte von solcher Eindringlichkeit und Tragkraft stehen nur dem Führer zu Gebote. Die Zukunft wird dieses Führerwort wahrmachen, denn wenn der Herrgott das deutsche Volk gerecht abwägen wird gegen alle anderen Völker der Erde, wenn den Opfern unserer Frauen Gerechtigkeit widerfährt, den Opfern der Heimat, die sich von der Front an Einsatzbereitschaft nicht überbieten läßt, so muß dieses Volk, das vom Osten bis zum Westen, vom Norden bis zum Süden, in seinen Männern und Frauen, in der Heimat und an der Front im edlen Wettstreit des Kampfes und der Leistung steht, vor den Augen des Führers bestehen können und den Sieg an seine Fahnen heften. Kein Volk hat den Sieg so sehr verdient wie das deutsche, es liegt nur an uns, Einsatz, Mut, Tapferkeit noch zu vervollkommnen und mit noch fanatischerem Willen an die Arbeit zu gehen, um der Welt zu zeigen, daß wir die Schrecksekunde überwunden haben und nunmehr erst recht zum Letzten entschlossen sind.

Die Männer und Frauen der nationalsozialistischen Bewegung forderte der Gauleiter auf, als Stoßtrupp des Glaubens und der Bereitschaft zu jedem Einsatz voranzugehen, und knüpfte daran das an den Führer gerichtete Gelöbnis, daß in diesem deutschen Grenzraum im Süden des Reiches die Menschen zusammenstehen wie ein Fels, daß sich der Glaube an den Führer verhundertfacht hat und dieser Gau mit äußerster Bereitschaft zum siegreichen Endkampf gerüstet ist.

Der Gauleiter schloß seine Ausführungen mit den Worten: Volk, ans Gewehr! – Mag kommen, was wolle! Der Führer lebt! Wir haben den Führer und damit den Sieg! […].“


Parteifestivitäten und Wehrmachtsbetreuung

Das Gedenken an die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in Deutschland am 30. Jänner 1933 wurde in Kufstein noch „mit würdigem Ernst und unbeirrbarer Zuversicht begangen“. Nach dem Bericht im Tiroler Volksblatt vom 31. Jänner 1944, Seite 3 „lauschten die Volksgenossen vor den Lautsprechern [in der Mittagsstunde des 30. Jänner] der Rede des Führers, der die Gefahr des Weltjudentums und dessen willfähriger Diener klarlegte und hervorhob, daß ohne das weltgeschichtliche Geschehen des 30. Jänner 1933 Deutschland und mit ihm ganz Europa schon längst vom Vollstrecker des jüdisch-plutokratischen Hasses, dem Bolschewismus, überflutet und vernichtet worden wäre. Zugleich aber gab die Rede des Führers Ausdruck des machtvollen und unerschütterlichen Kampfeswillens und Siegesglaubens des ganzen deutschen Volkes.“

Bereits am Vorabend hatte Kreisleiter Hans Ploner für die Verwundeten im Gemeinschaftsraum der Zellerburg eine Feierstunde organisiert, die er für eine flammende Rede nützte. In ihr zeigte er in ähnlicher Argumentation wie sein „Führer“ die „Hintergründe des jüdischen Hasses gegen Deutschland“ auf, „der uns schließlich in einen Krieg zwang, in dem es nur Überlebende und Vernichtete geben kann“. Vor allem für die Leser war die Botschaft bestimmt, dass das die Feier beschließende „Sieg-Heil auf den Führer“ und die „Lieder der Nation“ erklangen, „aus vollem Herzen gleich einem Bekenntnis, für Deutschlands Zukunft jedes Opfer zu bringen, auch das schwerste“.

Mit der Feierstunde hatte der Kreisleiter propagandawirksam eine Betreuung der Verwundeten durch die NSDAP verbunden, die „als Beauftragter der NS.-Volkswohlfahrt Pg. Widmann durchführte“.

„Die Verwundeten wurden bestens bewirtet und mit einer Sachspende beteilt. Die stramme Kufsteiner Jungschützenkapelle unterhielt mit flotten und heimatlichen Weisen Verwundete und Gäste einige Stunden vorzüglich. Besonders freudig aufgenommen wurde die Mädel-Singschar Söll-Leukenthal, die mit Zitherspiel, Gesang und lustigen Vorträgen wahre Fröhlichkeit und heimatlich Besinnliches in die Herzen aller trug.“

Wie sehr die ganze Unternehmung im Dienst der Propaganda stand, die durch die Pressemitteilung noch wirksamer wurde, ist im Schlusssatz des Berichts zusammengefasst (Tiroler Volksblatt vom 31. Jänner 1944, Seite 3):

„Der Abend bewies, daß Front und Heimat von dem gleichen Willen beseelt sind, vom Willen zum Sieg, an den wir alle glauben und für den wir kämpfen müssen.“

Einen ähnlich konzipierten Kameradschaftsabend, der „Brauchtumsgruppen des Standschützenverbandes mit Musik, Liedern und Volkstänzen“ gestalteten, erlebten verwundete Soldaten des Reservelazaretts Kufstein Ende Juli in Brixlegg. Sie waren von der NSDAP-Ortsgruppe im Rahmen der Wehrmachtsbetreuung für einen zweitägigen Aufenthalt eingeladen worden (Innsbrucker Nachrichten vom 2. August 1944, Seite 3).

Die auf Urlaub in Söll weilenden Soldaten waren Anfang Juni 1944 zu einem Dorfabend geladen, den die „Mädel-Sing- und Spielschar […] mit lustigen Vorträgen, Volkstänzen und Gesangsvorträgen“ konzipiert hatte. Für Abwechslung dazu sorgten „ein Harfen- und Harmonikaspieler“ (Tiroler Volksblatt vom 12. Juni 1944, Seite 3).

Ebenfall im Juni waren verwundete Soldaten von der NSDAP in Schwaz eingeladen. Die rekonvaleszenten Soldaten wurden mit der Zahnradbahn zum Achensee gebracht, wo sie eine Bootsfahrt unternahmen. Am Abend folgte ein Kameradschaftsabend, bei dem die Gäste mit den üblichen Brauchtumsvorführungen unterhalten wurden.

Einen Kameradschaftsabend in ähnlicher Form erlebten die zur Erholung in Kitzbühel weilenden Soldaten der Luftwaffe Anfang Juli. „Kreisleiter Pg.“ Merath erläuterte den aus verschiedenen Gauen des Reiches stammenden Soldaten „den Sinn der Brauchtumspflege“ (Tiroler Landbote vom 7. Juli 1944, Seite 4).

Einen „schönen volkstümlich-musikalischen Abend“ führten „Schüler und Schülerinnen der Städtischen Musikschule Innsbruck unter Leitung ihres Lehrers Peter Hornof“ vor, „der auch in humorvoller Weise die Ansage übernahm“, vor Verwundeten im Reservelazarett Seefeld. „Die Einzelvorträge auf Zither und Gitarre sowie das Gesamtspiel auf dem Raffele waren sorgfältig vorbereitet und ernteten im Verein mit den Jodlern von Gabriele Thaler bei den genesenden Soldaten stürmischen Beifall, der mehrere Zugaben veranlaßte und den Wunsch nach baldiger Wiederholung laut werden ließ.“ (Tiroler Landbote vom 28. Juli 1944, Seite 4).

Die „Kindergruppe von Steinach“ trug für die „Verwundeten eines Reservelazaretts“ zu einem „frohen Nachmittag“ bei. Darüber wird im Tiroler Landboten vom 8. September 1944 auf Seite 5 mitgeteilt: „Singend, mit Geschenken und Blumen beladen, kamen die Kleinen an. Nach einem Begrüßungslied und der Verteilung der Gaben unterhielten sie die Verwundeten mit ihren Stegreif- und Märchenspielen, bei welchen sie durch ihr freies, kindliches Spiel großen Beifall ernteten. Dann wieder sagen Kinder und Soldaten gemeinsam Volkslieder, bis mit einem letzten Lied und dem beiderseitigen Wunsch, sich bald wieder zu treffen, Abschied genommen wurde.“

Die Kindergruppe der NS-Frauenschaft „bereitete kürzlich in Scharnitz einer Anzahl verwundeter Soldaten einige fröhliche Stunden. Mit dem Hellau-Lied wurden die Soldaten am Bahnhof empfangen. Später entwickelte sich ein fröhliches Treiben im Freien, wobei sich Kinder und Soldaten unter lebhafter Anteilnahme eines großen Zuschauerkreises mit allerlei Spielen köstlich unterhielten.“ (Tiroler Landbote vom 3. Oktober 1944, Seite 3).

Schon im März 1944 hatte die Jugendgruppe der NS-Frauenschaft von Jenbach die Soldaten im Lazarett Schwaz mit einem „fröhlichen Nachmittag“ erfreut (Tiroler Landbote vom 7. März 1944, Seite 3):

„In dem schön ausgeschmückten Eßsaal, der mit seinen lustigen Figuren und dem bunten Girlandenschmuck einen fröhlichen Eindruck machte, waren die Soldaten versammelt. Es klangen schöne, alte Volkslieder, in die am Schluß alle Soldaten begeistert einstimmten. Auch die Soldaten selbst trugen durch Zithervorträge und anderes zur Programmgestaltung bei. Selbstverständlich war auch für die Versorgung der Soldaten mit Eß- und Rauchwaren gesorgt.“

Ebenfalls im März besuchte „Kreisleiter Pg.“ Merath Verwundete im Lazarett Kitzbühel. Ihn begleiteten die „Singgemeinschaft Going des Standschützenverbandes“ und „eine Musikkapelle“ (Tiroler Landbote vom 17. März 1944, Seite 3).

„Ein frisches Lied läßt Soldatenherzen immer höher schlagen, denn es ist ihrer Seele tägliches Brot. So stellten die Verwundeten eines Lazarettes in der Umgebung Innsbrucks besonders dankbare Zuhörer, als der Deutsche Männergesangverein Innsbruck am Montag [26. Juni 1944] mit einigen der schönsten deutschen Lieder erfreute. Die treffliche Auswahl an Ernstem und Heiterem und ihr Vortrag fanden den reichen Beifall der verwundeten Soldaten.“ Begeisterte Zustimmung fanden die Darbietungen der Sängerin Claire Mohr-Aubele, die Ilse Schürer am Flügel begleitete. Neben Arien aus dem Waffenschmied und der „Boheme“ bekamen die Soldaten „einige entzückende Wiener Volkslieder in scharmanter und gesanglich vorzüglicher Weise“ zu hören (Ludwig Groß in den Innsbrucker Nachrichten vom 28. Juni 1944, Seite 3).

Die Hauptfeier zum Gedenken an die „Machtergreifung“ am 30. Jänner 1933 fand in der Gauhauptstadt Innsbruck statt. Vor der eigentlichen Kundgebung im Großen Stadtsaal veranstaltete die NSDAP zur Machtdemonstration einen eindrucksvollen Fackelzug durch die Stadt, bei dem ein „Musikkorps der Wehrmacht“ und der Gaumusikzug den Marschschritt vorgaben. Die Innsbrucker Nachrichten vom 31. Jänner 1944 berichten auf Seite 4 ausführlich von der Veranstaltung, wobei besonders der Rede des Kreisleiters Dr. Max Primbs aus Propagandagründen wieder breiter Raum zugeteilt ist:

„Am Samstagabend [29. Jänner 1944] beging die NSDAP. in der Gauhauptstadt unter starker Beteiligung der Wehrmacht den elften Jahrestag der Machtübernahme. In den Abendstunden marschierte ein Fackelzug von eindrucksvoller Stärke durch die Straßen der Stadt; daran schloß sich eine Kundgebung im Großen Stadtsaal. In Vertretung des Gauleiters sprach im Rahmen dieser Kundgebung der Kreisleiter Pg. Dr. Primbs.

Der Fackelzug ging vom Südtiroler Platz aus durch mehrere Straßenzüge auf Umwegen zum Adolf-Hitler-Platz. An der Spitze des Zuges marschierte ein Musikkorps der Wehrmacht, gefolgt von einer starken Abteilung unter Gewehr; die Politischen Leiter und die Gliederungen der Partei mit ihren Fahnen und Standarten und der Reichsarbeitsdienst marschierten in starken Kolonnen hinter dem Gaumusikzug; den Beschluß bildeten zahlreiche Partei- und Volksgenossen, die durch ihre Teilnahme ihrer Verbundenheit mit dem historischen Gedenktag der Bewegung Ausdruck gaben. – Dieser Fackelzug war durch seine achtunggebietende Stärke im fünften Kriegjahr eine unmißverständliche Demonstration geschlossener Willenseinheit und nationalsozialistischer Kampfentschlossenheit, gerade angesichts der durch die Luftangriffe in Trümmer geschlagenen Wohnstätten, die dort und da an seinem Wege lagen.

Nach der Auflösung des Zuges begaben sich die Teilnehmer zur Kundgebung in den Großen Stadtsaal, der samt seinen Nebenräumen, wo Lautsprecherübertragung eingerichtet war, die Masse der Teilnehmer kaum fassen konnte. In Anwesenheit des Standortältesten der Wehrmacht, Generalleutnant Freiherrn von Faber du Faur, und zahlreicher Ehrengäste aus Partei, Wehrmacht, Reichsarbeitsdienst und Staat nahm Kreisleiter Pg. Dr. Primbs die Meldung entgegen, worauf die Kundgebung mit dem Fahneneinmarsch und mit dem Vortrag der Egmont-Ouvertüre von Beethoven unter Hans-Georg Ratjens Stabführung ihren Anfang nahm. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung ehrte der Kreisleiter die Gefallenen des ersten Weltkrieges, die Blutzeugen der Bewegung und die Totenopfer des gegenwärtigen großen Ringens um unsere ewige Freiheit. Von Pg. Straka gesprochene Worte, die von Pg. Rüdiger mit dem Lied von guten Kameraden (‚Ich hatt’ einen Kameraden‘, Text: Ludwig Uhland 1809, Melodie: Friedrich Silcher 1825) auf der Orgel begleitet wurden, und zwei Sätze aus Beethovens 5. Symphonie bildeten den wirkungsvollen Rahmen zu dieser Heldenehrung.“

In der nun folgenden Rede mahnte der Kreisleiter insbesondere die vorbildliche Haltung der politischen Funktionäre ein, die ihre Überzeugung den Volksgenossen tatkräftig und glaubwürdig zu vermitteln hätten. „Zuversicht, Vertrauen und Glauben“ gälte es zu demonstrieren. Diese Haltung und der Glaube an den Führer und an Deutschland seien die stärkste und schärfste Vergeltungswaffe. Mit seiner fulminanten Rede konnte der Kreisleiter seine Zuhörer in die gewünschte euphorische Stimmung versetzen: „Als begeisteter Treueschwur wurde der Gruß an den Führer von den Kundgebungsteilnehmern aufgenommen. Damit ging die würdige und eindrucksvolle Erinnerungsfeier an einem der größten Tage der deutschen Geschichte zu Ende.“

Der Heldengedenktag im März wurde in Innsbruck traditionell vor dem Andreas-Hofer-Denkmal auf dem Berg Isel begangen. Auch diese öffentliche Demonstration hatte mit dem Anmarsch der „Formationen von Wehrmacht und Partei“, den Reden und der medialen Beichterstattung propagandistisches Potential:

„Mit dem ganzen deutschen Volk gedachte die Gauhauptstadt Innsbruck auf traditionsreichem Boden in einer würdigen Feier der Gefallenen an der Front und in der Heimat. Auf dem Berg Isel waren die Formationen von Wehrmacht und Partei mit Fahnen zur Heldenehrung angetreten. Vor dem Andreas-Hofer-Denkmal hatten Angehörige von Gefallenen, in zwei Gruppen Verwundete und die Ehrengäste aus Wehrmacht, Partei, Reichsarbeitsdienst, Staat und Gauhauptstadt Platz genommen. Unter den Klängen des Präsentiermarsches schritten als Vertreter des dienstlich abwesenden Standortältesten Oberst Hainschwang die Front der Wehrmachtsabteilung und in Vertretung des Gauleiters und Reichsstatthalters der Stellv[ertretende] Gauleiter, Befehlsleiter Pg. Parson, die Fronten der Politischen Leiter und Gliederungen ab.

Oberst Hainschwang sprach dann von dem Vermächtnis unserer Helden, deren Tod wir nicht in Schmerz und Trauer beklagen, sondern als Mahnung hinnehmen wollen, mit unserem Bekenntnis zum Leben für den Sieg zu arbeiten und damit dem größten Opfer, das unsere Helden brachten, letzten Sinn und Erfüllung zu geben […].

Nach dem Appell, die Gefallenen für immer in die große Gemeinschaft der Lebenden aufzunehmen, erklang das Lied vom Guten Kameraden. Der Stellvertretende Gauleiter und Oberst Hainschwang legten am Ehrenmal, über dem die Reichskriegsflagge wehte, die Kränze des Gauleiters und Reichstatthalters und des Standortältesten der Wehrmacht nieder, während Pg. Straka zum Gedächtnis der Toten Worte von Karl Robert Popp sprach.“

Die propagandistische Intention der Heldenehrung, in dem man die gefallenen Soldaten zum Vorbild erklärte und aus ihrem „Opfertod“ die Verpflichtung zu Standhaftigkeit, Gefolgschaftstreue und Siegeszuversicht einforderte, wurde bei allen weiteren Zeremonien im Gaugebiet offenkundig:

„Zur gleichen Stunde fanden auch am Ostfriedhof in Innsbruck, in Solbad Hall vor dem Speckbacher-Denkmal und in zahlreichen anderen Orten des Gaues Tirol-Vorarlberg Heldenehrungsfeiern und Kranzniederlegungen statt, bei denen die großdeutsche Wehrmacht und die nationalsozialistische Bewegung dem ehrenden Gedenken für die Gefallenen und zugleich der aus ihrem Opfertod erwachsenen Verpflichtung namens des ganzen Volkes Ausdruck gaben. Besonders eindrucksvoll verlief die Feier in der Kreisstadt Landeck unter starker Anteilnahme der Bevölkerung. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, an der auch die Standschützenmusikkapelle mitwirkte, standen die Ansprachen des Kreisleiters, Oberbereichsleiter Pg. Bernard, und des Standortältesten Major Hanika.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 13. März 1944, Seite 3).

Außer dem zentralen Heldengedenktag im März gab es für Gefallene in den einzelnen Ortsgruppen eigene „Heldenehrungen“. Im Februar 1944 zum Beispiel ehrte man in einer würdigen Feier in Kössen den in Russland gefallenen Hauptmann Franz Wöhrl sowie den Hauptwachtmeister Otto Brändle. Kreisamtsleiter Norbert Wallner „gedachte der gefallenen Kameraden in ehrenden Worten“ (Innsbrucker Nachrichten vom 7. Februar 1944, Seite 4).

Für den an der Ostfront gefallenen „Kreisamtsleiter Pg.“ Sepp Winkler veranstaltete die NSDAP in Reutte im Sitzungssaal des Kreisstabes eine eindrucksvolle „Gedenkstunde, bei der neben den Angehörigen des Gefallenen als Vertreter des Kreisleiters der Kreisstabsamtsleiter Pg. Lampe, Ortsgruppenleiter Pg. Seitz, Kreisfrauenschaftsleiterin Pgn. Brandt, Politische Leiter und eine Abordnung der Reichsbahn, in deren Diensten der Tote stand, und zahlreiche Gäste zugegen waren. Kreisamtsleiter Pg. Linser führte Zwiesprache mit dem gefallenen Kameraden, der im Geiste auch weiterhin immer unter uns weilen wird, Kreishauptstellenleiter Pg. Berktold widmete ihm unter den leisen Klängen des Guten Kameraden einen Gedenkspruch. Kreisstabsamtsleiter Pg. Lampe sprach ehrende Abschiedsworte für den im Kampf gefallenen Kameraden. Von Musikvorträgen des Streichorchesters und vom Gesang einer BDM.-Singgruppe wurde diese Gedenkstunde würdig und wirkungsvoll umrahmt.“ (Tiroler Landbote vom 7. November 1944, Seite 3).

Der Geburtstag des „Führers“ hatte im Festeszyklus der NSDAP einen herausragenden Stellenwert, so wurde er auch 1944 mit entsprechend aufwändigem Zeremoniell begangen. Auf eine öffentliche Demonstration wie in all den Vorjahren hatte man verzichtet und die Veranstaltung in den Innsbrucker Stadtsaal verlegt, wo sich offensichtlich nur mehr politische Funktionäre an der Feier beteiligten. Umsomehr wurde in der Berichterstattung in den Innsbrucker Nachrichten vom 21. April 1944, Seite 3, Wert auf eine ausführliche und eindringliche Darstellung gelegt, mit inhaltlicher Betonung der Rede von Gauleiter Hofer.

„Mit dem ganzen deutschen Volk hat auch der Gau Tirol-Vorarlberg den Gefühlen unlösbarer Verbundenheit und unerschütterlicher Gefolgschaftstreue, die im Herzen jedes Deutschen für den Führer lebt und in unseren entscheidungsschweren Tagen tausendfältig erprobt und bewährt wird, würdigen Ausdruck gegeben. Wehende Fahnen in allen Straßen, zahllose Kundgebungen in allen Kreisstädten und Ortsgruppen – nicht zuletzt die für diesen Tag traditionellen Aufnahmeappelle der Zehnjährigen in die jüngste Parteigliederung – und als Höhepunkt eine Feierstunde im Großen Stadtsaal in Innsbruck mit der Rede des Gauleiters Hofer wurden Ausdruck der Treue, die jeder verantwortungsbewußte deutsche Volksgenosse gerade am 55. Geburtstag des Führers stärker denn je empfindet.“

Die von der NSDAP-Kreisleitung Innsbruck veranstaltete „Führer“-Huldigung verlief in vielen Details nach dem Muster einer solemnen religiösen Andacht mit Lesungen, Gesängen und Ansprachen sowie weihevollen Zeremonien. Die Mitwirkung des Gaumusikzugs unter Sepp Tanzer ist zwar angeführt, aber im Detail dem Programmverlauf nicht zugeordnet. Nach dem Fahneneinmarsch und der Meldung des Kreisleiters erklang das von Josef Eduard Ploner eigens für den Anlass komponierte Orgelvorspiel zu „So gelte den wieder“, worauf vom Sprecher der komplette Text (des nationalsozialistischen Dichters Will Vesper) „So gelte denn wieder Urväters Sitte / Es steigt der Führer aus Volkes Mitte […]“ rezitiert wurde. Als Sprecher fungierten Anton Straka und „Kreisamtsleiter Pg.“ Gritsch, die Orgel spielte Helmut Rüdiger. Das Reichsgausymphonieorchester unter der Leitung von Hans-Georg Ratjen brachte nun das Vorspiel von Ploners Bühnenmusik zu Josef Wenters Schauspiel Michel Gaismair, worauf nochmals eine Rezitation Der Führer nach einem Text von Will Vesper folgte.

Daran schloss sich das Lied „Das Banner fliegt“ (Text: Rudolf Schröder, Melodie: Heinrich Spitta), für Männerchor bearbeitet von Sepp Tanzer und intoniert von einer Vereinigung der Innsbrucker Männerchöre, die Rudolf Steiner dirigierte. Nun folgte eine Lesung „Aus dem Leben des Führers“. Sodann erklang das Gemeinschaftslied „Brüder in Zechen und Gruben“ (die Umdichtung eines ursprünglich russischen Arbeiterlieds), woran sich eine weitere hymnische Rezitation anfügte mit Zitaten aus einer Rede des „Führers“. Unmittelbar vor der Ansprache des Gauleiters sang man das Lied „Als Jungen wurden wir Soldaten“ (Text: Hans Baumann).

„Gauleiter Hofer knüpfte in seinen Ausführungen an die Worte des Gemeinschaftsliedes an, das eben vorher durch den Saal geklungen war: ‚Der einzige Schwur, den wir schwören, der soll unserm Führer gehören!‘ Das soll der Schwur sein, unserem Führer in diesem gewaltigen Ringen den letzten Einsatz zu geben. Niemals werden wir ihm voll danken können für das, was er für uns getan hat, denn er hat uns das Gefühl der deutschen Schicksalsgemeinschaft gegeben und vor allem den Glauben an Deutschland wiedergeschenkt.

Der Gauleiter erwähnte sodann sein Zusammensein mit dem Führer vor wenigen Tagen. Dabei habe ihn nur der einzige Wunsch erfüllt, daß alle Deutschen den Führer sehen hätten können, wie er voll Spannkraft, geladen mit Energie, souverän die Lage beherrschend, das hundertfältige Gefühl des Glaubens an den deutschen Sieg ausstrahlte […].

Der Führer ist für uns alle der Bürge, daß dieser entscheidende Kampf der deutschen Nation mit unserem Siege endet […].

Wir aber stärken uns am Gefühl der Verbundenheit mit ihm zum entscheidenden Schlag gegen unsere Feinde in dem Bewußtsein: Adolf Hitler selbst ist Deutschlands stärkste und unüberwindliche Waffe.

Der Gauleiter rief sodann die zur Feier angetretenen Politischen Leiter der Partei, die Walter und Warte der angeschlossenen Verbände, die Leiterinnen der NS.-Frauenschaft und Walterinnen des Deutschen Frauenwerkes zum Eid auf den Führer auf und sprach die Worte des Schwures vor. Nach Abnahme des Gelöbnisses verwies der Gauleiter auf die Bedeutung des Eides und forderte die Neuverpflichteten auf, stets ihrer Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Kampfgemeinschaft eingedenk zu sein, denn unser Leben gehört dem Führer.“

Nun erklang der Männerchor Deutscher Schwur von Fritz Woike nach einem Text von Paul Roeder.

„Mit dem Gruß an den Führer, den die Masse der Kundgebungsteilnehmer, die den großen Stadtsaal bis auf den letzten Platz füllte, mit besonderer, der Bedeutung des Tages entsprechender Begeisterung aufnahm, schloß die Feierstunde.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 21. April 1944, Seite 3).

Auch bei der „Feierstunde“ der NSDAP in Kufstein zum Geburtstag des „Führers“ Adolf Hitler stand die Propagandafunktion mit der Rede des Kreisleiters im Mittelpunkt, die dementsprechend detailreich im Tiroler Volksblatt vom 21. April 1944 auf Seite 2 f. zitiert wird. Ihre propagandistische Intention kompakt zusammenfassend lautet die Überschrift des Artikels: „Mit Adolf Hitler siegen wir!“ Als Einleitung vermittelt der Redakteur in anbiedernder unterwürfiger Schmeichelei seine persönliche Referenz an den „Führer“:

„Die Feiern der NSDAP. sind uns Deutschen hehre Stunden der Besinnung, Ausdruck unseres Glaubens und Vereinigung zur Gemeinschaft. Eine Feierstunde aber erfüllt unsere Herzen mit höchstem Glücksgefühl, das immer wieder zum flammenden Bekenntnis unserer Dankbarkeit und Treue zu Adolf Hitler emporlodert, die Feierstunde zum Geburtstag des Führers. In dieser Feierstunde nimmt jeder einzelne mit seinem tiefsten Inner[e]n Anteil, die Einzelnen werden zur Gemeinschaft, die Gemeinschaft wird zur Person des deutschen Volkes, dessen Haupt Adolf Hitler ist. In ihr kreist die immer strömende Quelle unserer Kraft, unseres Glaubens und unserer Ehre. ‚Unsere Ehre heißt Treue‘ – das ist der Wahlspruch der ganzen deutschen Nation.“

Der widerliche Tonfall angepasster Formulierung zum Eigennutz begleitet den weiteren Verlauf des Berichts:

„In diesem Geiste versammelten sich am 55. Geburtstag des Führers 800 Parteigenossen und Parteigenossinnen im Egger-Saal in Kufstein, um dem Führer erneut unverbrüchliche Treue zu versprechen, ein Großteil von ihnen legte freilich das Gelöbnis ab, alles Tun und Lassen dem Befehl des Führers unterzuordnen.

Weihevolle Stimmung erfüllt den Saal, von dessen prächtig geschmückter Stirnseite die Büste des Führers inmitten Blumen und Zierpflanzen steht. Wohin auch der Blick sich wendet, überall im Raum und aus jedem Gesicht spricht uns die unendliche Liebe zu unserem Führer an. Dicht gedrängt sitzen die deutschen Männer und Frauen, unter ihnen viele Offiziere und andere Soldaten, Politische Leiter und Angehörige der Gliederungen; viele unserer Besten fehlen, sie stehen an den Fronten, um unsere Heimat zu schützen. Neben den Stühlen und im Vorraum stehen dicht gedrängt die Parteigenossen, die nicht mehr Einlaß in den Saal finden konnten. Sie alle wollen ihre Treue und Liebe zu Adolf Hitler zeigen.

Unter Trommelwirbel betritt Kreisleiter Pg. [Hans] Ploner mit dem Standortältesten der Wehrmacht Oberstleutnant Faukal und dem Vertreter des Staates Landrat Dr. Walter den Saal, nimmt die Meldung der Ortsgruppen entgegen. Die Fahnen nehmen Aufstellung unter Klängen des HJ.-Musikzuges, Chorgesang der Hitler-Jugend und ein Spruch eines HJ.-Führers, der die Treue zum Führer und den Glauben an den Sieg zum Ausdruck bringt, wechseln ab. Dann spricht Kreisleiter Pg. Ploner. Es sind Worte, die jedem tief ins Herz dringen, weil sie aus gläubigen Herzen kommen […].“

Die Ansprache des Kreisleiters, die in hymnischer Begeisterung die Taten des „Führers“ pries, endete wirkungsvoll in rhetorischer Kulmination im Schlusssatz: „Für Adolf Hitler kämpfen wir, mit Adolf Hitler siegen wir!“


Festlichkeiten zu Hitlers Geburtstag


Mit dem Führergeburtstag traditionell verbunden war die Aufnahme der Zehnjährigen in die Hitlerjugend, wo sie nunmehr für vier Jahre dem Deutschen Jungvolk respektive dem Jungmädelbund verpflichtet waren. Von der Aufnahmefeier in Innsbruck informieren die Innsbrucker Nachrichten vom 21. April 1944 auf Seite 3:

„Die Jüngsten in den Reihen des Führeres […].

In Innsbruck bildete der festlich geschmückte Stadtsaal den Rahmen für die Aufnahmefeier, die im Beisein des Kreisleiters, Pg. Dr. Primbs, und der Mädelführerin des Gebietes, Gebietsmädelführerin Dr. Waltraud Mignon sowie zahlreicher Eltern und Gäste durchgeführt wurde. Fanfarenruf leitete die Feierstunde ein. Dann erstattete der Führer des Bannes Innsbruck-Stadt, Bannführer [Hermann] Pepeunig, dem Kreisleiter die Meldung. Ein Sprecher mahnte an die Bedeutung der Stunde. Nach dem gemeinsam gesungenen Lied ,Ein junges Volk steht auf‘ [Text und Melodie: Werner Altendorf, ca. 1934/35] sprach der Bannführer zu den Zehnjährigen und deren Eltern. Er wies auf die Bedeutung des Tages hin, an dem sich die Gemeinschaft des deutschen Volkes nun wiederum aus seiner Jugend erneuert, auf die Stunde, in der nun auch der Jahrgang 1933/34 ein bewußtes Glied der deutschen Volksgemeinschaft wird und mit dieser für alle Zukunft verbunden bleibt.

Im Mittelpunkt der Feier stand die Verlesung einer besonderen Botschaft des Reichsjugendführers, worauf die zehnjährigen Jungen und Mädel durch den Bannführer und die Bannmädelführerin mit Handschlag verpflichtet wurden und eine Urkunde mit dem Führerbild überreicht bekamen. Nach dem gemeinsamen Weihelied ‚Wo wir stehen, steht die Treue‘ [Text und Melodie: Hans Baumann], sprach der Kreisleiter. Auch er wies in seinen Worten auf den Ernst der Stunde hin, in der die Zehnjährigen den ersten Schwur ihres Lebens schwören und sich dadurch als jüngste, treue Gefolgschaft zum Führer bekennen in einer Zeit, die jeden Deutschen ins Innerste verpflichtet. ‚Wenn ihr in diesem Sinne die Stunde erlebt, eingedenk der Treue dem Führer und dem Vaterlande, dann habt ihr ihren Sinn begriffen!‘

In den anderen Kreisen des Gaues Tirol-Vorarlberg fanden die Aufnahmeappelle zum Teil am Vortag des Führer-Geburtstages, in einigen Kreisen an darauffolgenden Tagen statt.“

„9000 Jungen und Mädel dem Führer verpflichtet“, lautet die Schlagzeile im Tiroler Volksblatt vom 24. April 1944 auf Seite 3:

„Die Aufnahmeappelle der Zehnjährigen in die Hitler-Jugend gestalteten sich in allen Standorten des Gaues Tirol-Vorarlberg zu eindrucksvollen Feiern. Insgesamt haben in unserem Gau über 9000 Jungen und Mädel am Geburtstag des Führers ihren ersten Dienst im Deutschen Jungvolk oder im Jungmädelbund begonnen und damit die Verpflichtung übernommen, sich mit all ihren jungen Kräften für Volk und Reich einzusetzen, wie es die nationalsozialistische Bewegung fordert.

In Kitzbühel hatten im Beisein des Kreisstabes, Vertretern von Wehrmacht und Staat sowie der gesamten Erzieherschaft des Kreises Jungen und Mädel am Lebenberg Aufstellung genommen, wo nach Fanfarenruf und einem Weihelied, von der Mädelsingschar gesungen, der Führer des Bannes zu den Jungen und Mädeln sprach und sie aufforderte, nunmehr auch über Elternhaus und Schule hinaus in der Hitler-Jugend ihre Pflicht zu tun und damit nach dem Wort des Führers zu handeln: ‚Die deutsche Jugend aber wird strahlenden Herzens das erfüllen, was die Nation, der nationalsozialistische Staat von ihr fordert und erwartet.‘ Anschließend wies der Kreisleiter von Kitzbühel, Pg. Merath, auf die Bedeutung der Aufnahme in den jüngsten Jahrgang der Hitler-Jugend hin. Nach einer Jause fuhren die Jungen und Mädel mit ihren Führern und Führerinnen wieder in die einzelnen Standorte zurück.“

Der 1. Mai als Nationaler Feiertag, der in früheren Jahren mit umtriebiger Aktivität und vielfältigem Programm begangen wurde, bot im Jahr 1944 nur noch ein Rudiment seiner einstigen Beschwingtheit an. In der Gauhauptstadt, wo vormals auf dem Adolf-Hitler-Platz ein mächtiger reich geschmückter Maibaum Anlass zu bunter Festesfreude gab, erinnerte an diese fröhliche Vergangenheit nur noch ein Konzert des Reichsgauorchesters mit „beschwingter, leichtverständlicher symphonischer Musik“ unter Leitung von Intendant Max Alexander Pflugmacher. Der Dirigent hatte zu diesem Tag selbst „eine Beschwingte Suite“ komponiert, die in einem der „regelmäßigen Symphoniekonzerte“, veranstaltet von der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, uraufgeführt wurde. Das weitere Programm umfasste die Euryanthe-Ouvertüre von Carl Maria von Weber, ein Klavierkonzert in cis-Moll des dänischen Komponisten Ludvig Schytte (1848-1909) mit Othmar Suitner als Solisten, sowie die Österreichischen Tänze von Julius Bittner (1874-1939). Den zweiten Teil des Festkonzerts zum 1. Mai füllte Franz Schuberts 3. Symphonie (Vorschau von Ehrentraut Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 24. April 1944, Seite 4).

In Kufstein knüpfte man noch an die Festlichkeiten früherer Jahre an, wenn auch in eingeschränkter Form, die sich mit dem BrauchMaibaumaufstellen begnügte. Die geplanten Vorhaben wurden in einer Vorschau im Tiroler Volksblatt vom 28. April 1944 auf Seite 3 angekündigt:

„[…] In Kufstein wird der Maibaum bereits am Samstag, den 29. April, um 17 Uhr in fröhlich-festlichem Zuge unter Führung der Ortsgruppenleiter Pg. Linderl und Pg. Schwarz von den Parteigenossen und Parteigenossinnen in Begleitung des Standschützenverbandes mit Musikkapelle und Brauchtumsgruppe sowie dem Musikzug der Hitler-Jugend vom Platze an der Einmündung der Anton-Karg-Straße in die Kaiserbergstraße eingeholt und auf den Adolf-Hitler-Platz geleitet. Dort wird der Maibaum bei fröhlicher Musik, bei Volksliedern und Volkstänzen aufgestellt. Am 1. Mai findet um 7 Uhr in den Straßen Kufsteins ein großer Weckruf der Standschützenkapelle und des Musikzuges der Hitler-Jugend statt. Anschließend wird auf dem Adolf-Hitler-Platz von 10.00 bis 11.30 Uhr ein Standkonzert abgehalten.“

Vom tatsächlichen Ablauf informiert das Tiroler Volksblatt vom 3. Mai 1944 auf Seite 3:

„Kufsteins Maibaum wurde am 29. April nachmittags von den Ortsgruppenleitern Pg. Linderl und Pg. Schwarz mit anderen Politischen Leitern und einer Brauchtums-Jugendgruppe sowie der Musikkapelle der Jungschützen vom Platz an der Anton-Karg-Straße eingeholt und mit klingendem Spiel zum Adolf-Hitler-Platz geleitet. In mühsamer Arbeit wurde dort der Maibaum auf dem gewohnten Standplatz aufgestellt. Nachher zeigten die Mädel einige Volkstänze. – Wenn auch auf viele althergebrachte Sitten und Gebräuche infolge des Krieges verzichtet werden mußte, so ist es dennoch anerkennenswert, daß dieses Maibaumaufstellen in der schweren Zeit unseres Schicksalskampfes stattfinden konnte. Nach dem deutschen Sieg wird auch dieser volkstümliche Brauch wieder mit schönen Heimatabenden und mit all den uns liebgewordenen Gepflogenheiten uns erfreuen. Bis dahin müssen wir uns eben mit dem Maibaum allein begnügen, der diesmal allerdings außergewöhnlich schön gewachsen ist und 28 Meter mißt. Es sind ja nicht das tolle Treiben und die damit verbundenen Vergnügungen, die uns beglücken, sondern einzig und allein die Erhaltung dieses schönen deutschen Brauches und der Geist, der uns diesen Brauch glückhaft empfinden läßt.“


1. Mai Nationaler Feiertag


Am Muttertag im Mai wurden die Mütter geehrt und ihnen in einer öffentlichen Feierlichkeit der Dank dafür ausgesprochen, dass sie „in schwerster Zeit dem Deutschen Volk gesunde Kinder schenkten oder für den Bestand des Reiches einen oder mehrere Söhne opferten.“ Mit der Überschrift „Unsere Mütter bauen am ewigen Deutschland“ bringt das Tiroler Volksblatt vom 24. Mai 1944 auf Seite 3 einen Bericht von der Mütterehrung in Kufstein:

„[…] In dieser sonntägigen Feierstunde hatten sich mit den Ortsgruppenleitern Pg. Adalbert Linderl und Pg. Karl Schwarz sowie den Ortsfrauenschaftsleiterinnen die Mütter eingefunden, die ihre Auszeichnungen mit dem Ehrenkreuz der Deutschen Mutter zugesprochen erhielten oder die für eine Ehrung vorgesehen waren. Weihevolle Cellomusik sowie Lieder und Märchenspiele der Mädel der Hitler-Jugend gaben in dem besonders liebevoll geschmückten Saal die stimmungsvolle Umrahmung der Feierstunde, in deren Mittelpunkt eine Ansprache des Ortsgruppenleiters Schwarz stand […].

Mögen wir Männer den Krieg gewinnen, die Frauen gewinnen schon jetzt den Frieden, denn sie sind das ewige Leben Deutschlands. Hundertfältig sind ihre Opfer und ihr Leid. Doch still und tapfer tragen sie ihr Schicksal und verpflichten uns, solange weiterzukämpfen, bis der Sieg unser ist, damit keines der Opfer umsonst gewesen sei […].“

Bei der Mütterehrung der NSDAP-Ortsgruppe Häring würdigte die „Maidenoberführerin“ Größl in ihrer Rede die „nimmermüde Einsatzbereitschaft der deutschen Frau und Mutter und wies besonders auf die schwere Arbeit der Bäuerin hin“. Auch der Ortsgruppenleiter ließ sich die Gelegenheit zu einem Propagandaauftritt nicht entgehen und „dankte den Müttern für ihre treue Pflichterfüllung“. Die Hitler-Jugend trug zur Feierstunde mit Sprüchen, Gedichten und Liedern Besinnliches bei (Tiroler Volksblatt vom 26. Mai 1944, Seite 3).

Unter dem Titel „Keine Mutter im Gau blieb unbedankt“ bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 24. Mai 1944, Seite 3, weitere Informationen zu Muttertagsfeiern im Gaugebiet:

„Der Muttertag hat sich im deutschen Volk zu einem Fest entwickelt, das mit seiner Innigkeit und seinen Gemütswerten an das Weihnachtsfest heranreicht, nur mit dem Unterschied, daß an diesem Tage nicht die Eltern die Kinder, sondern diese ihre Mütter besonders überraschen und erfreuen wollen. Wo nun Mütter aus besonderen Gründen diesen Tag nicht im Kreise ihrer Lieben verbringen können, hat die Partei zusätzlich zu den allgemeinen Veranstaltungen durch die NS.-Volkswohlfahrt besondere Feierstunden zu Ehren der Mütter veranstaltet.

So war in Igls die Halle eines ehemaligen Hotels, nun Heim für Mutter und Kind der NS.-Volkswohlfahrt, festlich hergerichtet. Blumen schmückten die Führerbüste. Eine Schubert-Melodie eröffnete die Feier. Nach der Begrüßung durch die Heimleiterin sprach ein Politischer Leiter vom lebensbejahenden Dasein der Mütter. Dichterworte zu Ehren der Mütter und Lieder, von den NS.-Schwestern des Heimes vorgetragen, machten tiefen Eindruck […].

In Thiersee war die besondere Feier im NSV.-Heim am Samstag; am Sonntag lud die NS.-Volkswohlfahrt im Auftrage der Partei sämtliche Mütter des Dorfes ein. Diese Feier wurde zu einem schönen Volksfest – wie der Ortsgruppenleiter in seinen Dankworten an die Mütter sagte – und Ausdruck unzerstörbaren Gemeinschaftssinnes.

In Bregenz hatten die Mütter sich ausgebeten, abends verwundete Soldaten einzuladen und gemeinsam zu deren Betreuung beigetragen. Es gab einen bunten Abend mit Vorträgen und kleinen Theaterstücken. Mütter, die Söhne an der Front haben, empfanden zutiefst den Sinn dieser Gemeinschaftsstunde. Ein Verwundeter brachte dies zum Schluß des Abends im Namen seiner Kameraden in seiner Ansprache zum Ausdruck.

Die Gauoberin des NS.-Reichsbundes Deutscher Schwestern besuchte in sämtlichen Kliniken die Mütter. NS.-Schwestern sangen in den Gängen Lieder und legten auf jedes Bett Blumen und kleine Aufmerksamkeiten.“

Mit einer Botschaft der Zuversicht, die sich aus dieser Aktion vorbildlichem Gemeinschaftsverhalten ableiten ließe, schließt der Artikel:

„Allen deutschen Müttern ist am Muttertag das Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Volks- und Schicksalsgemeinschaft mit ehrenvollen Dankesbezeigungen neuerdings vermittelt worden. Damit ist einmal mehr bewiesen worden, daß diese Gemeinschaft trotz grausamer Bedrohungen in der Heimat durch Bomben und Terrorflieger auch noch im fünften Kriegsjahr unangetastet ist – und es auch immer bleiben wird. So kann uns also auf der Welt gar nichts zustoßen!“

Von der traditionellen Muttertagsfeier in Innsbruck, gestaltet von der Hitler-Jugend, bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 23. Mai 1944 auf Seite 3 eine ausführliche Darstellung:

„Wie in den vergangenen Jahren, spielten und sangen auch am Vortag des heurigen Muttertages die Jungen und Mädel des Bannes Innsbruck-Stadt zu Ehren der Mütter im Großen Stadtsaal. Beim Eintreffen im Vorraum des festlich geschmückten Saales wurde jede der zahlreichen Mütter, die der Einladung zur Feierstunde gefolgt waren, von einem Jungmädel und einem Pimpf empfangen und zu ihrem Platz geleitet. Dort überreichte ihr das Jungmädel ein Blumensträußchen und der Pimpf das ansprechend ausgestaltete Muttertagsheft, das neben künstlerisch ausgeführten Bildbeilagen und Gedichten ein Grußwort des Bannführers enthielt. Das Heft wird den Müttern eine bleibende freundliche Erinnerung an die Feierstunde sein, die ihr die Innsbrucker Hitler-Jugend bereitet hat.

Nachdem die Feier durch Fanfarenklänge eingeleitet worden war, hieß Bannführer [Hermann] Pepeunig die Mütter herzlich willkommen. Der Höhepunkt der durch Liedvorträge der Jungen und Mädel umrahmten Feier war die Ansprache des Kreisleiters Pg. Dr. [Max] Primbs, der dem Opfermut der Mütter und ihre tapferen Haltung unter den Belastungen und Schicksalsschlägen des Krieges die höchste Anerkennung zollte. Ein Laienspiel, welches das schwere Schicksal einer mutterlosen Familie schilderte, Darbietungen des Streichorchesters des HJ.-Bannes Innsbruck, Zithervorträge und besonders beifällig aufgenommene Darbietungen des Hitlerjungen Parth auf dem Hölzernen Glachter brachte die unterhaltsame Vorführungsfolge. Das Schlußwort des Bannführers gab den Müttern die herzlichsten Glückwünsche der dankbaren Jugend mit.“

In Brixlegg wurde Anna Unterberger, Mutter von sieben Kindern, anlässlich ihres hundertsten Geburtstags in kleines Fest bereitet: „Kreisstabsamtsleiter Pg.“ Schwarz als Vertreter des Kreisleiters sowie der Ortsgruppenleiter, die Ortsfrauenschaftsleiterin und der Bürgermeister überbrachten „die Glückwünsche der Partei und der Ortsgemeinschaft“. Die Brixlegger Jugendspielscharen beteiligten sich mit dem „Vortrag schöner Heimatlieder“ (Tiroler Landbote vom 16. Mai 1944, Seite 3).


Details zur Feier des Muttertages


Die Sonnwendfeuer, einst ein Symbol der Bewegung, waren gänzlich abgekommen. Stattdessen wurden am Sonnwendtag gelegentlich, etwa in Flirsch, Versammlungen abgehalten, die im romantischen Eingedenken einer verklärten Vergangenheit der gegenseitigen emotionalen Stärkung und Zuversicht dienten, damit auch für Propagandazwecke und für die Aufmunterung zur Gefolgschaft genutzt wurden.

„Der Kreisleiter, Pg. Bernard, war am Sonnwendtag bei einer Veranstaltung der Ortsgruppe Flirsch der NSDAP. im Lager des Reichsarbeitsdienstes der weiblichen Jugend zugegen und sprach zu den Versammelten. Wenn auch im Kriege, so führte der Kreisleiter aus, keine Feuer auf den Bergen brennen, so brennt in unseren Herzen um so heißer der unbändige Glaube an Deutschland, an den Führer und an unseren Endsieg, zu dem wir in der Heimat durch doppelte Leistung das Unsere beitragen wollen.“ (Tiroler Landbote vom 27. Juni 1944, Seite 3).


Feuerrituale


Des zehnten Jahrtages des Putsches der Nationalsozialisten vom Juli 1934 gedachte die Partei mit Kranzniederlegungen durch Gauleiter Hofer an den Gräbern der „Blutzeugen“ Josef Honomichl und Friedrich Wurnig (Tiroler Landbote vom 28. Juli 1944, Seite 4).


Erinnerungsfeste – „Märtyrer“ der Partei – Heldengedenken


Auch das Erntedankfest, das früher im ganzen Gaugebiet als Verbrüderungszeremonie von Partei und Bauernschaft eine fundamentale Rolle in der öffentlichen Demonstration von Herrschaftslegitimation einnahm, wurde 1944 nur noch vereinzelt und wohl auf ausdrückliche Anordnung von Politfunktionären begangen, um vor allem von der Landbevölkerung unbedingte Pflichterfüllung einfordern zu können. Das einst reiche und vielfältige kulturelle Begleitprogramm war auf ein Minimum reduziert und von Schülern ausgeführt. Ein Beispiel ist das Erntedankfest des Kreises Kitzbühel:

„Die Bauern des Kreises Kitzbühel versammelten sich am Vormittag des 1. Oktober zu einer Feierstunde anläßlich des Erntedankfestes. Zu Beginn sprach im Namen aller Bauern des Kreises der Kreisbauernführer Pg. Reisch den Dank der Bauern an die Partei aus und versprach, daß die Bauern auch im kommenden Jahr sich rückhaltlos für die Erfordernisse der Nahrungssicherung im totalen Krieg einsetzen werden. Der Kreisbauernführer überreichte dann den Erntekranz dem Vertreter des Kreisleiters, Kreisstabsamtsleiter Pg. Engelhardt. Dieser sprach den Bauern und ganz besonders den Bäuerinnen, die dieses Jahr besonders Schweres zu leisten hatten, und allen, die zur Bergung der Ernte beigetragen haben, die Anerkennung der Partei aus. Er überbrachte die Grüße des Kreisleiters und forderte die Bauern auf, im Geiste der alten heimatlichen Tradition immer ihre Pflicht zu tun. Die Kundgebung war umrahmt von bäuerlichen Liedern und Musik, die Pg. Helm mit seinen Schülern zu Gehör brachte.“ (Tiroler Landbote vom 3. Oktober 1944, Seite 3).

Von Erntedankfeiern im Kreis Kufstein berichtet das Tiroler Volksblatt vom 6. Oktober 1944 (Seite 3 f.). Hier verband sich ebenso die Ergebenheitszeremonie mit der Überreichung des Erntekranzes durch den Bauernführer an den Repräsentanten der Partei mit der Animation der Bauernschaft zur uneingeschränkten Erfüllung ihrer Leistungspflicht in der Versorgung:

„[…] Zu der Feierstunde in Kramsach hatten sich Kreisleiter Oberbereichsleiter Pg. [Hans] Ploner, Abschnittsleiter Pg. Troger und Kreisbauernführer Pg. Dr. Widschwenter eingefunden. Ortsgruppenleiter Pg. Gutmann dankte in einer Ansprache dem Landvolk für seine zum Teil hervorragenden Leistungen und ermahnte alle, auch im kommenden Landjahr unermüdlich an der Ernährungssicherung des deutschen Volkes mitzuschaffen. Kreisbauernführer Pg. Dr. Widschwenter stellte nach einem Rückblick auf das vergangene und einer Vorschau auf das kommende Landjahr fest, das vom Nationalsozialismus geschaffene Erntedankfest sei ein politisches Fest, das alle Bauern und deren Mitarbeiter zur Besinnung mahne und im Kriege verpflichte, durch höchste Leistungen zur Erringung des Endsieges beizutragen. Kreisleiter Pg. Ploner umriß in einer Ansprache die politischen Geschehen und betonte, daß wir dem unwandelbaren Glauben an den Führer am besten durch vorbildliche Pflichterfüllung Ausdruck verleihen können, eingedenk des Leitsatzes ‚Unsere Leistung ist unsere Ehre!‘.

Auch Kundl besuchte Kreisleiter Oberbereichsleiter Pg. [Hans] Ploner am Erntedanktag. Dort betonte Ortsgruppenleiter Pg. Ellinger in einer Ansprache, daß äußerster Fleiß und vorbildliche Milch- und Fettablieferung gerade jetzt am notwendigsten seien. Das haben die Kundler auch verstanden, sie stehen mit ihren Leistungen in vorderster Reihe. Kreisleiter Oberbereichsleiter Pg. Ploner legte klar, daß sich jeder Bauer mit allen zur Verfügung stehenden Kräften einsetzen müsse, dem deutschen Volk die Nahrung zu sichern. Er forderte die Bauern und deren Mitarbeiter auf, nie zu erlahmen, sondern mit siegesgläubigen Herzen stets zum Endsiege beizutragen. Ortsbauernführer Pg. Mayer dankte dem Kreisleiter für die aufrüttelnden Worte und überreichte ihm den Erntekranz.

In Niederndorf fand das Erntedankfest der Ortsgruppen Niederndorf und Niederndorferberg statt. Ortsbauernführer Pg. Enk dankte den Bauern für die Leistungen und übergab mit dem Ortsbauernführer von Rettenschöß dem Ortsgruppenleiterden Erntekranz.“

Ein kurzer Bericht vom Erntedanktag des Kreises Schwaz betont den schlichten, „den Kriegsverhältnissen angepassten Rahmen“ der Veranstaltung (Tiroler Landbote vom 6. Oktober 1944, Seite 4):

„In Vertretung des Kreisleiters war Kreisstabsamtsleiter Pg. Slonek zugegen, weiter wohnten der Feierstunde der Standortälteste, Ritterkreuzträger Hauptmann Prambrink und Landrat Pg. Dr. Schumacher bei. Nach Eröffnung der Feier durch Ortsgruppenleiter Pg. Vernier sprach Kreishauptamtsleiter Pg. v. Ceipek über die kriegsentscheidende Bedeutung der Nahrungssicherung. Seine Ausführungen klangen in die Feststellung aus, daß der Dank der Nation für die Leistungen des deutschen Bauerntums für diese die Verpflichtung zur weiteren Leistungssteigerung in der kommenden Zeit bedeutet, denn nur der Einsatz aller Kräfte vermag den Endsieg zu verbürgen und damit auch dem deutschen Bauern eine freie Zukunft zu sichern.“ Nach dieser Rede erfolgte als Zeichen der Unterwürfigkeit der Bauernschaft die Übergabe des Erntekranzes an Kreisstabsamtsleiter Slonek durch den Kreisbauernführer Parteigenossen Schiestl. Langjährig in der Landwirtschaft tätige Mitarbeiter wurden „Anerkennungsurkunden, Treue- und Leistungsprämien überreicht“.

Um die Bauern zum vollen Einsatz für die Kriegswirtschaft anzuspornen, berief „Kreisbauernführer Pg.“ Schiestl „als Vorsitzender des Kreisleistungsausschusses die Ortsleistungsausschüsse des Kreises Schwaz zu einer Arbeitstagung zusammen“. Bei dieser Zusammenkunft wurde den Bauernfunktionären eindringlich die „Notwendigkeit des restlosen Einsatzes“ vor Augen geführt (Tiroler Landbote vom 22. August 1944, Seite 3). Eine wiederum die Leistungssteigerung der Landwirtschaft einfordernde „Arbeitstagung“ fand im März in Kramsach unter dem Motto Bäuerin, auf dich kommt es an statt:

„Neben Fragen der Ablieferung und Erfassung wurde besonders von den Rednern die wichtige Aufgabe der Bäuerinnen in der Milcherzeugungsschlacht 1944 hervorgehoben und an sie der Mahnruf gerichtet, durch Einsparung im Haushalt und durch sparsamsten Verbrauch überhaupt noch mehr Milch als bisher für die Ablieferung freizumachen […].“ (Tiroler Landbote vom 10. März 1944, Seite 3).

Einen ähnlichen Appell an das Landvolk richtete der Imster Kreisleiter Pg. Pesjak im Rahmen einer Kreisarbeitstagung, indem er „die restlose Erfüllung der Ablieferungspflicht“ forderte (Tiroler Landbote vom 15. Dezember 1944, Seite 3).

Unter dem Leitwort Opfer verbürgen den Sieg wurde Ende September 1944 in Kufstein eine Arbeitstagung der NSDAP abgehalten. Anwesend waren „sämtliche Ortsgruppenleiter, Bürgermeister und Ortsbauernführer des Kreises Kufstein“. Zweck der Versammlung war einerseits die Motivation der Anwesenden, andererseits die Vermittlung detaillierter Informationen über die „Leistungserfordernisse im totalen Kriegseinsatz“. Dabei bot „Gauschulungsleiter Oberbereichsleiter Pg.“ Dr. Karl Mang „einen eingehenden Überblick über die militärische und politische Lage, der „Leiter des Gauamtes für Rassenpolitik Pg.“ Dr. Mathis „Erkenntnisse über den Sinn des Kampfes um Großdeutschlands Zukunft“. Beide Vorträge dienten der Stärkung von Zuversicht. Hauptanliegen der Initiative war es jedoch, die Bauernschaft zur unbedingten Pflichterfüllung anzuhalten. Den Ortsbauernführern wurde „eindringlich“ auseinandergesetzt, „daß heute kein Volksgenosse mehr eigene Wege gehen darf, sondern seine ganze Kraft und Leistungsfähigkeit in den Dienst der kämpfenden Gemeinschaft stellen muß. Nicht die kleinste Menge landwirtschaftlicher Erzeugnisse darf unberechtigt im eigenen Betrieb verbraucht, sondern muß durch Ablieferung für die Nahrungssicherheit von Front und Heimat zur Verfügung gestellt werden.“ Der „Kreisbauernführer Pg.“ Widschwenter gab daraufhin „namens der Bauern des Kreises die Versicherung ab, daß sie ihre Pflicht voll erfüllen werden“. Die Tagung endete mit dem „Gelöbnis unverbrüchlicher Gefolgschaftstreue für den Führer und der äußersten Einsatzbereitschaft für Reich und Heimat“ (Tiroler Landbote vom 29. September 1944, Seite 4).

Da die vormals so ausgiebigen Festlichkeiten zum Erntedanktag nur mehr sporadisch und zeremoniell eingeschränkt begangen wurden, fanden Ehrungen für besondere Leistungen der Bauernschaft vielfach im Rahmen von „öffentlichen“ Versammlungen der NSDAP statt, die ansonsten vorrangig der Propaganda und Motivationsstärkung gewidmet waren. In Mayrhofen zum Beispiel überreichte „Ortsgruppenleiter Pg.“ Niederwieser „einer Anzahl von Bauern und Landarbeitern Anerkennungsurkunden, die ihnen auf Grund vorbildlicher Leistungen anlässlich des Erntedanktages verliehen worden waren“. Danach hielt „Kreisstabsamtsleiter Pg.“ Slonek eine Rede zur Stärkung der Zuversicht: „Wenn jeder Deutsche ohne Unterschied mit gläubigem Herzen und fanatischem Willen kämpft und arbeitet, so wird uns der Endsieg zufallen. Mit begeisterten Zustimmungsbekundungen nahmen die anwesenden Partei- und Volksgenossen diesen Kampfruf auf.“ (Tiroler Landbote vom 10. Oktober 1944, Seite 3).

In Schlitters im Zillertal zeichnete „Ortsgruppenleiter Pg.“ Brandner in einer Versammlung der NSDAP mehrere Bauern und Landarbeiter mit Anerkennungsurkunden „für hervorragende landwirtschaftliche Ablieferungsleistungen“ aus. Danach erklärte „Kreishauptamtsleiter Pg.“ von Ceipek den Versammelten die Notwendigkeit des totalen Kriegseinsatzes: „Im Kampf um Sein oder Nichtsein“ müssten alle noch verborgenen schlummernden Kräfte geweckt und die Lasten des Krieges auf alle Schultern gleichmäßig verteilt werden (Tiroler Landbote vom 17. Oktober 1944, Seite 3).

Wie sehr das Bauerntum neben seiner Funktion der Ernährungssicherung gewissermaßen die Seele der „Volksgemeinschaft“ repräsentierte, kommt in einer Ansprache von „Reichsbauernführer“ Herbert Backe zum Ausdruck, die er in Danzig hielt und die aus Gründen der Propaganda und öffentlichen Bekundung fundamentaler Wertschätzung des Bauernstandes auch im Tiroler Landboten vom 15. Februar 1944 auf der Titelseite im Fettdruck ausführlich wiedergegeben ist:

„[…] Der Kernpunkt der nationalsozialistischen Weltanschauung ist die Rassenlehre. Bekenntnis zur Rasse aber bedeutet Bekenntnis zur bäuerlichen Grundhaltung unseres Volkes. Das Bauerntum ist der Erhalter unseres Blutes und der Träger unserer Wehrkraft. Der bodenständige Bauer lebt in einer festgefügten Ordnung von Familie, Sippe und Volk. Er müht sich um sein Land, aber er beutet es nicht aus. Er ist also das Gegenteil des nomadischen Menschen, der nur dem Raub, der Plünderung lebt […].

‚Erst der Nationalsozialismus‘, so betonte Oberbefehlsleiter Backe, ‚hat aus den Lehren der Geschichte die entscheidende Folgerung gezogen. Immer wieder hat der Führer darauf hingewiesen, daß er im Bauerntum die Grundlage unseres Volkes sieht. Das Bauerntum muß Blutquell unseres Volkes und sein Ernährer sein. Das deutsche Landvolk ist sich dieser hohen geschichtlichen Aufgabe bewußt. Kein Vernichtungswille hat die Kraft des deutschen Bauerntums brechen können. Indem der Nationalsozialismus dem Landvolk diese geschichtliche Mission zurückgab, fand es sich auch wieder in der Bereitschaft zu geschichtlicher Tat. Die Raumenge, die bisher die Lebenskraft des deutschen Landvolkes einschränkte, ist durch die unvergänglichen Taten unserer Soldaten überwunden. Nun kommt es darauf an, das Gesetz zu erfüllen, nach dem der einmal gewonnene Raum wirklich deutscher Heimatboden als Pflegestätte zahlreicher Geschlechter werden kann. Deutsch wird das neue Land nur, wo neben dem Schwert der Pflug geführt wird. Erst ein starkes, seiner blutsmäßigen Aufgabe bewußtes und sozial gesundes Bauerntum wird in diesen neu eingegliederten Räumen zu einem Quell unerschöpflicher Volkskraft und zu einem sicheren Bollwerk gegen jede Drohung von außen.‘ […].“


Verehrung des Bauerntums


Die traditionelle Feier im Gedenken an die „Märtyrer der Bewegung“, die beim Putschversuch der Nationalsozialisten am 9. November 1923 in München ums Leben kamen, wurde im Jahr 1944 mit der Vereidigung der „Standschützen“ aus Gründen der Propaganda zusammengelegt. In öffentlichen Demonstrationen mit Aufmärschen und Kundgebungen wurde der Bevölkerung in der Vorführung der neu formierten Truppen, die sich überwiegend aus Teilnehmern des Ersten Weltkriegs rekrutierten, neuer Mut gemacht.

„Am Vorabend des vergangenen Sonntags, auf den heuer die Feier zum 9. November fiel, kehrten die Standschützen nach Abschluß des ersten Ausbildungslehrganges für Führer und Unterführer in ihre Heimatorte zurück. Die Fahrt wurde in Innsbruck für einen größeren Teil der Lehrgangsteilnehmer auf einige Stunden unterbrochen, um den Standschützen Gelegenheit zu einem Marsch durch die Stadt, zum Vorbeimarsch vor dem Gauleiter und zur Teilnahme an der Langemarck-Feier, der Bevölkerung der Gauhauptstadt dagegen die Gelegenheit zu geben, die Truppe in geschlossener Formation zu sehen.“

Bewusst wurde für den Aufmarsch die Abendstimmung gewählt, die wie so oft bei Festivitäten der Nationalsozialisten die Zuschauer im magischen Licht des Fackelscheins suggestiv in ihren Bann zog.

„Im sinkenden Abend marschierten die Standschützen, voran die Standschützenmusikkapelle Solbad Hall, im Schein der Fackeln durch die Museumsstraße und die Altstadt zur Maria-Theresien-Straße, wo Gauleiter Hofer den Vorbeimarsch abnahm […]. Die Bevölkerung von Innsbruck nahm an dem Marsch der Standschützen lebhaften Anteil. Die Durchmarschstraßen, vor allem die Maria-Theresien-Straße, waren von Zuschauern dicht gesäumt, welche die marschierende Truppe mit Gruß und Zuruf herzlich willkommen hießen.“ (Innsbrucker Nachrichtenvom 13. November 1944, Seite 3).

Die Langemarckfeier vor der Alpenuniversität, die ebenfalls im Fackelschein und mit Teilnahme der Standschützen bewusst auf Propaganda abzielend inszeniert wurde, fand im Gedenken an ein Gefecht vom 10. November 1914 in der Nähe des belgischen Ortes Langemarck statt. An dieser Schlacht wurden auf deutscher Seite vor allem Kriegsfreiwillige und damit unerfahrene Soldaten eingesetzt, was erhebliche Verluste zur Folge hatte. Die Oberste Heeresleitung kommentierte den Waffengang dennoch als erfolgreich in einem Bericht, der in fast allen deutschen Zeitungen erschien und den Mythos vom vorbildhaften Opfergang junger Soldaten entstehen ließ, den die Nationalsozialisten besonders in der Endphase des Krieges wie selbstverständlich instrumentalisierten. Den Verlauf der Langemarckfeier in Innsbruck schildern die Innsbrucker Nachrichten vom 13. November 1944, Seite 3:

„Unterdessen hatten am Ehrenmal vor der Deutschen Alpenuniversität eine Abordnung des NSD.-Studentenbundes und eine Wehrmacht[s]abteilung Aufstellung genommen. Nach Beendigung ihres Marsches durch die Stadt rückten die Standschützenkompanien auf dem Vorplatz des Universitätsgebäudes ein. Nachdem der Gauleiter die Meldung entgegengenommen hatte und die Worte eines Sprechers verklungen waren, folgte unter den Klängen des Liedes vom Guten Kameraden die Kranzniederlegung am Ehrenmal. Ein Gedächtnisspruch für die Gefallenen von Langemarck, der mit den Worten ausklang: ‚Stark sind die Völker, die nie ihre Toten vergaßen‘, und den Liedern der Nation nahm die Feier ihr Ende. Die Eindrücke, die sie vermittelte, waren nicht nur durch den äußeren Rahmen im Lichte lodernder Fackeln, sondern auch durch die Teilnahme der Standschützen, die als Volksaufgebot die Verbundenheit des ganzen Volkes mit dem Vermächtnis der Toten von Langemarck bekundeten, besonders wirksam und nachhaltig.“

Mit Erlass vom 25. September 1944 hatte der „Führer“ Adolf Hitler den „Deutschen Volkssturm“ einberufen „zur Verstärkung der aktiven Kräfte unserer Wehrmacht und insbesondere zur Führung eines unerbittlichen Kampfes überall dort, wo der Feind den deutschen Boden betreten will“. In allen Gauen des Großdeutschen Reiches wurden alle „waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren“ zum Volkssturm auf Befehl Hitlers herangezogen. Die Aufstellung und Führung des Deutschen Volkssturms, der aus historischen Gründen der Wehrverfassung im Reichsgau Tirol-Vorarlberg Standschützen genannt wurde, lag in Händen der Gauleiter. „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler war als Befehlshaber des Ersatzheeres verantwortlich für die militärische Organisation, Ausbildung, Bewaffnung und Ausrüstung des Deutschen Volkssturms. Der komplette Wortlauf des Führererlasses ist in den Innsbrucker Nachrichten vom 19. Oktober 1944 auf Seite 1 wiedergegeben.

Die Standschützenformationen wurden offensichtlich nicht als ein „letztes Aufgebot“ angesehen, sondern als ernsthafte Verstärkung der Wehrmacht. Dies wurde den Standschützeneinheiten auch im Rahmen der auf die Langemarckfeier folgenden „abendlichen Gemeinschaftsveranstaltung“ im Großen Stadtsaal ausdrücklich – und sie so motivierend – vom „General der Gebirgstruppe“ Julius Ringel bestätigt. Er klassifizierte nämlich die Standschützen „als einen vollwertigen Teil der geballten Wehrkraft des deutschen Volkes“ und rief ihnen zum Abschluss seiner aufputschenden Ansprache pathetisch zu: „Mit euch ist der Sieg!“ (Innsbrucker Nachrichten vom 13. November 1944, Seite 3).

Auch Gauleiter Hofer feuerte die Standschützen in seiner klug disponierten Rede an; er verwies auf die Siegesstimmung, die sich mit ihrem vorbildlichen Einsatz nun breit mache:

„Der Gauleiter gab dann einen Ueberblick über die gleichzeitig laufenden und noch bevorstehenden Ausbildungsmaßnahmen und bezeichnete es als den Zweck der Standschützenausbildung, dem Reich eine nach strengen militärischen Grundsätzen hochwertige und nationalsozialistisch ausgerichtete Truppe zur Verfügung zu stellen, von der jeder Mann bereit ist, dem Führer die ganze Persönlichkeit und, wenn es sein muß, das Leben zu geben. Der Gau Tirol-Vorarlberg soll damit in Wahrheit zur Heimat in Waffen werden […].

Das Aufgebot der Standschützen, so führte der Gauleiter weiter aus, wird in hohem Maße dazu beitragen, uns den baldigen Sieg zu sichern, damit wir daran gehen können, unsere deutsche Heimat aufzubauen, um sie unseren Kindern schöner und besser übergeben zu können, als wir selbst sie übernommen haben. Mit den Worten ‚Ich glaube an den deutschen Sieg, an Euren Glauben und vor allem an Eure Kameradschaft‘ schloß der Gauleiter seine mit wiederholten lebhaften Zustimmungskundgebungen aufgenommenen Ausführungen.

Die Standschützen der Kreise außer Innsbruck kehrten am Samstagabend noch in ihre Heimatkreise zurück. Am Sonntag fanden in den Kreisstädten die Vereidigungsfeiern im Rahmen der Feiern zum 9. November statt.“

Ein mit den Innsbrucker Nachrichten (13. 11. 1944, S. 3 f.) weitgehend gleichlautender Bericht erschien im Bozner Tagblatt vom 14. November 1944 auf Seite 4.

Für die Vereidigungszeremonie der Standschützen am Adolf-Hitler-Platz in Innsbruck war eine aufwändige Kulisse errichtet worden, in deren beeindruckendem Rahmen im Dunkel des Abends mit einer theatralischen Inszenierung die „Weihestunde“ ablief (Innsbrucker Nachrichtenvom 13. November 1944, Seite 3 f.):

„Die Fassade des Reichsgautheaters ist mit Rot verkleidet. Ein mächtiges Eisernes Kreuz sticht von diesem Hintergrunde ab, links und rechts neben den Säulen flackern auf schwarzen Pylonen mächtige Feuer gegen den Himmel. In weitem Viereck sind die Standschützen angetreten, die heute vereidigt werden sollen; man sieht eine Kompanie der Wehrmacht, eine Abteilung des Reichsarbeitsdienstes und eine der Hitler-Jugend. Die Berge grüßen auf den weiten Platz herab und wirken gleich einem gewaltigen Hintergrund zu dieser Szene, die vom Aufbruch eines ganzen Volkes Zeugnis ablegen soll, eines Volkes, das entschlossen ist, bis zum Letzten seine Heimat, seine Familien, seine Kultur zu schützen.

Trompetenruf ertönt, die Fahnen der Standschützen und die Fahnen der NSDAP. werden auf die Stufen zum Theaterbau getragen. Kommandos ertönen. Feierliche Musik begleitet diesen Moment. Der Kreisleiter, Pg. Dr. Primbs, hat inzwischen die Reihen der aufmarschierenden Formationen abgeschritten, das Kampflied ‚Ein junges Volk steht auf‘ erklingt. Trommelwirbel, Fanfarenrufe, die Formationen stehen still, die Fahnen senken sich zu den Worten des Kreisleiters: ‚In dieser schicksalsschweren Zeit denken wir in tiefer Ehrfurcht aller Toten unseres Volkes!‘ Man [ge]denkt der Blutzeugen des 9. November, der Gefallenen des Weltkrieges, der Blutopfer der Bewegung, der Toten des gegenwärtigen Ringens, der Männer, Frauen und Kinder, die das Opfer des Bombenterrors unserer Feinde wurden, man gedenkt unserer toten Ahnen, die in uns und unseren Kindern fortleben und damit unserem Volke das ewige Leben gegeben haben.

Der Kreisleiter verliest darauf die sechs Kampfsätze der Standschützen von Treue, Gehorsam, Tapferkeit, Standhaftigkeit, Einsatzbereitschaft, vom Schweigen, von der Ritterlichkeit gegen Frauen und Kinder, vom leidenschaftlichen Haß gegen unsere Feinde und von der Treue als Verpflichtung gegenüber Volk und Vaterland.

In seiner Rede führte der Kreisleiter aus, daß nur ein Volk, das seine Helden ehrt und nie vergißt, groß ist und würdig erscheint, in Sieg und Frieden zu bestehen […]. Der Kreisleiter führte anschließend aus, daß ein Volk erst dann geschlagen und verloren ist, wenn sich keine Männer mehr finden, die seine Freiheit und seine Ehre über ihr eigenes Leben zu stellen wagen […]. In allen deutschen Herzen, so schloß der Kreisleiter, steht dann für ewige Zeiten zutiefst eingebrannt als wahrste Mahnung zur letzten Pflichterfüllung das ewige Vermächtnis: ‚Und Ihr habt doch gesiegt!‘

Im Anschluß daran verlas der Kreisleiter die Eidesformel, die die Männer nachsprachen. Mit den Hymnen der Nation und dem Ausmarsch der Fahnen endete die Feier auf dem Adolf-Hitler-Platz. Die angetretenen Mannschaften formierten sich zum Zuge durch die Maria-Theresien-Straße, dem Vorbeimarsch vor dem Rathaus und zum Abmarsch zum Gauhaus […].“

Für die „Blutzeugen“ der Partei aus Tirol (Josef Honomichl, Friedrich Wurnig, Hermann Mair und Sylvester Fink) waren an deren Gräbern Ehrenwachen befohlen, und Kreisleiter Max Primbs legte Kränze nieder. „Auch am Waldfriedhof am Osterfeld, an den Gräbern der Männer, Frauen und Kinder, die dem feindlichen Mordterror zum Opfer gefallen sind, legte der Kreisleiter einen Kranz des Gauleiters nieder. An dieser Kranzniederlegung wie an allen Veranstaltungen zum 9. November war die Wehrmacht zum Zeichen ihrer unlöslichen Verbundenheit mit Partei, Heimat und Volk durch starke Abordnungen beteiligt.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 13. November 1944, Seite 3 f.)

Gauleiter und Reichsstatthalter Franz Hofer hat unmittelbar nach dem „Erlass des Führers“ sehr engagiert mit dem Aufstellen und der Ausbildung der Standschützenbataillone begonnen. Die Innsbrucker Nachrichten vom 19. Oktober 1944 veröffentlichten (Seite 3 f.) eine ausführliche Meldung dazu, um die Bevölkerung durch diese propagandistisch aufbereitete Information zuversichtlich zu stimmen und in einer mit vielen historischen Bezügen durchsetzten Rede die heikle Mission zu erklären. Der umfangreiche Artikel trägt die Überschrift:

„Am Südwall des Reiches – da stehen wir! Standschützenbataillone als Deutscher Volkssturm des Gaues Tirol-Vorarlberg – Gauleiter Hofer spricht vor ihren Führern und Unterführern“.

„[…] Nun aber, da der Führer den deutschen Volkssturm aufgeboten hat, ist die Stunde gekommen, um mit der gesamten Wehrkraft des deutschen Volkes auch die des Gaues Tirol-Vorarlberg restlos aufzurufen und, der Ueberlieferung entsprechend, in Gestalt von Standschützenbataillonen in das Gesamtaufgebot einzureihen. Zunächst in Ausbildungslehrgängen zusammengefaßt, treten die Standschützen unter Gewehr. Sie tragen feldgraue Uniform mit Bergmütze und am linken Aermel ein rautenförmiges Abzeichen, das den Adler des Standschützenverbandes und die gebietliche Zugehörigkeit des Bataillons, dem sie angehören, zeigt […].

Begeistert sind aber auch die Männer des Heeres, die hier die Ausbildung leiten. Wir hatten Gelegenheit, mit einigen von ihnen zu sprechen. Ihr Urteil ist ein einstimmiges: Diese Männer sind ganze Kerle mit besten Führerqualitäten, diese Männer tun alle mit offenem Herzen mit, diese Männer sind unbesiegbar! Ueberdies sind sie ausnahmslos überraschend gute Schützen. Es zeigt sich also, daß die Schießausbildung im Standschützenverband wertvolle Früchte getragen hat. […].

In seiner Rede erinnerte der Gauleiter einleitend an den Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig und verwies darauf, daß nun auf den Ruf des Führers ganz Deutschland in Waffen stehen wird. Am Anfang des sechsten Kriegsjahres steht eine zusätzliche Millionenarmee bereit, alles für das Reich zu geben und entschlossen, niemals zu kapitulieren. Im Rahmen dieses Aufgebotes findet hier, wo Standschützen aus allen Kreisen des Gaues angetreten sind, der wehrhafte Geist, der seit Jahrhunderten in den Menschen dieses Landes lebt, seine schönste Vollendung.

Wie die 20.000 Standschützen, die im Jahre 1915 zum Schutz der bedrohten Grenzen auszogen, greifen auch heute wieder die Standschützen des Gaues Tirol-Vorarlberg zu den Waffen und stoßen zu ihren Südtiroler Kameraden, die schon seit längerer Zeit ihre Aufgabe zum Schutz des deutschen Südraumes erfüllen. Ein noch stärkeres Aufgebot als im ersten Weltkrieg steht als Besatzung der Bergfestung an der Südgrenze des germanischen Lebensraumes bereit. Niemals haben die Kämpfer dieses Bergbauernstammes kapituliert, sie werden auch diesmal nicht kapitulieren.

Der Gauleiter erinnerte in diesem Zusammenhang an die Sicherung der Alpenübergänge für die deutschen Kaiser zur Zeit der Römerzüge, an die Waffentaten des heimatlichen Aufgebotes zur Zeit Kaiser Maximilians, an den revolutionären Kampf Michel Gaismairs und seiner Gefolgsleute um Freiheit und Recht, an das Heldenzeitalter Andreas Hofers und an das Ruhmesblatt, das in den Jahren 1915 – 1918 geschrieben wurde.

Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen gab der Gauleiter einen Ueberblick über die entscheidende Tragweite der gegenwärtigen Kriegsphase, über den absoluten Vernichtungswillen unserer Feinde […].

Die geschichtliche Vergangenheit dieses Landes verpflichtet uns zu dem Beweis, daß wir aus dem gleichen Holz sind wie unsere Vorfahren. Als Nationalsozialisten haben wir ferner die Verpflichtung, für Führer und Reich das Letzte zu leisten […]. Die Männer der Standschützenbataillone haben eine Kampfaufgabe, die ihnen den Schutz der engsten Heimat zur unmittelbaren Pflicht macht; das Bewußtsein dieser Aufgabe muß der Ansporn zum Kampfeinsatz bis zum letzten sein […].

Der Führer hat den deutschen Volkssturm aufgerufen und die Altergrenzen von 16 bis 60 Jahren festgelegt, genau so, wie es in unserem Lande zu allen Zeiten gehalten wurde. Nun werden alle, die Standschützenuniform tragen, zu Soldaten, stellen für die Zeit ihrer Ausbildung und ihres Einsatzes alle Bindungen an den Alltag und den Beruf zurück und tragen dem Führer gegenüber die Verantwortung dafür, daß über den Südwall Großdeutschlands kein Feind hinwegkommt. Getreu der Tradition der Kaiserschützen, der Kaiserjäger und der Standschützen, übernehmen wir diese Verantwortung im vollen Bewußtsein ihres Gewichtes. Wir wollen dem Führer die Sorge um die Grenze am Alpenwall abnehmen und ihm geloben, für das Reich einzustehen und auszuharren bis zum letzten Mann. Am Südwall des Reiches kommt keiner durch – da stehen wir!

In dieses Gelöbnis des Gauleiters stimmten die angetretenen Männer mit einem begeisterten Sieg Heil auf den Führer ein, mit dem Ritterkreuzträger Major Lap den Appell abschloß.“

Eine nahezu gleich lautende Darstellung wie in den eben zitierten Innsbrucker Nachrichten vom 19. Oktober 1944 erschien zur Motivation der Südtiroler Standschützen im Bozner Tagblatt vom 19. Oktober 1944 auf Seite 3, mit folgender zusätzlicher Information:

„Bei seinem Eintreffen in einem dieser Ausbildungslager, aus dem hauptsächlich Führer und Unterführer hervorgehen werden, nahm der Gauleiter die Meldungen seines Beauftragten für die politische Ausrichtung, des Gebietsführers Pg. [Otto]Weber, und des militärischen Ausbildungsleiters, des Lagerkommandeurs Ritterkreuzträger Major Lap entgegen […].

Ritterkreuzträger Major Lap berichtete dem Gauleiter über die bisherigen Erfahrungen der militärischen Ausbildung, die ein durchaus günstiges Bild von der Einsatzbereitschaft und den Führerqualitäten der Männer gaben. Diese Darstellung des Kommandanten wurde durch den guten Eindruck bestätigt, den die marschierenden Abteilungen machten, trotzdem sie ausschließlich aus höheren Einsatzklassen bestehen und erst seit wenigen Tagen zur Ausbildung zusammengefaßt sind. Ueberdies sind sie, wie der Kommandant besonders hervorhob, ausnahmslos überraschend gute Schützen. Es zeigt sich also, daß die Schießausbildung im Standschützenverband ihre Früchte getragen hat […].“

Wenige Tage nach dieser anfeuernden Rede von Gauleiter Hofer marschierten diese „Männer des Führerlehrganges“ am 23. Oktober 1944 mit „klingenden Spiel“ durch Innsbruck zu einer Kundgebung vor dem großen Stadtsaal. Wiederum wurde aus Stimmungsgründen für diese Propagandaaktion der Abend gewählt, wenn die Fackelbeleuchtung ihre suggestive Ausstrahlung entfalten konnte (Innsbrucker Nachrichten vom 24. Oktober 1944, Seite 3 f.):

„Wenige Tage nach dem Aufruf des Deutschen Volkssturms, der im Gau Tirol-Vorarlberg in den Standschützenbataillonen organisiert ist, marschierte die erste geschlossene Standschützentruppe durch die Straßen der Gauhauptstadt […].

Tiefen Eindruck machte im besonderen der Aufmarsch der Standschützen in abendlicher Stunde vor Beginn der Kundgebung vor dem Stadtsaal. In vorbildlicher Haltung standen die Männer aus den Standschützenbataillonen Innsbruck-Stadt und Innsbruck-Land und die Jungen der Jungschützenkompanie Innsbruck in Reih und Glied, als der Gauleiter bei Fackelschein die Meldung entgegennahm, und unter den Klängen des Generalmarsches, der einst die Defilierung der Soldaten deutscher Stämme in österreichischer Uniform vor ihren höchsten Vorgesetzten begleitete, die Fronten abschritt.“

Auch für die anschließende Kundgebung im Großen Stadtsaal gab es eine theatralisch wirksame Inszenierung. Die Allgegenwart des „Führers“ war durch sein überlebensgroßes Bild an der Stirnwand des Saales symbolisiert.

„Unmittelbar darunter hatten die Fahnen der Bewegung und der Standschützen, bei diesen die älteste erhaltene Tiroler Kriegsfahne aus der Zeit vor Michel Gaismair, Aufstellung genommen. Nachdem der Gauleiter mit den Ehrengästen Platz genommen hatte, ertönte das Fußmarschsignal und die Standschützen marschierten in festem Schritt durch den freigehaltenen Mittelgang auf das Podium, stürmisch begrüßt von den Kundgebungsteilnehmern, die den Saal bis zum letzten Platz in dicht gedrängter Menge füllten. Im Mittelgang nahm die Jungschützenkompanie [Landeck] Aufstellung. Mit vorbildlicher Exaktheit ausgeführte Gewehrgriffe lösten neuerliche Beifallskundgebungen aus und zeigten, daß den alten Soldaten des ersten Weltkrieges auch militärische Exaktheit keine Schwierigkeiten macht.

Der anfeuernde Klang und Rhythmus des Kaiserjägermarsches leitete die Kundgebung ein. Jungen und Mädel der Hitler-Jugend und Soldaten brachten im Sprechchor das Sturmlied [‚Sturm! Läutet die Glocken‘] von Dietrich Eckhardt mit dem heute wieder zum Gebot der Stunde gewordenen Kampfruf [Refrain] Deutschland erwache! zu Gehör. Der gemeinsame Gesang des Liedes Volk, ans Gewehr leitete sodann zur Rede des Gauleiters über.“

Gauleiter Hofer verwies wie so oft in seinen Ansprachen auf die glorreiche kämpferische Tradition der „Wehrbauern“ im Süden des Reiches, auf die erfolgreiche Schießausbildung im Gau, die sich nunmehr erst so richtig bewähre und beweise, dass der Ruf des „Führers“ nirgends in Deutschland „besser vorbereitet war und nirgends einen stärkeren Widerhall gefunden hat, als im Gau Tirol-Vorarlberg und auf dem deutschen Volksboden südlich des Brenners,“ bezeichnete seine Standschützen „als politische Soldaten des Führers“ und würdigte diplomatisch klug insbesondere auch die „tapfere Haltung der Frauen“ und legte auch den Betriebsführern und Dienstellenleitern nahe, „durch großzügige Auffassung des Begriffes der Unentbehrlichkeit ihren Gefolgschaftsmitgliedern die Teilnahme an den Ausbildungslehrgängen ohne Verzug besonders dann zu ermöglichen, wenn die Gefolgschaftsmitglieder, wie es meist geschieht, selbst den Wunsch danach äußern und die jeweils Zurückbleibenden sich in selbstverständlicher Kameradschaft bereit erklären, die anfallende Mehrarbeit zu übernehmen. Für alle, die durch die Heranziehung Nahestehender ein neuerliches Opfer bringen müssen, besonders also für die Frauen, muß an erster Stelle die Erwägung stehen, daß es für jeden deutschen Mann und jeden deutschen Jungen auf Lebenszeit eine Belastung und ein Grund zur Beschämung wäre, wenn er sich in Deutschlands schwerster Zeit nicht zu jedem erforderlichen Einsatz zur Verfügung gestellt hätte. Jedenfalls, so erklärte der Gauleiter bündig unter einem neuerlichen minutenlangen Beifallssturm, wird entsprechend dem Befehl des Führers innerhalb der Altersgrenze von 16 bis 60 Jahren jeder einzelne ohne Rücksicht früher oder später herangezogen werden.

Der Schluß der Ausführungen des Gauleiters war ein mit neuerlichen Zustimmungskundgebungen aufgenommenes Gelöbnis an den Führer, die Südfestung des Reiches, wenn es [sein] muß, im Verband mit Wehrmachteinheiten mit eigenen Kräften um jeden Preis zu halten, um ihm diese Sorge abzunehmen und ihm die Möglichkeit zu schaffen, seine und Großdeutschlands Kraft im Westen und Osten zusammenzuballen für die Entscheidungsschlachten und dem endgültigen deutschen Sieg.

Mit dem gemeinsamen Lied ‚Ein junges Volk steht auf im Sturm‘ [Text und Melodie: Werner Altendorf, 1934/35], dem Führergruß und den Liedern der Nation klang die Kundgebung aus.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 24. Oktober 1944, Seite 3f.).

Anfang November 1944 besuchte Gauleiter Franz Hofer erneut seine Standschützen und stellte ihnen anhand einer anfeuernden Ansprache mit der üblichen Argumentation das Heroenzeitalter ihrer Vorfahren als Vorbild und Ansporn vor Augen (Innsbrucker Nachrichten vom 4. November 1944, Seite 4):

„Gauleiter und Reichsstatthalter Franz Hofer besichtigte in den letzten Tagen wieder einen Lehrgang von Standschützen aus dem Gau Tirol-Vorarlberg, die zur Ausbildung als Unterführer und Führer einberufen sind.

Bei dieser Gelegenheit hielt der Gauleiter vor über 3000 angetretenen Standschützen eine Rede, in der er besonders darauf hinwies, daß nun in dem großen, vom Weltjudentum angestifteten Ringen die Zeit der Entscheidung gekommen ist und der Gegner mit äußerster Anstrengung versuche, diese Entscheidung unter Einsatz aller seiner Möglichkeiten in seinem Sinne zu erzwingen […].

Immer und immer wieder, fuhr der Gauleiter fort, hat der deutsche Stamm in den Bergen, haben die Standschützen aus Tirol und Vorarlberg im Laufe der Geschichte nach dem ehernen Naturgesetz gehandelt, daß nur der bestehen könne, der bereit ist, Leib und Leben für sich, seine Heimat und sein Volk einzusetzen. Nunmehr ist wieder der Augenblick gekommen, da Reich und Volk bedroht sind und ein haßerfüllter Feind nicht nur unsere Niederlage, sondern unsere Vernichtung will. Der Führer hat den deutschen Volkssturm aufgerufen. Diesem Rufe folgen freudig und begeistert auch wir Standschützen […]. Sie übernehmen damit die Tradition der Vorfahren, die unter Michel Gaismair, unter Sterzinger und unter Andreas Hofer kämpften, sie übernehmen als Verpflichtung die Tradition der herrlichen und ruhmreichen Regimenter der Tiroler Kaiserjäger und Kaiserschützen und der Standschützen, die im ersten Weltkriege Wunder an Tapferkeit und Standfestigkeit verrichteten. Die Standschützen von 1944 sind bereit zu beweisen, daß sie ebenso standfest und tapfer in der Verteidigung ihrer Heimat sind wie ihre Vorgänger. Schon haben Südtiroler Kameraden auch in diesem Kriege im Einsatz ihren Mann gestanden und einen tückischen und hinterhältigen Gegner in raschem Ansturm zusammengeschlagen […].

Was die Ausbildung betrifft, zeigen sich jetzt die Früchte der Wehrertüchtigungsarbeit, die der Standschützenverband seit der Rückkehr des Gaues in das Reich in ständiger Breitenarbeit geleistet hat. Die Uebung mit der Schußwaffe auf den Schießständen in den Dörfern, das alljährliche Messen des Könnens bei den Kreis- und Landesschießen war nicht umsonst […].

Nach dem Gruß an den Führer, den der militärische Leiter der Ausbildungslehrgänge, Ritterkreuzträger Major Lap, entbot und der von den Standschützen mit Begeisterung aufgenommen wurde, traten die Kompanien in ihre Quartiere ab […].“

Das Bozner Tagblatt vom 4. November 1944 (Seite 7) enthält den Artikel aus den Innsbrucker Nachrichten vom 4. November 1944 (Seite 4) im selben Wortlaut.

Anfang Dezember überzeugte sich der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler persönlich vom Fortschritt in der Standschützen-Ausbildung im Gau Tirol-Vorarlberg und in der Provinz Bozen:

„[…] Der Reichsführer SS Heinrich Himmler, der als Befehlshaber des Ersatzheeres vom Führer die Verantwortung für die militärische Organisation des Deutschen Volkssturms übertragen erhalten hat, hat unlängst in Begleitung des höchsten SS- und Polizeiführers in Italien, SS-Obergruppenführer Wolff und des Gauleiters Lehreinheiten der Standschützen besichtigt. Bei dieser Gelegenheit stellte er nicht nur die großen Fortschritte in der militärischen Ausbildung, sondern vor allem auch den hervorragenden Geist der Standschützen sowie den unermüdlichen Eifer fest, mit dem sie sich bemühen, in möglichst kurzer Zeit das soldatische Können zu erwerben, das für einen modernen Krieg und für die Verteidigung des Grenzwalles im Süden des germanischen Siedlungsgebietes notwendig ist. Die Anerkennung des Reichsführers SS war den Männern der Standschützeneinheiten ein neuer Ansporn.

Gauleiter Hofer begrüßte in einer längeren Rede einen vor wenigen Tagen neu einberufenen Standschützenlehrgang aus dem Gau Tirol-Vorarlberg und gab den Männern, wie schon den früheren Lehrgängen, ein Bild der Lage, wobei er auf die absoluten Vernichtungsabsichten unserer Feinde hinwies, die sie in den kleinen Gebietsstreifen deutschen Bodens im Osten und Westen, in die sie eindringen konnten, auch in die Praxis umsetzen […]. Unter Berufung auf die Verpflichtung, die uns die Vergangenheit unseres Stammes auferlegt, und unter besonderer Betonung, daß wir das Leben unserer Kinder sichern müssen und vor ihnen einmal später bestehen können sollen, schloß der Gauleiter seine Ausführungen, die von den über 3000 Männern des Lehrganges mit stürmischen Beifall aufgenommen wurden […].“ (Innsbrucker Nachrichtenvom 4. Dezember 1944, Seite 3; Bozner Tagblatt vom 4. Dezember 1944, Seite 7).

Mit der Schlagzeile „Treu zur Fahne bis zum letzten Atemzug!“ widmet das Tiroler Volksblatt vom 13. November 1944 auf Seite 3 den mit der Vereidigung der Standschützen verbundenen Feierlichkeiten zum 9. November in Kufstein einen ausführlichen Artikel:

„Die Feier des 9. November wurde heuer mit der Langemarck-Feier und dem Heldengedenktag am 12. November begangen. Sie wurde in allen Gauen des Reiches zu einem flammenden Bekenntnis von Partei und Wehrmacht und darüber hinaus der ganzen deutschen Volksgemeinschaft zum verpflichtenden Vermächtnis unserer Gefallenen und Toten. An ihr nahmen auch die Standschützen teil, deren 1. Ausbildungslehrgang am Samstagabend nach Kufstein zurückkehrte.

Am frühen Morgen des 12. November legten in Anwesenheit des Ortsgruppenleiters Pg. Miller Abordnungen der beiden Kufsteiner Ortsgruppen der NSDAP. und des Standortes der Wehrmacht Kränze am Heldenfriedhof und an den Mahnmalen der Gefallenen und Toten nieder, an denen während des ganzen Tages Ehrenwachen aufgezogen waren.

Die große Feierstunde auf dem Adolf-Hitler-Platz, in der die Standschützen vereidigt wurden, stand völlig im Zeichen des unbedingten Wehrwillens der ganzen Nation. An der Ostseite des Platzes waren die Standschützen aufmarschiert, ihnen gegenüber standen ein Ehrenzug und eine Kompanie der Wehrmacht. Auf der zwischen lodernden Opferschalen aufgebauten Tribüne waren die Fahnen der Bewegung und die der Standschützen aufgestellt. Die Mitte des Platzes füllten die Sippe der Gefallenen und Toten sowie die Gliederungen der NSDAP. Links von der Tribüne standen die Ehrengäste aus Partei, Wehrmacht und Staat, unter ihnen Landrat Dr. Walter und Bürgermeister SA.-Hauptsturmführer Pg. Reisch. Mit dem Erscheinen des Kreisleiters Pg. [Hans] Ploner leiteten Fanfarenrufe der Hitler-Jugend, Marschmusik der Standschützenkapelle und ein gemeinsam gesungenes Kampflied die Feierstunde ein. Anschließend hielt der Kreisleiter Pg. Ploner die Ansprache.“

Kreisleiter Hans Ploner ging in seiner Rede auf die historischen Ereignisse um den Putschversuch der Nationalsozialisten in München am 9. November 1923 ein und bestärkte die Anwesenden mit Zuversicht: „In Treue und Glauben steht das Volk in der Heimat, unbezwingbar und opferstark in breiter Abwehr.“ Die Rede endete unter dumpfem Trommelwirbel „mit einem Führerwort“, das der Gefallenen und Toten gedachte. „Bei seinen [Hans Ploners] letzten Worten setzte die Heldenorgel mit dem Lied vom guten Kameraden ein.“ Nach diesem weihevollen Intermezzo setzte Hans Ploner seine Rede fort: Das „Opfer“ der Gefallenen folgere eine „heilige Verpflichtung“ für den gegenwärtigen Kampfeinsatz. Diese Mahnung war insbesondere an die Standschützen gerichtet, die anschließend von Kreisleiter Ploner feierlich auf den „Führer“ vereidigt wurden: „Kommandos klangen auf, die drei ältesten und die drei jüngsten Standschützen treten vor, legen die Hand auf die Fahne und sprechen mit den anderen Standschützen die Eidesformel nach […].“

Mit der Parole „Den Endsieg müssen und werden wir erringen, denn uns führt Adolf Hitler!“ entfachte der Kreisleiter zuletzt die Begeisterungsbereitschaft aller Anwesenden: „Tausendstimmig schallte der Gruß an den Führer über den weiten Platz, gleichsam als Schwur des ganzen Volkes.“ Ganz im Sinn parteikonformer Propaganda schließt der Bericht unter dem Eindruck des die Feierstunde beendenden Vorbeimarsches der Standschützen und Wehrmachtseinheiten mit der Feststellung: „Wir sind ein einiges, kampfentschlossenes und siegeszuversichtliches Volk in Waffen, das seine Ehre und seine Freiheit nie und nimmer aufgeben wird.“ (Tiroler Volksblatt vom 13. November 1944, Seite 3).


NS-Totenfeier

Dem verstorbenen ehemaligen Propagandaleiter der NSDAP-Ortsgruppe Kufstein und „SS-Hauptscharführer Pg.“ Hermann Heine widmet die Partei ein feierliches Begräbnis, zu dem sich auch Kreisleiter Hans Ploner einfand (Tiroler Volksblatt vom 7. Juni 1944, Seite 3):

„Im weiträumigen Straßenhof des Wohnhauses ruhte inmitten vieler Kränze und Blumen der mit dem Fahnentuch der SS geschmückte Sarg mit dem toten Kameraden, zu dessen beiden Seiten vor lodernden Opferschalen eine Ehrenwache aufgezogen war, neben der Hitlerjungen mit brennenden Fackeln standen. Im Hintergrund war die Reichskriegsflagge aufgezogen. Die Aufbahrung war Sinnbild der Treue, der Stärke und des Glaubens. Den weiten Platz füllten der Fahnenblock mit den Politischen Leitern, den Gliederungen und angeschlossenen Verbänden der NSDAP. und der von ihr betreuten Organisationen sowie Abordnungen des Staates und der Standschützenverband.

Nach Eintreffen des Kreisleiters mit den Angehörigen des Toten, dem SS-Standartenführer Feichtmayer und Landrat Dr. Walter wurde die Totenfeier mit Musik, einem Spruch und einem Chorgesang eingeleitet. Dann verabschiedete Ortsgruppenleiter Dr. Dillersberger den toten Kameraden von der NSDAP. und versprach im Namen der Volksgemeinschaft, daß wir alle die Fahne des Führers mit beiden Händen hochhalten werden: die Fahne, für die Pg. Hermann Heine gekämpft und sein Leben eingesetzt hat.

Unter dumpfen Trommelwirbel trugen hierauf SS- und SA.-Männer den Sarg zum Wagen, der Pg. Hermann Heine durch ein Spalier von Hunderten von Menschen zum Friedhof führte.“

Am Grab hielt der „Standortführer der SS, Hauptmann“ Vogel, eine Laudatio für den Verstorbenen. „Unter Ehrensalven und dem Lied des Guten Kameraden wurden die Kränze der Partei und der Gliederungen am Grabe niedergelegt. Wir nahmen Abschied von einem unserer Besten. Die Lieder der Nation klangen auf und gaben uns das Gelöbnis mit, weiterzukämpfen für Führer und Volk.“

Für die bei einem alliierten Bombenangriff am 4. November 1944 in Kufstein getöteten fünfzehn Männer und Frauen veranstaltete die NSDAP-Kreisleitung eine „Feierstunde“ auf dem Adolf-Hitler-Platz. Daran schlossen sich die Beisetzung auf dem Heldenfriedhof und eine Kranzniederlegung an zerstörten Wohnhäusern. Der Ablauf der für Propagandazwecke instrumentalisierten Zeremonie ist im Tiroler Volksblattvom 10. November 1944 auf Seite 3 ausführlich geschildert, wobei insbesondere die Gedenkrede des „Abschnittsleiters Pg. Troger“ breiten Raum einnimmt.

„[…] Auf einem reich mit Kränzen und Blumen geschmückten Aufbau waren die Särge der Gefallenen gebettet, die bis zu dieser Stunde geborgen werden konnten. Davor standen die Sippen der Gefallenen. Den weiten Platz füllten Politische Leiter, Abordnungen der Gliederungen und angeschlossenen Verbände der NSDAP. sowie ein Ehrenzug der Wehrmacht. Dahinter standen die Kufsteiner Volksgenossen, die tief bewegt von den Gefallenen Abschied nahmen. Ein Choral der Hitler-Jugend und ein Spruch leiteten die Abschiedsfeier ein. Dann trat Abschnittsleiter Pg. Troger vor und sprach die Gedenkrede.“

Troger bemühte sich mit seinen dem Muster parteikonformer Argumentation folgenden Ausführungen, der Bevölkerung auch angesichts der erst kürzlich erlebten Katastrophe Zutrauen und Zuversicht zu vermitteln:

„[…] Dem Feind ist es gelungen, Wohnhäuser und Krankenstuben in Schutt und Asche zulegen und den Tod in unsere Reihen zu bringen, doch aus dem Opfer unserer Gefallenen und aus den Trümmern in unserer Stadt steigt wie ein heiliger Schwur der Geist unseres unbedingten Kampfeswillens für ein freies Deutschland empor. Vieles, was uns im Leben lieb und teuer ist, hat uns der Feind geraubt. Doch eines kann er uns nie und nimmer rauben: unsere Ehre und unseren Glauben an den Führer, unseren Glauben an Deutschland. Mag sein Terror auch wüten, wir werden immer noch härter werden. An den Fronten stellen sich der Deutsche Volkssturm und unsere Standschützenbataillone zu den Soldaten, die Heimat aber muß und wird mit dem feigen Mordgesindel der Terrorflieger fertig werden. Wenn wir unsere Heimat beschützen, so erfüllen wir damit einen Auftrag der Vorsehung, die nicht zulassen kann, daß ein so tapferes und gerechtes Volk wie das deutsche untergehen soll […].

Angesichts der Gefallenen geloben wir dem Führer und damit dem deutschen Volke, daß jeder von uns nur einen Gedanken in sich trägt, den Gedanken an den deutschen Sieg! […].

Bei den letzten Worten des Abschnittsleiters Pg. Troger klang die Heldenorgel auf, um die gefallenen Kufsteins mit dem Lied vom guten Kameraden zu ehren. Der Ehrenzug der Wehrmacht präsentierte das Gewehr, und Abschnittsleiter Pg. Troger beendete seine Gedenkrede mit dem Gelöbnis: Gefallene! Euer Erbe nehmen wir in unsere Obhut. Am Tage des Sieges werdet ihr in unserem Geiste weilen. Euer Opfertod ist uns Verpflichtung zu höchstem Einsatz!“

Nach diesem erhebenden Akt mit dem emphatischen Gelöbnis an die Toten wurden ihre Särge in feierlichem Zug zum Heldenfriedhof geleitet. Dort legten Funktionäre der Partei an den Gräbern die Kränze des Gauleiters, der NSDAP, der Stadt Kufstein, der „Gliederungen“ sowie anderer öffentlicher Dienststellen nieder. Mit einem „Choral“ und den „Liedern der Nation“ schloß die Gedenkzeremonie (Tiroler Volksblatt vom 10. November 1944, Seite 3).

Die Opfer des Bombenangriffs auf Innsbruck im Dezember 1943 waren in dem noch provisorisch, weit außerhalb der Gauhauptstadt Richtung Amras und Egerdach errichteten neuen Waldfriedhof auf dem „Osterfeld“ beerdigt worden.

Die Innsbrucker Nachrichten vom 6. Dezember 1944 bringen auf Seite 3 eine Beschreibung der Friedhofsanlage und weiterer Ausgestaltungen:

„Die Mitte des Ehrenfeldes bildet ein Feierplatz, auf dem sich zwischen den Pilonen [!] mit dem lodernden Feuer ein Denkmal von Künstlerhand erheben soll. Ein Mittelpunkt anderer Art wird durch einen dörflichen Brunnen geschaffen. Brunnensäule und der vier Meter lange Trog aus einer mächtigen Lärche gehöhlt, werden Ornamentik in werkgerechter Schnitzarbeit tragen, während der Platz rundum mit bruchrauhen Oetztaler Granitplatten gefestigt wird […].

So wird die Gestaltung des Ehrenfeldes schlichte Schönheit zeigen, getragen von landschaftsverbundener Anlage, guter handwerklicher Arbeit und verschwenderischem Blumenschmuck, überhaucht vom Rauschen der Zweige lichter Lärchen und Birken. Das Grab des einzelnen fügt sich ein in die große Gemeinschaft aller jener, die wie die Soldaten im Felde den Tod fürs Vaterland starben. Doch auch der allgemeine Friedhof wird in ländlicher Art angelegt. Für die gesamte Anlage sind bereits die Pläne ausgearbeitet, die einheitliche, heimatverbundene Gestaltung verbürgen. Die Grabzeichen sollen auch dort aus heimischen Holz geschnitzt, aus Eisen geschmiedet oder aus Stein unserer Berge, etwa Nagelfluh und Oetztaler Granit, gehauen werden. Sie werden von gesundem, unverbogenem Geschmack, wie gediegenem handwerklichen Können zeugen, aus dem sich dann immer wieder einzelne Denkmale zur Vollendung des wahren Kunstwerkes steigern werden, das in seiner allzeit gültigen Schönheit alle Zeiten überdauert […].“


Aktivitäten der Hitler-Jugend

Die in den Innsbrucker Nachrichten vom 22. März 1944 (Seite 3) gesetzte Überschrift „Führer, wir gehören dir!“ zu einem Vorbericht von der „Verpflichtungsfeier“ der Vierzehnjährigen, in dem die Intention dieser 1941 initiierten Zeremonie erklärt wird, beschreibt treffend die ausschließliche und unbedingte Inanspruchnahme der Jungend für Parteiinteressen. Während bereits alle Zehnjährigen als „Pimpfe“ respektive „Jungmädel“ im „Deutschen Jungvolk“ der ideologischen Beeinflussung unausweichlich ausgesetzt waren, hatte die Partei mit der Verpflichtungsfeier auf den „Führer“ der Jugend das weitere Leben als ein durch ein formelles Versprechen gebundene Gemeinschaft treuer Gefährten der Ideologie vorausbestimmt.

„Für die vierzehnjährigen Jungen und Mädel, darüber hinaus für ihre Familien und die ganze Volksgemeinschaft ist der Sonntag, der 26. März 1944, ein wichtiger Tag. Bringt er doch eine der wesentlichen Feiern der Volksgemeinschaft, nämlich in allen Ortsgruppenbereichen die Verpflichtung eines ganzen Geburtsjahrganges der deutschen Jugend auf den Führer. Sie bedeutet für manche zugleich die Entlassung aus der Schule und den Eintritt in das Berufsleben. Die Jungen und Mädel werden bereits jetzt durch Schule und Hitler-Jugend geistig und weltanschaulich auf diesen Wendepunkt ihres Lebens vorbereitet. Das auf die Verpflichtung besonders eindringlich hinweisende Bekenntnis der Vorbereitungen, ‚Führer, wir gehören dir!‘ wird von den Jungen und Mädel gleichermaßen erarbeitet werden.“

Wie wichtig den Nationalsozialisten eine Form von Legitimation durch die Elternschaft erschien, ist daraus zu ersehen, dass ihre aktive Teilnahme an der Festivität ausdrücklich erwünscht war. Für Eltern, die durch Arbeitsdienste verhindert waren, wurden Befreiungen erreicht, damit sie Zeuge der Zeremonie sein konnten:

„Der Reichsminister weist in einem Erlaß darauf hin, daß die am 26. März stattfindende Verpflichtung der Jugend zu den wesentlichen Feiern der deutschen Volksgemeinschaft gehört. Im Zeichen des totalen Krieges werde aber auch an diesem Tage eine große Anzahl von Männern und Frauen, insbesondere in den Rüstungsbetrieben, tätig sein müssen, darunter auch Väter und Mütter, deren Söhne und Töchter an diesem Tage verpflichtet werden. Den Eltern dieser Kinder soll jedoch, wenn es die betrieblichen Verhältnisse irgendwie zulassen, die Teilnahme an dieser Feier und ein Zusammensein mit ihren Kindern im häuslichen Kreise ermöglicht werden. Im Einvernehmen mit dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz werden deshalb die Betriebsführer gebeten, solche Gefolgschaftsmitglieder am 26. März nach Möglichkeit zur Sonntagsarbeit nicht heranzuziehen.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 22. März 1944, Seite 3).

Mit dem Aufmacher „Pflichtbewußt und treu im Dienst des Führers!“ informieren die Innsbrucker Nachrichten vom 27. März 1944 auf Seite 3 von den Verpflichtungsfeiern in Innsbruck und im Gaugebiet, wobei insbesondere die Politfunktionäre ihre Autorität dazu nutzten, von den Jugendlichen die unbedingte Gefolgschaftstreue einzufordern:

„In feierlicher und würdiger, der Bedeutung des Tages für die deutsche Jugend entsprechender Form, wurden heute wie im ganzen Reich so auch im Gau Tirol-Vorarlberg die Verpflichtungsfeiern der Jugend durchgeführt. Die Kreisleiter und Ortsgruppenleiter der NSDAP. waren bei den Feiern zugegen und begleiteten den Schritt der Jungen und Mädel aus dem Jungvolk in die Hitler-Jugend mit Ansprachen, die den Ernst der Verpflichtung in entscheidender Zeit unterstrichen und die Erwartungen betonten, die das deutsche Volk in die Haltung und Leistung seiner Jugend setzt.

Im Saal der Kreisleitung fand die Feier des Bannes Innsbruck-Stadt in Anwesenheit des Kreisleiters, Pg. Dr. Primbs, statt; anschließend besuchte der Kreisleiter die Verpflichtungsfeier der Ortsgruppen Aldrans, Sistrans und Lans, die in Lans zusammengefaßt waren, und in Solbad Hall.

In seiner Rede in Innsbruck wies der Kreisleiter auf die Bedeutung der Stunde und auf die vom heutigen Tage ab erhöhte Verantwortung der Jungen und Mädel hin. Er sprach von dem Heldenkampf der Brüder und Väter an allen Fronten. So stahlhart und tapfer, wie die Kämpfer am Monte Cassino uns als leuchtendes Vorbild und Beispiel dieser Tage vor Augen stehen, müssen auch Jungen und Mädel ihre Pflichten in der Heimat auffassen. Die Frontsoldaten erkämpfen für die Jugend eine freie und in aller Zukunft sichere Heimat. In all seiner Arbeit und seinen Sorgen schaut der Führer stets auf die deutsche Jugend, ihr gilt sein Kampf, dem kommenden Geschlecht! Dies und die harte Zeit verlangt von diesem jungen Geschlecht immer pflichtbewußt und treu im Blick auf den Führer den Dienst zu erfüllen und den Helden, die für Deutschland fielen, zu danken.

Nach der Verlesung der Botschaft des Reichsjugendführers und der Verpflichtungsworte durch den Standortführer der Hitler-Jugend übergab der Kreisleiter mit Handschlag die Urkunden an die angetretenen Einheiten. Mit der Führerehrung und den Liedern der Nation fand die Feier ihren Ausklang.“

In den Innsbrucker Nachrichten vom 25. März 1944 hatte Hauptbannführer Otto Weber am Vortag der Aufnahmezeremonien Grundsätzliches zur Verpflichtung der Jugend ausgeführt:

„Vier Jahre lang waren die Buben und Mädel nun Pimpfe und Jungmädel, die ab morgigem Sonntag die Verpflichtung der Jugend begehen. Gemeinsam mit hunderttausenden im ganzen Reich werden an diesem Feiertag der Jugend die Vierzehnjährigen aus allen Orten unseres Gaues in würdigen Feiern dem Führer ihr Gelöbnis ablegen. Drei besondere Feiertage ragen aus dem Gemeinschaftserlebnis der nationalsozialistischen Jugendbewegung heraus:

Die Aufnahme der Zehnjährigen, die alljährlich zum Geburtstag des Führers stattfindet, die Ueberweisung in die Partei, bei der die Jungen und Mädel aus der Hitler-Jugend in die nationalsozialistische Bewegung überführt werden, und die Verpflichtung der Jugend, in deren Rahmen die Vierzehnjährigen nach ihrem Dienst im deutschen Jungvolk und im Jungmädelbund nunmehr in die Hitler-Jugend und den Mädelbund in die Hitler-Jugend überwiesen werden. Diese Feier der Verpflichtung der Jugend wird zu einem bestimmenden Erlebnis für den Jungen und das Mädel, weil sie für die meisten in das Jahr der Schulentlassung fällt und somit, im Großen gesehen, zusammenfällt mit Berufswahl und Beginn der beruflichen Ausbildung. Der Bedeutung dieses Tages entsprechend, ist daher die Verpflichtung nicht allein eine Veranstaltung der Jugend, sondern wird von der gesamten nationalsozialistischen Bewegung getragen und es nehmen die Hoheitsträger der Partei das Gelöbnis auf den Führer in ihre eigene Hand ab […].

Wenn in den vergangenen Wochen die Jungen und Mädel sich auf die Verpflichtung vorbereiteten, wenn die Partei diese zu ihrem Ehrentag und zum Feiertag der Gemeinschaft gestaltet, so wollen wir an die Elternschaft die Bitte richten, diesen Tag auch als einen Feiertag der Familie festlich zu begehen. Es wird dann um so mehr ihren Jungen und Mädeln eine bleibende verpflichtende Erinnerung sein, daß sie im fünften Kriegsjahr in ernstem Wollen und froher Bereitschaft bekannten:

‚Ich verspreche, alle Zeit meine Pflicht zu tun in Liebe und Treue zum Führer und zu unserer Fahne‘.“

Details zu den Aufnahmefeiern im Kreis Kufstein gibt das Tiroler Volksblatt vom 24. März 1944 auf Seite 3 mit einem kurzen Bericht, überschrieben „Ehrentag der Deutschen Jugend“, bekannt:

„Nach den Jahren einer unbeschwerten Pimpfen- und Jungmädelzeit kommt nun für einen Jahrgang wieder der Augenblick, da das Leben ein bewußte Pflichterfüllung zu fordern beginnt und jeder einzelne sich für einen Beruf entscheiden muß. Dieser Uebergang vollzieht sich in der Hitler-Jugend durch die Verpflichtung auf den Führer, im Elternhaus durch den Schritt aus der umsorgten Geborgenheit in der Familie ins Leben, in die große Gemeinschaft des Volkes. Nur ein kleiner Teil wird weiterhin schulmäßig ausgebildet.

Am Tag der Verpflichtung der Jugend stehen die Vierzehnjährigen im Mittelpunkt der Familie und der Volksgemeinschaft. Die besten Wünsche aller begleiten sie auf ihrem weiteren Lebensweg. An der Verpflichtungsfeier nehmen außer den Bauftragten der NSDAP. als besondere Gäste die Eltern und Verwandten der Jugendlichen, Vertreter der Wehrmacht, des Staates, der Behörden und der Lehrerschaft teil.

Im Kreise Kufstein finden diese Feiern in allen Standorten Sonntag, den 26. März, um 10 Uhr statt, und zwar in Kufstein, Oberschule (auch für Thiersee), Brixlegg (Alpbach, Münster, Reith), Ellmau (Scheffau, Söll), Häring (Schwoich), Kirchbichl (Ober- und Unterlangkampfen), Kramsach (Brandenberg, Radfeld, Rattenberg), Kundl (Auffach und Breitenbach), Niederndorf (Ebbs, Erl, Walchsee), Wörgl (Angath, Mariastein, Niederau, Oberau, Unterangerberg).

Die Bevölkerung ist zur Teilnahme an diesen Feierstunden eingeladen.“


Verpflichtungsfeier im Montafon


Der von Hauptbannführer Otto Weber oben erwähnten Aufnahme der Jugendlichen in die NSDAP widmet das Tiroler Volksblatt vom 3. März 1944 auf Seite 3 einen ausführlichen Beitrag („Die ewig junge NSDAP.“), mit dem der mit „H.“ signierende Journalist seine schon wiederholt bewiesene Parteihörigkeit erneut bestätigt:

„Am vergangenen Sonntag wurde im ganzen Großdeutschen Reih die Auslese der Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 der Jungen und Mädel der Hitler-Jugend in die NSDAP. aufgenommen und auf den Führer verpflichtet. Inmitten des gewaltigen Ringens um Deutschlands Zukunft stellte diese Feierstunde die natürliche Erneuerung des ewigen Kraftstromes in der Partei am sinnfälligsten dadurch heraus, daß ein Teil dieser Jugend bereits im vollen Kriegseinsatz, den Endsieg erringen mithilft. So wird das Wort des Führers verwirklicht, daß alle Deutschen Nationalsozialisten, die besten Nationalsozialisten aber Parteigenossen sein müssen. So bleibt die Partei ewig jung, von einer Generation zur anderen.

Die Feierstunde in Kufstein stand im Mittelpunkt aller Aufnahmefeiern des ganzen Kreisgebietes, über sie wurde bereits ausführlich berichtet. Einige weitere seien noch vermerkt: In Kirchbichl war zur Aufnahmefeier ein großer Teil der Bevölkerung erschienen. Pg. Heydrich hielt die Feieransprache und nahm die Verpflichtung der Jungen und Mädel – auch die der Ortsgruppe Häring – vor. Für die Ortsgruppen Kramsach, Brandenberg und Münster führte Ortsgruppenleiter Pg. Gutmann aus Kramsach die Aufnahmefeier durch. Er erläuterte in einer Ansprache die Pflichten der Parteigenossen. Kreisredner Pg. Becker wies darauf hin, daß der Führer mit wenigen Getreuen sein großes Werk begann, er schilderte die Kämpfe und Taten, die zur Gestaltung dieses Werkes erforderlich waren, am dem nun auch die Neuaufgenommenen weiterbauen dürfen und müssen. In Wörgl betonte Ortsgruppenleiter Pg. Gschöpf, daß die jungen Parteigenossen einmal die Träger der nationalsozialistischen Weltanschauung sein werden, und daß sie sich dieser hohen Auszeichnung durch vorbildliche Pflichterfüllung würdig zeigen müssen.

Die innigsten Gedanken bei allen nationalsozialistischen Feiern galten dem Führer und den toten Helden, die irgendwo und irgendwann für Deutschland das größte Opfer gebracht haben; dies kam auch bei allen Aufnahmefeiern zum Ausdruck. Wir alle wissen, die junge Kampfgemeinschaft wird dafür sorgen, daß der Kampf- und Opfergeist der Generation des Führers auch für die Zukunft erhalten bleibt. Zum gemeinsamen Kampf reichen die alten Parteigenossen dem jungen Nachwuchs die Hand: Für Adolf Hitler, für Volk und Reich!“

Der Verlauf der im obigen Bericht erwähnten „Feierstunde“ in Kufstein ist im Tiroler Volksblatt vom 28. Februar 1944 auf Seite 4 ausführlich geschildert. Der mit „H.“ [Josef Heitzinger?] zeichnende Verfasser bringt auch eine detailreiche Wiedergabe der Festrede, in der die Intention der Zeremonie treffend erklärt wird, ebenso der künftige Status der Jugendlichen im bleibenden und verpflichtenden Verbund mit der Ideologie. Die Ideale der Parteizugehörigkeit wie unbedingte Führertreue, „Einsatzbereitschaft, Opferwilligkeit, Mut, Treue und Glaubenskraft“ werden vom Ortsgruppenleiter ausdrücklich eingefordert.

Die „höchste Aufgabe“ sei es dabei „dem ewigen Reich der Deutschen zu dienen“. Als „fanatische Bannerträger der nationalsozialistischen Weltanschauung“ wurden allerdings nur die „Besten und Würdigsten“ unter den Jugendlichen ausersehen, in die Gefolgschaft des „Führers“ eintreten zu können. Aufgrund der Fülle an Information auch zum Wirken der HJ und der Erklärungen in der Festrede, die allgemeine Prinzipien der Ideologie prägnant erläutern sowie den Propagandadruck, dem die Jugendlichen nahezu fortwährend ausgesetzt waren, mehr als erahnen lassen, wird der Text hier nahezu komplett wiedergegeben:

„Zwei Ereignisse im Leben des jungen Deutschen sind von entscheidender Bedeutung: Die Aufnahme in die Hitler-Jugend, in der die Jungen und Mädel den Weg in die Gemeinschaft finden, und – die Uebernahme in die NSDAP. zu selbstloser, einsatzbereiter und opferwilliger Pflichterfüllung für Führer, Volk und Reich. Diese Uebernahme einer Anzahl der Besten der 17- und 18jährigen Jungen und Mädel in die NSDAP. fand Sonntag, den 27. Februar, in einer Feierstunde in der Aula der Oberschule in Kufstein statt. Hierzu hatten sich eingefunden k.-Ortsgruppenleiter Schwarz, k.-Ortsgruppenleiter Linderl, k.-Führer des HJ.-Bannes Kufstein Insam sowie Politische Leiter, Abordnungen der Gliederungen und die Standschützenkapelle.

Nach dem Fahneneinmarsch leiteten Sprüche und eine Arie von Johann Sebastian Bach die Feierstunde ein […].“

Es folgte die „Lesung“ von Worten des „Führers“ durch den k.-Ortsgruppenleiter Linderl:

„,… Ich sehe schon die Zeit, in der wir langsam weniger werden und um uns herum der junge Ring neuer, kommender Geschlechter sich aufbauen wird. Aber das weiß ich, daß die Jugend, wenn der letzte aus unseren Reihen gefallen sein wird, unsere Fahne fest in ihren Händen halten und sich dann auch immer und immer wieder der Männer erinnern wird, die in der Zeit tiefster Erniedrigung Deutschlands an eine strahlende Wiederauferstehung geglaubt haben …

… Ich möchte die Jungen bitten, daß sie sich die Alten zum Vorbild nehmen, daß sie erkennen, daß Nationalsozialist sein nichts Aeußerliches ist, daß es nicht an der Kleidung liegt, nicht an Tressen und Sternen, sondern daß es am Herzen liegt! Für sie genügt nicht die bloße Ablegung des Bekenntnisses Ich glaube, sondern der Schwur Ich kämpfe!

Nach einem Lied verabschiedete der k.-Führer des Bannes Kufstein die Jungen und Mädel aus der Hitler-Jugend und betonte:

Als ihr in die Reihen der Hitler-Jugend tratet, habt ihr den ersten Schritt in die Gemeinschaft der nationalsozialistischen Bewegung getan. In den zurückliegenden Jahren habt ihr im Kreise eurer Kameraden und Kameradinnen im Heimabend, in Feierstunden, in den Lagern oder im Kriegseinsatz zu einer Lebensform gefunden, die im stärksten Gegensatz zu der Lebensform vergangener Zeitepochen steht. Im nationalsozialistischen Geist erzogen, habt ihr euch bewährt, und darum sollt ihr als politische Kämpfer des Führers in die Reihen der NSDAP. treten. Wenn auch für die Angehörigen des Jahrganges 1927 der Dienst in der Hitler-Jugend noch bis zum 18. Lebensjahr euch verpflichtet, ist der Tag der Parteiaufnahme für euch doch ein bedeutender. Ihr habt euch als die Besten und Würdigsten bewährt, in starkem Glauben an den Führer sollt ihre euch weiterhin in den Dienst einer Idee stellen, die das Gesicht dieses Jahrhunderts prägen wird.

Anschließend nahm k.-Ortsgruppenleiter Schwarz die Meldung des k.-Bannführers entgegen und gedachte aller im Kampf um Deutschlands Zukunft Gefallenen, während das Lied vom guten Kameraden leise aufklang.

Nun trat k.-Ortsgruppenleiter Schwarz vor und hielt die Feierrede, in der er unter anderem ausführte: […].“

Der Redner stellte vor allem Adolf Hitlers Berufung zum „Führer“ in bewegenden Ausführungen dar, er erläuterte den Jungendlichen das Werden und Wirken der Partei sowie ihre mit der Parteiaufnahme verbundenen Verpflichtungen. Mit der langen Berichterstattung im Tiroler Volksblatt (28. 2. 1944, S. 2) wird propagandistisch wirksam die damit verknüpfte ideologische Botschaft und Siegeszuversicht nach außen getragen.

„[…] Damals [‚Ungebrochen und unbesiegt stand die Front, als im November 1918 die rote Revolte in Deutschland den schmählichen Zusammenbruch herbeiführte‘] faßte Adolf Hitler den Entschluß, Politiker zu werden. Aus dem Glauben an die Kraft, an die Treue und an die Opferwilligkeit des deutschen Volkes schöpfte er den wahrhaft heldischen Entschluß, sich die politische Führung des deutschen Volkes zu erkämpfen und Deutschland aus Zusammenbruch und Untergang in eine bessere Zukunft zu führen.

In unermüdlicher Arbeit und zäher Verbissenheit hatte sich Adolf Hitler mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei jene Gemeinschaft von Männern und Frauen geschaffen, die zu Glaubensträgern seiner Idee und zu Kämpfern für ein neues Deutschland wurden. Diese Männer und Frauen, die sich in den Jahren des Verfalls um den Führer scharten, waren eine Auslese des deutschen Volkes. Sie waren bereit, täglich und stündlich Opfer zu bringen, ja sogar ihr Leben im Kampf um Deutschland hinzugeben. So war die NSDAP. schon damals die Auslese der besten deutschen Männer und Frauen. Hier entschied allein der Einsatz jedes einzelnen für die Bewegung im Dienst an der Nation.

Mit dem Tage der Machtübernahme war aber nicht nur der Kampf um Deutschland beendet. Im Gegenteil, der Aufbau des Reiches verlangte mehr noch als bisher den Einsatz der Bewegung auf allen Gebieten des staatlichen und völkischen Lebens. Und wieder war es die Partei, die auch mit den schwersten Aufgaben fertig wurde. So wie durch die einende Idee des Nationalsozialismus der Sieg im Innern erfochten wurde, so werden wir durch diese Idee auch in diesem größten aller Kriege den Sieg erringen.

Heute stehen überall im Großdeutschen Reich Jungen und Mädel zur Aufnahme in die Partei angetreten. Ihr seid, meine jungen Kameraden und Kameradinnen, für würdig befunden worden, in die NSDAP. aufgenommen zu werden. Ihr tretet damit ein in die Gemeinschaft jener Männer und Frauen, deren einzige Aufgabe es ist, ihrem Volk und Reich in Treue zum Führer zu diesen. Ihr werdet heute nicht in die Partei aufgenommen, um mehr Rechte zu haben, sondern um mehr Pflichten eurem Volke gegenüber zu tragen. Werdet zu fanatischen Bannerträgern der nationalsozialistischen Weltanschauung und tragt den unerschütterlichen Glauben an die Kraft des Volkes und an die Größe des Reiches in alle Schichten unseres Volkes! Seid, wo immer ihr auch stehen möget, jedem deutschen Menschen ein Vorbild an Einsatzbereitschaft, Opferwilligkeit, Mut, Treue und Glaubenskraft! Die höchste Aufgabe wird immer bleiben, als Gefolgsmann des Führers dem ewigen Reich der Deutschen zu dienen. Wenn ein jeder von euch seine Pflicht erfüllt, dann wird am Ende dieses Krieges Deutschlands Sieg stehen.

Nationalsozialistischer Kämpfer ist nur der, der die Grundsätze der Bewegung vorbildlich erfüllt. Wenn euch einmal Zweifel und Mutlosigkeit überfallen sollten, dann schaut auf den Führer, denn sein Vorbild wird euch immer emporreißen und euch härter und stärker im Kampf machen. Ihr, meine jungen Parteigenossinnen, seid als die kommenden Mütter Träger der deutschen Zukunft, denn in euren Kindern wird einmal das kommende Deutschland heranwachsen. In diesem Kampf, meine Jungen und Mädel, werdet ihr nur dann als aufrechte Nationalsozialisten bestehen können, wenn ihr nach den Forderungen lebt, die der Führer an seine Parteigenossen stellt.‘ k.-Ortsgruppenleiter Schwarz gab zum Abschluß seiner Ansprache den jungen Parteigenossen und Parteigenossinnen diese Forderungen des Führers mit auf den Weg. Sie sollen den jungen Menschen Grundstein sein zum Aufbau des wahrhaft deutschen Menschen; sie schließen mit den Worten: ‚Wenn du für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei kämpfst, so kämpfst du damit für dein Volk!‘

Nach dem Treuegelöbnis der Jungen und Mädel führte k.-Ortsgruppenleiter Schwarz die Uebernahme in die NSDAP. durch. Der Gruß an den Führer und die Lieder der Nation beschlossen die Feierstunde, die Jungen verpflichtend zu Kampf, den Alten die Gewißheit gebend, daß sich die starke Kraft des deutschen Volkes nach den ewigen Gesetzen der Natur immer wieder erneuert. Die Feierstunde stärkte unseren innigen Glauben an den Führer, an Deutschland und an den deutschen Sieg, aber auch unseren Willen zu freudigem Einsatz und bedingungsloser Opferbereitschaft.“

Von der „Feierstunde“ in Niederndorf bringt das Tiroler Volksblatt vom 6. März 1944 auf Seite 4 eine knappe zusammenfassende Darstellung, die wiederum erweist, dass nicht prinzipiell alle Jugendlichen vom letzten Jahrgang der HJ in die Partei übernommen wurden, sondern dass eine Auswahl erfolgte:

„Die Aufnahme in die NSDAP. der aus der Hitler-Jugend ausgewählten 17- und 18jährigen Jungen und Mädel der Ortsgruppen Niederndorf, Niederndorferberg, Erl, Ebbs und Walchsee fand im Gradl-Saal in Niederndorf statt. Ortsgruppenleiter Wurnig aus Walchsee erläuterte die Pflichten der Mitglieder der NSDAP. und forderte die Jungen und Mädel auf, ihr Leben vorbildlich zu gestalten. Nach dem Treuegelöbnis klang die Feierstunde mit dem Gruß an den Führer und den Liedern der Nation aus.“

Mit einer ähnlichen, aber noch aufwändiger inszenierten Zeremonie wurden die Jugendlichen in Reutte in die Partei aufgenommen:

„Die Feier der Aufnahme der Jungen und Mädel der Hitler-Jugend in die NSDAP. fand in Reutte aus besonderen Gründen erst am vergangenen Sonntag statt. Der Kreisleiter, Bereichsleiter Pg. Höllwarth, sämtliche Ortsgruppenleiter und Politischen Leiter des Kreisstabes, Abordnungen der Parteigliederungen und des Reichsarbeitsdienstes waren dabei zugegen. Im Mittelpunkt der Feierstunde stand[en] das Gelöbnis der neu aufgenommenen Jungen und Mädel und die Ansprache des Kreisleiters, der darauf hinwies, daß mit der Aufnahme in die Partei erhöhte Pflichten und größere Rechte nur in Form einer erweiterten Verantwortung verbunden sind. Der Kreisleiter erläuterte den Begriff der Führung als Dienst am Volke und erinnerte die jungen Parteigenossen und Parteigenossinnen daran, daß sie dazu berufen seien, nach dem Siege am Ausbau und der Gestaltung des germanischen Reiches deutscher Nation im Sinne des Führers mitzuwirken.“ (Tiroler Landbote vom 10. März 1944, Seite 3).

Die Partei vermittelte den Verantwortlichen in der Jugendbetreuung durch spezielle Schulungen die ideologiekonformen Grundsätze ihrer Arbeit. Ein Beispiel dafür ist eine „Arbeitstagung“ im März 1944, zu der der Imster „Kreisleiter Parteigenosse“ Josef Pesjak die Führer und Führerinnen der Hitler-Jugend sowie die Ortsfrauenschaftsleiterinnen nach Stams berief, um hier in einer Arbeitstagung“ Richtlinien für die Heranziehung der Jugend durch die Hoheitsträger der Partei für die kommende Zeit zu geben.

Nach der Morgenfeier sprach Obergemeinschaftsleiter Pg. Hoppichler in seinem Schulungsvortrag über den Weltfeind, gegen den heute das gesamte deutsche Volk zum Kampfe angetreten ist. Kreisleiter Pg. Pesjak wies in seinen Ausführungen auf die Mitwirkung der Jugend innerhalb der Ortsgruppe hin, die notwendig ist, um den Nachwuchs, der einmal unsere Arbeit und die politische Verantwortung übernehmen muß, im nationalsozialistischen Geiste auszurichten. Der Führer des Bannes Imst, Pg. Zaderer, gab einen Ueberblick über die im Kreise Imst geleistete Arbeit. Anschließend zeigte die Volkstanzgruppe Stams durch ihre Vorführungen, daß die ländliche Jugend auch in der Brauchtumspflege Hervorragendes zu leisten gewillt ist.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 23. März 1944, Seite 3).

Im Rahmen der ideologischen Schulung und Tätigkeit der HJ hatte Kultur eine substantielle Rolle. Das aktive Musizieren stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl, und mit dem Liedgut konnte man mit der Begeisterungsfähigkeit der jungen Menschen ideologische Grundmuster zum selbstverständlichen Vokabular heranbilden. In der Begegnung mit den Meisterschöpfungen aus deutscher Kulturtradition wurde das Identitätsbewusstsein geformt, die Achtung vor der Tradition gestärkt sowie der Überlegenheitsanspruch der eigenen Kulturleistung nahe gebracht. Mit der bezeichnenden Überschrift „Deutschland, Heimat der Kultur“ veröffentlichte „Hauptbannführer“ Otto Weber als oberster Funktionsträger der Hitlerjugend im Reichsgau Tirol-Vorarlberg einen aufschlussreichen Beitrag zur Kulturpflege der HJ in den Innsbrucker Nachrichten vom 1. Juni 1944, Seite 4:

„Der Reichsjugendführer hat die gesamte Hitler-Jugend in diesem Jahr zu einem musischen Wettbewerb aufgerufen. Die deutsche Jugend wird damit sichtbar auch nach außen hin zum Ausdruck bringen, daß sie trotz des lange andauernden Krieges nicht der Seelenlosigkeit zusteuert, wie unsere Soldaten sie bei der Jugend der Sowjets kennenlernten.

Neben dem unmittelbaren Beitrag zum Sieg, den in Kampf und Arbeit die deutsche Jugend leistet – die Meldung der jungen Kriegsfreiwilligen, die Wehrertüchtigung, der Einsatz von Jungen und Mädeln im Bombenterror, die Leistungen des eben beendeten Kriegsberufswettkampfes sind Beweise dafür –, will die HJ. zeigen, daß auch die verinnerlichende Erziehung nicht vergessen wird. Wenn oft genug festgestellt wird, daß die Heimat, für die der Soldat draußen kämpft, ihm die Kraft zu den höchsten und härtesten Leistungen verleihen muß, dann ist es Aufgabe aller in der Heimat Weilenden, Aufgabe der nachwachsenden Jugend, zuallererst neben den vielen Ruinen, die der Krieg grausam in das Bild der Heimat stellt, jene Werte herauszustellen und zu pflegen, die keine Bombe und kein Phosphorkanister treffen kann. Das Bild des lebensfrohen, über alle Sorgen hinweg zukunftsgläubigen deutschen Menschen soll daheim, und in der jungen Generation am meisten, jedem der erste Beweis unserer Siegeszuversicht sein.

Was könnte dies besser bezeugen, als die Tatsache, daß unsere Jugend innig und ergriffen in den Theatern den Worten unserer Dichter folgt, daß sie in den Konzerten die Werke unserer Meister hört und vor allem nicht nur die alten Werke unserer deutschen Kultur sieht und hört, sondern selbst auf breiter Basis aktiv im volkskulturellen Leben tätig ist.

Der Gau Tirol-Vorarlberg kann für sich in Anspruch nehmen, in der Breite der volkskulturellen Arbeit, in der Pflege des Brauchtums, voranmarschiert zu sein. Vor Jahren schon schuf unser Gauleiter Franz Hofer mit dem neugegründeten Standschützenverband die breite Plattform, auf der in allen Sparten die Wiedererweckung und Neugestaltung von Kultur und Brauchtum sich vollzog. Die Hitler-Jugend hat es dabei als ihre Aufgabe betrachtet, unsere Jungen- und Mädeleinheiten gerade jetzt im Kriege zu den wesentlichen Trägern dieser Arbeit zu machen.

Während der großen Tage des Landesschießens im vergangenen Jahr wurden die ersten Volkskulturtage der Hitler-Jugend durchgeführt. In diesem Jahr wird dieselbe Veranstaltung Höhepunkt und Abschluß des musischen Wettstreites des Kulturwettbewerbes der Hitler-Jugend Tirol-Vorarlberg sein. Auf den bisherigen Erfahrungen aufbauend, werden die besten Sing- und Spielscharen, die Volkstanz- und Laienspielgruppen, Musikzüge und Bläserkameradschaften, Fanfarenzüge und Volksmusikgruppen wetteifernd Lieder, Worte und Weisen unserer Bergheimat zum Klingen bringen. Daneben werden erstmalig auch einzelbegabte Jungen und Mädel im Wettstreit stehen – in all den Sparten der kulturellen Betätigung sind sie zur Teilnahme aufgerufen, neben Instrumentalspielern die Einzelsänger und Sprecher, die Zeichner und Maler, die Plastiker und Schnitzer und unter den vielen auch diejenigen, welche in der Werkarbeit schöne Schmuckstücke, Gebrauchsgegenstände oder Spielsachen formen. Es sollen dabei nicht nur die ganz besonderen Einzelbegabungen herangezogen werden, sondern gerade auch die Vielzahl der kleineren Talente, die doch so wesentlich zur Gestaltung des Schönen im weiten Rahmen beitragen können.

Das Schwergewicht wird, der Besonderheit unseres Gaues entsprechend, naturgemäß auf dem Wettbewerb unserer Gruppen liegen, die ja seit einigen Wochen schon bei den Wettstreiten im Rahmen der Kreisschießen ihr Können aneinander messen.

Der Kulturwettbewerb der Hitler-Jugend in unserem Gau soll besonders klar herausstellen die Richtigkeit des oft betonten Wortes unseres Gauleiters: Unser Berggau soll eine der leuchtendsten Blumen im bunten Strauß der gesamten großdeutschen Heimat sein. Möge es allen zum Bewußtsein kommen – je froher die Lieder unserer Berge und Täler in allen unseren Menschen erklingen, um so stärker und mächtiger erwachsen daraus die Lieder und Bekenntnisse zum Großdeutschen Reich.“

Über den von Hauptbannführer Otto Weber erwähnten und von Reichsjugendführer Artur Axmann initiierten kulturellen Wettbewerb der deutschen Jugend hatten bereits die Innsbrucker Nachrichten vom 4. März 1944 auf Seite 5 weitgehend informiert. Die Unternehmung diente vorweg wieder der Propaganda. Mit der kulturellen zukunftsorientierten Tätigkeit der Jugend wollte man ein Zeichen von Zuversicht setzen. Die Instrumentalisierung von Kultur in Verbindung mit der HJ sollte zudem plakativ als Gegensatz zum „Bombenterror“ der Alliierten in der Bevölkerung wahrgenommen werden:

„In einer Zeit der systematischen Kulturschändung durch die anglo-amerikanischen Luftbarbaren beginnt im Reich ein neuer Abschnitt des Kulturaufbaues, legt die Hitler-Jugend ihr Tatbekenntnis zur Unzerstörbarkeit deutschen Kulturwollens ab. Zu diesem Zweck hat Reichsjugendführer Axmann soeben die deutsche Jugend zur freiwilligen Teilnahme am ersten Musischen Wettbewerb der Hitler-Jugend 1944 aufgerufen, der unter der Losung Deutschland – Heimat der Kultur durchgeführt wird. Der Appell zur Teilnahme richtet sich an alle künstlerisch begabten Jungen und Mädel. Es ist eine Gliederung im Gruppenwettbewerbe und Wettbewerbe in Einzelleistungen vorgesehen. Die Gruppenwettbewerbe erstrecken sich auf Musik-, Spielmann- und Fanfarenzüge, Chöre und Singscharen, Orchester, Instrumental- und Volksmusikgruppen, Laienspiel- und Puppenspielgruppen, auf Tanzgruppen und auf die Führung der Kriegstagebücher der Einheiten, in denen in Wort, Bild und Urkunde der HJ.-Kriegseinsatz verzeichnet ist. Die Einzelwettbewerbe erfolgen in:

Musik mit den Sparten Instrumentalspiel und Komposition für Jungen von 14 bis 18 und Mädel von 15 bis 21 Jahren;
Dichtung für Jungen von 14 bis 18 und Mädel von 14 bis 21 Jahren;
Darstellende Kunst und Sprechkunst für Jungen von 14 bis 18 und Mädel von 14 bis 21 Jahren und
Bildender Kunst mit den Sparten Spiele und Spielzeug für Jungen von 12 bis 18 und Mädel von 12 bis 21 Jahren, Zeichnen und Malen für die gleichen Altersgruppen, sowie Plastik, Bauten und Landschaft, Werkarbeit und Kunsthandwerk, Lichtbild und Schmalfilm, jeweils für Jungen von 14 bis 18 und Mädel von 14 bis 21 Jahren.

Die Ausschreibung ist über die Einheiten, Schulen, Lehrbetriebe usw., gegenwärtig im Gange. Darauf können sich die Jungen und Mädel zur Teilnahme beim Führer oder der Führerin der zuständigen HJ.-Einheit, bzw. dem Bann anmelden, wobei sie ein Formular mit den näheren Bestimmungen erhalten. Der musische Wettbewerb wird auf der Gebiets- und Reichsebene durchgeführt.

Um den Teilnehmern ausreichende Zeit für persönliche Vorbereitung, bzw. Herstellung besonders guter wettbewerbsfähiger Arbeiten zu lassen, wurde die gebietliche Durchführung erst für die Zeit vom 1. Mai bis 1. Juli d[ieses] J[ahres] angesetzt, während die Reichswettbewerbe am 15. Juli beginnen. Für jede Wettbewerbssparte wird ein Wertungsstab gebildet, dem als Fachprüfer führende Persönlichkeiten des Kunst- und Kulturlebens angehören. Die Leistungen werden unter Berücksichtigung von Alter und Ausbildung bewertet. Für die besten Leistungen sind Auszeichnungen vorgesehen, sei es durch ihre Verwendung für Feiergestaltungen oder die Verleihung einer Urkunde, die Veröffentlichung oder aber auch durch Förderung der begabten Jungen und Mädel, über die endgültig ein Ausleselager entscheiden wird. Daneben sind Preise in Gestalt von Einsatz- und Studienfahrten, Literatur, Instrumenten, Arbeitsmaterial usw. angesetzt.

Ueber Schule und Beruf hinweg will der musische Wettbewerb die schöpferischen Elemente der deutschen Jugend sichtbar machen und fördern, und zwar nunmehr alljährlich auf dieser breiten Basis, gestützt auf die guten Erfahrungen, die man bisher mit gelegentlichen Einzelauslesen machen konnte, bei denen Persönlichkeiten entdeckt wurden, deren Name heute bereits europäischen Klang hat. Dazu kommt die grundsätzliche Einstellung, die der Reichsjugendführer schon in seiner Neujahrsansprache 1944 betonte: daß es nämlich im Sinne unserer Nationalerziehung liegt, daß wir nicht nur die soldatischen, sportlichen und beruflichen, sondern auch die schöpferischen Kräfte in unserer kulturellen Arbeit ansprechen und damit die Kräfte des Glaubens und des Gemüts pflegen. Der Wettbewerb ist dabei eine starke und edle Erziehungsmacht. Es ist gewissermaßen die seelische Synthese zwischen Weimar und Potsdam, die hier in der zusätzlichen Erziehungsarbeit der Hitler-Jugend deutlich wird, um zu beweisen, daß Deutschland auf dem Schlachtfeld zu siegen und noch unter dem Lärm der Waffen die Grundlage für den Wiederaufbau jener Kulturwerte zu schaffen vermag, die ein kulturloser, verruchter Feind in Schutt und Asche legt.“

Über die Vorbereitungen zum Kulturwettbewerb der Hitler-Jugend veröffentlichte das Tiroler Volksblatt vom 23. Juni 1944 auf Seite 3 einen Artikel, der insbesondere die Ausscheidungswettkämpfe für den Singwettstreit benennt:

„Im Rahmen des schon mehrfach erwähnten Kulturwettbewerbes der Hitler-Jugend haben nunmehr die Vorentscheidungen der Mädelsingscharen in den Kreisen des Gaues Tirol-Vorarlberg stattgefunden. Entsprechend dem Zusammenhang der Kulturarbeit der Hitlerjugend mit der Brauchtumspflege im Standschützenverband wurden sie meist als Singwettstreite im Rahmen der Kreisschießen durchgeführt. Die Ergebnisse, die diese Spieleinheiten erzielten, waren schön und erfolgreich. Dabei gestaltete sich die Art der Durchführung entsprechend den Voraussetzungen der einzelnen Banne sehr verschieden. So kam es, daß bei jeder dieser Veranstaltungen neue Anregungen gegeben wurden, die im nächsten Jahre gut zu verwenden sein werden.

So waren in Kitzbühel nicht nur die Singscharen der Hitler-Jugend angetreten, sondern es waren alle im Standschützenverband eingegliederten Singgemeinschaften des Kreises zum Volksliedsingen aufgeboten, nicht weniger als 23 Singgruppen, durch deren Verschiedenartigkeit der Wertungsvergleich gar nicht leicht war.

In Imst war der Singwettstreit mit einem Märchenspielnachmittag der Jungmädel, die sich inmitten des sonnigen Kiefernwaldes ganz köstlich in die Grimmsche Zauberwelt einzuleben verstanden. Zu gleicher Zeit maßen sich die Volkstanzgruppen vor dem Schießstand im Wettstreit.

In Dornbirn und Bregenz verteilten sich die kulturellen Veranstaltungen der Hitler-Jugend auf mehrere Sonntage. In Dornbirn traf auf einen Sonntag ein Volkstumsnachmittag auf dem Schießstand, auf einen zweiten ein Kindernachmittag und auf einen anderen ein Singwettstreit auf der alten Schattenburg in Feldkirch, während die Bregenzer außer ihrem eigenen Singwettstreit auch die KLV.- [Kinderlandverschickungs-] Lager zu einem gelungenen Vergleichssingen eingeladen hatten, mit dem ein Laienspielnachmittag verbunden war. Ein Abendkonzert und eine Veranstaltung für verwundete Soldaten in einem Lazarett ergänzten den Reigen.

In Reutte trat die Hitler-Jugend im Rahmen eines Brauchtum[s]abends in einer kleinen Ortsgruppe mit einfachen, aber sauberen Leistungen hervor.

In Bludenz entwickelte sich der Singwettstreit zu einer recht wohlgelungenen Sonntagnachmittagvorstellung, bei der alle beteiligten Singscharen vorbildlichen Wetteifer zeigten. Besonders hervorzuheben ist, daß in Schwaz auch die anderen Spieleinheiten des Bannes mithalfen, den Singwettstreit zu gestalten und so mit diesen gemeinsam einen sehr schönen Nachmittag abwickelten. Die Singscharen aus den KLV.-Lagern des Bannes Innsbruck-Stadt trafen sich am vergangenen Sonntag in Imst und ermittelten auch hier die beste Einheit im Bann.

Die Kufsteiner hatten an einem der letzten Sonntage zahlreiche Landeinheiten zum Singwettstreit geholt. An einem anderen Sonntag bewiesen sie das Können ihrer Spieleinheiten auch noch im Rahmen einer Darstellung bäuerlicher Hochzeitsbräuche.

Innsbruck-Land wird beim Landesschießen in Erscheinung treten.

Der Singwettstreit in Landeck bot ein außerordentlich schönes Bild. Auf einer sonnigen Waldwiese fanden sich über 20 ganz in Tracht gekleidete Mädeleinheiten zusammen und ihre frischen Lieder klangen in den Pfingsttag. Gerade hier und erfreulicherweise auch schon in einigen anderen Kreisen des Gaues zeigte es sich, daß nicht nur ausgesonderte Spieleinheiten, sondern auch ganze Mädelstandorte zum Singen angetreten waren. Dahin wollen wir im Lauf der Zeit überall kommen. Ein eigener Chor mit besonders guten Stimmen kann sich auf die Dauer nur in einem größeren Standort zusätzlich zum Einheitensingen halten. Die gesamten Singgemeinschaften der Dörfer aber sind meist so klein, daß sie zusammenbleiben müssen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Darüber hinaus wird es stets gerne gesehen und erwünscht sein, wenn sich besonders singfreudige Jungen und Mädel zur Pflege von Volksliedern und Jodlern zusammentun.

So hat schon dieser Vorentscheid reiche Erfahrungen gebracht, auf denen die Arbeit des kommenden Jahres aufgebaut und weiter entwickelt werden kann.“

Auch dieser Bericht strahlt ungebrochene Siegeszuversicht aus und vermittelt diese Botschaft medial unter die Bevölkerung, die bei den Lesern des Tiroler Volksblatts meist dem bäuerlichen Stand angehörte.

Der Kulturwettbewerb der HJ war Teil ihrer Volkskulturtage, die im Rahmen des 7. Landeschießens 1944 abgehalten wurden. Die Veranstaltung war wegen der Gefahr erneuter alliierter Bombenangriffe von Innsbruck nach Landeck verlegt worden. Von der Eröffnung der Volkskulturtage der HJ informieren die Innsbrucker Nachrichten vom 11. Juli 1944, Seite 3, mit der motivierenden Schlagzeile „Demonstration zukunftsfroher Jugend“. Der Hauptbannführer stellte in seiner Rede wieder einmal demonstrativ die Kulturbeflissenheit der deutschen Jugend der „Verkommenheit“ bei den Kriegsgegnern gegenüber. Außerdem betonte er die aktive Einbindung der Jugend in die kulturelle Tätigkeit des Standschützenverbandes und ihr damit verknüpftes integres Verhältnis zur Parteiarbeit:

„Seit dem 7. Juli steht die Stadt Landeck ganz im Zeichen der Volkskulturtage der Hitler-Jugend. Von der Burg Landeck weht weithin sichtbar die Fahne, ebenso zeigen alle Häuser der Stadt festlichen Fahnenschmuck. Die ersten Teilnehmer an den Volkskulturtagen sind bereits im Laufe des Freitag[s] in Landeck eingetroffen, um am Samstag und Sonntag in den Kulturwettbewerb der Spieleinheiten zu treten. Sie werden im Laufe der Volkskulturtage von anderen Spiel- und Singeinheiten abgelöst, die nun laufend um den besten Platz im Kulturwettbewerb 1944 der Hitler-Jugend kämpfen.

Den Auftakt zu den Volkskulturtagen bildete der Eröffnungsappell am Samstag [8. Juli 1944]. Am Aufmarschplatz, unterhalb der Burg Landeck, hatten ein Fanfarenzug, der HJ.-Musikzug Landeck und die Fahnen der Landecker Hitler-Jugend Aufstellung genommnen. Ferner waren die an den ersten Tagen am Kulturwettbewerb teilnehmenden Jungen und Mädel angetreten. Nach der Meldung des K.-Führers des Bannes Landeck, Hauptgefolgschaftsführer Larcher an den Führer des Gebietes, Hauptbannführer Pg. Otto Weber, der im Beisein des Kreisleiters von Landeck, Pg. [Hans] Bernard, und der Gebietsmädelführerin Pgn. Dr. [Waltraud] Mignon die Volkskulturtage eröffnete, klang flotte Marschmusik auf. Sodann hieß der Kreisleiter die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an den Volkskulturtagen herzlich willkommen. Er wies auf die Größe der Zeit hin, in der diese Veranstaltung den Lebenswillen des deutschen Volkes wiederum zum Ausdruck bringt.

Anschließend stellte der Führer des Gebietes in seiner Eröffnungsrede dem Kulturwillen des deutschen Volkes, im besonderen der deutschen Jugend, das seelische Antlitz der vom Bolschewismus beherrschten Völker und die Verkommenheit der Jugend der liberalistisch-demokratischen Länder gegenüber. Die deutsche Jugend kämpft, arbeitet, marschiert und hat dabei das Singen nicht verlernt. Den Aufruf des Reichsjugendführers zum Kulturwettbewerb der deutschen Jugend hat die Jugend des Berggaues Tirol-Vorarlberg begeistert aufgenommen und sieht ihn als Weiterentwicklung ihrer volkskulturellen Arbeit an. Pg. Weber verwies besonders darauf, daß der Gauleiter im Rahmen der großen Zusammenfassung im Standschützenverband immer wieder die besondere Bedeutung der Jugend hervorhebt; die Hitler-Jugend will dabei Stoßtrupp sein, der allen vorangeht. Die zeitliche Verbindung der Volkskulturtage mit dem Landesschießen soll zeigen, daß die Arbeit der Jugend in die große Gemeinschaft des Standschützenverbandes und in die Arbeit der Partei hineingestellt wird. In diesem Sinne sollen die Volkskulturtage der HJ. in Landeck eine Demonstration der gläubigen, zukunftsfrohen Haltung unseres Berglandes sein.

An den Eröffnungsappell schloß sich sofort das Wertungssingen und –spielen an. Im festlich geschmückten Saal der Kreisleitung traten als erste Singscharen zur Lösung der Aufgabe, eine kurze Vortragsfolge unter Verwendung von Pflichtliedern zu gestalten, die Mädelsingscharen von Meran, des Standortes Feldkirch und der Lehrerinnenbildungsanstalt Feldkirch sowie die gemischte Singschar Dornbirn an. Gleichzeitig spielten in der Turnhalle der Hauptschule die Volksmusikgruppen, bei denen die Mädel von Bludenz und Algund, sowie die gemischten Volksmusikgruppen des Standortes Landeck und der Lehrerbildungsanstalt Innsbruck den Anfang machten und denselben wohlverdienten Beifall für ihre flotten Weisen ernten konnten wie die einzelnen Singscharen im Kreissaal. Der Abend schloß mit einem großen Brauchtumsabend, der unter dem Titel Liabn und Hochzeiten im Saal der Kreisleitung stattfand. Die frohe Folge von Spiel und Gesang begeisterte die Zuschauer ebenso, wie schon bei der ersten Aufführung beim Kufsteiner Kreisschießen. Diesmal wurde die ganze Folge ausschließlich von Spieleinheiten der Hitler-Jugend des Bannes Kufstein getragen. Die Leitung des Abends hatte Hauptgefolgschaftsführer [Anton] Katschtaler.“

Ein Stimmungsbild über die besondere Atmosphäre des Wettbewerbs, der neben dem Singen und Tanzen auch dem Laienschauspiel gewidmet war, vermittelt Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nachrichten vom 12. Juli 1944, Seite 3: „Fahnengeschmückt und voller Leben begrüßt die sonst meist recht ruhige Oberinntaler Stadt den Ankömmling, der auf dem langen Weg vom Bahnhof in den Ort immer neuen Mädel- und Jungengruppen in den bunten Trachten der Heimat begegnet, die bepackt mit Instrumentenkasten und Rucksäcken schon wieder ihren Zügen zueilen oder fröhlich scherzend zum Sportplatz wandern. Dort wird um 3 Uhr ein Bunter Nachmittag alle Sing- und Tanzgruppen zu heiterem Spiel vor zahlreicher Zuschauerschaft vereinen. Aber es ist ja noch Zeit bis dahin, man kann also ruhig noch auf das stets geöffnete und auskunftsbereite Quartierbüro und in den eigenen Gasthof gehen, rasch etwas essen (Gäste und Mädel werden in der Hauptschule verpflegt, während die Jungen in ihren Zeltlagern essen) und sich dann auch allmählich auf den Weg zum Sportplatz machen.

Die Vorführungen dort verlaufen in Anwesenheit von Gebietsführer und Kreisleiter im bekannten Rahmen des Wechsels von Volkslied und -tanz; immer neue Gruppen treten auf und zeigen, wie freudig und eifrig der Ruf nach Wiedererweckung und Pflege des alten heimischen Brauchtums in allen Kreisen des Gaues Widerhall gefunden hat. Besonderer Beifall begrüßt natürlich die Gäste, die südlich des Brenners zu Hause sind und strahlenden Auges zum ersten Male bei den Volkskulturtagen zeigen dürfen, was sie in dieser Arbeit bis jetzt geleistet haben.

Der Sonntagabend bringt dann nach dem fröhlichen Nachmittag mit einer Eigenlesung des bekannten Dichters Karl Springenschmid im übervollen Saal der Kreisleitung einen der Höhepunkte der Veranstaltungen. Umrahmt von schönen und frischen Volksweisen, läßt der lebendige Vortrag des Dichters seine Tiroler Bauerngestalten von einst und jetzt lebendig werden. Nach der Lesung finden sich auf Einladung des Kreisleiters, unter dessen besonderem und förderndem Schutz die Volkskulturtage stehen, alle Gäste, darunter eine große Anzahl RAD.-Führerinnen, noch zu einem heiteren brauchtümlichen Abend zusammen.

Der Montagvormittag aber gilt wieder der Einheitenwertung. Es sind Laienspielscharen und Volkstanzgruppen, die vor gestrengen aber beifallsfreudigen Zuschauern das Ergebnis ihrer Jahresarbeit zeigen – mit Stolz zeigen können. Da ist zuerst die Mädelspielschar Bruneck, die mit dem Spiel in Reimen Des König Brief eine anekdotische Begebenheit aus der Zeit des Soldatenkönigs aufgegriffen hat und ihrer nicht leichten Aufgabe verhältnismäßig schon sehr gut gerecht wird. Ein ganz anderes Thema hat sich die Bregenzer Spielschar mit einem lustigen bäuerlichen Stücklein Karl Springenschmids gewählt, in dem besonders die Buben mit echter, lebendiger Lust am Komödiantischen voll natürlicher Komik und meist schon recht guter Charakteristik am Werk sind. Der Schwazer Kasperl endlich gibt die durch nette Spieleinfälle belebte Geschichte vom versoffenen Bauern in neuem Gewande zum besten.

Eine Pause bei den Laienspielern erlaubt es dem Gast noch rasch, bevor der Zug ihn nach kurzem Besuch wieder nach Hause entführt, sich auch die Wertung der Volkstanzgruppen anzusehen, die im Turnsaal der Hauptschule vor nicht minder kritischen Augen ihre Pflicht-und ‚Kür‘-Tänze zeigen. Da sieht man dann nach dem vorgeschriebenen Siebenschritt einen zünftigen Schuhplattler von den Reuttenern und muß sich –leider schon – nach dem ganz besonders schönen Dreiertanz, mit dem die Bozner stürmischen Beifall erringen, verabschieden.

Aber man freut sich, während man wieder die fahnengeschmückte Straße zum Bahnhof wandert, auch das noch gesehen zu haben, freut sich überhaupt von Herzen über den ganzen Eindruck dieses kurzen Landecker Aufenthaltes, der ein buntes und vielfältiges Bild gab von der wertvollen, heimatverbundenen Arbeit, die gerade die Hitler-Jugend in der Pflege alten Brauchs und alter Sitte leistet.“

Zur Abschlusskundgebung, die die ganze Volksgemeinschaft mit den Schützen, der Jungschützenkapelle Landeck, alle Wettbewerbsteilnehmer sowie die Organisationen und Verbände der Partei und ihre politischen Funktionsträger vereinte, erschien auch Gauleiter Franz Hofer. In seiner Rede hob er insbesondere die Bedeutung des Brauchtums für den Zusammenhalt der Volksgemeinschaft hervor und hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für die Pflege von Volkslied und Volksmusik als Rückhalt für den Bestand des Volkstums. Der Gauleiter nütze natürlich seine Ansprache auch für Zwecke der Propaganda, indem er den primär kulturbezogenen Inhalt dieser Veranstaltung so interpretierte, dass er für die üblichen Argumente der „Führer“-Huldigung und Siegeszuversicht kompatibel war.

In den Innsbrucker Nachrichten vom 14. Juli 1944, Seite 3 f., ist festgehalten:

„Landeck, 13. Juli. Mit einer eindrucksvollen Kundgebung auf dem einzigartig schön gelegenen Appellplatz zu Füßen der Burg Landeck fanden die Volkskulturtage der Hitler-Jugend des Gaues Tirol-Vorarlberg am Mittwoch [12. Juli] ihren Abschluß. Im Mittelpunkt der Kundgebung stand die Rede des Gauleiters und Reichsstatthalters Hofer, der die volkstumspolitische Wichtigkeit der Kulturarbeit der Hitler-Jugend an der Südgrenze des deutschen Volksraumes und die Tragweite dieser Kulturpflege als eines unversiegbaren, starken Kraftquells für die Haltung der Heimat im Kriege in grundsätzlichen Ausführungen herausstellte.

Auf dem Kundgebungsplatz waren die Politischen Leiter der Bewegung, eine starke Abteilung der Wehrmacht unter Gewehr, eine Abordnung des Reichsarbeitsdienstes der weiblichen Jugend, mehrere Standschützenkompanien und Abordnungen anderer Organisationen und Verbände angetreten, als Gauleiter Hofer, von Kreisleiter Pg. Bernard, dem Führer des Gebietes Tirol-Vorarlberg der Hitler-Jugend, Hauptbannführer Pg. Weber und der Gebietsmädelführerin, Pgn. Dr. Mignon, begleitet, dort eintraf. Den größten Teil des weiträumigen Platzes füllten die Formationen der Hitler-Jugend, die Sing- und Spieleinheiten und Brauchtumsgemeinschaften in ihren ansprechenden Trachten. Neuerdings stand die Jungschützenkompanie Landeck im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und es spricht für die Stärke und den Ausbildungsstand ihrer Musikkapelle, daß diese in der Lage war, den musikalischen Rahmen für diese große Kundgebung unter freiem Himmel allein einwandfrei zu bestreiten.

Nachdem der Gauleiter die Meldungen entgegengenommen und die Fronten abgeschritten hatte, wobei er von der Bevölkerung, die den Kundgebungsplatz in dichter Menge säumte, mit achtungsvoller Herzlichkeit begrüßt wurde, eröffnete der Kreisleiter, Oberbereichsleiter Pg. Bernard, die Kundgebung mit einer Ansprache, in der er besonders seine Freude darüber zum Ausdruck brachte, daß die Kreisstadt Landeck mehrere Tage lang ganz und gar im Zeichen der lebensbejahenden frohen Jugend des Gaues gestanden sei.

Das gemeinsam gesungene Bergbauernlied leitete über zur Ansprache des Führers des HJ.-Gebietes Parteigenosse Weber, der eine unverkennbare Leistungsverbesserung, die sich bei dem eben beendeten Kulturwettbewerb gegenüber dem Vorjahr gezeigt habe, feststellte und dem Gauleiter den Dank der Jugend des Gaues für die Förderung und zielbewußte Ausrichtung der Kulturarbeit übermittelte […].

Gauleiter Hofer leitete seine umfassenden Ausführungen mit einer Erinnerung an die Tage der Heimkehr ins Reich im Jahre 1938 ein. Damals erhob sich als erstes Erfordernis die Aufgabe, diesen Gau aus seiner Eigenart heraus zu befähigen, durch seine Leistungen für das Reich dem Führer einen kleinen Teil des Dankes für die Befreiung der Heimat abzustatten. Dabei habe er es, so betonte der Gauleiter, vom ersten Tage an abgelehnt, dem Gau die Eigenschaft eines Notstandgebietes zuerkennen zu lassen. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich aus der geringen Bevölkerungszahl und den ungünstigen wirtschaftlichen Voraussetzungen ergaben, wurde die Aufgabe bewältigt, aus eigener Kraft dieses Gebiet zu einem unerschütterlichen Bollwerk des Reiches an seiner Südgrenze auszugestalten. Mit aller Kraft, deren dieses Bergvolk fähig ist, verkrampft und verkrallt es sich in den Boden der Heimat und schirmt damit das Reich.

Der Weg dazu war und ist die Pflege des heimatlichen Brauchtums, die Pflege einer starken Heimatliebe; denn nur, wer seine Heimat über alles liebt, liebt auch sein Vaterland. Es mußte daher zunächst das Brauchtum von allen falschen Bindungen und allem Mißbrauch befreit werden. Es war nicht leicht, das Brauchtum von seinen Verschüttungen zu lösen und das zarte Pflänzchen wieder zum Blühen zu bringen. Den ersten und stärksten Widerhall fanden diese Bestrebungen bei der Jugend, die es als erste begriffen hat, daß man ein treues Kind der Heimat sein muß, um ein guter Deutscher zu sein.

Auch in den Kreisen südlich des Brenners, die dank der Lenkung der Ereignisse durch die starke Hand des Führers ihre volkstumerhaltenden Kräfte nunmehr wieder voll zum Tragen bringen können, ist die Brauchtumspflege als Teil des gemeinsamen Einsatzes für den Sieg des Reiches mächtig emporgeblüht. In diesem Sinne entbot der Gauleiter, von stürmischen Beifallskundgebungen unterbrochen, den Jungen und Mädeln aus Südtirol, die heuer zum erstenmal bei den Volkskulturtagen der Hitler-Jugend zu Gast waren, den Gruß des Gaues Tirol-Vorarlberg.

Im Rahmen des Landesschießens seien, so führte der Gauleiter weiter aus, die Volkskulturtage der Rechenschaftsbericht über eine Jahresarbeit, der dadurch gekennzeichnet ist, daß wir am Ende des fünften Kriegsjahres Erfolge und Leistungen zeigen, die vor wenigen Jahren noch nicht möglich gewesen wären […].

In diesem Sinne haben wir gearbeitet und arbeiten wir weiter, nicht nur für die Gegenwart, sondern erst recht für die Zukunft, wenn einmal der Sieg erfochten und vor uns und unserer Jugend die Aufgabe stehen wird, unser Vaterland wieder aufzubauen zu einem nationalsozialistischen tausendjährigen Großdeutschland. In diesem Lichte gesehen ist Volkstumsarbeit und Brauchtumspflege in unserem Grenzlande ein und dasselbe, ein Kampf zur Sicherung des Volkstums, ein Teil des Kampfes um Sein oder Nichtsein der deutschen Nation […].

Der Gauleiter stellte ferner fest, daß die Volkskulturtage der Hitler-Jugend im Gau Tirol-Vorarlberg bereits beispielgebend und für den musischen Wettbewerb der Hitler-Jugend im Reich zum Vorbild geworden sind […].

Der Gauleiter ging dann auch auf die Aufgabenstellung der Sing- und Spieleinheiten der Jugend mit Einzelhinweisen ein: Die Bläserkameradschaften und Musikkapellen sind überall zur Stelle, wenn wir froh die Heimat grüßen oder ernsten Abschied nehmen von gefallenen Kameraden. Die gesamte Brauchtums- und Musikpflege soll mit der unverbrauchten Kraft ihrer bodenständigen Verwurzelung der sichere Rückhalt sein für die hochentwickelte Kunst, die wie alles Hochgezüchtete und Verfeinerte immer von Verfallserscheinungen mehr bedroht und gefährdet wird, ein Gesichtspunkt, der insbesondere für die Tätigkeit der Musikerzieher richtungweisend ist. Es muß dahin kommen, daß in jedem Haus und in jeder Familie, vor allem in jedem unserer einzelnen Berghöfe Volkslied und Volksmusik wieder eine Heimstätte finden und als unvergängliches Erbgut weitergegeben werden. Ebenso, wie jedem Kitsch und jeder Entartung mit allen Kräften entgegengetreten werden muß, kann es für unsere Jungen und Mädel nichts Schöneres geben, als mit aller Aufmerksamkeit hineinzuhören in die Heimat. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung, die mit allen Kräften weitergetrieben werden muß. Im besonderen wies der Gauleiter noch darauf hin, daß es auch die Aufgabe einer haltungsfesten, geradlinigen und frischsinnigen Jugend sei, den schweren Kampf unserer Frauen und Mütter, die man mit dem klarsten Recht die wirklichen Soldaten der Heimat nennen könne, zu unterstützen und zu erleichtern.

Nochmals faßte der Gauleiter Sinn, Zweck und Forderung der Brauchtumspflege in der Jugend und die bereits erreichten Erfolge zusammen mit der Feststellung, daß hier keine Jugend von 1918, sondern eine deutsche Jugend steht, die aufrecht, treu und gläubig in Zucht und Selbstdisziplin dem Führer zeigen will, daß sie von Jahr zu Jahr in Arbeit und Leistung fortschreitet. So soll der Gleichklang des Herzschlages zu unserem Führer und zu unseren Soldaten dringen. Begeistert nahmen die Tausende Jungen und Mädel und die anderen Kundgebungsteilnehmer das ‚Sieg Heil!‘ an den Führer auf.

Von den letzten Tagen des Kulturwettbewerbes ist noch zu berichten, daß am Montag die Wertung der Volkstanz- und Plattlergruppen und der Laienspielscharen, abends eine beifällig aufgenommene Aufführung des Spieles Der Prankenhof durch die Innsbrucker Heimatbühne stattfanden. Der Dienstag brachte vormittags einen höchst aufschlußreichen Vortrag von Dr. Höniger über die Bedeutung des Sinnbildes als Ausdruck unserer Kultur und Weltanschauung, nachmittags Wertungssingen der Singscharen und abends eine von Toni Grad unter Mitwirkung der Junglehrerinnen des Kreises Kitzbühel gestaltete Spiel- und Lesestunde Tirol in Dichtung und Musik. Am Mittwoch wurden bis zum Beginn der Abschlußkundgebung noch Wertungen verschiedener Singeinheiten nachgeholt.

Aus den Wettbewerben bei den Volkskulturtagen der Jugend im heimatlichen Land im Gebirge gingen folgende Sieger hervor:

Gemischte Singscharen:
1. Lehrerbildungsanstalt Innsbruck; 2. Gemischte Singschar Kitzbühel; 3. Gemischte Singschar Solbad Hall.

Mädelsingscharen:
Vier 1. Preise erhielten: Lehrerinnenbildungsanstalt Feldkirch, Singschar Landeck, Singschar Bregenz, Singschar Meran. Zwei 2. Preise erhielten: die Singschar Innsbruck-Stadt, die Singschar Söll-Leukental. Zwei 3. Preise erhielten: Singschar Salurn und Singschar Schwaz.

Volksmusikgruppen:
1. Lehrerbildungsanstalt Innsbruck, 2. Bludenz, 3. Landeck.

Bläsereinheiten:
1. HJ.-Musikzug Landeck, 2. HJ.-Musikzug Feldkirch, 3. Bläserkameradschaft Kufstein.

Volkstanzgruppen:
1. Solbad Hall, 2. Bozen, 3. Brixen.

Plattlergruppen:
1. Welsberg (Kreis Bruneck), 2. Meran, 3. Angath (Kreis Kufstein).

Laienspielscharen:
1. Mädelspielschar Innsbruck-Stadt, 2. Mädelspielschar Bruneck, 3. Gemischte Spielschar Bregenz.“

Ein gleichlautender Bericht erschien im Bozner Tagblatt vom 14. Juli 1944 auf Seite 4.

Die Hitler-Jugend beteiligte sich an der Umquartierung der Innsbrucker Schulen, die wegen der akuten Bombengefährdung notwendig wurde. Das Tiroler Volksblatt vom 31. Jänner 1944 informiert auf Seite 4:

„Infolge der Luftgefährdung unserer Gauhauptstadt werden [!] eine Anzahl von Innsbrucker Schulen verlegt. Der Gauleiter hat die Möglichkeit geschaffen, diese Schulen in schönen und möglichst luftsicheren Orten unseres Gaues unterzubringen. Die Unterbringung der Schulen wird im Rahmen der erweiterten Kinderlandverschickung (KLV.) durchgeführt. Bei der Verlegung der Innsbrucker Schulen ist es ein besonderer Vorzug, daß diese ausschließlich im gaueigenen Gebiet untergebracht werden. Die Eltern werden so Gelegenheit haben, sich selbst davon zu überzeugen, daß ihre Kinder gut untergebracht sind. Die Verschickung der Innsbrucker Schulen erfolgt im Laufe des Monats Februar.

Es wird allen Eltern eine große Beruhigung sein, wenn ihre Kinder in einem möglichst luftsicheren Ort wieder geordnetem Schulunterricht zugeführt werden, der ja für ihr späteres Fortkommen in Beruf und Leben unerläßlich ist. In jedem der zu errichtenden KLV.-Lager wird ein bewährter Lehrer als Lagerleiter die gesamte Verantwortung für die Jungen beziehungsweise Mädel übernehmen. Ihm zur Seite steht in der Lagerführung ein ausgewählter, besonders vorgeschulter HJ.-Führer beziehungsweise eine BDM.-Führerin für die außerschulische Betreuung. Hitler-Jugend und Lehrerschaft werden in kameradschaftlicher Zusammenarbeit und Hingabe das Leben und Treiben im Lager zur Zufriedenheit für Jugend und Eltern zu gestalten wissen.

Zur gesundheitlichen Betreuung stehen Aerzte und hilfsbereite Schwesternhände den Kindern zur Seite. – Verpflegungsmäßig bieten unsere KLV.-Lager unserer Jugend an Qualität und Quantität, was das Elternhaus im allgemeinen im fünften Kriegsjahr nicht mehr zu geben vermag, werden doch die KLV.-Lager zusätzlich mit Lebensmitteln aller Art bedacht. Was unserer Jugend ebenfalls zugute kommt, ist, daß die Kinderlandverschickung in unserem Gau nichts Neues ist, hat doch unser Gauleiter seit Jahren schon Jungen aus luftgefährdeten Gebieten des Westens, zumal aus Essen, in Tirol-Vorarlberg eine zweite Heimat geschaffen. Alle hierbei gemachten Erfahrungen kommen nun auch unserer Innsbrucker Jugend zugute.

Der Umquartierungsplan.
Lehrerbildungsanstalt und Oberschulen:
Lehrerbildungsanstalt nach Mayrhofen und Zell am 12. Februar, Oberschule I und Staatsgymnasium nach Steinach am 15. Februar. Oberschule II nach Reutte am 20. Februar. Mädchenschule nach Seefeld, Leutasch und Mösern am 10. Februar. Ferrarischule nach Imst am 15. Februar. Musikschule der Stadt Innsbruck nach Trins am 7. Februar.

Hauptschulen:
Knabenhauptschule Wilten und Hötting nach Obergurgl am 16. Februar. Knabenhauptschule Hans Schemm nach Vent am 10. Februar. Mädchenhauptschule Hans Schemm und Saggen, beide Teile nach Zürs am 20. Februar. Mädchen-Hauptschule Hötting nach St. Anton am 10. Februar. Mädchen-Hauptschule Wilten nach Volderberg am 6. Februar.

Volksschulen:
Mädchen (5. Klasse) nach Hintertux am 15. Februar. Mädchen (7. und 8. Klasse) nach Obladis am 11. Februar. Mädchen (4. Klasse) nach Fügen am 6. Februar. Mädchen (4. Klasse) nach Gerlos am 6. Februar. Mädchen (6. Klasse) nach Nauders am 14. Februar. Knaben (4. Klasse) nach Ehrwald („Grüner Baum“) am 12. Februar. Knaben (4. Klasse) nach Obermoos am 13. Februar. Knaben (4. Klasse) nach Ehrwald (Spielmann) am 26. Februar. Knaben (4. Klasse) nach Haller am Haldensee am 25. Februar. Knaben (8. Klasse) nach Kufstein am 20. Februar. Knaben (7. Klasse) nach Ellmau am 21. Februar. Knaben (7. Klasse) nach St. Johann am 10. Februar. Knaben (5. Klasse) nach Gries am Brenner am 12. Februar. Knaben (6. Klasse) nach Westendorf am 16. Februar.“

Anfang September 1944 kam die „Reichsreferentin des BdM“ Jutta Rüdiger zu einem Besuch nach Innsbruck. In ihrer Rede vor Mädchen aus ländlichen Ortsgruppen hob sie die außerordentliche Wertschätzung der Ideologie dem Bauernstand gegenüber hervor und betonte nachdrücklich die Leistungen der Partei im Rahmen der Jugendarbeit für die Landbevölkerung. Außerdem animierte sie ihr jugendliches, in Tracht erschienenes weibliches Auditorium dazu, sich so zu präsentieren, „daß die Ausländer in der Deutschen die tüchtigste, wertvollste und stolzeste Frau sehen“. Ihre Rede schloss mit einem fanatischen Siegesappell an die Jugend. Der Gauleiter befasste sich in seinen Ausführungen mit dem Lieblingsthema „Brauchtum“. Durch die Erneuerung und konsequente Pflege des Brauchtums im Standschützenverband sei es gelungen, die Bevölkerung zu einen und zu einer Volksgemeinschaft zu formen, die allein der Partei verpflichtet ist. Engagiert wäre die Jugend von Anfang an Gefährte seiner diesbezüglichen Unternehmungen gewesen. Aus diesem Geist heraus und im Gedenken an die großen Taten der Vergangenheit ist mit dem unbedingten Glauben an den „Führer“ für die Zukunft nur Zuversicht gerechtfertigt. Sein Gau wolle sich durch niemanden an Treue überbieten lassen, so die dramaturgisch klug plazierte Rhetorik zum Abschluss seiner Ansprache, die mit „stürmischen Zustimmungskundgebungen“ quittiert wurde (Innsbrucker Nachrichten vom 5. September 1944, Seite 3):

„Die Reichsreferentin des BdM. Pgn. Jutta Rüdiger, und Gauleiter Hofer sprachen in Innsbruck zu vielen hundert Mädeln aus ländlichen Ortsgruppen des Gaues Tirol-Vorarlberg. Mit Worten von großer Eindruckskraft erörterte Pgn. Rüdiger die Bedeutung des Bauerntums für die Nation und die Aufgaben, die unseren Bauernmädchen in der jetzigen Zeit zukommen. Zu der Veranstaltung hatte sich auch aus der Provinz Bozen eine größere Anzahl von Mädeln als Gäste eingefunden. Die bunten Trachten der verschiedenen Talschaften boten ein schönes Bild.

Unter dem Spiel der Landecker Jungschützen-Musikkapelle betrat der Gauleiter mit der Reichsreferentin, mit dem Führer des Gebietes Tirol-Vorarlberg, Hauptbannführer Pg. [Otto] Weber, der Mädelführerin des Gebietes Tirol-Vorarlberg, Pgn. [Waltraud] Mignon, und der Bezirksführerin des Reichsarbeitsdienstes für die weibliche Jugend, Pgn. Antritter, den Saal. Nach Gemeinschaftsliedern, dem Gedicht Nie stirbt das Land und dem Vortrag von Führerworten hießen Gauleiter Hofer und Gebietsmädelführerin Mignon die Reichsreferentin willkommen.
Das Reich, so führte die Reichsreferentin einleitend aus, war immer dann stark, wenn es sich auf die Kraft der Bauern stützte […].

In höchster Not kam der Führer. Er offenbarte dem Volk, daß jeder für den anderen einzustehen hat und mit dem Schicksal der Gesamtnation unlösbar verbunden ist. In Erkenntnis der Bedeutung des Bauerntums wurden dafür großzügige Maßnahmen durchgeführt. Bauer ist wieder ein Ehrennahme geworden. Durch die Einführung des Landdienstes setzte die Hitler-Jugend ihre vielleicht revolutionärste Tat. Heute sind unter den Jungen und Mädeln in den Städten die Besten bereit, auf der Scholle zu arbeiten.

Die bäuerliche Berufserziehung sorgt dafür, daß der bäuerliche Nachwuchs mit der Bauernarbeit in allem gründlich vertraut wird […].

Das Ausland kennt den deutschen Mann als den besten und tapfersten Soldaten der Welt. Unsere Mädel müssen sich so aufführen, daß die Ausländer in der Deutschen die tüchtigste, wertvollste und stolzeste Frau sehen. Deine Ehre, deutsches Mädel, ist die Treue zum Blut deines Volkes! […].

Wenn die Gegner anstürmen, so stellt sich die Hitler-Jugend treu und entschlossen vor, hinter und neben den Führer, kämpft und kennt nur eines: den Sieg!

Die Ausführungen der Reichsreferentin wurden von den Mädeln, die ihr mit größtem Interesse gefolgt waren, mit dankbarem Beifall aufgenommen. Dann sprach der Gauleiter […]:

‚In meiner Aufgabe, die ich als Beauftragter des Führers an der Südgrenze des germanischen Lebensraumes erfülle, ist mir aus den Reihen der Hitler-Jugend stets die beste und treueste Hilfe zuteil geworden. Die Jugend war schon in der Verbotszeit unentwegter Bannerträger des Glaubens. Sie ist erfüllt von heißer Liebe zu ihrer deutschen Heimat. Die Heimat aber ist Wurzel und Quell der Vaterlandsliebe. Die Jugend hat mich in meinem Bestreben, alle Werte der Heimat wieder neu zu beleben und von Verschüttungen und Verzerrungen zu befreien, stets bestens unterstützt. Ueberall blüht das Brauchtum in seinen vielfältigen Formen. Es galt und gelang uns, an den letzten Bergbauern heranzukommen und aus der Bevölkerung unserer Heimat wieder das zu machen, was sie in früheren Jahrhunderten immer gewesen ist: Ein Volk in Waffen[…].

Im Geiste Michael Gaismairs und Wilhelm Bieners wollen wir Schutz und Schirm sowie Zitadelle der deutschen Nation im Süden sein […]. Die Lage ist so, daß wir dem Siege näher stehen, als viele glauben. Es ist nicht entscheidend, daß ihr den Weg seht, sondern, daß ihr glaubt, daß der Führer, der uns ins Reich heimführte, den Kampf siegreich beenden wird. Vom Glauben an den Sieg ist unser Herz erfüllt, aber auch von unbändigem Haß gegen unsere Feinde. Von der Salurner Klause bis an den Bodensee und nach Kufstein und Kitzbühel wollen wir stehen in eisernem Willen und uns durch niemand überbieten lassen an Treue!‘

Der Gauleiter, dessen Worten lange, stürmische Zustimmungsbekundungen folgten, schloß mit dem Gruß an den Führer.“

Der Vorbereitung der Jugend für den Kriegseinsatz dienten wehrtechnische Übungen, die am Tag der Wehrertüchtigung öffentlich vorgeführt wurden und den Ausbildungsstand der vormilitärischen Erziehung demonstrierten. Diese Aktionen hatten zudem den Zweck, unter den Jugendlichen Kriegsfreiwillige zu requirieren. Aus Animationsgründen gab es dazu eine Verleihung von Urkunden. Die Beteiligung von Wehrmachtsangehörigen an den Übungen und die Anwesenheit von Offizieren verwiesen auf die Ernsthaftigkeit dieses Vorgehens. 1944 fanden entsprechende Vorführungen am 8. und 9. Oktober in den Kreisstädten statt. Information bringen die Innsbrucker Nachrichten vom 10. Oktober 1944, Seite 3:

„In der Gauhauptstadt wurde am Sonntagvormittag [8. Oktober 1944] in der Gegend von Natters eine große Geländeübung durchgeführt, an der sich Hitlerjungen des Bannes Innsbruck-Stadt sowie eine Wehrmachtsabteilung beteiligten. Nachdem die angenommene Kampfhandlung von einem Offizier erklärt worden war, erhielten die Gruppen ihre Aufgaben. Nach Beendigung der Uebung vermittelte der Führer des Bannes Innsbruck-Stadt, Bannführer [Hermann] Pepeunig, den Hitlerjungen und allen Anwesenden ein Bild vom Sinn und der Aufgabenstellung der vormilitärischen Wehrertüchtigung, die in enger Zusammenarbeit mit den Wehrmachtsteilen durchgeführt wird. Abschließend überreichte der Bannführer die Kriegsfreiwilligen-Urkunden.

In den Kreisstädten herrschte am Tag der Wehrertüchtigung ebenfalls reger Betrieb. In Bludenz und Kufstein erregten die Vorführungen des Flieger-HJ. mit ihren Segelflugmodellen besonderes Aufsehen, in Bregenz zeigte die Marine-HJ. Landungsübungen, die Motor-HJ. führte schwierige Geländefahrten durch; in Kitzbühel wurden Sportwettkämpfe durchgeführt. Die Bergsteiger-HJ. zeigte Kletterübungen; Feldschereinheiten, Feuerwehrscharen, Nachrichten-HJ. und Geländekampfübungen gaben Einblick in den beachtlichen vormilitärischen Ausbildungsstand, der vor allem das große Interesse und den Beifall der in großer Zahl bei den Uebungen anwesenden Offiziere der Wehrmacht fand.

In Imst wohnte der Führer des Gebietes Tirol-Vorarlberg, Hauptbannführer Pg. [Otto]Weber, gemeinsam mit dem Kreisleiter Pg. [Josef] Pesjak den Uebungen bei. Neben Vorführungen der Einsatz-Einheiten zeigten die Jungen ihr Können in der Schießausbildung und vor allem bei Kampfgeländespielen. Bei einem Abschlußappell am Stadtplatz sprach der Führer des Gebietes zu den Jungen. Er wies darauf hin, daß an allen Grenzabschnitten die Freiwilligen der Hitler-Jugend gemeinsam mit der übrigen Bevölkerung unermüdlich dabei sind, den Befestigungswall vor den Toren des Reiches zu errichten und daß ihre wenig älteren Kameraden nun zu einem großen Teil als Freiwillige in die Reihen der Großdeutschen Wehrmacht eingerückt sind. Pg.Weber begrüßte besonders die in einem Block angetretenen Kriegsfreiwilligen der Hitler-Jugend. Der Kreisleiter wies im besonderen darauf hin, daß die Hitler-Jugend heute zu ihrem Teil die Tradition der jungen, einsatzfreudigen Standschützen von einst aufzunehmen und weiterzuführen hat.“

Einzelheiten zum Tag der Wehrertüchtigung der Hitler-Jugend in Kufstein vermittelt das Tiroler Volksblatt am 11. Oktober 1944 auf Seite 2:

„[…] Für den Bann Kufstein berief K.-Bannführer Pg. Insam die Sondereinheiten und Geländekampf-Mannschaften der Hitler-Jugend auf das Gelände des Kindsbrünnl bei Kufstein, damit sie dort ihre Wehrtüchtigkeit messen konnten. Ferner nahmen am Tag der Wehrertüchtigung je ein Lehrgang junger Gebirgsjäger teil.

In Anwesenheit des in Vertretung des Kreisleiters erschienenen Abschnittsleiter Pg. Netzer und des Standortältesten der Wehrmacht, Oberstleutnant Götz, sowie der beiden Kufsteiner Ortsgruppenleiter und anderer Politischer Leiter, ferner Vertretern der öffentlichen Dienststellen wurde der Tag der Wehrertüchtigung mit einer Morgenfeier eingeleitet, der sich Vorführungen der Motor-HJ. – Geschicklichkeitsprüfung auf Geländefahrt -, ein Geländespiel zwischen den Mannschaften von Kufstein und Wörgl sowie ein Segenfliegen anschlossen. Mit diesen Vorführungen war der Vormittag ausgefüllt; der Nachmittag begann mit Geländedienst; ihm folgten Vorführungen der Nachrichten-HJ. in Fernsprech- und Funkausbildung, ferner Ausschnitte aus der Brandbekämpfung durch die Feuerwehr-HJ. und ein Modellflugwettbewerb der Flieger-HJ. Alle Vorführungen zeigten einen hohen Grad von Wehrtüchtigkeit, wobei besonders die Leistungen der Flieger-HJ. im Modellflugwettbewerb sowie der Feuerwehr-HJ. mit einer bis ins einzelne zielsicher geleiteten Brandbekämpfung hervorgehoben seien […]. An die Vorführungen der Hitler-Jugend schlossen sich militärische Uebungen der Lehrgänge der Gebirgsjäger an. Sie leiteten zur Kundgebung der Kriegsfreiwilligen der Hitler-Jugend über, die mit einem gemeinsamen Lied und mit Sprüchen begann. Hierauf betonte K-Bannführer Pg. Insam in einer Ansprache, die Jugend stehe heute dort, wo nationalsozialistischer Glaube, unbeugsamer Siegeswille und selbstlose Hingabe im Dienste des Vaterlandes entscheidend zum Endsiege beitragen […]. Der K.-Bannführer schloss seine Ansprache mit der Feststellung, die Kriegsfreiwilligkeit sei das zur Tat gewordene Bekenntnis zu Adolf Hitler. Weder Not noch Gefahr werden uns zerbrechen, unser Glaube wird sieghaft über alle Mächte der Vernichtung triumphieren. – Anschließend würdigte der Standortälteste der Wehrmacht, Oberstleutnant Götz, den praktischen Wert der Wehrertüchtigung, durch die an den Hitler-Jungen wertvolle Vorarbeit zur militärischen Grundausbildung geleistet wird […].

Der Tag der Wehrertüchtigung und die Kundgebung der Kriegsfreiwilligen der Hitler-Jugend klangen aus in einen begeisterten Gruß an den Führer, der aus den Herzen Hunderter junger Nationalsozialisten als Gelöbnis drang, in unverbrüchlicher Treue zum Führer standzuhalten bis zum deutschen Endsieg.“

Die Innsbrucker Nachrichten vom 16. Mai 1944 bringen auf Seite 3 einen anschaulichen Erlebnisbericht aus dem Wehrertüchtigungslager in Maurach am Achensee:

„Singend verläßt die Belegschaft des Wehrertüchtigungslagers ihre Unterkunft; sie marschiert hinaus ins Gelände. Die Kameradschaften sind weit zerstreut, so daß wir den ganzen Vormittag von Kameradschaft zu Kameradschaft wandern müssen. Jeder sind besondere Aufgaben gestellt. Die einen liegen gut getarnt in den Gebüschen und hinter kleinen Deckungen, die anderen sind um eine Karte geschart, an Hand deren der Ausbildner das Gelände erklärt und die Jungen mit den noch fremd wirkenden kleinen Kartenzeichen vertraut macht. Eine Kameradschaft hat eine Spähtruppaufgabe und muß alles, was ihr begegnet und in ihrer Sichtweite vorgeht, sehen und melden. Eine andere beschreibt das Gelände und zwingt das Auge, auch die unscheinbarsten Kleinigkeiten zu sehen und richtig zu beurteilen. Die zweite Schar ist am Schießstand. Es sind hier keine besonderen Meisterschützen angetreten, sondern Jungen, die zwar nicht das erste Mal das Gewehr in den Händen halten, denen aber doch noch viel gezeigt werden kann. Sie sind gerade bei diesem Dienst mit besonderer Begeisterung und denken schon nicht mehr daran, wie man sie zuerst durch den Zielgarten schleppte und ihnen das richtige Zielen und das Gewehrhalten in genauer Kleinarbeit beibrachte.

Die dritte Schar ist gerade beim Sport. Hier gilt es, den Körper aufzulockern und auszugleichen, ihn beweglich zu machen und aus jeder Verkrampfung, die die oft einseitige Berufsarbeit mit sich bringt, zu lösen. Spiele bringen auch in diese oft ungewohnte und ermüdende Bewegung wieder Auflockerung und Freude. Die vierte Schar treffen wir im Funksaal; die Jungen sitzen mit Kopfhörern an ihren Tischen und schreiben die gehörten Morsezeichen flink nach. Aus ihren Reihen soll das Heer seine Funker und die Luftwaffe ihre Bordfunker erhalten. Wir sehen drüben von Maurach eine Gruppe von Jungen auf ihren kleinen flinken Motorrädern die Straße entlang flitzen und immer näher kommen. Auch sie haben die Stunden vergessen, in denen sie im Saal sitzend, die Eingeweide eines Kraftwagens, die Arbeitsweise der verschiedenen Motore und die Verkehrsregeln lernen mußten. Dies alles aber gehört zu einem zünftigen späteren Kra[ftra]d-Melder.

Beim Mittagessen sitzen wir mit den Ausbildern beisammen. Sie kommen größtenteils aus den Reihen der Hitler-Jugend, sind alte Führer, die nicht das erste Mal mit den Jungen zusammenkommen. Der Lagerführer ist ein HJ.-Führer, der als Offizier drüben im Osten stand und die reichen Erfahrungen des Frontkämpfers mitbringt. Die übrigen Ausbilder wurden von der Wehrmacht hierher kommandiert, weil sie zufolge ihrer Verwundungen nicht mehr an der Front stehen können. Alle von ihnen tragen Auszeichnungen, das Sturmabzeichen, einige das Eiserne Kreuz erster Klasse. Sie sind eine festgefügte Kameradschaft, die nur ein Ziel kennt, das Ziel des gesamten Lagers: die Jungen so auszubilden, daß aus ihnen einmal der Soldatentyp geformt werden kann, der den Ostkämpfer kennzeichnet, Soldaten, die den Kampf nicht scheuen und sich gegen jeden Ansturm zu behaupten vermögen.“

Der Sport gehörte zu den Grundsäulen im Aktivitätenprogramm der Hitler-Jugend. Zum Ansporn von Leistung und Ehrgeiz der Jugendlichen wurden regelmäßig Wettkämpfe ausgetragen. Bei den Gebietsmeisterschaften zum Beispiel traten alle Banne des Gaues in verschiedenen Disziplinen, vom Schwimmen bis zur Leichtathletik, zum gemeinsamen Leistungsvergleich an. Im Frühsommer 1944 fanden diese Wettbewerbe in Dornbirn statt. Details über die Ergebnisse melden die Innsbrucker Nachrichten vom 27. Juni 1944 auf Seite 3. Zum Abschluss der Veranstaltung „traten die Wettkampfteilnehmer auf dem Zanzenberg zu einem Sonnwendappell an, wobei der Kreisleiter Pg. Mahnert in seiner Ansprache betonte, daß die deutsche Jungend am gläubigsten auf eine lichtvolle deutsche Zukunft vertrauen müsse. Hitlerjungen des Bannes Innsbruck-Stadt gestalteten im Rahmen der Sonnwendfeier ein Laienspiel Der getreue Hagen.“

Im Mittelpunkt der „Schlussveranstaltung“ stand die Rede von „Hauptbannführer“ Otto Weber, mit der er insbesondere die aus dem ganzen Gaugebiet versammelten Jugendlichen in ihrer Gefolgschaftsbereitschaft bestärkte:

„Zu der Schlußveranstaltung am Sonntagnachmittag [25. Juni 1944] waren zahlreiche Ehrengäste und Zuschauer auf den Sportplatz Birkenwiese erschienen. Neben den letzten Entscheidungen, bei denen insbesondere die Staffelwettbewerbe mit großer Spannung erwartet wurden, zeigten die Mädel Gymnastikvorführungen, Jungmädel- und Mädeltänze und zauberten ein buntes Bild auf den Platz. Sonnengebräunte Jungen zeigten eine Laufschule, fröhliche Pimpfe ihre lustige Spiele. Erstmalig zeigte die Reiter-HJ.-Ausbildungseinheit des Standortes Dornbirn ihr Können und erntete Beifall für ihre Reitervorführungen und Gymnastik zu Pferde. Mit einer Ansprache des Führers des Gebietes Tirol-Vorarlberg, Hauptbannführer Pg. Otto Weber, wurde die Veranstaltung geschlossen. Der Gebietsführer sprach den Wettkampfteilnehmern und -teilnehmerinnen für ihre ritterliche Haltung und den bewiesenen Kampfgeist seine Anerkennung aus. Er erklärte, daß es keinen besseren Beweis für die lächerliche Behauptung unserer Feinde von der moralischen Zerrüttung des deutschen Volkes geben könne, als diese Veranstaltung der Jugend, die in über tausend Jungen- und Mädelgesichtern den Zukunftsglauben der jungen deutschen Generationen unter Beweis gestellt hat. Der Gebietsführer sprach noch einmal seine Freude über die Teilnahme der Jungen und Mädel aus Südtirol aus, welche erstmalig als Gäste an den Sommerwettkämpfen des Gebietes Tirol-Vorarlberg teilgenommen hatten. Er machte weiterhin die stolze Feststellung, daß die Mehrzahl der teilnehmenden Jungen der beiden besten HJ.-Jahrgänge sich aus Kriegsfreiwilligen der Hitler-Jugend zusammensetzte. Der Gebietsführer forderte die Jungen auf, ihren Kampfgeist und Einsatzwillen nun auch weiterhin in ihren Standorten und Einheiten zu beweisen und das alte Wort wahr zu machen von der Zusammengehörigkeit des gesunden Geistes und des gesunden Körpers. Gerade die sportlich leistungsfähige Jugend müsse auch in dem politisch-weltanschaulichen Kampf unseres Volkes zum ersten Stoßtrupp gehören.

Mit dem Fahnenlied der Jugend und dem Einholen der Fahne wurden die Gebietsmeisterschaften der Hitler-Jugend 1944 von Tirol-Vorarlberg beendet.“

Der Musikzug des HJ-Bannes Innsbruck-Stadt umrahmte einen Sportabend im Großen Stadtsaal in Innsbruck, den die Gemeinschaft des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL) der Gauhauptstadt austrug. Der „NSRL-Kreisführer“ und HJ- „Bannführer“ Innsbruck-Stadt, Hermann Pepeunig, begrüßte die Gäste, unter ihnen „Sportgauführer Regierungsrat Pg.“ Margreiter, worauf ein buntes Programm sportlicher und kultureller Vorführungen folgte (Innsbrucker Nachrichten vom 2. Mai 1944, Seite 5):

„[…] Es war eine wirklich herzerquickende Schau, so viele gesunde, blühende Jugend in Uebungen zu sehen, die bei den Mädeln geschmeidige Anmut wie vollendete Körperbeherrschung, bei den Jungen und Männern Kraft und Mut in schwierigen Uebungen zeigten, wie sie erst nach zähem Ueben in solcher scheinbar spielerischer Selbstverständlichkeit ausgeführt werden können […].

Auch die Frauen und Mädchen, die unter O. Apprich mit der Gauvorführungstruppe Schwaben Keulen und Ballspielvorführungen sowie Volkstänze zeigten, wobei einfache, aber durch Schnitt und Farbe wirkungsvolle Kleidung den schönen Eindruck vollendeter Harmonie der Bewegung und spielerischer Körperbeherrschung noch unterstrichen, stehen tagsüber im Beruf und widmen nur ihre Feierabende der Leibeserziehung, üben selbst und lehren die Kameradinnen der Turnhallen und des Sportplatzes. Unter den Männern, von denen die meisten jetzt ja in den Reihen der Wehrmacht stehen, muß vor allem ein Turner hervorgehoben werden, der sich trotz amputierten Beines auf den Barren schwang und eine tadellos durchgefeilte Uebung zeigte, die mit der Waage endete, also einem turnerischen Meisterstück. Dieser tapfere Soldat war allen Zuschauern ein Beispiel dafür, wie eiserner Wille sogar schwere körperliche Hemmung zu überwinden vermag; ehrfurchtsvolle Bewunderung bedankte seinen Einsatz für die Werbung zu allgemeinen Breitenarbeit im Dienste der Leibeserziehung. Nicht unerwähnt seien auch die Fechter, die dem noch etwas volksfremden edlen Sport des Kampfes mit Säbel und Florett neue Freunde gewannen.

Den Höhepunkt des schwungvollen Abends bildete die Ehrung der Sieger des Staffellaufes Rund um die Altstadt […]. Jedenfalls ist dieser erste Sportabend nach langer Pause als voller Erfolg und verheißungsvoller Auftakt zu weiterer Breitenarbeit im Dienst der Leibesertüchtigung zu werten […].“

Um den Jugendlichen die Teilnahme an Sportwettkämpfen zu ermöglichen, wurden für eine allfällige Befreiung hierzu vom Schulunterricht Richtlinien erstellt. In den Innsbrucker Nachrichten vom 25. Jänner 1944 sind auf Seite 3 diese Bestimmungen angeführt, wobei in die besondere Bedeutung des Leistungssports in der HJ-Erziehungsarbeit ausdrücklich hervorgehoben ist:

„Im Interesse, einerseits einer Konzentration der Schulerziehung, andererseits der erforderlichen Befreiungen für Zwecke der HJ., hat der Reichserziehungsminister im Einvernehmen mit dem Reichsjugendführer eine Regelung getroffen. Danach sind Beurlaubungen vom Schulunterricht für Zwecke der Hitler-Jugend nur zulässig im Rahmen der vom Reichserziehungsminister erteilten Ermächtigung. Hiernach kann Urlaub erteilt werden: 1. Zur Teilnahme an Führerschulungslehrgängen, die in einer Führerschule oder einem Führerlager der HJ. veranstaltet werden; 2. zur Teilnahme an Wehrertüchtigungslagern; 3. zum Einsatz als Lagermannschaftsführer oder Lagermädelführerin bei der Kinderlandverschickung und 4. zur Teilnahme an vom Reichserziehungsminister genehmigten Konzertreisen.

In Einzelfällen ist beantragt worden, Schüler und Schülerinnen wegen ihrer hervorragenden sportlichen Leistungen zur Teilnahme an den alljährlichen Bann-, Gebiets- und Reichsmeisterschaftskämpfen sowie Spitzenlehrgängen der Reichsleistungsgruppen zu beurlauben. Angesichts der Bedeutung des Leistungssportes für die Erziehungsaufgabe der Hitler-Jugend erklärt sich der Minister damit einverstanden, daß Schüler und Schülerinnen auf Antrag der zuständigen Gebietsführung zur aktiven Teilnahme an diesen Kämpfen vom Schulunterreicht beurlaubt werden, wenn ihre Schulleistungen zu Bedenken keinen Anlaß geben. Die Schüler von Berufsschulen dürfen in diesen Fällen nur beurlaubt werden, wenn auch der Betriebsführer sie beurlaubt. In allen Fällen entscheiden schulische Gesichtspunkte.“

Unter dem Motto Höchste Leistung unser Ziel stand der Kriegsberufswettkampf der schaffenden Jugend im Winter 1944 in Innsbruck. Vom „Eröffnungsappell“ und der Intention dieser Veranstaltung informieren die Innsbrucker Nachrichten vom 3. Februar 1944, Seite 3:

„In einem feierlichen Appell wurde in Innsbruck der Kriegsberufswettkampf der schaffenden Jugend im Gau Tirol-Vorarlberg eröffnet. Nach der Flaggenhissung nahmen die Lehrlinge, Junghelfer und Jungwerker mit ihren Ausbildungsleitern und Prüfern in der Halle einer Lehrwerkstätte Aufstellung. An der Eröffnung nahmen der Führer des HJ.-Gebietes, Hauptbannführer Pg. Otto Weber, der Gauobmann der Deutschen Arbeitsfront, Oberbereichsleiter Pg. Gieselbrecht, der Gaubeauftragte für den Kriegsberufswettkampf, Oberstammführer Pg. Zettel und der Führer des Bannes Innsbruck-Stadt, Oberstammführer Pg. [Hermann] Pepeunig teil.

Hauptbannführer Weber wies in seiner Eröffnungsansprache auf die Notwendigkeit höchster Leistungen auf allen Arbeitsplätzen zur Erringung des Endsieges hin. Er betonte, daß die Hitler-Jugend einst in der Kampfzeit aus der freiwilligen Einsatzbereitschaft der deutschen Jugend entstanden ist und daß die freiwillige Kampf- und Leistungsbereitschaft auch heute zu den hervorragendsten Eigenschafen unserer jungen Generation gehören muß. Dem bolschewistischen Terror der Vernichtung und der Knebelung der Persönlichkeit wollen wir die Begeisterungsfähigkeit und den nationalsozialistischen Einsatzwillen des deutschen Volkes entgegenhalten. Aufgabe des Reichberufswettkampfes ist, die Leistungsfähigkeit und den Arbeitswillen der deutschen Jugend vor den ganzen Volk und aller Welt zu bekunden.“

„Gauobmann Pg. Gieselbrecht […] bezeichnete den Kriegsberufswettkampf als einen Beweis unseres sozialistischen Willens und erklärte, daß gerade diese Maßnahme mit dazu beitragen soll, die besten und tüchtigsten Jungen des deutschen Volkes herauszufinden und ihnen alle Möglichkeiten des sozialen Aufstieges zu bieten.“

Die Feierstunde, die eine Stärkung der jugendlichen Begeisterungsfähigkeit und der Propaganda intendierte, schloss mit dem üblichen „Sieg-Heil!“ auf den „Führer“ und den „Liedern der Nation“.

Über den „Wettkampf“-Ablauf erfahren wir aus den Innsbrucker Nachrichten (3. 2. 1944, S. 3):

„In zahlreichen Wettkampforten des Gaues werden nun in den nächsten Tagen Jungarbeiter und Jungarbeiterinnen zum friedlichen Wettkampf antreten und ihren Willen beweisen, der Parole, die der Führer selbst in seinem Aufruf zum Kriegsberufswettkampf gegeben hat, zu folgen.

Den Aufgaben unserer Kriegswirtschaft gemäß werden im allgemeinen Arbeiten produktiver Art im Rahmen des Wettkampfes hergestellt. Dem Wettkampf in den Betrieben wird sodann der für unseren Gau ebenfalls besonders wichtige Wettkampf der bäuerlichen Jugend folgen.“

Von der Eröffnung des Schwazer Berufswettkampfes berichten die Innsbrucker Nachrichten vom 11. Februar 1944 auf Seite 3:

„Im Rahmen einer Feierstunde wurde im Gefolgschaftssaal der Tabakwerke Schwaz der Reichsberufswettkampf für den Kreis Schwaz durch den Kreisleiter Pg. Aichholzer eröffnet. Der Kreisleiter sprach zur angetretenen Jugend über den Zweck und die Ziele des Berufswettkampfes und über die Bedeutung und den Wert der zu erringenden Auszeichnungen. Nach Bekanntgabe der Wettkampfbedingungen und der Einteilung in die verschiedenen Gruppen durch den kommissarischen Kreiswalter der DAF., Pg. Kuprian, wurden die Prüfungen mit der Beantwortung weltanschaulicher Fragen eingeleitet.“

Der Berufswettkampf ging mit einer festlichen Veranstaltung zu Ende, die von diversen Ansprachen begleitet, der Siegerehrung galt (Innsbrucker Nachrichten vom 24. März 1944, Seite 3):

„Mit einer wirkungsvollen Feierstunde beging die NSDAP. am Mittwochnachmittag [22. März 1944] in Innsbruck den Abschluß des Kriegsberufswettkampfes im Gau Tirol-Vorarlberg. Der Kreisleiter Parteigenosse Dr. Primbs nahm in Vertretung und im Auftrag des dienstlich in der Operationszone Alpenvorland weilenden Gauleiters an der Veranstaltung teil. Weiter waren der Gauobmann der Deutschen Arbeitsfront, Oberbereichsleiter Pg. Giselbrecht [Gieselbrecht], Politische Leiter des Gaustabes der NSDAP., der Führer des HJ.-Gebietes, Hauptbannführer Pg. Weber, die Gebietsmädelführerin Pgn. Mignon, der Präsident des Gauarbeitsamtes Pg. Peckert, der Präsident des Reichspostdirektion Pg. Damrau und weitere Vertreter aus Partei und Staat zugegen.

Nach einem Fanfarenruf, dem Einleitungsspruch und einem gemeinsamen Lied eröffnete Oberstammführer Pg. Zettel die Kundgebung als Abschluß der zweiten Stufe des Reichsberufswettkampfes mit dem Hinweis auf den großen Erfolg, der sich darin ausprägt, daß die Zahl der Teilnehmer am Gauberufswettkampf von 1939 bis 1944 von 2.000 auf rund 14.000 gestiegen ist. Dieser Fortschritt steigt im Wert durch die Tatsache, daß er im fünften Kriegsjahr erzielt wurde. Besondere Anerkennung sprach Pg. Zettel den zahlreichen ehrenamtlichen Wettkampfleitern aus, die nicht zuletzt die Abwicklung des Wettkampfes trotz der vielfachen kriegsbedingten Schwierigkeiten ermöglicht haben. Die Jugend hat sich dieser Leistungsprüfung mit frohem Herzen, mit Disziplin und Eifer und – was ihren Leistungswillen besonders bezeugt – ohne jeden Zwang auf der Grundlage voller Freiwilligkeit unterzogen.

Kreisleiter Pg. Primbs überbrachte sodann die Grüße des Gauleiters […].

Die Sieger im Gauberufswettkampf wurden hierauf von Pg. Zettel vorgerufen, wobei ihre Prüfungsergebnisse bekanntgegeben wurden. Der Kreisleiter beglückwünschte sie namens des Gauleiters einzeln durch Handschlag. Die Führerehrung beschloß sodann die Kundgebung.“

Um den Jugendlichen die Maßnahmen des „totalen Kriegseinsatzes“ zu erklären und sie dafür zu animieren, wurden Ende August 1944 im Gaugebiet entsprechende Appelle abgehalten, bei denen Parteifunktionäre als überzeugende Redner auftraten.

„In der vergangenen Woche wurden im gesamten Gaugebiet die Appelle der schaffenden Jugend, der Tag der berufstätigen Mädel und Appelle für die betrieblichen Führungskräfte durchgeführt. Die Durchführung lag in den Händen der Hitler-Jugend und der Jungenddienststellen der Deutschen Arbeitsfront. Die Reichsredner Oberbannführer Dr. Lange, Gauhauptstellenleiter Pg. Penkert, Oberbannführer Oesterle und der Gaujugendwalter, Bannführer Zettel, haben in ihren Ausführungen der schaffenden Jugend hinsichtlich ihrer Haltung und ihrer Leistung im totalen Kriegseinsatz grundlegende Richtlinien vermittelt.“

Zur Vorgangsweise der Initiative wird festgestellt:

„Der schaffenden Jugend muß die besondere Sorge der Partei und der in ihrem Auftrag tätigen Dienststellen der Hitler-Jugend und der Deutschen Arbeitsfront gelten, um ihre Leistung zu erhalten und zu steigern, ihre berufliche und charakterliche Ausbildung zu sichern und die Gefahren, die mit mangelhafter Beaufsichtigung und Lenkung verbunden sind, auszuschalten.“

Die Kriegsfreiwilligen der HJ werden zum Vorbild erklärt:

„Die Jugend, die in den Reihen der Division Hitler-Jugend und im Verbande anderer Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS vor dem Feind im Felde steht, ist das Vorbild der männlichen Jugend in der Heimat, die am Arbeitsplatz ihre Pflicht erfüllt, bis sie durch freiwillige Meldung zum Waffendienst Gelegenheit findet, auch an der Front die Treue zu Führer und zu ihren Kameraden zu bewähren, die Treue, die der Leitgedanke abgelaufener Appelle war.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 29. August 1944, Seite 3).

Wie in den vergangen Jahren veranstaltete die HJ 1944 wieder einen Weihnachtsverkauf selbst verfertigter Spielzeuge. Der Weihnachtsmarkt in Innsbruck Ecke Herzog-Friedrich-Straße wurde von BDM-Mädchen zugunsten des Kriegswinterhilfswerks betrieben und war mit Spielzeug aller Art bestückt:

„Aus den Heimen der Innsbrucker Hitler-Jugend und aus den Lagern der Kinderlandverschickung von St. Anton her, aus Seefeld, Nauders, Mayrhofen sind hier 30.000 Spielwaren zusammengekommen, ausgesägte, gemalte Tierchen, rote Stoffmäuse mit phantastischen grünen Augen, hübsche farbige Wollbälle, kleine hölzerne Tanks, Lastwagen, Lokomotiven. Viele kleine Puppenmütter haben mit geschickten Händen Südtiroler Holzpuppen lustig angezogen, haben aus Türkenflitschen kleine Bettchen geflochten, haben sie mit Kissen ausgepolstert und in hölzerne Wiegen Herzen und andere Muster eingebrannt […].“ (Innsbrucker Nachrichten vom 7. Dezember 1944, Seite 3).

Vom Weihnachtsmarkt der Hitler-Jugend in Kufstein informiert das Tiroler Volksblatt vom 13. Dezember 1944 auf Seite 3:

„Auch heuer haben seit Wochen Jungen und Pimpfe, Mädel und Jungmädel aller Standorte der Hitler-Jugend gebastelt, damit auch zur sechsten Kriegsweihnacht jedes Kind ein sauber gebasteltes Spielzeug bekommen kann. Schon in den Sommerlagern wurde gesägt, geschmirgelt und lackiert, wurden Näharbeiten von den Mädeln gemacht, Türkenpratschen gezopft und Holzpuppen angekleidet. All die von unseren Jungen und Mädeln hergestellten vielfältigen bunten Herrlichkeiten werden an diesem Wochenende auf Weihnachtsmärkten der Hitler-Jugend verkauft.

In Kufstein verkaufen die Mädel das von ihnen hergestellte Spielzeug am Samstag, dem 16. Dezember, von 8 bis 10 Uhr an den Ständen auf dem Adolf-Hitler-Platz, vor der Volksschule in der Kinkstraße und auf dem Franz-Josefs-Platz. Die Jungen geben das von ihnen angefertigte Spielzeug in der Fischhandlung Andreas Hofer auf den Platz der SA. ab, und zwar Samstag, den 16. Dezember von 8 bis 12 Uhr, und Sonntag, den 17. Dezember, von 8 bis 11 Uhr.

Das Spielzeug wird nur gegen einen Berechtigungsschein verkauft, der gegen Vorweis der Kinderkleiderkarte in der HJ.-Bannführung (derzeit im Hause der Kreisleitung, 1.St.) schon jetzt ausgegeben wird.

Weitere Weihnachtsmärkte der Hitler-Jugend des Bannes Kufstein werden Samstag, den 16. Dezember, in den Standorten Breitenbach, Brixlegg, Häring, Kirchbichl, Kramsach, Kundl, Rattenberg und Wörgl abgehalten. In diesen Standorten wird das Spielzeug an die dort wohnenden Volksgenossen gegen Abstempelung der Kinderkleiderkarte verkauft.“

Offenbar hatte der Zuspruch für diese Aktion im Vergleich zu früheren Jahren abgenommen, sodass ein weiterer, zeitlich sehr ausgedehnter Verkaufstermin angehängt wurde. Zusätzlich sah man die Erleichterung vor, dass das Spielzeug nun auch ohne Berechtigungsschein zu erwerben war:

„Der Weihnachtsmarkt der Hitler-Jugend am vergangenen Wochenende in Kufstein und in mehreren Ortsgruppen des Kreisgebietes wurde von den Eltern mit großer Freude besucht. Bei den Verkaufsständen und in den Verkaufslokalen lagen mehrere tausend Spielzeuge, die von Hitlerjungen und Pimpfen, Mädel[n] und Jungmädel[n] in vielwöchiger Arbeit als Weihnachtsgeschenk für unsere Kleinen angefertigt wurden. Unsere Hitler-Jugend hat damit den Eltern, die auch zur 6. Kriegsweihnacht ihre Kinder mit gutem Spielzeug erfreuen wollen, eine der vielen kleinen Sorgen genommen, die wir in uns tragen, wenn wir einander über die Schwere der Zeit hinweghelfen. Kinder können sich nicht mit dem guten Willen allein begnügen, sie wollen Spielzeug und andere Geschenke haben, und so half eben die Hitler-Jugend, diesen Wunsch der Kinder zu erfüllen.

Das Spielzeug ist gediegene Handarbeit […].

Ein weiterer Verkauf von Spielzeug durch die Hitler-Jugend findet in Kufstein Mittwoch, den 20. Dezember, von 8 bis 16 Uhr in der Fischhandlung Andreas Hofer auf dem Platz der SA. statt. Das Spielzeug wird diesmal auch ohne Berechtigungsscheine verkauft.“ (Tiroler Volksblatt vom 18. Dezember 1944, Seite 3).


Details zu Organisation, Funktion und Wirken der Hitler-Jugend


Volksbildungsstätte Innsbruck

Im Jahr 1944 setzte die Volksbildungsstätte Innsbruck unter der engagierten Leitung von Dr. Ehrentraut Straffner-Pickl ihre Tätigkeit mit Vorträgen, Arbeitskreisen und kulturellen Veranstaltungen zu lokaler und ideologiegerechter Thematik fort. In den Innsbrucker Nachrichtenvom 29. Jänner 1944 brachte Ehrentraut Straffner-Pickl auf Seite 5 eine Vorschau über die geplanten Arbeitsgemeinschaften, die sich vor allem der deutschen Philosophie und Literatur sowie der Astronomie widmeten:

„Mit Mitte Februar beginnt in der Volksbildungsstätte Innsbruck wieder eine Reihe von Arbeitsgemeinschaften, in denen an Hand fortlaufender Vorträge und anschließender Aussprachen Fragen erörtert werden, denen allgemeine oder besondere kulturelle Bedeutung beigemessen werden kann. Am Freitag, den 11. Februar, beginnt im Kinosaal des Städtischen Verkehrsamtes die bereits für den Herbst angekündigte Arbeitsgemeinschaft des Kreisschulungsleiters von Garmisch-Partenkirchen, Werner Schumitz, Das Erbgut in unseren deutschen Märchen, die sechs Abende umfassen wird. Am darauffolgenden Montag, den 14. Februar, beginnt der Professor der Deutschen Alpenuniversität Innsbruck, Dr. Walter Schulze-Soelde, der sich mit einem Vortrag J. G. Fichte und wir bestens eingeführt hat, mit einer achtstündigen Arbeitsgemeinschaft Schein und Sein in der Philosophie des 19. Jahrhunderts’, in der die Persönlichkeiten und die Systeme der großen Philosophen dieses Zeitraumes, vor allem Schopenhauers und Nietzsches, besprochen werden sollen.

In das Gebiet der Literatur- und Kulturgeschichte führt eine weitere, von Professor Dr. Moritz Enzinger geleitete Arbeitsgemeinschaft, in der an Hand von Lichtbildern Das klassische Drama und das Volksstück in Wien besprochen werden sollen. Für eine astronomische Arbeitsgemeinschaft konnte weiterhin Dr. Rudolf Potzdena, Klosterneuburg, gewonnen werden. Dr. Potzdena wird an Hand von zahlreichen Lichtbildern eine Uebersicht über die neuesten Ergebnisse der Erforschung des nächtlichen Sternenhimmels geben, wobei er nicht versäumen wird, bei geeigneter Witterung der Arbeitsgemeinschaft auch Beobachtungsgänge einzugliedern. Die Arbeitsgemeinschaft wird allabendlich vom 28. Februar bis 3. März durchgeführt werden.“

Einführungsvorträge für die im Rahmen der kulturellen Veranstaltungen um das 7. Landesschießen eröffnete Ausstellung Wehr und Waffen aus Tirols Vorzeit veranstaltete die Volksbildungsstätte Anfang Juni 1944. Die Referenten waren Professor Dr. Leonhard Franz von der Deutschen Alpenuniversität Innsbruck mit dem die Ideologie hofierenden Thema Ein altgermanisches Heldenvolk in Italien und Dr. Georg Innerebner aus Bozen, der über Wallburgen in Südtirol informierte. Marie Randolf berichtet dazu in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juli 1944, Seite 5:

„[…] Die Sonderschau zeigt an Hand von Waffenfunden, Wehranlagen und anderen Zeugen aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit, in welch hohem Maße die Bewohner unseres Berglandes stets auch wehrhafte Menschen waren. Die artbedingte Anlage scheint durch den Charakter der Landschaft gesteigert. Professor Dr. Franz gab zunächst einen kurzen Abriß der Siedlungsgeschichte des Alpenraumes bis zur Landnahme durch Germanen, um dann ausführlich von den Goten als dem edelsten aller Germanenstämme zu sprechen, deren Reich zur Zeit der höchsten Macht vom Süden her bis in die Zillertaler Alpen reichte. Glänzende Waffentaten wie hohe Staats- und Verwaltungskunst vermochten den Untergang des herrlichen Heldenvolkes nicht zu bannen, weil ihm die stete Erneuerung aus gesundem Bauerntum fehlte. Das Ziel seiner besten Männer aber, voran des großen Theoderich, die germanischen Völker des Kontinents zu einen, wurde durch die Jahrhunderte herauf immer wieder von weitblickenden Männern versucht, um erst heute durch den Führer Wirklichkeit zu werden.

Dr. Georg Innerebner berichtete von den vielen Resten alter Wallburgen, der befestigten Wohnsitze der Urbewohner des Landes, vor allem in den Tälern des Eisack, der Rienz und der Etsch, die uns ein gutes Bild von den damaligen Lebensformen, nicht zuletzt von der Wehrhaftigkeit der Menschen geben. Zu einer wunderbaren Heimatschau wurden dann die im Farblichtbild gezeigten Aufnahmen solcher alter Wohnstätten, an deren Stelle sich heute gar oft ein stolzes Schloß erhebt, uns allen wohl bekannt und vertraut als Wahrzeichen ihrer Landschaft. Beiden Vortragenden wurde für ihre gehaltvollen Darlegungen der herzliche Beifall der zahlreichen Zuhörer dargebracht.“

Beliebte Veranstaltungen der Volksbildungsstätte waren national betonte Lesungen mit Lyrik und musikalischem Begleitprogramm. Unter dem Motto Wir singen und sagen… fand ein solcher Abend Ende Februar 1944 statt:

„Ein vielversprechender Titel, der einen schönen Gedanken barg: Balladen und Musik deutscher Meister, dargeboten von zwei heimischen Künstlerinnen, der Pianistin Herta Reiß und der Sprecherin Ines Buschek, stand über dem Abend, den die Volksbildungsstätte vor kurzem im Claudiasaal veranstaltete.

Sein fein aufeinander abgestimmtes Vortragsprogramm führte – abwechselnd mit meisterlich gespieltem Beethoven und Liszt – von Goethe über Fontane, Uhland und anderen Meistern der deutschen Ballade zu Agnes Miegel, deren kraftvoller und mitreißender ostpreußischer Schicksalsgesang Ueber der Weichsel… der Gestaltungskraft sowie dem gut tragenden, nur ein wenig spröden Organ der Sprecherin am besten gelang.“ (Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nachrichten vom 25. Februar 1944, Seite 4).

Ein ähnliches Konzept, doch mit betont lokaler Attitüde enthielt eine Lesung der Heimatdichterin Anni Kraus, deren eindrückliche literarische Stimmungsbilder durch Farblichtbilder verstärkt wurden und so zusammen eine Apotheose von Heimat vermittelten. Hildegard Ostheimer schreibt (Innsbrucker Nachrichten vom 24. Juni 1944, Seite 5):

„Mit diesem ihrem vorletzten Abend des heurigen Veranstaltungsjahres am Donnerstag im Claudiasaal hat die Volksbildungsstätte Innsbruck ihrer leider kleinen, aber eifrigen Gemeinde noch ein selten geschlossenes, schönes und liebenswertes Erlebnis bereitet – einen stillen Abend der Heimat, die in feinsinnig aufeinander abgestimmten Wort und Bild sich den Zuhörern und -schauern in all ihrer wunderbaren und oft ungekannten Herrlichkeit und Innigkeit erschloß. Begleitet und immer wieder abgelöst von oft zauberhaft schönen Farblichtbildern Walter Rüfs las nämlich die beliebte Heimatdichterin Anni Kraus eine Reihe ihrer schönsten Mundartgedichte, die kernhaft und fröhlich, warm und besinnlich, sofort den Weg in die Herzen der Hörer fanden. Besonders der tosende, schäumende Wildbach, die zarten Frühlingsgedichte und vor allem die Kinder der schmunzelnden heiteren Muse, wie Der Fluach, Der Löffel und der Butterknollen wurden mit viel Beifall bedankt, während von den in bunter Reihe den Ablauf des Jahres folgenden Bildern die wundersamen Berg- und Abendstimmungen vor allem begeisterte Bewunderung ernteten.“

Am 80. Todestag des Lyrikers Hermann von Gilm erinnerte die Volksbildungsstätte Ende Mai mit einer Gilm-Gedenkstunde. Karl Paulin sprach über Leben und Werk des Lyrikers:
„Volkstümlich und schlicht, doch plastisch gezeichnet, erstand so seinen Hörern das Bild des zarten, liebenden Lyrikers, des brausenden, revolutionären Feuergeistes, der mit seinen Kampfliedern an den Gitterstäben des vormärzlichen Oesterreich rüttelt, und endlich des Naturfreundes und begeisterten Heimatsängers, aber auch des glücklich-unglücklichen Menschen Gilm, in dessen Schicksal die Not seines Berufes nicht an Bitternis sparte.“

Karl Paulin rezitierte auch Proben aus dem Werk des Dichters. Thora Hauck-Sandbichler, am Klavier begleitet von Toni Brixa, brachte jene Lieder zum Vortrag, die Richard Strauss nach Gedichten von Hermann von Gilm vertont hatte.

„Eine Anzahl meist unbekannter, sehr interessanter Lichtbilder bereicherte den Abend, der seinen Besuchern als ein schönes und eindrucksvolles Erlebnis in Erinnerung bleiben wird.“ (Hildegard Ostheimer in den Innsbrucker Nahrichten vom 25. Mai 1944, Seite 4).

„Neue Wege zum Erleben unserer Bergheimat“ eröffnete ein Lichtbildervortag von Dr. Volkmar Vareschi, den dieser am 1. Februar 1944 im Claudiasaal hielt. „Der junge Innsbrucker Naturforscher hat durch seine bisherigen Veröffentlichungen und Vorträge sich bei allen Freunden der Natur und ihrer geistvollen Deutung derart eingeführt, daß ein Vareschi-Abend jede Erwartung rechtfertigt“, urteilt Karl Paulin in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Februar 1944, Seite 4. „Wir hätten auch keinen besseren Begleiter finden können als diesen Denker und Forscher, der seine Erkenntnisse mit dichterischer Schöpferkraft sprachlich formt, der aber auch ein Pfadfinder in die innersten Bezirke des Lebens und Erlebens ist, der es mit hinreißender Wortkunst versteht, uns durch die Kraft seiner Persönlichkeit in den Bann seines durchaus eigenen Schauens und Deutens zu zwingen […].“

Einen heiteren Akzent im zumeist nüchtern sachlich den Anforderungen der Parteivorgaben entsprechendem Programm der Volksbildung setzte Ende April ein Abend des Frohsinns mit Albert Herzog:

„Wer hat sie nicht schon vernommen, diese bajuwarisch gefärbte, gemütliche Stimme zwischen 11 und 12 Uhr im Münchner Rundfunk? Diesmal sprach Dr. Albert Herzog, den Innsbruckern schon längst kein Fremder mehr, in der Volksbildungsstätte Innsbruck und seine zahlreich erschienenen Zuhörer folgten seinen Plaudereien mit vergnügtem Schmunzeln. Versteht er es doch, wie kaum ein Zweiter, Ernstes und Heiteres, Histörchen und Schelmenstücke in solch scharmanter Weise zu mischen und zu kredenzen, daß er die Lacher auf seiner Seite hat.“ (Nellie Porten in den Innsbrucker Nachrichten vom 29. April 1944, Seite 3).

Für ihren Auftritt am 18. April 1944 im Claudiasaal wählte die Innsbrucker Sprecherin Maria Riha unter dem Motto Menschen und Mächte ein anspruchsvolles Programm. „Der Abend beginnt mit der in eigentümlicher Weise Süße und Heroismus mischenden Weise von Liebeund Tod des Cornetts Rainer Maria Rilke. Es folgen im zweiten Teile ausgewählte Gedichte und Monologe. Wir hören u. a. von Goethe die Grenzen der Menschheit, den Totentanz und das Parzenlied aus Iphigenie, von Schiller die Kassandra, ferner den großen Schlußmonolog aus Grillparzers Sappho und den Monolog der Brunhild aus Hebbels Nibelungen sowie ausgewählte Gedichte von Agnes Miegel und Lulu Strauß-Torney, von Kolbenheyer, Münchhausen, Hebbel und Herder.“ (Vorschau von Ehrentraud Straffner-Pickl in den Innsbrucker Nachrichten vom 15. April 1944, Seite 5).


Deutsche Alpenuniversität Innsbruck

Die Universität hatte sich in der ganzen Machtperiode der NS-Herrschaft als treuer und engagierter Begleiter der Ideologie erwiesen. Sie setzte in Zusammenarbeit mit der Volksbildungsstätte Innsbruck die 1943 wieder aufgenommenen Volkstümlichen Universitätsvorträge fort. Die Innsbrucker Nachrichten vom 27. Jänner 1944 bringen dazu auf Seite 3 eine Vorschau:

„Montag, den 31. Jänner, beginnt die deutsche Alpenuniversität Innsbruck die zweite Reihe ihrer im Rahmen der Volksbildungsstätte Innsbruck durchgeführten Volkstümlichen Vorträge mit einem Abend des bekannten Südamerikaforschers Prof. Dr. Hans Krieg, München: Als Zoologe im Herzen Südamerikas, in dem auch eine Reihe von Lichtbildern und Filmen gezeigt wird. Diesem ersten Abend folgen sechs weitere, in denen sprechen werden: Prof. Dr. Harald Steinacker über Erbe und Schicksal, Geschichte der deutschen Volkwerdung am 2. Februar, Prof. Dr. Theodor Erismann über Psychologie der Masse am 14. Februar, Prof. Dr. Moritz Enzinger über Adalbert Stifter in einem Lichtbildervortrag am 21. Februar, Dozent Dr. Harald Fischer über Neue Ergebnisse der Sonnenforschung zu Lichtbildern und Filmen am 28. Februar, Prof. Dr. Wilhelm Götsch, Breslau, über Aus dem Leben der Ameisen zu Lichtbildern und Filmen am 6. März und Dozent Dr. Hans Franke über Krankheit und Kultur im Leben der Völker am 13. März.“

In Rahmen dieser volkstümlichen Universitätsvorträge würdigte Dozent Dr. Herbert Seidler am 23. Oktober 1944 Erwin Guido Kolbenheyer, eine Ikone nationalsozialistischer Literatur, die in zahlreichen Reden und Schriften den Nationalsozialismus glorifiziert hatte und von Adolf Hitler 1944 in seine Liste der „Gottbegnadeten“ aufgenommen wurde. Der Referent „umgrenzte […] das Werk eines Dichters, das gerade in dem gegenwärtigen schweren Kampf unseres Volkes um Sein oder Nichtsein durch die aufbauende, lebensstärkenden Kräfte, die in ihm enthalten sind, besondere Bedeutung gewinnt. Es war das Werk E. G. Kolbenheyers, der nicht nur als Dichter, sondern auch als Denker wesentlich am Aufbau des neuen Deutschland mitgewirkt hat […].

Als Sohn eines Architekten weiß Kolbenheyer mit ererbtem Formensinn seine klaren und geraden Gedanken auch in eine klar und bewußt gestaltete Form zu gießen. Diese Fähigkeit wies Dr. Seidler an dem zwingenden, bis zum Ende unerhört spannungsvollen Aufbau des Dramas Gregor und Heinrich nach. Er besprach ferner auch Kolbenheyers sprachkünstlerische Möglichkeiten, durch die er den Geist einer Zeit, eines Menschen in seinem Werk zwar nicht buchstabengetreu, aber lebenswahr in der Wirkung wiederzugeben versucht und so wie im Paracelsus und in der Uebersetzung des Ackermann aus Böhmen mit überzeugender Wirkung. Dem Vortragenden wurde herzlich für seine Ausführungen gedankt.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 25. Oktober 1944, Seite 4).

Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Heinrich Hammer informierte im Großen Saal der alten Universitätsbibliothek im Rahmen der volkstümlichen Universitätsvorträge über Die Kunst der alten Germanen. Karl Paulin berichtet in den Innsbrucker Nachrichten vom 22. November 1944, Seite 4:

„Ausgehend von der Tatsache, daß das humanistische Bildungsideal wohl Kenntnisse der klassischen, griechischen und römischen Kunst, aber kaum solche unserer eigenen Nation vermittelt, wies der Vortragende an der Hand zahlreicher Lichtbilder auf die ältesten Spuren der vor- und frühgeschichtlichen Kunst der Germanen mit besonderer Berücksichtigung ihrer Urheimat an der Nord- und Ostsee hin […].

Professor Dr. Hammer verweilte eingehend bei der kunstgeschichtlichen Erklärung des ornamentalen Schmuckes, der an Geräten, Waffen und Kleinodien der alten Germanen sich findet, und verwob auch interessante volkskundliche und völkergeschichtliche Momente in seine Ausführungen […].“

Am 7. Februar 1944 hielt der ehemalige Rektor der Deutschen Alpenuniversität Innsbruck Prof. Dr. Harold Steinacker einen Vortrag, der sich, die NS-Ideologie durch wissenschaftliche Expertise und Autorität untermauernd, mit dem Thema Erbe und Schicksal – Geschichte der deutschen Volk[s]werdung beschäftigte. Marie Randolf bringt in den Innsbrucker Nachrichten vom 9. Februar 1944 auf Seite 4 eine Zusammenfassung der ideologiegerechten Argumentation:

„[…] Er zeigte den Rhythmus der biologischen wie der geistigen Entwicklung, kennzeichnete die regelnde Kraft der Volksordnung wie die Wesensprägung und Formung unserer Volkspersönlichkeit, die erst in unserer Zeit aus vollem Erkennen der Gesetze des Lebens willensmäßig gelenkt wird. Die Volk[s]art zu erhalten, sie immer reiner und tiefer auszuprägen, ist die hohe Aufgabe. Der Vermassung der Welt stellen wir die bewußte Pflege der Volkspersönlichkeit mit allen ihren Konsequenzen als Weltprinzip gegenüber. Mag auch Erbe Schicksal sein, entscheidet ein Volk doch aus eigener Entschlußkraft zwischen den Möglichkeiten, die seiner Art und seinem geschichtlichen Erbe gegeben sind und behauptet sich gegen das von außen kommende Schicksal. Und das sind die großen Stunden unserer Geschichte, wenn der Wille zum Leben im Gleichklang des deutschen Herzens Gestalt wird in einem mächtigen Einzelwillen, wenn ein Führer ersteht, in dem alle Deutschen das Hochbild ihres Wesens erkennen, dessen Wille mit dem ihren zusammenwächst und dessen Kraft sie vervielfältigen durch ihre Treue, wie wir es in Adolf Hitler erleben. Der Vortrag Prof. Dr. Steinackers war für seine Zuhörer das dankbar aufgenommene, zukunftbejahende Erlebnis deutschen Wesens, wie es nur der klärende Geist des Gelehrten aus den Wirrnissen schier unübersehbarer Einzelgeschehnisse und Entwicklungen herauszuschälen vermag.“

Professoren der Universität traten auch mit programmatisch exponierten Vorträgen der Ideologie im Rahmen einer Führertagung der SA-Gruppe Alpenland auf. Diese Ausführungen von Seiten anerkannter Wissenschaftler sollten Thesen der Ideologie erklären und bestätigen (InnsbruckerNachrichten vom 15. Jänner 1944, Seite 4):

„Der Führer der SA.-Gruppe Alpenland, Gruppenführer Dittler, befahl die Führer der Brigaden und Standarten zu Beginn des neuen Jahres zu einer richtungsgebenden Tagung auf die Gauschulungsburg Werfen. An der Tagung nahmen als Gäste u. a. auch Vertreter der Gauschulungsämter der Gaue Tirol-Vorarlberg, Oberdonau und Salzburg sowie eine Reihe von z. V.-Führern der Gruppe teil […].

Die Vorträge des Leiters des Gauamtes für Rassenpolitik im Gau Tirol-Vorarlberg, Hauptsturmführer Professor Dr. Mathis, über Die biologischen Grundlagen unserer Weltanschauung und des Parteigenossen Professor Dr. Miltner – beide von der Universität Innsbruck – überWeltherrschaftsdenken und Volkstum weiteten in großer und vertiefender Schau den Blick für die revolutionierende Wende unserer Zeit. Sie zeigten die völlige Uebereinstimmung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse mit dem Leitgedanken nationalsozialistischer Weltanschauung und festigten mit dem starken seelischen Auftrieb, den sie vermittelten, den Willen zur Lösung aller Aufgaben, die Kampf und Schicksal unserem Volke jetzt und künftig auferlegen […].

Am 24. Februar 1944 fand im Sitzungssaal der Universität die Trauerfeier für den an der Ostfront gefallenen Professor Dr. Reinald Hoops statt, der dem Lehrkörper als ordentlicher Professor für englische Philologie angehört hatte. In den Innsbrucker Nachrichten vom 25. Jänner 1944 wird auf Seite 3 das Naheverhältnis des gefallenen Professors zum NS-Regime beschrieben:

„Während eines längeren Auslandsaufenthaltes ist Pg. Dr. Hoops aus tiefinnerster Ueberzeugung in die Reihen der nationalsozialistischen Bewegung getreten und hat sich als SS-Untersturmführer, als Leiter der kulturwissenschaftlichen Fachschaft, als Stützpunktleiter des Auslandsamtes der Deutschen Studentenschaft und durch seine Mitarbeit im NSD.-Dozentenbund durch hohe Pflichterfüllung und vorbildliche weltanschauliche Haltung aufs höchste bewährt.“

An der Trauerfeier nahm demnach von politischer Seite der Stellvertretende Gauleiter „Befehlsleiter“ Herbert Parson teil. „Die vom Collegium Musicum musikalisch umrahmte Feier“ wurde „mit ehrenden Gedenkworten“ des Rektors Professor Dr. Raimund von Klebelsberg eröffnet, „worauf der Gaudozentenführer, Obergemeinschaftsleiter Pg. Dr. Machek, des Toten als Kämpfers und nationalsozialistischen Aktivisten, als treuen, immer hilfsbereiten Kameraden gedachte.“

Für den verstorbenen Professor Dr. Siegmund von Schumacher, der 24 Jahr lang als Universitätsprofessor in Innsbruck wirkte, erschien in den Innsbrucker Nachrichten vom 9. Juni 1944 auf Seite 3 ein Nachruf. Besondere Erwähnung findet dabei seine Affinität zum Nationalsozialismus: „In der Zeit unserer nationalen Wiedergeburt wurde Prof. Schumacher ein Gefolgsmann des Führers und bewährte sich als solcher auch in schwerer Zeit. Seine aufrechte, überzeugungstreue Haltung veranlaßte die österreichische Systemregierung, ihn 1937 vorzeitig in den Ruhestand zu versetzten […].“

Die schon traditionell in der Aula der Universität veranstalteten hellenischen Abende der Freunde des Gymnasiums, bei denen die herausragenden Leistungen der griechischen Antike mit dem Deutschtum in Zusammenhang gebracht wurden, fanden auch 1944 mit Vorträgen und Vorführungen ihre konsequente Fortsetzung. Ende Mai gab Prorektor Professor Dr. Lefsky zu einer Lesung von Ausschnitten aus Homers Odyssee durch Schauspieldirektor Siegfried Süßenguth grundsätzliche Erläuterungen anhand eines Einführungsvortrages (Innsbrucker Nachrichten vom 26. Mai 1944, Seite 3):

„[…] Es war ein Abend, der ganz im Bann eines der Unsterblichen der Weltliteratur stand, dessen schöpferischer Atem über die Jahrtausende hinweg den deutschen Geist immer wieder zu innerster Teilnahme bewegt. Aus dieser inneren Ergriffenheit löste sich der stürmische Beifall der besonders auch von der akademischen Jugend vollbesetzen Aula, der den Veranstaltern und den Vortragenden für ein seltenes Erlebnis dankte.“

Diese Unternehmung fand ihre Fortsetzung Ende November mit einer Lesung der Antigone von Sophokles. Hildegard Ostheimer bringt in ihrer Besprechung in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. November 1944 auf Seite 3 einleitend grundsätzliche Gedanken zur Kulturpflege in Zeiten des Kriegs und verweist auf den schon bewährten ideologischen Antagonismus von deutscher Kulturbeflissenheit und Zerstörungswut des Feindes:

„Das deutsche Volk hat den Satz, den einst ein hartes Soldatenvolk geprägt: ‚Inter arma silent musae‘ = Im Krieg schweigen die Musen – als alle anderen Beteiligten unseres heutigen Ringens sich längst zu ihm bekannten, fünf Jahre eines immer schwereren Kampfes hindurch Widerpart geboten. Dem Terror und der Kulturbarbarei der Feinde setzte es seine unbeugsamen Willen zum kulturellen Leben, sein Bekenntnis zu den ewigen Werten des inneren, geistigen Seins entgegen. Theater erhoben sich immer wieder aus dem Schutt zerstörter Städte, Konzerte erklangen in rasch verwandelten Sälen, Ausstellungen im verschiedensten Gewande erlebten kaum glaubliche Besucherzahlen. Und erst, als in der Zeit der höchsten Not an das gesamte Volk die Forderung restlosen Einsatzes herantrat, schlossen auch die deutschen Musentempel ihre Pforten aus der Einsicht des gesamten Volkes: Lieber einige Zeit kein Theater, kein Konzert, keine Veranstaltungen, als ein ganzes Leben darauf verzichten zu müssen […].

Zu diesen Erlebnissen werden wir später auch einmal jenen Abend zählen, den die Gesellschaft der Freunde des Gymnasiums zu Beginn dieses Semesters, diesmal im Beisein des Stellvertretenden Gauleiters Pg. Parson, in der Aula der Neuen Universität veranstaltet hat. Die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschtum und Antike zu pflegen und zu vertiefen, ist die Aufgabe der Vereinigung, die unter diesem Gesichtspunkt ihren Hörern schon eine Reihe eindrucksvoller Abende geschenkt hat […].

Prorektor Prof. Dr. Lesky von der Deutschen Alpenuniversität gab zu Beginn eine kurze Einführung in die Dichtung, der der Abend gewidmet war: Antigone von Sophokles. In feinsinniger, klarer Weise, wies er den Hörern den Weg in das Wesen der griechischen Schicksalstragödie, die, von anderen Voraussetzungen ausgehend als das deutsche Drama, zu ihrem vollen Verständnis auch die Sicht von einem anderen Blickpunkt aus verlangt.

Zur Lesung des Werkes selbst hatten sich, wie schon früher oft, wieder Mitglieder unseres Reichsgautheaters zur Verfügung gestellt, die – und dadurch gewann der Abend nicht zuletzt sein besonderes Gesicht – mitten aus ihren Arbeitseinsätzen heraus für wenige Stunden wieder in den Dienst der Kunst getreten waren. Durch einfühlende Wiedergabe zuchtvoll gestaltet, nahmen bald die unsterblichen Strophen des griechischen Dichters den Zuhörer gefangen. Geformt von der großartigen Plastik dieser Sprache erstand das Bild der Königsstadt Theben und ihres Herrschergeschlechtes, das der rächenden Hand seines Schicksals nicht mehr entfliehen kann. Erschütternd wirkte diese Schlußerkenntnis des Königs Kreon, gesprochen von Siegfried Süßenguth, der, wie auch alle anderen Mitwirkenden, besonders Berthe Waeber als Antigone, Hans Ulrich Bach in der schwierigen Wiedergabe des Chores, sowie Fräulein Danera und Paul Schmid, an diesem Abend sein Bestes gab.

Der Beifall des übervollen Saales dankte den Künstlern und den Veranstaltern für das seltene künstlerische Erlebnis.“

Die von Gauleiter Franz Hofer initiierten und herausgegebenen Alpenschriften bot insbesondere Professoren der Universität eine Publikationsmöglichkeit, wobei die Thematik vor allem der ideologischen Fundierung durch Erkenntnisse der Wissenschaft diente. In den Innsbrucker Nachrichten vom 11. April 1944 informiert Schriftleiter Karl Paulin seine Leser auf Seite 4 über die Neuerscheinungen:

„In der Reihe der vom Gauleiter und Reichsstatthalter herausgegebenen Alpenschriften, die neue wissenschaftliche Beiträge zur Kenntnis unserer Heimat unter Mitwirkung namhafter Fachgelehrter und Heimatforscher der Oeffentlichkeit in Buchform zugänglich machen, sind vor einiger Zeit zwei neue Bände im NS.-Gauverlag Tirol-Vorarlberg herausgekommen.

Behandelte im ersten an dieser Stelle bereits besprochenen Band der Alpenschriften Prof. Alwin Seifert Das echte Haus im Gau Tirol-Vorarlberg, so sind die neuen Bände der frühgeschichtlichen Forschung in unserem Alpenraum gewidmet. Prof. Leonhard Franz [von] der Deutschen Alpenuniversität Innsbruck bespricht in Band IV Die frühdeutschen Altertümer im Tiroler Landesmuseum Innsbruck im besonderen Hinblick auf ihre Herkunft […]. Aus der Untersuchung der Altertümer, deren wichtigste in vorzüglichen Abbildungen beigegeben sind, leitet der Verfasser den Nachweis der frühdeutschen Besiedlung unserer Heimat ab.

Band V enthält den ausführlichen Grabungsbericht Helene Miltners über Die Illyrer-Siedlungin Vill. Bekanntlich wurde schon im Jahre 1937 bei Aushubarbeiten für einen Landhausbau auf dem westlichen der beiden Viller Hügel im südlichen Innsbrucker Mittelgebirge, dem Turmbüchl, ein Skelett gefunden, dem später die Aufdeckung von Steinsetzungen folgte. Dank dem lebhaften Interesse und der tatkräftigen Förderung durch unseren Gauleiter wurden die Grabungen von der Lehrkanzel für Alte Geschichte an der Deutschen Alpenuniversität mit Hilfe einer studentischen Arbeitsgemeinschaft in den Jahren 1939 bis 1941 weitergeführt und zeitigten bedeutungsvolle Ergebnisse […].

Wesentliche Aufschlüsse siedlungsgeschichtlicher Art boten vor allem neben den Kleinfunden die elf aufgefundenen Skelette, die den Schluß zulassen, daß sie frühdeutschen, germanischen Siedlern angehörten, die nach Vertreibung der illyrischen Ureinwohner in der Siedlung hausten […].“

Mit dem Innsbrucker Universitätstag 1944 am 8. Dezember demonstrierte die Universität ihre uneingeschränkte Handlungsfähigkeit. Die Innsbrucker Nachrichten vom 11. Dezember 1944 (Seite 3) stellen propagandistisch wirkungsvoll diese wohl nicht ganz glaubwürdige Bekundung des Rektors mit der Schlagzeile „Voller Lehrbetrieb in allen Fakultäten“ an den Beginn der Berichterstattung. Teil der Zeremonie war neben dem Tätigkeitsbericht über das Studienjahr 1943/44 die Verleihung des Mozart-Preises an den Komponisten Eduard Lucerna (1869 Klagenfurt – 1944 Bozen) und den mit der nationalsozialistischen Kulturanschauung eng verbundenen Maler Hubert Lanzinger, dessen großformatiges berühmtes Bild den „Führer“ als gepanzerten Reiter darstellend, die Aula der Universität als Weihestätte der Ideologie kennzeichnete.

„Rektor Prof. Dr. [Raimund] von Klebelsberg gedachte nach der Begrüßung der Gäste vor allem unserer heldenhaften Soldaten, die durch ihren heroischen Kampf die Voraussetzungen schufen, den Studienbetrieb unserer Hochschule im vollen Maße aufrechtzuerhalten […].

Nachdem ein Vertreter des Gaustudentenführers die ideellen Aufgaben der Deutschen Studentenschaft im Krieg hervorgehoben hatte, legten die Erstimmatrikulierten das Handgelöbnis ab[…].

Mit dem Schargesang Burschen heraus! schloß der von zahlreichen Gästen besuchte Universitätstag.“

Im Zug der Mobilisierungsmaßnahmen für den totalen Kriegseinsatz wurden Regelungen getroffen, Schüler und Studenten für den Einsatz in der Rüstungsindustrie und für andere unmittelbar kriegswichtige Aufgaben einzusetzen. Unter der Schlagzeile „100.000 Schüler frei für die Rüstung“ verlautbarten die Innsbrucker Nachrichten am 8. September 1944 auf Seite 3 die entsprechenden Verordnungen:

„Wie der Reichserziehungsminister hierzu im einzelnen angeordnet hat, werden für diese Einsätze folgende Kategorien von Studenten und Schülern männlichen und weiblichen Geschlechtes bereitgestellt:

1. Alle Studentinnen und nicht der Wehrmacht angehörenden Studenten der wissenschaftlichen Hochschulen, die im Sommersemester 1944 im ersten oder zweiten oder dritten Fachsemester standen. Ausgenommen sind Studierende der Mathematik, Physik, Ballistik, Hochfrequenz- und Fernmeldetechnik.
2. Alle Studentinnen und nicht der Wehrmacht angehörenden Studenten in höheren Fachsemestern der Rechts-, Staats-, Wirtschafts- und Ausland[s]wissenschaften, der Fächer der philosophischen Fakultäten (mit Ausnahme der Naturwissenschaften), der Landwirtschaft, der Architektur und der Theologie. Ausgenommen sind Studierende, die bis 1. Mai 1945 ihre Abschlußprüfung ablegen können oder die, die nachweislich bereits im Sommersemester 1944 das Lehramt als Berufsziel hatten.
3. Alle Studentinnen und nicht der Wehrmacht angehörenden Studenten der Medizin, die im Sommersemester 1944 im vierten bis siebenten Fachsemester standen. Ausgenommen sind Studierende, die bis 1. Mai 1945 die Vorprüfung ablegen können, bis zur Beendigung der Prüfung.
Auf Kriegsversehrte finden die vorstehenden Bestimmungen keine Anwendung.
4. Die Erstimmatrikulationen werden bis auf weiteres gesperrt. Nur Versehrte, die nicht arbeitseinsatzfähig sind und beurlaubt werden oder als Lazarettinsassen Studienerlaubnis erhalten, aus der Wehrmacht entlassene Versehrte, die nicht arbeitseinsatzfähig sind und Kriegerswitwen, die nicht meldepflichtig für den Arbeitseinsatz sind, können sich noch an wissenschaftlichen Hochschulen immatrikulieren.
5. Für die Kunst- und Musikhochschulen erfolgen noch besondere Maßnahmen.
6. Alle Schüler und Schülerinnen der Haushaltungs-, Handels- und Wirtschaftsschulen, der höheren Handels- und Oberwirtschaftsschulen, Landes- und Gaumusikschulen, Musikschulen, Konservatorien, Berufsfachschulen für Musik und der Abteilungen für künstlerische und kunstgewerbliche Berufe an den Berufsschulen und Meisterschulen des Handwerks.
7. Die Schülerinnen der 8. Klasse der Oberschulen für Mädchen.
8. Die Schüler und Schülerinnen der Landwirtschafts-, Garten-, Obst- und Weinbauschulen werden für den Einsatz in der Landwirtschaft bereitgestellt.
9. Ueber eine Schließung oder Zusammenlegung von Schulen wird erst entschieden, nachdem der Einsatz der bereitgestellten Schüler und Lehrer erfolgt ist. Beim Einsatz wird besondere Rücksicht auf das Alter genommen. Er wird daher in erster Linie am Heimat- und Schulort erfolgen, sonst als geschlossener Einsatz mit möglichst gemeinsamer Unterbringung unter Betreuung von Schule und Hitler-Jugend erstrebt. Schüler der 8. Klasse höherer Lehranstalten, die sonst noch nicht eingesetzt sind, werden als KLV.-Lagermannschaftsführer zur Verfügung gestellt, während Schülerinnen der 7. Klassen der Oberschulen für Mädchen neben dem Schulbesuch nach Bedarf zum Sozialeinsatz, insbesondere in der NSV., herangezogen werden. Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten und Mittelschulen, die an der Schulverlegung nicht teilnahmen und zur Zeit ohne Schulunterricht sind, werden zum Arbeitseinsatz herangezogen, soweit sie im einsatzfähigen Alter sind. Alle diese Anordnungen gelten auch für das private Schulwesen.“


Literatur

Über ein „zeitgemäßes Volksstück“ des Innsbrucker Dramatikers und Juristen Rudolf Brix (1880-1953) informiert ausführlich Karl Paulin in den Innsbrucker Nachrichten vom 8. Jänner 1944, Seite 5 f. Brix thematisiert die Drastik einer extremen Entscheidungssituation in enormer dramatischer Dichte und psychologischer Durchdringung als Parabel für den Zwiespalt zwischen Elternliebe und Fortbestand des ererbten bäuerlichen Anwesens:

„Vier Söhne hat der Bauer an die Front geschickt, zwei davon, der älteste und der jüngste, sind gefallen und jetzt, im vierten Kriegsjahr, stehen die letzten beiden im Osten, der eine am Eismeer, der andere im Kaukasus. Daheim nagt die Sorge am Herzen des Vaters, der nicht nur um die Söhne, sondern auch um den Hoferben bangt. Da kommt ein Erlaß des Führers heraus, daß der letzte Sohn einer bäuerlichen Familie aus der Front gezogen wird, wenn alle seine Brüder gefallen sind. Da hakt sich wie mit Geierkrallen in die Brust des Bauern und löst einen gefährlichen Gedanken aus, der ihn nimmer los läßt. Wenns schon so ist, grübelt er, dann wäre es besser und sicherer, wenn einer von den beiden frisch fallen tät, damit der andere den Eltern und dem Hof als Letzter erhalten bleibt.

In einem Zwiegespräch mit der Bäuerin verrät der Bauer diesen Gedanken, der nun verderbenbringend durch das Haus geistert. Denn das Mutterherz der Bäuerin hat einen Riß empfangen, der nimmer zuheilt. Sie sagt es ihrem Mann ins Gesicht, daß er mit dem Gedanken einen Frevel am eigenen Blut begangen hat, indem er den Tod des eigenen Sohnes wünscht, um den anderen als Hoferben zu erhalten […]. Damit ist ein Zwiespalt ins Haus getreten, der immer weiter und tiefer um sich greift, so sehr der verständige Altbauer bemüht ist, das Unkraut auszurotten und den Sohn und die Schwiegertochter wieder zu beruhigen. Das wäre um so nötiger, als auch die Annelies im Haus ist, die Dienstmagd, die von dem einen Sohn, dem Sepp, ein Kind unter dem Herzen trägt, von dem aber der Hofbesitzer, der Bauer, noch nichts weiß […].

Aber der Gedanke des Bauern lastet wie eine dunkle Wolke über dem Haus und verschärft sich noch durch die tragische Frage, wer von den beiden Söhnen das Opfer sein sollte, damit der andere erhalten bleibe. In diese Stimmung hinein kommt zunächst Sepp auf Urlaub, erfüllt von echtem Frontgeist, aber auch von freudiger heimatseliger Erwartung, die durch das Wiedersehen mit Annelies glückhaft gehoben wird. Bald aber spürt der Urlauber, daß irgend etwas zwischen den Eltern nicht stimmt, er hört aus ihrem Zwiegespräch die Ursache, die sein gerades Gemüt zunächst nicht allzu schwer nimmt, wenn ihn auch die Schicksalsfrage des Vaters an der innersten Wurzel berührt.

Jetzt heißt es für ihn vor allem die Angelegenheit mit Annelies ins Reine zu bringen. Sepp will ihr und dem Kind Ehre und Namen geben und schreitet zur Kriegstrauung, obwohl er in einem Gespräch mit dem Vater erkennen muß, daß der Bauer in alten Vorurteilen befangen, nichts von einer Dienstmagd als Schwiegertochter wissen will.

Aber Sepp ist seiner Sache sicher, er weiß, daß Annelies den Schutz des Altbauern und der Bäuerin genießt und vollzieht seine Eheschließung auch gegen den Willen des Vaters, der grollend dem Hochzeitsmahl fernbleibt. Da will es Zufall oder Schicksal, daß zu gleicher Zeit auch Sepps Bruder Hannes auf Urlaub kommt, ahnungslos tritt er mitten in die mit Spannung erfüllte Luft des Elternhauses. Als er den Gegensatz zwischen Vater und Bruder erkennt, stellt er sich dem Vater gegenüber auf die Seite des Bruders […]. Im Gespräch mit dem Bruder offenbart sich auch ihm der Gedanke des Vaters und nun stehen die beiden Brüder unmittelbar ihrem Schicksal gegenüber.

Hannes ist im Tiefsten erschüttert und beteuert dem Bruder: ‚Sepp, wenns dich treffen sollt vor mir, i laß mich nit aus der Front herausziehen, um kein Preis!‘ Der Bruder hingegen begreift eher den Standpunkt des Vaters, dem es um den Hoferben geht.

Aufgewühlt von dieser Unterredung faßt Sepp einen heroischen Entschluß. Er geht übers Land, um für Annelies und sein Kind einen andere Heimstatt bei den Brudersleuten der Bäuerin zu suchen. Im Jagdgewand mit dem Stutzen auf der Schulter nimmt er Abschied und nur Annelies, sein junges Weib, fühlt instinktiv, daß es für immer ist. Während der Bauer darüber grollt, daß ihm mit Annelies wieder eine Arbeitskraft entzogen wird, ist Sepp nun schon drei Tage vom Haus fort und wird überall umsonst gesucht. Endlich bringt man den Vermißten mit einem Herzschuß tot auf einer Bahre […]. Sepp hat sich freiwillig zum Opfer gebracht, er hat dem Bruder den Weg freigemacht, er wollte dem Hof den einen Erben unter allen Umständen erhalten.

In der Erkenntnis dieser Tat lehnt Hannes das Opfer des Bruders ab; er selbst rückt wieder an die Front ein, denn ihn hat Sepps Opfertod enterbt. Der Hof soll auf Sepps kommendes Kind übergehen, Hannes aber bleibt, wenn ihn die Kugel verschont, als Neubauer im Osten.

Der Bauer aber greift, nach dem Zusammenbruch all seiner Hoffnungen verzweifelt nach der Hand der Schwiegertochter mit den Worten: ‚Annelies, wirst du mich jetzt auch verlassen?‘ Er wird nun froh sein müssen, wenn junges Leben das Erbe aufnimmt, das er in frevelndem Grübeln für seine eigenen Söhne verloren hat. Der Bauer selbst ist der bewegende Mittelpunkt des Geschehens, auf ihn fällt die tragische Schuld, ihn trifft auch die Sühne. Nur so ist das dramatische Geflecht des Stückes zu verstehen.

Das sind in kurzen Umrissen die Grundlinien, auf denen Rudolf Brix sein neues Volksstück Das Opfer aufbaut. Der Innsbrucker Dichter, neben Franz Kranewitter und Karl Schönherr der bedeutendste Dramatiker unserer Heimat, hat in seinem Werk jeden billigen äußeren Effekt vermieden und eine Gedankentragödie geformt, die aus volkhafter Wurzel sprießt. Aus den unzählbaren seelischen Problemen und Konflikten, die das gegenwärtige schicksalhafte Ringen in allen Bevölkerungsschichten auslöst, hat Brix einen Gedanken gehoben, der aus der Verbindung zwischen Elternliebe und Schollentreue aufkeimt und der sehr wohl in solcher oder ähnlicher tragischer Verwicklung in eine Bauernfamilie einbrechen kann. So meisterhaft der dramatische Bau ist, die dramatische Lösung mutet mehr konstruiert als psychologisch begründet an; besonders der Freitod des einen Bruder verträgt kaum eine Betrachtung vom soldatischen Standpunkt aus.

Mit plastischer Kraft sind die Charaktere geformt, der harte, eigenwillige Bauer, die seelisch tiefaufgeschürfte Bäuerin, der verständige, 80jährige Altbauer, der inmitten der Ehegatten steht, und Annelies, die in sparsamen aber herzwarmen Zügen fraulich und mütterlich gezeichnet ist. Auch das Schwierigste, die Charakterisierung der beiden Brüder, in denen sich der Konflikt tragisch auswirkt, ist dem Dichter so gelungen, daß sich das ganze Stück schon aus dem Manuskript – dem diese Ausführungen entnommen sind – zu vollem dramatischem Leben emporhebt.“

Josef Wenter, der wohl angesehenste lebende Tiroler Dramatiker, kam mit seinem Schauspiel Kaiserin Maria Theresia zu erneuten Aufführungssehren im Wiener Burgtheater, wo dieses Stück am 4. Mai 1944 Premiere hatte.

Karl Paulin schildert seine Eindrücke von diesem kulturellen Ereignis in den Innsbrucker Nachrichten vom 6. Mai 1944, Seite 5:

„[…] Wenter hob aus dem ereignisreichen langen Leben Maria Theresias nicht die Gipfeljahre der Herrscherin, auch nicht die der Kämpferin des Siebenjährigen Krieges, sondern jene Zeit, da die Kaiserin durch den Tod ihres Gemahls – Franz von Lothringen starb am 18. August 1765 plötzlich in der Innsbrucker Hofburg; unsere Triumphpforte stellt in ihrem nördlichen Skulpturenteil ein dauerndes Denkmal dieses Ereignisses dar – einen Schicksalsschlag erlitt, der ihr ganzes Leben und Wirken tief beeinflußte. In dieser Epoche wirkte sich der naturbedingte Gegensatz zwischen der alternden Kaiserin und ihrem Mitregenten und Sohn Josef II. bedeutsam aus. Dieser Konflikt bildet den dramatischen Brennpunkt des Wenterschen Schauspieles, das eigentlich, obwohl es nur den Namen der Kaiserin trägt, zwei Helden ins volle Licht stellt, Maria Theresia und Josef.

In drei Akten, gegliedert in sechs Bilder, entfaltet sich die Dichtung, die mit der eindrucksvollen Szene beginnt, da die Kaiserin den Leichnam ihres Gatten zu Schiff auf Inn und Donau nach Wien bringt. Das düstere spanische Hofzeremoniell bestimmt diesen Auftakt und läßt auch schon die elegische Grundstimmung des ganzen Stückes anklingen. Von erschütternder Wirklichkeitstreue ist die Kaiserin, von Hedwig Bleibtreus tragisch-umschatteter Kunst bis in alle Seelentiefe[n] durchleuchtet, urplötzlich aus voller Lebensfülle in den Abgrund des Alters und der Resignation gestürzt, aus dem sich erst später ihr mächtiger Wille wieder aufreckt.

Zunächst aber zieht sich die Trauernde gänzlich zurück, sie will der Krone entsagen und dem Thronerben Josef die Alleinherrschaft übertragen, so sehr ihr getreuer Staatskanzler Fürst Kaunitz, den Otto Treßler mit der geistvollen Grazie des Lebens- und Menschenkenners gestaltet, der die Dinge und Geschehnisse so durchschaut, daß er sie nicht mehr allzu ernst nimmt, und ihr Obersthofmeister Fürst Khevenhüller – Emmerich Reimers gab ihm vollendete höfische Form und selbstbewußte Männlichkeit – dagegen ankämpfen […].

In diesem Teil der Aufführung erreichte Fred Hennings als Kaiser Josef den Höhepunkt seiner Darstellung, die sich vom jovialen jugendlichen Mitregenten zum einsamen, liebesfremden ersten Diener des Staates auf eisiger Höhe wandelte, den erst die Kampfeslust und das verletzte Ehrgefühl aufglühen läßt. In der Erscheinung wirkte der Künstler so erstaunlich ähnlich, als träte er aus dem zeitgenössischen Bildnis auf die Bühne […].

Das Burgtheater, 1776 von Josef II. als Nationalbühne gegründet, wandte dem Schauspiel unter Regie Adolf Rotts die berühmte darstellerische und szenische Sorgfalt dieser Kunststätte zu. Außer den bereits genannten Darstellern hatten noch besonders Anteil am Erfolg E. Ortner-Kallina als überzarte Kaiserin Josefa, Felix Steinböck als Großherzog Leopold, Maria Mayer als Obertshofmeisterin Gräfin Daun, Paul Pranger als scharfkonturierter Pater Parhammer und Franz Herterich als soldatisch herber Feldzeugmeister Graf Lazy.

Das vollbesetzte Haus rief, nachdem Rauol Aslan für den Dichter gedankt hatte, Josef Wenter selbst immer wieder vor den Vorhang.“

Ein weiterer überregional bekannter Tiroler Literat, Josef Georg Oberkofler, wurde im Rahmen einer Veranstaltung der Kameradschaft steirischer Künstler und Kunstfreunde zu einer Dichterlesung nach Graz eingeladen. Oberkoflers bevorzugt „völkische“ Thematik in der Verherrlichung des Bauerntums veranlasste auch den steirischen Gauleiter und Reichsstatthalter Dr. Siegfried Uiberreither, daran teilzunehmen:

„Proben aus seinen Romanen Das Stierhorn, Der Bannwald und Die Flachsbraut sowie aus seinem Gedichtband Nie stirbt das Land gaben Einblick in den Schaffensweg des Dichters, der, selbst aus dem bäuerlichen Wesen erwachsen, das Leben jahrhundertealter Bauerngeschlechter nachgestaltet, erfüllt von dem tiefen Glauben an die ewige Dauer, Größe und Stärke deutschen Bauerntums. Für die unvergeßlichen Eindrücke dankten die Anwesenden dem Dichter mit ehrlichem Beifall.“ (Innsbrucker Nachrichten vom 5. Mai 1944, Seite 4).

Am 17. April 1944 feierte Josef Georg Oberkofler seinen 55. Geburtstag. Aus diesem Anlass widmete Franz Hammer an diesem Tag dem von den Nationalsozialisten überaus verehrten Dichter einen Beitrag in den Innsbrucker Nachrichten (Seite 3), worin er die Besonderheit der Thematik und Stilistik Oberkoflers deutlich herausstellt und Originalzitate des Dichters beigibt:

„[…] ‚Ein Schelm ist, wer die Sippe schmäht. Denn er zerstört, was Gott gesät.‘ Dieser Hausspruch aus dem letzten Gedichtband steht als Leitspruch über den drei großen Roman-Epen Das Stierhorn (1938), Der Bannwald (1939), Die Flachsbraut (1942) und der Erzählung Das raue Gesetz (1938) – denn immer geht es in diesen Dichtungen um uralte Bauerngeschlechter, deren Gesetz und Ordnung von einem Nachfahren gestört werden: den Zerfall heraufbeschwörend, den dann ein anderer Nachfahr[e], übermenschlich fast, durch Dienst und Opfer wieder von der Sippe wendet. Die Sprache, in der Oberkofler diese bäuerlichen Dichtungen schreibt, erinnert an alte Chroniken, ist schwer von der Kraft der Erde gesättigt und besitzt die bannende Kraft der Legende, der sich niemand zu entziehen vermag.

Jahrhundertelang schlummerte diese Kraft in den alten Tiroler Bauerngeschlechtern, bis sie nun endlich aufbrach und in einem ihrer Nachfahren beschwörende Stimme wurde. ‚Magische Namen aus heimatlicher Landschaft und Bauerngeschichte klingen in mir auf, kleine unscheinbare Worte und Begebenheiten treten plötzlich übergroß in ein fließendes Licht, Erlebnisse wandeln und formen sich, Stimmen werden laut von den Vorvätern her … Ihre Gesetze sind hart wie der Kampf um die Scholle.

Mir ist an meinem Werke kein leichteres Los beschieden als ihnen am Bauernjahr. Von diesen komme ich, und ihnen zu dienen bin ich da, wie jeder Bauer vor seinem Volke. Die Heimat als Schickung und nicht als Los aus Zufall, Wahl oder Zwang, die väterlichen Dinge als Wissen um das Schicksal der Ahnen, als Wittern ihrer Art im eigenen Blute und als Erkennen, einer aus dieser Reihe zu sein – begnadet oder bedroht – und die Sippe als urtümliche Blutsgemeinschaft sind Keim und Wurzel seines Schaffens ...‘

Obwohl der Wirklichkeit des bäuerlichen Daseins tief verhaftet – prall von Leben sind die Romane Oberkoflers ausgefüllt –, wurzelt Oberkoflers Dichtung in einem mythischen Grund – und das verleiht ihr Bedeutung und Größe weit über den Tag hinaus. Wenn einmal die Spreu vom Weizen der bäuerlichen Dichtung unserer Zeit getrennt sein wird, wird neben anderen auch Oberkoflers Werk noch bestehen.“

Julius Pohl (1869-1958), der rührige Innsbrucker Meisterdichter des Volksstücks, brachte 1944 mit Die Gabi wiederum eine Neuheit des Genres auf die Bühne. Die Uraufführung übernahm die Exl-Bühne, mit der der Pohl als ehemaliger Schauspieler und Hausdichter aufs Engste verbunden blieb:

„Julius Pohl ist mit seinen 75 Jahren ein rüstiger und rastloser Fortsetzer und Schöpfer der Volksstücktradition im Sinne Anzengrubers. Er ist kein Veteran, sondern noch immer ein Kämpfer. Jahrelang spielte er selbst bei den Exls als einer ihrer Hauptdarsteller mit. Das kommt ihm bei seinen Stücken sehr zu gute, denn da kann er seine genaue Kenntnis der Freuden und Nöte des Volkes mit den entsprechenden szenischen Wirkungen vereinen. Kam er uns sonst mehr lustig, so behandelt er diesmal in seinem Volksstück Die Gabi, das zugleich von der Exil-Bühne in Wien und im Aschaffenburger Stadttheater uraufgeführt wurde, ein ernsteres Problem, wobei er sich schließlich zu einem handfesten Rollentheater entschließt.

Die Gabi ist ein kreuzbraves Mädel, die packt fest an, hat das Herz am rechten Fleck und hält auch mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Sie ist arm, wie es sich für die Heldin eines Volksstückes gehört, aber dafür blüht und gedeiht alles, dem sie ihre gesunde Kraft leiht. Zuerst pflegt sie den schwerkranken, von den Aerzten schon aufgegebenen Bauern gesund, dann heilt sie einen komplizierten Fall von Landflucht in einer Art von Roßkur. Der Schlußpunkt der Behandlung ist natürlich die Ehe mit dem Patienten […].“ (Innsbrucker Nachrichten vom 23. Mai 1944, Seite 5).

Anfang August 1944 starb der Lyriker „Parteigenosse“ Hanns Kogler „an einer im Wehrdienst zugezogenen Krankheit im 39. Lebensjahre“ in Innsbruck:

„Hanns Kogler trat schon vor Jahren als Lyriker mit einem Bändchen Gedichte an die Oeffentlichkeit und hat sich auch als Verfasser stimmungsvoller Naturschilderungen und heimatlicher Skizzen, die zuerst in unseren Innsbrucker Nachrichten erschienen sind, sowie als Meister des Vortrages wiederholt erfolgreich betätigt. Auch als hervorragender Lichtbildner, besonders auf dem Gebiete der Farblichtbildkunst, war Kogler bekannt; er hat über eine Mittelmeerreise in Wort und Bild einen fesselnden Buchbericht herausgegeben. Mit Hanns Kogler ist eine reiche künstlerische Begabung, die sich stets auch in den Dienst der Partei gestellt hat, aus dem Leben geschieden.“ (Innsbrucker Nachrichtenvom 8. August 1944, Seite 3).

Informationen zum Buchhandel und über die Vorlieben der Leserschaft vermittelt Karl Paulin mit einem ausführlichen Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 18. März 1944 auf Seite 3. Auch diese Darstellung enthält wie selbstverständlich Elemente mit ideologischer Zweckbestimmung, besonders im Schlussabsatz, wo das Wirken des Buchhändlers als „Bannerträger der deutschen Kultur“ idealisiert und aus der Liebe des Volks zum „deutschen Buch“ die „Gewähr unzerstörbaren ewigen Lebens“ abgeleitet wird. Diese Liebe zum „deutschen“ Buch sei „ein unausrottbarer Bestandteil der deutschen Seele“:

„[…] Seit Kriegsbeginn machte sich naturgemäß allmählich eine Verknappung der Bücherbestände bemerkbar, die aber in den ersten Jahren im Buchhandel kaum fühlbar wurde. Denn die Verleger, die meist einen Teil der Auflagen ungebunden auf Lager halten, konnten aus ihren kolossalen Reserven den gesteigerten Bedarf so lange decken, als Restbestände vorhanden waren, die aufgebunden und in den Handel gebracht wurden. Erst seit die Papierbewirtschaftung eine scharfe Erfassung des Rohstoffes und strenge Regelung seiner Verwertung notwendig machte, steht auch der deutsche Büchermarkt unter den Gesetzen des Krieges.

Seither gibt es weniger Bücher, bei einem Bedarf, der ein Vielfaches der Friedenszeit ausmacht. Vor allem gilt es die geistigen Bedürfnisse unserer Wehrmacht an der Front, in Ruhestellung oder im Lazarett, zu decken. Daher wird schon an der Quelle, beim Verleger, ein bestimmter Teil der Auflage neuerscheinender Bücher für die Wehrmacht abgeschöpft und unzähligen Frontbuchhandlungen und Soldatenbibliotheken zugewiesen. Ein weiterer wesentlicher Teil der Buchauflagen ist für die öffentlichen Büchereien (Stadt-, Gemeinde-, Dorf- und Volks-Leih-Bibliotheken) bestimmt. Und erst der nun verbleibende restliche Teil der Auflagen kommt für den allgemeinen Bedarf in Frage, d[as] h[eißt], er wird dem Sortimentsbuchhandel, der den unmittelbaren Verkehr mit der Kundschaft, mit dem Lesepublikum, vermittelt, zum Vertrieb übergeben.

Der Buchhändler steht nun vor einer fast unlösbaren Aufgabe, Neuerscheinungen, von denen er dem Bedarf nach mit Leichtigkeit beispielsweise 50 Stück absetzen würde, erhält er vom Verleger im sogenannten Zuteilungsverfahren höchstens in 4 bis 5 Stück […].

Daraus entsteht nun eine eigenartige Verlagerung des Buchverkaufs. War es früher Aufgabe und Ehrgeiz eines tüchtigen Sortimenters, die Buchwünsche des Kunden zu ermitteln und bis ins Einzelne zu erfüllen, so besteht seine Kunst heute darin, die Aufmerksamkeit des Kunden auf die Lagerbestände zu lenken, in denen der Bücherfreund als Ersatz für einen unerfüllbaren Wunsch doch da und dort in den Regalen etwas für seinen Geschmack und Bedarf findet […].

Lassen sich auf diese Weise vor allem die Gelegenheitskunden noch am ehesten zufriedenstellend bedienen, so ist es schon weit schwieriger, den Wünschen der Stammkunden betreffs Zuteilung neuerscheinender Bücher gerecht zu werden. Ist beispielsweise die Zuweisung der neuen Hölderlin-Gesamtausgabe, die auch an größere Buchhandlungen nur in je einem Exemplar geliefert wird, nicht allzu schwer, da hiefür doch nur ein engerer Kreis von Interessenten in Betracht kommt, so ist die Beteilung der Stammkunden mit der neuen Wilhelm-Busch-Gesamtausgabe oder mit dem Volks-Rosegger bedeutend schwieriger. Denn für diese Autoren kommen praktisch alle Volkskreise in Betracht […].

Was verlangen heute die Bücherkäufer? Vor allem wird gute Unterhaltungsliteratur gesucht, Romane, von denen historische besonders bevorzugt werden, Klassiker, humorvolle, heitere Lektüre, die sich auch zur Versendung ins Feld eignen. Soldaten suchen vorwiegend ernsten, gediegenen, auch wissenschaftlichen Lesestoff geschichtlicher oder technischer Art. Diesen Wünschen genügen in weitgehendem Ausmaß die unzähligen Feldpostausgaben unserer wertvollsten Dichtungen. Die Jugend verlangt immer wieder Kriegsbücher, besonders Werke über unsere Flieger- und U-Boot-Helden, während der ältere Teil der Stammkundschaft seinen besonderen literarischen Wünschen treu bleibt.

Heimatliteratur steht nach wie vor im Vordergrund der Bücherwünsche. Freilich sind die meisten der beliebten Werke vergriffen und können in absehbarer Zeit kaum neu aufgelegt werden. Da begrüßen es die Freunde heimatlichen Schrifttums besonders, daß in jüngster Zeit auf Anregung unseres Gauleiters und Reichsstatthalters Franz Hofer eine neue Folge Alpenschriften, Beiträge zur Kenntnis unserer Heimat, im NS.-Gauverlag Tirol-Vorarlberg, Innsbruck, erscheint, von der bereits drei Bände vorliegen.

Bei dieser Gelegenheit verdient überhaupt die schöpferische Erzeugungskraft des deutschen Verlagsbuchhandels besondere Hervorhebung. Allen wirtschaftlichen Einschränkungen, aber auch der gelegentlichen Einwirkung feindlicher Terrorangriffe zum Trotz, sucht und findet der deutsche Verleger immer wieder Mittel und Wege, seinen Beruf, Kulturträger und Mittler des Volkes zu sein, zu betätigen. Das ist uns ein neuer untrüglicher Beweis, daß sich der deutsche Geist durch keine Gewalt beugen oder gar brechen läßt.

Die Liebe zum deutschen Buch, dem, treuesten Freund des geistigen Menschen, ist ein unausrottbarer Bestandteil der deutschen Seele. Die deutschen Buchhändler sind und bleiben die Bannerträger des deutschen Idealismus und der deutschen Kultur, die sich am schönsten und tiefsten im deutschen Buch ausprägen. Ein Volk, das seine Bücher so liebt wie das deutsche, trägt in sich die Gewähr unzerstörbaren ewigen Lebens.“

Zu Lesungen wurden von der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude in der Regel bekannte Künstler herangezogen, so zum Beispiel der Filmschauspieler Dr. Albrecht Schoenhals für einen Abend am 8. März 1944 im Großen Stadtsaal. Der Leseabend wird in den Innsbrucker Nachrichten vom 2. März 1944 auf Seite 5 angekündigt:

„[…] Der Künstler, der vorerst als Arzt wirkte, hat sich in der Folge auf Grund seiner ausgesprochenen Begabung dem Film zugewandt und wirkt nun durch die Jahre in einer Reihe deutscher Spielfilme mit, in denen er durch seine starke Persönlichkeit und durch seine warme gestaltungsfähige Sprache immer wieder zu fesseln weiß. Leider bietet sich nur selten Gelegenheit, diesen namhaften Künstler auch als Sprecher, als Gestalter lyrischer, balladesker und auch heiterer Dichtungen zu hören. Mit um so größerer Spannung kann man dem Innsbrucker Abend entgegensehen, in dem Dr. Schoenhals u[nter] a[nderem] eine Reihe z[um] T[eil] bekannter und in ihrer Bewegtheit mitreißender Dichtungen wie Goethes Prometheus, Herders Edward-Ballade oder Nietzsches An den Mistral neben Stücken von Mörike, Fontane, Rainer Maria Rilke gestalten wird. Besonderen Erfolg darf man sich wohl auch von der Wiedergabe einiger heiterer Dichtungen von Kopisch und Wilhelm Busch und von einer Märchenerzählung von Andersen erwarten. Die Sprechvorträge von Dr. Schoenhals werden von einer Reihe geschmackvoll ausgewogener Darbietungen namhafter junger Künstler umrahmt. So werden wir des Künstlers Frau, Anneliese Born, als Sprecherin im edlen Wettstreit mit ihrem Gatten erleben. Daneben hören wir dann die junge Geigerin Herta Parow mit einigen kleinen Stücken und Eva Maria Siefert als beschwingten Koloratursopran. Der Abend wird außerdem vervollständigt durch Darbietungen des Tanzpaares Mary und Nikolaus Shipoff. Am Flügel werden alle diese Solokünstler begleitet von Maria Kalamkarian.“

Hildegard Ostheimer gibt ihre Eindrücke von der Präsentation dieser bunten Lesung in den Innsbrucker Nachrichten vom 10. März 1944, Seite 4 wieder. Möglicherweise nicht zu unrecht äußert sie sich dabei kritisch über die Inkonsequenz des Programmverlaufs:

„Man hatte sich von diesem Abend eigentlich etwas anderes erwartet, womit nicht gesagt sein soll, daß man enttäuscht war. Nein, dazu ist Albrecht Schoenhals selbst ein viel zu großer Könner und mitreißender Gestalter, der, wie nur wenige, ganz in die Tiefe einer Dichtung einzudringen weiß und darum ebenso wunderbar den Ton zarter, schlichter Innigkeit wie erschütternder Dramatik und herzhaften Humors findet. So wurden im ersten Teil des Vortrages vor alle die Wiedergabe des wundersam schlichten Abendliedes von Matthias Claudius und die meisterhafte Gestaltung der Herderschen Edward-Ballade zum starken Erlebnis. Doch auch der zweite Vortragsteil, an dem die heiteren Kinder deutscher Dichtkunst in nicht minder vollendeter Darstellung zu Worte kamen, erweckte Freude.

Weniger war dies der Fall bei der nicht ganz stilgemäßen Umrahmung des Abends. Zwar wird man stets Musik als überleitende und feinsinnige Einlage an einem Dichterabend begrüßen, zwar trat mit Herta Parow (von Maria Kalamkarian mit feiner Einfühlung begleitet) eine geschickte und oft durch Sicherheit bestechende Geigerin aufs Podium – aber es war eben nicht ganz die Musik und das Spiel, die der Grundton des Abends eigentlich verlangt hätte. Dasselbe in verstärktem Ausmaß empfand man bei den Darbietungen des Tanzpaares Mary und Nikolas Shipoff.

Den letzten Teil des Abends bildeten Chansons, gesungen von der Gattin Albrecht Schoenhals’, Anneliese Born, vom Künstler selbst am Flügel begleitet. Sehr hübsch und scharmant vorgetragen, gefielen sie sehr, nur konnte auch ihre geschmackvolle Auswahl die uneinheitliche Programmgestaltung nicht restlos überbrücken.“

Am 19. Jänner 1944 war der Dichter Hans Fuhrmann Gast einer Veranstaltung der Deutschen Arbeitsfront-Deutsches Volksbildungswerk in Kufstein. Der Abend stand unter dem Thema Lachende Muse – Tolle Geschichten:

„[…] Beginnend mit Heinrich von Kleist deutete Hans Fuhrmann sorgsam gewählte Ausschnitte des Schaffens von Detlev von Liliencron, Christian Morgenstern, Wilhelm Busch, Otto Julius Bierbaum und anderen sowie zum Abschluß aus eigenen, noch unveröffentlichten Romanen. Der Künstler liest nicht vor, er deklamiert auch nicht, er plaudert mit der Wärme gemächlicher Dichtung, er rast mit dem Sturm dichterischer Leidenschaft, er stellt sich immer selbst in die von ihm zu zeichnende Gestalt […].

Aber Hans Fuhrmann ist nicht nur ein außerordentlich begabter Rezitator; seine phantasiereiche Gestaltungskraft bringt ihn auch zu schöpferischer Arbeit, deren Bild- und Gefühlsreichtum seinen inneren Humor aufstrahlen läßt, einen tieferen Sinn dem einfachen und manchmal auch verschlungenen Geschehen unterlegend.“

Hans Fuhrmann las aus seinen Werken Antike heiter und Intrigen, nichts als Intrigen.

„Dem Künstler schlug am Schluß dieses Abends langanhaltender, herzlicher Beifall entgegen, den Wunsch ausdrückend, Hans Fuhrmann möge uns recht bald wieder mit seiner Kunst beschenken.“ (Josef Heitzinger im Tiroler Volksblatt vom 21. Jänner 1944, Seite 3).


Bildende Kunst und Ausstellungen

Wie in den vergangenen Jahren bildete die mit dem Landesschießen verbundene Gaukunstausstellung den Höhepunkt in der Demonstration von Gefolgschaftsverhalten der Tiroler Künstlerschaft. Explizit betonte diese enge ideologische Bindung der Tiroler Künstler Gauleiter Franz Hofer in seiner Festrede zur Eröffnung der Ausstellung, indem er ausführte, dass sich die Künstler mit ihrer Beteiligung, „jeder einzeln und in ihrer Gesamtheit zum Glauben an Deutschland und an seinen Endsieg bekannt“ haben. Aus diesem Grund trägt auch der Bericht von der Ausstellungseröffnung in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juli 1944, Seite 4 f., die bezeichnende Überschrift: „Bekenntnis der Künstler zum Siege“. Gauleiter Hofer hob hervor, dass sich die Künstler nun geschlossen auch den stilistischen Erwartungen der Ideologie gefügt hätten und so eine „feste Kameradschaft entstanden“ sei. Nicht mehr Einzelinteressen stünden im Vordergrund, sondern die Erfüllung der „Gemeinschaftsaufgabe“ nach Grundsätzen der Partei. Alle diese über die Presse verbreiteten Darstellungen hatten natürlich propagandistische Effizienz, indem die Tiroler Künstlerschaft als sozial exponierter Teil der Gesellschaft in ihrer treuen Ideologieverbundenheit als Ideal instrumentalisiert wurde:

„In den Räumen des Tiroler Landesmuseums eröffnete am Samstagvormittag Gauleiter Hofer die Gaukunstausstellung 1944 und gleichzeitig die Sonderausstellung Wehr und Waffen ausTirols Vorzeit. Im Mittelpunkt der feierlichen Eröffnung stand die Rede des Gauleiters, in der er in grundlegenden Ausführungen auf die kulturpolitische und wehrpolitische Bedeutung des deutschen Grenzraumes im Süden des Reiches einging. Schon dieser Auftakt zu den Rahmenveranstaltungen des 7. Landesschießens vermittelte demnach starke Eindrücke von den Zusammenhängen, die jede geistige und kulturelle Leistung unserer Tage unlöslich mit dem Geschehen verknüpft, das über das Schicksal unseres großdeutschen Vaterlandes und unserer engeren Heimat entscheidet.

Schon der erste Blick in die Ausstellungsräume ließ bei vergleichender Erinnerung an die Gaukunstausstellungen früherer Jahre eine erhebliche Verbesserung des künstlerischen Wertes des Ausstellungsgutes erkennen. Diese Tatsache, die auch mit einer Erhöhung der Zahl der ausgestellten Werke verbunden ist, hob der Gaupropagandaleiter und Landeskulturwalter Pg. [Karl] Margreiter, in seinen Einleitungsworten hervor. Pg. Margreiter gedachte ferner der seit der letzten Gaukunstausstellung verstorbenen Künstler Pg. Sepp Ringel und Pg. Boresch, deren Tod menschlich und für das Kunstschaffen des Gaues einen schmerzlichen Verlust bedeutet.

Gauleiter Hofer gab in seiner Rede seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß es trotz der sehr großen kriegsbedingten Schwierigkeiten möglich war, auch heuer wieder, wie es bereits zur Tradition geworden ist, diese Ausstellung aufzubauen und ihre Eröffnung wieder in den Rahmen des Landesschießens einzufügen. Als besonders begrüßenswert bezeichnete er die neuerliche Teilnahme zahlreicher Künstler aus dem Gebiet südlich des Brenners, die nun erstmalig mit ihrem Schaffen unter dem Schutz des Reiches stehen, und wies auf die kulturpolitischen Zusammenhänge hin, die sich aus dem gegenwärtigen und vergangenen Kunstschaffen dieses Gebietes ergeben.

Die Gaukunstausstellung 1944 weist – so führte der Gauleiter weiter aus – eine Beschickung auf, wie noch keine vor ihr. Sie erbringt damit den Nachweis, daß in der Künstlerschaft des Gaues die Fähigkeit entstanden ist, trotz entstandener Lücken enger zusammenzurücken und ihren Schaffenserfolg zu steigern. Die Künstler im Gau Tirol-Vorarlberg und in der Provinz Bozen haben sich zu einem festen Block zusammengeschlossen. Bei der ersten Gaukunstausstellung gab es noch zahlreiche, nach Gebieten und künstlerischen Anschauungen aufgespaltete Gruppen; daß dieser Zustand beseitigt und eine große, festgefügte Kameradschaft entstanden ist, hat sich in erfreulicher Weise schon in jährlich gesteigerter Form beim Zusammentritt des Schiedsgerichtes gezeigt, wo nicht mehr Einzelinteressen vertreten wurden, sondern wahre Freunde der Kunst eine Gemeinschaftsaufgabe erfüllt haben. In diesem Zusammenhang würdigte der Gauleiter besonders die Wirksamkeit des Landesleiters Prof. [Max von] Esterle, der seit Jahren unter Hinansetzung jeder Rücksicht auf seine eigene Person trotz seiner mehr als siebzig Jahre unermüdlich daran gearbeitet hat, die einzelnen Künstler aus ihrer Vereinsamung herauszuführen zur Gemeinschaft und den geistigen und örtlichen Separatismus früherer Zeiten zu beseitigen, wobei er von seinen Berufskameraden, den Parteigenossen Bartle Kleber, Prof. [Rudolf] Bartsch, [Ernst] Nepo, [Wilhelm] Prachensky und vielen anderen verständnisvoll und erfolgreich unterstützt wurde. So sind in der Künstlerschaft des Gaues Tirol-Vorarlberg eine klare Grundhaltung, ein klares Maß und eine breite Basis entstanden, auf der weiterzubauen unsere vornehmste Aufgabe nach dem Siege sein wird.

Aber noch eine besondere zeitgebundene Bedeutung dieser Ausstellung stellte Gauleiter Hofer in seinen folgenden Ausführungen unmißverständlich und nachdrücklich heraus; die Künstler, die hier beteiligt sind, haben sich, jeder einzeln und in ihrer Gesamtheit zum Glauben an Deutschland und an seinen Endsieg bekannt. Durch ihre Beteiligung an dieser Veranstaltung in einer Stadt, die bereits die Verheerungen des Luftkrieges über sich ergehen lassen mußte, haben sie mitgeholfen an einer Demonstration kampftrotzigen Siegeswillens und haben sich dadurch als deutsche Männer bewährt, die sich durch keine Gefahr davon abhalten lassen, ihre Bereitschaft zur Mitarbeit am kulturellen Aufbau unseres engeren und des gesamtdeutschen Lebensraumes öffentlich zu bekunden.

Entschlossene Zusammenballung aller Kräfte zu diesem Aufbau soll auch fernerhin das Kennzeichen unserer Arbeit sein!

In weiteren Verlauf seiner Ausführungen ging der Gauleiter sodann auf die Sonderschau Wehr und Waffen aus Tirols Vorzeit ein und bezeichnete diese als eine Fortentwicklung der im Vorjahr gezeigten verschiedenen Ausstellungen, welche die wehrpolitische und siedlungsgeschichtliche Entwicklung unserer engeren Heimat anschaulich gemacht haben. Nach den bekannten politischen und militärischen Ereignissen des Vorjahres im Süden bieten die historischen Verhältnisse im Alpenraum neues und erhöhtes Interesse; diese Ausstellung läßt die Wehrhaftigkeit dieses Raumes schon in vorgeschichtlicher Zeit erkennen.

Abschließend ging der Gauleiter noch auf die Beziehungen zwischen der wehrhaften Vergangenheit, der kampferfüllten Gegenwart und dem künstlerischen Schaffen unserer Heimat ein und bezeichnete es als Aufgabe der Kunst, in schöpferischer Phantasie diesem Geschehen künstlerischen Ausdruck zu verleihen. In diesem Geiste haben sich in Zeiten der Not die Künstler gesammelt und gefunden.

An die Eröffnung schloß sich ein Rundgang des Gauleiters und seiner Gäste durch die Räume der Ausstellung an.“

Näheres zur Ausstellung hatten die Innsbrucker Nachrichten vom 1. Juli 1944 auf Seite 6 vorab mitgeteilt:

„Heimatliche Kunst blüht auch im 5. Kriegsjahr […]. Ein Reichtum und eine Vielfalt der Kunstwerke […] tritt uns entgegen, der alle bisherigen Ausstellungen übertrifft […]. Vielleicht ist dieser überraschende Gesamteindruck auch dadurch bedingt, daß heuer zum erstenmal die Säle des Landesmuseums als Ausstellungsräume gewählt wurden […].

Während die Gau-Kunstausstellung von 1942 365 Kunstwerke aufwies und die von 1943 387, umfaßt die gegenwärtige Gau-Kunstausstellung 485 Werke, zeigt also fast um hundert Werke mehr als die des Vorjahres. Diese Steigerung drückt sich auch in der Zahl der an der Ausstellung beteiligten Künstler aus, die 133 Namen gegenüber 120 im Vorjahr aufweist. Daß diese relativ hohe Beteiligungszahl trotz vieler Einberufungen von Künstlern zur Wehrmacht – wobei allerdings auch viele Künstler im Soldatenrock unter den Ausstellern sich befinden – erreicht werden konnte, ist wohl der sicherste Beweis für die schöpferische Triebkraft, die in den Künstlern unseres Gaues und denen aus Südtirol lebt und sich durch keinerlei zeit- und kriegsbedingte Hemmungen einschränken läßt. Dabei darf nicht vergessen werden, daß beinahe doppelt soviel Kunstwerke eingesendet worden sind, als heute in der Ausstellung aufscheinen. Die Jury hat daraus eine sorgfältige Auswahl getroffen, aber auch die künstlerische Qualität der ausgeschiedenen Werke ist im Durchschnitt wesentlich höher als in früheren Jahren.

Zur Ausschmückung der Musterschau für bodenständiges Wohnen in den Räumen der alten Universitätsbibliothek ist auch ein kleinerer Teil der Kunstwerke verwendet worden.“


Gaukunst Ausstellung 1944 Ausstellungskatalog

Über die nachfolgende Eröffnung der Lehr- und Musterschau für bodenständiges Wohnen informieren die Innsbrucker Nachrichten vom 3. Juli 1944, Seite 5. Mit dieser Schau sollten die Besucher, doch ebenso die Handwerker mit den Vorstellungen von nationalsozialistischer Wohnkultur vertraut gemacht werden. Anhand der ausgestellten Objekte wurden die stilistisch adäquaten Modelle vorgeführt, gleichzeitig Fehler in der Bearbeitung oder Materialauswahl aufgezeigt. Ideologische Zielvorstellung war es, der Bevölkerung, wie in nahezu allen Bereichen der Volkskultur, eine frei von individueller Gestaltungsmöglichkeit einheitliche Geschmacksvorgabe aufzuzwingen, die sich allein an überkommenen, vorwiegend aus bäuerlicher Tradition stammenden Stilmerkmalen orientierte:

"Die Lehr- und Musterschau für bodenständiges Wohnen ist heuer in der alten Universitätsbibliothek untergebracht, wo Gauleiter Hofer mit seinen Gästen am späteren Vormittag eintraf. Der Gaupropagandaleiter, Pg. Margreiter, sprach auch hier die Eröffnungsworte, in denen er besonders auf die persönliche Initiative des Gauleiters hinwies, der das Zustandekommen dieser Ausstellung im 5. Kriegsjahr zu verdanken sei.

Gauleiter Hofer leitete seine Eröffnungsansprache mit der Feststellung ein, daß die Lehr- und Musterschau, wenn auch in kleinerem Maßstab als im Vorjahr, so doch nach bewährten gleichgebliebenen Grundsätzen und durch Ausstellung der Spitzenleistungen gestaltet wurde. Sie ist in handwerklicher Hinsicht und in der Ausrichtung neuerdings besser geworden. Mit Hinweisen auf den Verfall des Handwerkes, der jahrzehntelang anhielt, verband der Gauleiter Feststellungen über die kulturpolitische Tragweite des Aufbaues einer gediegenen Handwerkskunst im Grenzlande, und zwar auf den bäuerlichen Grundformen als tragenden Pfeiler, wobei gerade im Kriege die Sicherstellung eines brauchbaren und leistungsfähigen Nachwuchses, auf die Erhaltung des Formgefühls und der Handfertigkeit der größte Wert gelegt werden muß.

Die Lehr- und Musterschau der vergangenen Jahre und in neuerdings erhöhtem Maße die heurige lassen erkennen, daß sich ein Kreis von Meistern des Tischlerhandwerks herausgebildet hat, die nicht nur die eigene Leistung, sondern auch als Vorbild und tätige Wanderprediger auf diesem Wege voranschreiten. Die Liste der Preisträger ist ein Namensverzeichnis ehrlichen, sauberen Schaffens in schwerster Zeit, die Schau selbst ein Rechenschaftsbericht über ein Jahr schwerer, erfolgreicher Arbeit. Neben dem Gestalter der Schau, Pg. Markus Bachmann, nannte der Gauleiter in diesem Zusammenhang die Namen Norer, Spechtenhauser, Torggler, Tschofen, Salzmann, Seeber, die sich durch Streben nach Leistungsverbesserung und Ideenfreudigkeit auszeichnen. Die guten alten und bereits bewährten Namen sind auch heuer wieder bereichert worden durch neue, vor allem aus der Provinz Bozen, wobei besonders auf die Fachschule für Holzbearbeitung in Cortina-Hayden [Cortina d'Ampezzo] hinzuweisen ist. Die Berufskameraden, die südlich des Brenners zu Hause sind, sind nun mit ungehemmter Kraft in unser Schaffen und in unseren Kampf eingerückt.

Aus dem Sinngehalt der Bezeichnung Lehr- und Musterschau erläuterte der Gauleiter ferner die Schlußfolgerung, daß es sich hier nicht um eine gewöhnliche Möbelausstellung handelt, sondern um ein Gemeinschaftsunternehmen im Dienste des gesamten Handwerks, woraus sich auch der bewährte und demgemäß beibehaltene Grundsatz der öffentlichen Beurteilung jeder einzelnen Arbeit ergibt. Der kameradschaftliche Austausch von Kenntnissen und Erfahrungen, den diese Lehr- und Musterschau vermittelt, soll aber nicht nur auf einen einzelnen Handwerkszweig beschränkt bleiben, sondern über alle Berufs- und Altersschichten ausgeweitet werden. Jeder Beruf soll die Sorgen des anderen, der Städter die Arbeit und die Lebensform des Bauern und umgekehrt kennen und verstehen, jeder soll von jedem anderen das Entscheidende wissen. Dann wird es uns gelingen, auf allen Gebieten zielbewußte und klare Arbeit zu leisten zur Stärkung und Sicherung des Südraumes für unser Großdeutschland.

In diesem Zusammenhang gesehen, vermitteln uns die Arbeiten der Lehr- und Musterschau, in der so viel Freizeit und Nachtarbeit von Meistern und Gesellen steckt, ein anschauliches Bild unserer Eigenart und schärfen unseren Blick dafür ebenso, wie bei den Trachten, beim Volkslied und anderen Zweigen der Brauchtumspflege. Solcher Anschauungsunterricht soll jeden von uns dazu erziehen, Urteilsfähigkeit und Formgefühl zu gewinnen. Hinsichtlich der Bauformen z. B. hat der Krieg im Zusammenhang mit der Einschränkung der Bautätigkeit auch sein Gutes, da er uns Zeit zur Besinnung gegeben und manche Bausünde verhindert hat, die sonst im Verlauf einer allzu hastigen Bautätigkeit vielleicht unterlaufen wäre.

Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, wissen die Meister und Gesellen unseres Handwerks, wofür sie schaffen. Sie sollen helfen, dem Alpenraum sein eigenes Gesicht zu bewahren, wie es dem Wehrbauerngeschlecht an der Südgrenze des Reiches angemessen ist und sollen damit als Bannerträger der Leistung und Gesinnung die Kräfte sammeln, die wir einst vonnöten haben werden, wenn wir nach dem Sieg an der Besiedlung der neuen Ostmarken des Reiches teilhaben, diese mit unserem Formwillen erfüllen und durch bodenverwurzelte Leistungen eines starken Bauerntums sichern und erhalten wollen.

Für die Leistung und Gesinnung, die in der Lehr- und Musterschau zum Ausdruck kommt, sprach der Gauleiter den Meistern und Gesellen Dank und Anerkennung aus. Auch dieser Leistungs- und Rechenschaftsbericht, so betonte er abschließend, sei trotz aller Belastungen und Gefahren zustande gekommen, weil wir alle an einen Führer und an seinen Sieg im deutschen Schicksalsringen glauben. In das begeistert aufgenommene Sieg-Heil auf den Führer klangen die Worte des Gauleiters aus."


Lehr- und Musterschau 1944


Markus Bachmann, der Gestalter der Lehr- und Musterschau, teilt in den Innsbrucker Nachrichten vom 25. Juli 1944 auf Seite 3 die hauptsächlichen Gründe für diese primär kulturpolitische Initiative mit:

„…So dient die Lehr- und Musterschau nicht allein der Erziehung der Tischler, sondern auch dem Schutz der Volksgenossen vor nicht ganz einwandfreien Möbeln. Und wenn auch die ausgestellten Möbel als Schulbeispiele nicht käuflich sind, so ist es doch das ureigenste Interesse eines jeden Volksgenossen, sich durch die Lehr- und Musterschau darüber aufklären zu lassen, was unserer Heimat gemäß ist und für die Zukunft als handwerklich gediegen angesprochen werden kann.

Nicht der Möbelhändler soll künftig den möbelsuchenden Volksgenossen nach seinen Verkaufswünschen beeinflussen, sondern der Käufer muß, von gesundem Gefühl und geschultem Blick geleitet, dem Händler wie dem Tischler sagen können, was für sein Wohngebiet bodenständig ist. Wenn der Volksgenosse auch einmal durch die erzieherische Wirkung der Lehr- und Musterschau so weit gebracht worden ist, dann wird es sich der Möbelhändler sehr überlegen, etwas anderes herstellen zu lassen, als das, was den einzelnen Gebieten des Gaugebietes zusteht. Auch der Möbelhändler hat für die Zukunft die Verpflichtung, nicht allein dem Gelderfolg nachzujagen, sondern auch an der Wiederherstellung und Verbesserung unserer heimatlichen Wohnkultur mitzuarbeiten.

Nicht zuletzt möge die Lehr- und Musterschau alle Besucher einmal darüber nachdenken lassen, welche Wohnordnung in der Stube die behaglichere ist, die germanisch-deutsche, also ländliche mit der Eckbank oder die städtische mit dem in die Mitte des Raumes gestellten Tisch und den übrigen ‚neuzeitlichen‘ Zutaten. Wer allerdings die aus Sippen- und Gemeinschaftsgeist geborenen Grundsätze des bäuerlichen Wohnens nicht fühlt und nicht begreift, dem kann nicht geholfen werden. Jedenfalls ist dieser Volksgenosse den anderen gegenüber um vieles ärmer.“

Am 21. März 1944 verstarb in Innsbruck der vor allem durch seine zahlreiche Fresken an öffentlichen und privaten Bauten bekannte Künstler Sepp Ringel. Die Innsbrucker Nachrichten vom 23. März 1944 bringen auf Seite 3 einen Nachruf (signiert „P.“), der auf die enge Verflochtenheit des Malers mit NS-Kulturbestrebungen eingeht:

„In seiner Heimatstadt Innsbruck ist am 21. d[ieses] M[onats März 1944] Kunstmaler Sepp Ringel im 40. Lebensjahre einem schweren Leiden erlegen. Eine der tüchtigsten Begabungen aus den Reihen der jüngeren Tiroler Künstlerschaft ist damit viel zu früh aus reichem Schaffen gerissen worden.

Schon von Jugend auf wandte sich Sepp Ringel mit großem Eifer der bildenden Kunst zu, in der er das, was er erreicht hat, weit mehr dem eigenen unablässigen Streben, als schulmäßiger Unterweisung zu verdanken hatte. Zuerst trat der junge Künstler mit graphischen Arbeiten hervor, mit Holzschnitten, die in der gediegenen technischen Durchführung den soliden handwerklichen Grund aufzeigten, in der Wahl der Motive aber schon den volksverbundenen, mit reicher Phantasie ausgestatteten Zeichner und Maler erkennen ließen. In der Welt der deutschen Volksmärchen versenkte sich Ringel und schuf daraus einige seiner schönsten Holzschnitte, z. B. den Rattenfänger, Die sieben Schwaben. Sehr regte ihn auch Ibsens Peer Gynt an, aus dessen mythischen Szenen Ringel ebenfalls mehrere Arbeiten schöpfte. Auch als Illustrator ist Ringel wiederholt hervorgetreten und hat jeder sich bietenden Aufgabe seine starke Einfühlung, seine künstlerische Gediegenheit, sein tiefes Gemüt und seinen feinen Humor gewidmet.

Mit dem Umbruch des Jahres 1938 brach auch für den Künstler Sepp Ringel eine neue Zeit an. Mit jugendlicher Begeisterung wandte er sich den neuen Kulturaufgaben Großdeutschlands zu, an denen er im Rahmen seiner Heimat mit allen Kräften arbeitete. In diesen Jahren entwickelte sich aus dem Graphiker der Maler, der in verschiedenen Oelgemälden seine ungewöhnliche Volksverbundenheit bekundete, die ihn dann auch für freskale Aufgaben wie geschaffen erscheinen ließen. So entstanden hauptsächlich in Innsbruck eine Reihe von Fresken, in denen Sepp Ringel seinen eigenen Stil fand. Ringels Fresken schmücken z. B. den Gemeinschaftssaal im Landhauserweiterungsbau, mehrere Häuserfronten und zwei Innsbrucker Lichtspieltheater. Eine seiner letzten Arbeiten war die Ausmalung der Laurin-Lichtspiele mit Fresken aus der Sage des Zwergenkönigs Laurin.

Neben seiner künstlerischen Betätigung war Sepp Ringel als Mitarbeiter von Prof. Esterle mit vorbildlichem Gemeinsinn überall dort am Werk, wo es galt, die Interessen der Künstlerschaft zu fördern, besonders bei der mühevollen Gestaltung unserer alljährlichen Gau-Kunstausstellungen. Seine bescheidene, liebenswürdige Art machte Sepp Ringel in allen Kreisen, besonders bei seinen engeren Berufskameraden beliebt, die nun, da eine tückische Krankheit sein Leben so früh abgeschlossen hat, den Künstler und Menschen, seine Treue zur Heimat und zum gemeinsamen kulturellen Schaffen, nie vergessen werden.“

Zum 50. Todestag des aus Nauders gebürtigen Historienmalers Karl von Blaas (1815-1894) veröffentlichten die Innsbrucker Nachrichten vom 21. März 1944 auf Seite 4 eine kurze Würdigung seines Schaffens, wobei betont wurde, dass „seine Kunst den Freiheitskampf von 1809 verherrlicht. Im [Tiroler] Landesmuseum befindet sich sein bekanntes Gemälde Andreas Hofers Gefangennahme, in der Heldengalerie im Berg-Isel-Museum hängt das Bild Tiroler Helden von 1809.“

Zum 60. Geburtstag des Fotokünstlers Dr. Adalbert Defner verfasste Karl Paulin für die Innsbrucker Nachrichten eine Würdigung seines Schaffens (20. Jänner 1944, Seite 3):

„Mit der fortschreitenden Entwicklung der Lichtbildkunst wurde in immer weiterem Ausmaß unsere herrliche Bergesheimat als unerschöpfliche Motivquelle von Tausenden und aber Tausenden Lichtbildnern benützt. Die Ergebnisse waren je nach der Veranlagung des Photographen, ob er seine Kunst nun hauptberuflich oder aus Liebhaberei übte, sehr verschieden, jedenfalls boten heimische Landschaft, Siedlung und Menschen ungeahnte Möglichkeiten zur Entfaltung künstlerischer Begabungen.

Es mögen nun wohl zwei Jahrzehnte her sein, seit zum erstenmal jene künstlerischen Photokarten auf dem Markt erschienen, die den Namen Adalbert Defner trugen und die man bald an ihrer Eigenart der Auffassung, des künstlerischen Blickes und der technischen Vollendung erkannte. Da war ein Mann mit der Kamera tätig, der unsere Heimat als Gegenstand künstlerischer Lichtbildnerei geradezu entdeckte. Denn so wie Dr. Defner unsere Berge im wechselnden Schmuck der Jahreszeit sah, wie er die feinsten Reize eines beschneiten Fichtenbäumchens, einer Primelblüte nachspürte, wie es ihm gelang, Himmelsstimmungen, fliehende Wolken, Föhn und Gewitter ebenso zu erfassen, wie den durch Waldesdunkel oder Blätternetze dringenden Sonnenstrahl und seine Lichtwirkungen, das hatte vor ihm eigentlich keiner mit solchem Gelingen versucht.

Aber Dr. Defner begnügte sich nicht mit der künstlerischen Spiegelung der Natur, er drang und dringt mit dichterischem Blick bei allen Erscheinungen, die ihn interessieren, in die Tiefe, er weckt, wenn man so sagen darf, im kleinsten Motiv die Seele, das eigentliche Leben, das ja auch unsere Bauernhäuser, unsere Volkstrachten, unsere Kinder beim Spiel oder bei Höhenwanderungen entfalten, und gewann auf diesem Weg Bilder von einmaliger Schönheit. So wurden in wenigen Jahren die Defner-Karten zu einem Begriff, der die Schönheit unserer Heimat in die weite Welt trug und Hunderttausenden von Menschen nicht nur einen Blick in das Land der Berge gönnte, sondern ihnen auch ein Teilchen des Erlebten als unverlierbares Eigentum vermittelte. Dr. Defner hat freilich auch im besten Sinn Schule gemacht und eine Reihe hervorragender Lichtbildner entscheidend angeregt.

Bald wandte sich Dr. Defner auch der Herstellung eigener Wand- und Blockkalender zu, indem er die Jahresweiser mit den schönsten seiner Bilder schmückte. Und als der Lichtbildner schon eine stattliche Zahl von Aufnahmen aus allen Gebieten des heimatlichen Lebens gesammelt hatte, da vereinte er die schönsten und duftigsten in seinem Buch Das schöne Tirol, dessen Text der Dichter Joseph Georg Oberkofler schrieb. In den letzten Jahren ist Dr. Defner auch durch zahlreiche Lichtbildvorträge, besonders auf dem Gebiet der modernen Farblichtbildkunst, hervorgetreten.

Heute, da Dr. Adalbert Defner, der als gebürtiger Kärntner längst bei uns durch seine Kunst das Heimatrecht erworben hat, in seinem Wohnsitz Igls den 60. Geburtstag feiert, dankt ihm unser Gau, dessen künstlerischer Verkünder er mit solcher Liebe war und ist, für seine erfolgreiche Arbeit mit einem herzhaften Glück auf!“

Der in Sautens im Ötztal lebende Kunstmaler Hans Hilber (1887-1967) stellte im Winter 1944 eine Auswahl seiner Werke in Karlsruhe vor. Die Innsbrucker Nachrichten vom 11. Februar 1944 bringen auf Seite 4 Auszüge einer Besprechung der Ausstellung von Fritz Wilkendorf in der Karlsruher Presse, die die Nähe des Künstlers zur NS-Ideologie in seiner Motivwahl bezeugen:

„Motivisch lehnen sich Hans Hilbers Frauengestalten an Egger-Lienz an, ohne dessen erschütternde Problematik aufzugreifen. Nur auf den farbigen Eindruck hin malt der Tiroler seine Oeztaler Schützen, eine Marketenderin und das groß in den Raum gefügte Mutterglück, wuchtig und würdig. Die gezeigten kleineren Formate der letzten Jahre sind lokaltonig, breitflächig gehalten, ohne die Berücksichtigung der grauen Zwischentöne, sie erscheinen darum derb und manchmal unausgeglichen. Besonders hergehoben sind ein Rastender Bauer in warmtonigen Braun, dann das zweitwichtige Bild Sonntagsruhe der Arbeitsmaid, ferner die Bildgestalten Südtiroler Besuch in großrandigen, grasgrünen Hüten. Zwei pastos gemalte Landschaften Hilbers schildern die Oetztaler Alpen und einen romantischen Dorfwinkel, während eine Katzenstudie ein feintonige Pastell ergab.“

Am 27. Jänner 1944 machen die Innsbrucker Nachrichten auf Seite 4 auf die Ausschreibung eines Wettbewerbs durch den Reichsarbeitsdienst aufmerksam, die die Künstler in den Dienst der Propaganda verpflichten sollte:

„Der Reicharbeitsführer ruft alle bildenden Künstler zu einem Wettbewerb auf, der außer der künstlerischen Formung eines Werkes der Malerei, Plastik oder Graphik fordert, daß sein Motiv dem Leben des männlichen oder weiblichen Arbeitsdienstes entstammt und daß es dem Wort des Reichsarbeitsführers künstlerischen Ausdruck verleiht: ‚Für uns bedeutet die Arbeit keinen Fluch, sondern den größten Segen Gottes, der einen Funken seiner Schöpferkraft in den arbeitenden Menschen aufleuchten läßt.‘ – Das Ergebnis des Wettbewerbes wird im Sommer d[ieses] J[ahres 1944] in einer Kunstschau dem Volke zeigen, daß der breite Strom seiner Kraft nicht versiegen kann, weil seine Quellen unversiegbar sind. In Deutschlands arbeitender Jugend, die an Leib und Seele gestärkt, jahrgangsweise den RAD. verläßt, ruht eine der stärksten Quellen völkischen Lebens. Sie sichtbar zu machen, sie Millionen als stärkende Gewißheit mit auf den opferreichen Weg dieses Jahres zu geben, soll dem deutschen Künstler zu einer schönen Aufgabe werden.“

Wie alljährlich gab es aus Propagandagründen 1944 wiederum einen Erfolgsbericht von der Deutschen Kunstausstellung in München zu lesen (Innsbrucker Nachrichten vom 15. März 1944, Seite 4):

„Die am 26. Juni 1943 eröffnete Deutsche Kunstausstellung 1943 im Haus der Deutschen Kunst zu München hat nach 35wöchiger Dauer [nun] ihre Pforten geschlossen. Das reiche Schaffen unserer Künstler, wie es sich auch im abgelaufenen Jahre in der großen repräsentativen Jahresschau der deutschen bildenden Künste eindrucksvoll offenbart hat, fand seine reiche Anerkennung durch die Einnahmen aus den umfangreichen Ankäufen der ausgestellten Werke, wie auch durch einen Besuchererfolg, der trotz aller kriegsbedingten Erschwernisse außerordentlich stark war.

Rund 700.000 Volksgenossen von Front und Heimat besuchten die Ausstellung. In ihr waren Werke von 892 deutschen Künstlern vertreten […].“

Karl Paulin gibt in den Innsbrucker Nachrichten vom 2. November 1944 auf Seite 3 über seinen Besuch in der Bildhauerabteilung der Meisterschule des deutschen Handwerks in Innsbruck eine ausführliche Schilderung. Diese von Hans Pontiller geleitete Institution hatte es sich nach NS-Grundsätzen zu einem Anliegen gemacht, die Schüler mit dem „Echten, Bodenständigen und Volkstümlichen“ vertraut zumachen und diese Vorgaben zum „unverrückbaren Grundsatz der Lehrmethode“ zu erheben:

„[…] Zur Pflege des Bildnerischen besteht nun in unserer Gauhauptstadt seit Jahrzehnten eine Anstalt, aus der manche bedeutende künstlerische Persönlichkeiten hervorgegangen sind, nachdem sie das handwerkliche Rüstzeug für ihre Kunst sich dort erworben haben. Es ist die Höhere Staatsgewerbeschule in Innsbruck, die alle Zweige des Handwerks und Gewerbes umfasst und deren letztes Ziel in der Vervollkommnung jener Anlagen liegt, die aus den Bezirken des Handwerks und Gewerbes dem Bereich der Kunst zustreben.

Im Rahmen der gegenwärtig von Direktor Heinrich Comploi geleiteten Meisterschule des deutschen Handwerkes werden künstlerische Fähigkeiten besonders ausgebildet. Wir statten heute der Bildhauer-Abteilung dieser Meisterschule eine kurzen Besuch ab und lassen uns von ihrem Leiter, Studienrat Hans Pontiller, selbst ein Bildhauer von Rang und Namen, einiges über den Lehrbetrieb erzählen.

Die Schülerzahl wächst von Jahr zu Jahr und führt der Schule besonders aus den Landgemeinden immer wieder Talente zu, die eine sorgsame Pflege lohnen. Aber auch in städtischen Familien treiben künstlerische Anlagen bildnerischer Art oft Blüten, die durch die kulturelle Umwelt besondere Fruchtbarkeit verheißen. Alle diese Begabungen erfordern ganz individuelle persönliche Pflege, die Eigenart, Vorliebe und Grenzen des einzelnen Schülers berücksichtigt. Daher vermittelt der Unterricht nur die ersten allgemeinen Grundlagen gemeinsam, muß aber dann, wenn es sich um das Wecken und die Entwicklung der künstlerischen Eigenart handelt, sich mit Geduld und Einfühlung dem Persönlichen zuwenden. Denn nur auf solche Art führt der erzieherische Weg zum Ziel.

Das Echte, Bodenständige, Volkstümliche ist unverrückbarer Grundsatz der Lehrmethode, um von Anbeginn an alles Unechte oder gar Kitschige zu vermeiden. In diesem Sinne wird das Gefühl des Schülers geschärft, sein Geschmack geläutert und gefestigt, so daß er schon von sich aus jede Versuchung zur Verfälschung und zur Unnatur abweist […].

Der Unterricht bezweckt die Selbständigkeit der Schüler im künstlerischen Schaffen. Im Modellieren läßt der Lehrer die Schüler zuerst ganz aus eigenem ein Blatt oder einen Blütenzweig formen. Aus den Ergebnissen dieser Aufgabenstellung ersieht man schon die Eigenart und den Grad der Vorbildung, bzw. handwerklichen Fertigkeit, auf die sich die weitere Lehrmethode aufbaut. Die Schüler werden dann dazu angeleitet, das naturalistische Motiv zum Ornament auszuarbeiten, also den ersten künstlerischen Zug in ihren Entwurf zu bringen. Von Stufe zu Stufe schreitet dann der begabte Schüler vorwärts, bis er zu selbständiger Arbeit befähigt ist. Nun darf und soll der Schüler nach eigener Phantasie und Gestaltungskraft entwerfen. Aufgabe des Lehrers ist es, in diesem Stadium die Arbeiten der Schüler streng durchzukorrigieren und auf diesem Weg die Vervollkommnung im Künstlerischen anzubahnen und weiterzuführen.

Entscheidend ist dabei die eigene künstlerische Kraft und Art des Lehrers und seine Fähigkeit, das Künstlerische in die Schüler je nach ihrer persönlichen Veranlagung zu verpflanzen.

Beim Schnitzunterricht beginnt der Schüler zunächst mit dem einfachen Kerbschnitt, um vor allem das Material (Holz) und seine verschiedenen Arten genau kennenzulernen und sich mit dem Werkzeug, den Schnitzeisen, vertraut zu machen. Je nach der Weiche oder Härte des Holzes müssen entsprechende Werkzeuge verwendet werden, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

Auch das Arbeiten in Stein und Metall wird in den verschiedensten Ausführungsarten geübt, damit die Schüler selbst zu unterscheiden vermögen, welches Material sich für eine bestimmte bildnerische Aufgabe am besten eignet.

Nach vierjährigem Unterricht verlassen die Schüler die Schule mit der Befähigung zu selbständiger künstlerischer Arbeit. In welchem Grad die Meisterschule ihr Unterrichtsziel erreicht, beweist die Tatsache, daß die Akademien von München und Wien stets mit Vorliebe Absolventen der Innsbrucker Meisterschule aufnehmen.

Was auf diesem Wege an praktischen und künstlerischen Ergebnissen in der Bildhauer-Abteilung erzielt worden ist, zeigt uns eine kleine ständige Ausstellung von Schülerarbeiten, die die Staatsgewerbeschule schon seit einigen Jahren unterhält. Vom einfachen Ornament bis zur kunstvoll ausgeführten selbständigen Plastik enthält diese Ausstellung alle Spielarten bildnerischer Kunst, soweit sie aus dem Rahmen der Meisterschule erwachsen sind. Ein Rundgang durch die Ausstellung zeigt die Vielfalt der Talente und Temperamente, die sich in den einzelnen Arbeiten sinnfällig ausprägen. Es ist ungemein reizvoll, an Hand dieser Arbeiten zu sehen, wie reich und wie farbig unser Gau an bildnerischen Begabungen ist, deren Entwicklung die Schule ja erst anbahnt und freimacht, in die dann erst das Leben den zündenden Funken zu schöpferischer Kraft wirft […].“

Eine von der Künstlerschaft zugunsten des Kriegswinterhilfewerks 1943/44 organisierte Verkaufsausstellung wurde bis einschließlich 8. April 1944 verlängert, „um noch mehr Volksgenossen die Besichtigung und den Erwerb von Kunstwerken aus der Arbeitsspende der bildenden Künstler des Gaues Tirol-Vorarlberg […] zu ermöglichen“ (Innsbrucker Nachrichten vom 5. April 1944, Seite 3).


Film

Mit der Schließung der Opernhäuser, Bühnen und Konzertsäle im September 1944 beschränkten sich kulturelle Agenden weitgehend auf Rundfunk und Kinos. Künstler, die nicht in diesen Medien beschäftigt waren, wurden entweder zum Kriegsdienst oder zur Arbeitsleistung verpflichtet. Folglich mussten sich alle Kulturschaffenden beim Arbeitsamt melden. Die Innsbrucker Nachrichten vom 28. September 1944 bringen auf Seite 4 unter der Überschrift „Die Meldepflicht der Kulturschaffenden“ Informationen zu dieser Verordnung:

„Nach der vierten Verordnung über die Meldung von Männern und Frauen für die Aufgaben der Reichsverteidigung vom 29. August 1944 hatten sich alle den Einzelkammern der Reichskulturkammer angehörenden Männer und Frauen sowie alle sonstigen Personen, die durch die Einschränkung des deutschen Kulturlebens von ihrer bisherigen Berufstätigkeit freigestellt worden sind, bis zum 15. September 1944 bei dem für ihren Wohnort zuständigen Arbeitsamt ohne besonderen Aufruf zu melden. Haben die Meldepflichtigen keinen Wohnort, so müssen sie sich bei dem für ihren letzten Aufenthaltsort zuständigen Arbeitsamt melden. Von der Meldung sind die zur Wehrmacht, zur Polizei und zum Reichsarbeitsdienst Einberufenen befreit.

Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz weist darauf hin, daß alle nach dieser Verordnung in Frage kommenden Personen, die ihrer Meldepflicht noch nicht nachgekommen sind, sich ohne besondere Aufforderung sofort bei dem für sie zuständigen Arbeitsamt zu melden haben.“

Im Frühjahr 1944 wurde in den Innsbrucker Kammerspielen eine Aktion gestartet, die an Sonntagvormittagen exklusiv Kulturfilme zeigen sollte, die sonst das Publikum als Vorspann zum Hauptfilm eher beiläufig wahrnahm. Hildegard Ostheimer stellt dieses Projekt in den Innsbrucker Nachrichten vom 22. März 1944 auf Seite 4 vor:

„Zum ersten Male – abgesehen von früheren Einzelvorführungen – veranstalteten am vergangenen Sonntag die Innsbrucker Kammerlichtspiele eine Kulturfilm-Morgenvorstellung, die von dem Gesichtspunkt Alpenfahrten aus alte und neue um dieses Thema kreisende Schöpfungen des deutschen Kulturfilmschaffens zeigte und dem Zuschauer zwei genußreiche Stunden bereitete. Sie wurden eingeleitet von einem gut gestalteten Isarfilm (UFA.), der, entlang des kernbayrischen Flüßchens, auf eine fröhliche Reise durch das schöne Bayernland entführte, bei der auch volks- und kulturkundliche Elemente berührt wurden. Eine weiterer UFA.-Bildstreifen von der Glocknerstraße, an dem vor allem die großartigen Naturaufnahmen gefielen, und der schöne Wien-Film, Kulturfilm Holzfäller, den man vor nicht allzu langer Zeit in Innsbruck als Beiprogramm sehen konnte, führten in die geliebte Landschaft der heimischen Bergwelt – ins Salzburgische, bzw. ins Werdenfelser Land und die Gegend um den Königssee. Das Bergbauernjahr endlich, ebenfalls ein Kulturfilm der Wien-Film, gab in gut eingefangenen Bildern einen Einblick in das harte und kraftvolle Leben der Aelpler.

Wir hoffen, daß die gut gelungene Veranstaltung, wie vorauszusehen, das erste Glied einer ganzen Reihe solcher Vorführungen bildet, die den daran interessierten Filmbesuchern mit den schönen und volksbildenden Werken des deutschen Kulturfilmschaffens vertrauter machen, als dies jeweils ein kurzes Beiprogramm zu einem Unterhaltungsfilm kann.“

Die Landesbildstelle in Innsbruck war ein Dokumentationszentrum mit einem breiten Aufgabenspektrum, vom Filmverleih bis zur Archivierung des Volkslebens oder Feiern und Kundgebungen der Partei mittels Fotos und Filmen. Einen Einblick in diese Tätigkeit, mit dem Schwerpunkt von Filmvorführungen für pädagogische Zwecke, vermittelt ein Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 6. Mai 1944 auf Seite 3 f.:

„Lichtbild und Film haben sich in den letzten Jahren einen wichtigen Platz unter den Lehrmitteln der Schule erobert. Für die kleinen Buben und Mädel ist die Vorführung der alten deutschen Märchen im bewegten Bilde stets ein Fest, der halbwüchsige Junge verfolgt mit Begeisterung Filme aus dem Soldatenleben, von sportlichen Wettbewerben oder Laufbilder aus fremden Ländern, und der Hochschüler vermag mit Hilfe de Lehrfilmes einen Blick in die von der Wissenschaft entschleierten Geheimnisse der Natur zu tun. Kaum ein Lehrgebiet, das nicht Wort und Schrift durch das bewegte Bild ergänzte. Diese Kulturfilme und Bilder werden von der Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht im Reichsunterrichtsministerium aus den Lehrmittelbeiträgen der Schüler hergestellt und über die Landesbildstellen an die einzelnen Schulen ausgeliehen.

Die Schulen der Gaue Tirol-Vorarlberg und Salzburg werden durch die Landesbildstelle in Innsbruck mit Steh- und Laufbildern, überdies aber auch mit den nötigen Vorführapparaten versorgt. Die Zeit vom Anschluß bis Kriegsausbruch war zu kurz, jeder Schule den eigenen Vorführapparat zu sichern. So wurden je drei bis fünf Schulen zu einer Spielgemeinschaft zusammengeschlossen, innerhalb deren das Vorführgerät reihum geht. Ein eigener filmtechnischer Dienst hält die Apparate in Ordnung. Der Verleih der Filme an die rund 3000 Schulen des Arbeitsgebietes der Landesbildstelle erfolgt über die Kreisstellen, an die sich die einzelnen Schulen mit ihren Wünschen wenden. Es gibt heute kaum mehr ein Wissensgebiet, für das nicht eindrucksvolle Steh- und Laufbilder geliefert werden können, angefangen vom vielgeliebten Märchenfilm bis zu komplizierten Mikroaufnahmen. Wissenschaft und Technik haben da in vereinten Bemühen wahre Spitzenleistungen geschaffen.

Ein reiches Arbeitsfeld ist den Lichtbildnern der Landesbildstelle bereitet. Feiern und Kundgebungen der Partei, schöne Bräuche, Landschafts- und Lebensbilder aus den einzelnen Tälern werden in farbigen und in Schwarz-Weiß-Kopien festgehalten. Mit freudeblitzenden Augen erzählt der Leiter der Lichtbildstelle von wohlgelungenen Außenaufnahmen, die etwa die Arbeit auf einem Bergbauernhof von früh bis spät festhielten, oder der Aufnahme unserer Altstadt im Lichtbild. Wie sich da der Bauwille unserer Altvorderen im Nachspüren der feingeschwungenen Dachfirste, der wohlverteilten Fensterreihen, der starken Gewölbestreben dem Auge als Ausdruck eines kräftigen Jasagens zum Leben erschloß und in Hinkunft auch manchem Gleichgültigen aus dem Lichtbild nähergebracht werden kann, als in den oft dunklen Winkeln der Wirklichkeit. Vielfach sind es auch Wissenschaftler und Lehrer, die Bilderreihen aus ihrem Lehrgebiet anregen und damit dem Fachmann reizvolle Aufgaben stellen. Nicht zuletzt ist es das Reichsgautheater, das immer wieder nach dem Lichtbildner ruft, Neuinszenierungen aufzunehmen, damit die Schaukästen wie die Archive des Theaters mit guten Bildern versehen werden können.

Doch mit dem Aufnehmen allein ist es bekanntlich nicht getan, und da die Landesbildstelle die Zahl ihrer Mitarbeiter aufs äußerste beschränkt hat, muß sich der Photograph selbst oft für Wochen in die Dunkelkammer verschließen zu mühsamer Kleinarbeit, während draußen in goldener Sonne tausend neue Motive locken. Er unterzieht sich auch dieser Aufgabe mit jener Selbstverständlichkeit, mit der wir alle kriegsbedingte zusätzliche Leistungen erfüllen. Sein besonderer Lohn ist noch die Freude, aus manchem Bilde durch sorgfältige Behandlung besondere Feinheiten an Beleuchtung und Stimmung besser herausholen zu können als der unbeteiligte Entwickler.

Nachdem wir nun so manches von der Arbeit unserer Landesbildstelle erfahren haben, wollen wir noch rasch durch die wenigen, aber hellen und zweckmäßig eingerichteten Arbeitsräume gehen. Das Filmarchiv fasst nur einige Rollen – der Hauptbestand ist im Ausweichlager untergebracht –, doch die Beschriftungen geben uns noch einmal eine Ahnung von der Fülle an Schönem und Wissenswertem, das von hier aus unzähligen Schaulustigen und Lehrbegierigen vermittelt wird. Dasselbe gilt vom Schallplattenarchiv, das wertvolle Hilfe im Musikunterricht bietet, sowie den Platten mit vollständigen Sprachkursen. Zum Schluß betreten wir noch den kleinen Vorführraum, in dem gelegentlich filmtechnische Kurse für Erzieher gehalten werden, damit die Lehrpersonen die Filme ihren Schülern selbständig vorführen können. Und damit verabschieden wir uns auch schon von unserer Landesbildstelle, deren Wirken im ganzen Gau viel Freude bereitet und wertvolle Lehrhilfe bietet.“


Überblick zum NS-Bestand der Landesbildstelle


Wie sehr damals die „Lichtspieltheater“ vom Publikum in Anspruch genommen wurden, mag eine Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 21. Juli 1944, Seite 4, erweisen. Sie enthält die Mitteilung, dass aus Gründen der Platzkapazität die letzte Abendvorstellung für Jugendliche nicht zugänglich sei:

„Im Einvernehmen mit der Reichsjugendführung und dem Reichskommissar für die Preisbildung ordnet die Fachgruppe Filmtheater an, daß in Zukunft die letzten Vorstellungen der Filmtheater, gleichgültig ob jugendverbotene oder jugendfreie Filme gezeigt werden, von Jugendlichen nicht mehr besucht werden dürfen, ausgenommen die Fälle, in denen sich die Jugendlichen in Begleitung ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten befinden.

Der Grund zu dieser Anordnung ist die Tatsache, daß die beruflich stark in Anspruch genommenen Volksgenossen die Nachmittagsvorstellungen nicht besuchen können und daher auf die Abendvorstellung angewiesen sind, während viele Jugendliche genügend Zeit haben, sich vorher Eintrittskarten zu sichern, konnten in vielen Fällen die erwachsenen schaffenden Volksgenossen keine Eintrittskarten mehr erhalten.“

Eine weitere Maßnahme betraf Ansprüche der Kinobesucher bei Abbruch einer Vorführung wegen Fliegeralarm. Die Innsbrucker Nachrichtenvom 3. August 1944 teilen dazu auf Seite 3 mit:

„Der Reichskommissar für die Preisbildung erklärt sich in einem Erlaß an den Präsidenten der Reichsfilmkammer zur Umgehung der Schwierigkeiten, die der Rückerstattung des Eintrittsgeldes entgegenstehen, mit folgender Regelung einverstanden:

Wird eine Vorstellung infolge Fliegeralarm abgebrochen, so wird der Eintrittspreis nicht zurückgezahlt. Sind bei Beginn des Alarms Kulturfilme und Wochenschau bereits vorgeführt, so wird der Besucher wegen des Ausfalls der restlichen Vorstellung nicht entschädigt.

Läuft das Programm (z. B. wegen Pendelns der Wochenschau) nicht in der üblichen Reihenfolge und ist seit Beginn der Vorstellung (gerechnet von deren programmäßig festgesetzter Anfangszeit an) noch keine volle Stunde verstrichen, so ist der Unternehmer verpflichtet, dem Besucher, der sich durch Vorzeigen einer ordnungsmäßig gelösten Eintrittskarte zu der unterbrochenen Vorstellung ausweist, bis spätestens nach Ablauf einer Woche unentgeltlicher Zutritt zu einem vollen Programm, nach Möglichkeit zu einer Vorführung des unterbrochenen Programms zu gewähren. Anspruch auf Zulassung zu einer Vorführung des unterbrochenen Programms besteht jedoch nicht.

Bei völligem Ausfall einer Vorstellung infolge Fliegeralarm können die bereits erworbenen Eintrittskarten innerhalb [von] drei Tagen an der Kasse gegen Eintrittskarten zu einer anderen beliebigen Vorstellung umgetauscht werden, soweit noch Karten vorhanden sind, oder gegen Erstattung des Eintrittspreises zurückgenommen werden.

Dauert der Fliegeralarm (von Vorwarnung, bzw. Warnung bis Entwarnung) nicht länger als zwanzig Minuten, so ist der Unternehmer verpflichtet, den noch nicht gezeigten Teil des Programms nach einer Pause von zehn Minuten nach Entwarnung weiter vorzuführen. Die sich daraus ergebende Verschiebung der Anfangszeit einer nachfolgenden Vorstellung darf nicht zur Kürzung dieser Vorstellung (etwa durch Nichtvorführung des Kulturfilms) benutzt werden.“

Das große Publikumsinteresse am Kino begleitete eine effiziente Propaganda, die während der ganzen Dauer des Krieges mit der „Wochenschau“ effektvoll inszeniert wurde. Vor dem jeweiligen Hauptfilm wurde den Kinobesuchern in suggestiven beschönigenden Bildern eine vermeintliche Realität vorgespielt, die nur glaubhaft erschien, weil die Bevölkerung fortwährend dem immensen Einwirken einer taktisch und psychologisch klug agierenden Propagandamacht ausgesetzt war. Über den Inhalt der aktuellen Wochenschau informierten die Innsbrucker Nachrichten vom 2. Oktober 1944, Seite 4, ihre Leser propagandawirksam im aufdringlichen Jargon einer anmaßenden Überzeugungsrhetorik:

„Den Feinden Deutschlands dämmert langsam die Erkenntnis, daß sie sich mit ihren strategischen Plänen verrechnet haben. Aus dem erhofften Blitzsieg im Westen ist eine Abnutzungsschlacht geworden, deren Verlauf der feindlichen Führung wachselnde Sorgen bereitet. Die neue Folge der Wochenschau schildert in packenden Bildern den erbitterten Widerstand, den der deutsche Soldat nach Abschluß der Bewegungen an der Westfront leistet. Anglo-amerikanische Luftangriffe, die mit rücksichtsloser Gewalt über belgische Städte hinwegfegen, bringen der Bevölkerung Leid und Zerstörung […].“

Wochenschauberichte in den Innsbrucker Nachrichten 1944

Anfang April 1944 kam die Berliner Tobis Filmgesellschaft für "Außenaufnahmen" zu dem "neuen heiteren Soldatenfilm" Vielleicht sehen wir uns wieder nach Osttirol. Informationen über den Filminhalt und die beteiligten Schauspieler, darunter die Tirolerin Franziska Kinz, liefert die Neueste Zeitung vom 12. April 1944, Seite 4:

"[ ] Ein paar Sturmpioniere, die sich durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet haben, verbringen ihren Sonderurlaub in einem verschneiten, idyllischen Winkel Osttirols. Die schweren Tage an der Front sind rasch vergessen; sie sind vergnügt und augelassen wie eh und je vor dem großen Kriege. Dem ganzen Dorf teilt sich ihre gute Stimmung mit, und der Abschied fällt Gastgebern und Urlaubern am Ende gleich schwer. Aber das Vielleicht sehen wir uns wieder klingt aus ihren Kehlen keineswegs fraglich und mutlos; man ist sich dessen viel zu sicher, und die Wartenden sind es auch. Hermann Speelmans, Rolf Möbius, Günter Lüders, John Pauls-Harding, Erik Ode, Ernst Walter Mitulski sind die sieggewohnten Pioniere. Monika Burg, Inge Drexel, Vilma Tatzel, Ute Sielisch die dazugehörigen Mädchen denn war wäre dem Landser ein Urlaub ohne Braut? Weitere Eingeborene begegnen uns in Erich Ponto, Franziska Kinz, Joseph Eichheim, Georg Vogelsang, Elise Aulinger und Maria Hofen. Das Drehbuch verfaßten Rolf Meyer und Ernst Keienburg nach einer Originalidee von Rolf Meyer. An der Kamera stehen Friedl Behn-Grund und Walter Roßkopf; als Tonmeister wurde Oskar Haarbrandt verpflichtet. Die Musik schreibt Ernst Fischer; Filmbildner ist Gabriel Pellon. Die Regie führt Philipp Lothar Mayring. Der Film entsteht in der Herstellungsgruppe Willy Reiber."

In Sölden im Ötztal wurden im Sommer 1944 die Dreharbeiten für die Außenaufnahmen zum Bergbauerndrama Ulli und Marei begonnen. Das Buch dazu schrieb Eduard Köck. Als Darsteller fungierten Attila Hörbiger und neben dem Drehbuchautor weitere Mitglieder der Exl-Bühne. Der Film wurde allerdings erst 1948 fertig gestellt.

Einen Bericht zu diesem heimatbetonten Filmprojekt schrieb Karl Paulin für die Innsbrucker Nachrichten vom 12. August 1944, Seite 3 f.:

"Heuer müssen die Innsbrucker Theaterfreunde auf das sonst alljährliche Wiedersehen mit der Exl-Bühne im Reichsgautheater verzichten, denn die Exl-Leute, denen die Heimat heute wie einst ein nie versiegender Jungbrunnen ihrer Kunst ist, sind in diesem Jahr auf tirolischem Boden nicht mit dem Theater, sondern in ihrer zweiten weltumspannenden künstlerischen Wirkungsform, dem Film, verpflichtet. Wie sehr die bedeutendsten Naturbegabungen aus dem Gefolge des unvergeßlichen Ferdinand Exl, des Gründers dieser einzigartigen Volksbühne, den alpenländischen Film anziehen und verstärken, das haben wir ja schon seit den Drei Kaiserjägern, der Geierwally und vor allem seit dem ersten, das Harmonische der Exl-Bühne mit glänzendem Erfolg ausschöpfenden Tonfilm, dem Meineidbauer, erlebt. Nun hat sich Eduard Köck selbst an den Schreibtisch gesetzt, um einen volksnahen Stoff filmdramatisch zu gestalten, das Drehbuch zu verfassen und dann in Verbindung mit Spielleiter Leopold Hainisch, dem mit den Exl-Leuten schon der Meisterwurf des Meineidbauern gelungen ist, einen wirklichen Exl-Film vom ersten Wort bis zur letzten Szene, aus heimatlichen Elementen aufzubauen. Die Wien-Film-Gesellschaft hat den Plan aufgegriffen, die Innenaufnahmen sind größtenteils schon gemacht und in diesen Sommerwochen werden nun die Freilichtaufnahmen im gewaltigen Rahmen der heimatlichen Berge gedreht: Ulli und Marei heißt der jüngste Tonfilm, der aus tirolischer Umwelt wie schon so viele die deutsche Filmerzeugung bereichern wird."

Im Artikel folgt nun eine ausführliche Schilderung Karl Paulins von seiner Begegnung vor Ort mit verschiedenen Darstellern und den dabei gewonnenen Eindrücken von der Filmarbeit.


Film: Ulli und Marei


Autor: Manfred Schneider
Stand: 13. Dezember 2014