Karl Koch (1887-1971)

Karl Koch gehört zu den bedeutendsten Komponisten Tirols im 20. Jahrhundert. Internationale Anerkennung erlangte insbesondere seine Kirchenmusik. Vor allem seine in den Jahren 1924/25 entstandene Messe In medio vitae op. 20 und das großartige Requiem op. 85 aus der letzten Schaffensperiode des Meisters, gehören zu den bleibenden Zeugnissen des immensen Beitrags, den Karl Koch für die innovative Weiterentwicklung der Musica sacra geleistet hat.

Den ersten Musikunterricht erhielt Karl Koch von seinem Vater, der in Biberwier Lehrer, Organist und Chorleiter war. Nach dem Besuch des Gymnasiums Vinzentinum in Brixen, wo er auch Mitglied des Chors und des Orchesters der Schule war, wechselte Karl Koch von 1905 bis 1909 in das Theologische Seminar. Besonderen Eindruck vermittelten ihm die Aufführungen des Brixner Domchors, bei denen er mit Begeisterung mitwirkte. Die Leitung hatte der berühmte Kirchenkomponist Ignaz Mitterer (1850-1924), von dem der junge Priesterkandidat im persönlichen Kontakt zahlreiche musikalische Anregungen erhielt und dem er bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden blieb. Aber auch musikalische Eindrücke außerhalb der Kirchenmusik weckten das Interesse des angehenden Komponisten.

Karl Koch selbst schildert diese Zeit wie folgt:
Eine beachtliche Ausweitung meines musikalischen Horizonts erwarb ich mir durch die aus eigenem Antrieb beinahe täglich stattfindenden musikalischen Abende in der Aula academia des Theologischen Seminars Brixen. Damals hatten wir keine Gelegenheit, etwa Symphoniekonzerte oder Opernaufführungen anzuhören, es gab weder Radio noch Fernsehen. Wir spürten an diesen Abenden dem Schaffen der großen Meister der Tonkunst nach, von der Klassik über die Romantik bis zur Moderne (Richard Strauss, Max Reger, Gustav Mahler). Zur Verfügung standen uns ein Klavier, einige Geiger und Gesangssolisten. Das erworbene Ergebnis dieser wertvollen Abende war, daß ich mir sagte: "Hinaus aus der allzu großen Enge, hinein in die Weite, zu der die Tore offenstehen" (Zitat bei Wilhem Isser, Karl Koch. Das Bild eines zeitgenössischen Komponisten, Innsbruck etc. 1969, S. 8 f.).

Nach der Priesterweihe im Jahr 1909 kam Karl Koch als Kooperator nach Tux in das Zillertal. In der Abgeschiedenheit des damals noch nahezu unberührten Tuxer Hochgebirgstales entstanden seine ersten Kompositionen, insbesondere als sein Opus 2, die Marienmesse, die 1910 bei Coppenrath (laut Isser, S. 190; richtig: 1914 Pawelek?) im Druck erschien und den jungen Komponisten überregional bekannt machte. Das Streben nach Vervollkommnung seines musikalischen Talents gehört zu den wesentlichen Charakterzügen Karl Kochs. So bemühte er sich bei den kirchlichen Instanzen um Erlaubnis zur Weiterbildung, die ihm, wenn auch zögernd erteilt wurde. Erste Station war die berühmte Kirchenmusikschule in Regensburg. Hier waren nicht nur die wichtigsten Vertreter der damals aktuellen Kirchenmusik als Lehrer tätig, sondern auch ein vitales Musikleben institutionalisiert, wo Karl Koch erstmals Werke von Bruckner, Reger, Pfitzner, Wolf und Strauss live miterlebte, alle Meister der Tonkunst, die sein späteres Schaffen maßgeblich beeinflussten. Bereits im Juli 1913, nach einem Jahr Kirchenmusikschule, legte Karl Koch die Reifeprüfung mit der Note "sehr gut" in allen Prüfungsgegenständen ab. Nach dieser erfolgreichen und fundierten Ausbildung übernahm Karl Koch, nach kurzer Zwischenstation in Brixen das Amt des Pfarrchordirektors in Bozen, das er bis zum Jahr 1924 innehatte. Neben glanzvollen Aufführungen, wobei die Darbietung der d-moll-Messe von Anton Bruckner am Weihnachtstag des Jahres 1919 zu den Höhepunkten zu zählen ist, komponierte Karl Koch in dieser Zeit auch die seinerzeit berühmte Weihnachtsmesse op. 7. Karl Koch hatte zu Anton Bruckner eine besondere Nahebeziehung, die in der Stilistik seines Werks nahezu allgegenwärtig ist, besonders eindrucksvoll im 2. Satz der Symphonie Aus den Bergen (vgl. CD Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 84 des Instituts für Tiroler Musikforschung (Innsbruck 2012, CD 1, Track 3).

Wilhelm Isser schreibt in seinem Buch Karl Koch (1969) über dessen Verhältnis zu Bruckner (Seite 41):

Karl Koch hat mit Anton Bruckner wesentliche seelische und geistige Eigenschaften gemeinsam, so die große Ehrfurcht vor der Kunst, den tiefen Glauben mit einem Hang zum Mystischen, das natürliche Empfinden, verbunden mit einer echte Aussage, ein Schaffen, in dem Intuition und Konstruktion sich ausgleichen, den Zug zur Großform,, die Liebe zur Natur und Volk und das bescheidene, natürliche, süddeutsche Wesen. Daraus erklärt sich, daß Kochs Werke, besonders die kirchenmusikalischen, den Hörer an Anton Bruckner denken lassen, denn wir stoßen auf verwandte Züge, Gedanken und Auffassungen [...].

Die Bozner Zeit Karl Kochs (1. Januar 1915 - 31. Oktober 1924) wird unterbrochen durch einen Aufenthalt an der Wiener Kunstakademie im Studienjahr 1920/21, den er überaus erfolgreich mit der seltenen Verleihung des Akademiediploms abschloss. In diese Zeit fällt die Komposition der Klaviersonate op. 29. Karl Koch instrumentierte dieses Werk in späteren Jahren für großes Orchester und erweiterte es durch einen Adagio-Satz zur viersätzigen symphonischen Form. Das neue Werk nannte er Sinfonie "Aus den Bergen" op. 53, das zwar 1942 entstand, aber erst im Jahr 1947 im 10. Symphoniekonzert der Konzerte der Stadt Innsbruck unter der Leitung von Fitz Weidlich uraufgeführt werden sollte.

Zum 1. November 1924 wurde Karl Koch als Chorregent an die Pfarrkirche St. Jakob in Innsbruck (Dom erst seit 1964) berufen, in ein Amt, das er bis 1967 innehatte. In dieser Zeit entsteht wieder eine Blüte der Kirchenmusiktradition in Innsbruck mit einer Vielzahl von großartigen Aufführungen von Meisterwerken der Musica sacra aus allen Epochen unter Kochs Leitung.

Karl Koch war Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Tiroler Komponisten. Er trug die Idee mit, durch gemeinsames Wirken mehr an Einfluss im Kulturbetrieb zu erreichen und damit insbesondere in das öffentliche Konzerleben mit eigenen Kompositionen mehr eingebunden zu werden. Koch zog sich aber immer mehr zurück, obwohl er von der Sinnhaftigkeit der Arbeitsgemeinschaft bis zum Ende ihres Bestehens im Jahr 1938 überzeugt war. Sein Meiden von Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft hat wahrscheinlich vor allem damit zu tun, dass er sich mit der zunehmenden Einbindung nationalsozialistsichen Gedankenguts in die Diskussion, verstärkt seit 1937, nicht identifizieren konnte. Er war Priester und Kirchenmusiker und wenn politisch, dann eher mit dem Austrofaschismus sympathisierend, worauf vor allem gelegentliche Liedbearbeitungen hindeuten. Es ist auffallend, dass er sich gerade in der Zeit des Nationalsozialismus verstärkt und vermutlich aus allgemeinen Zwängen heraus dem weltlichen Musikschaffen zuwandte. Seine große Symphonie Aus den Bergen z. B. entstand 1942 als Bearbeitung einer frühen Klaviersonate. Vermutlich hoffte er auch auf eine Aufführung, die aber, wie schon oben erwähnt, erst nach dem Krieg, 1947, zustande kam.



Kurzbiographie von Karl Koch in:
Wissenschaft und Kunst in der deutschen Ostmark,
Wien-Graz-Leipzig: Verlag für völkisches Schrifttum 1938, Sp. 871 ff., mit Fotoporträt

Koch Karl,
Professor, Chordirektor der Probstei-Stadtpfarrkirche Innsbruck, Komponist, wurde am 29. Jänner 1887 in Biberwier bei Reutte in Tirol geboren; den ersten Musikunterricht erhielt er bei seinem Vater Johann Koch, der als Lehrer in Außerfern wirkte. Er besuchte dann das Gymnasium in Brixen, maturierte 1905 und studierte in der Folge bis 1909 Theologie. 1912 bis 1913 betrieb er Musikstudien in Regensburg (Orgel, Gesang, Dirigieren bei den Professoren Renner und Griesbacher) und legte 1913 die bayrische Staatsprüfung ab; 1920/21 studierte er an der Wiener Staatsakademie bei Springer und Marx und erhielt 1921 das Diplom. 1916 bis 1919 Mittelschullehrer für Musik und Gesang, ist Prof. Koch seit 1924 am Konservatorium Innsbruck als Lehrer für Orgel und Musiktheorie tätig. Von 1914 bis 1924 wirkte er als Chordirektor an der Probstei-Stadtpfarrkirche in Bozen und seit 1924 in gleicher Eigenschaft in Innsbruck. Ein bedeutender Komponist, schrieb er eine große Zahl weltlicher und kirchlicher Musikwerke: 7 Messen, Marienlieder, Motetten, Lieder, Männerchöre, Klavierwerke, Orchesterwerke (Ouvertüre zum Welttheater von Calderon, Bühnenmusik), Orgelkompositionen usw., die zum größten Teil in großen deutschen Verlagsanstalten erschienen. Aufführungen seiner Werke fanden in Wien (Dom), Zürich, Paris, Salzburg, Innsbruck, Graz, Frankfurt am Main, Bonn, Köln, in Holland und in den Vereinigten Staaten (bei Kirchen- und anderen Konzerten, Festveranstaltungen, im Theater usw.) überall mit außerordentlichen Erfolgen und von der internationalen Musikpresse voll gewürdigt. Seine kirchlichen Werke sind auf den meisten besseren Chören Österreichs und Deutschlands vertreten. Wohnung: Innsbruck, Pfarrplatz 2.



Ergänzende Notizen von Emil Berlanda für seine geplante Tiroler Musikgeschichte über Karl Koch
(Archiv des Instituts für Tiroler Musikforschung)

Karl Koch: Erhielt 1948 einen Lehrauftrag an der Universität Innsbruck für Harmonie- und Formenlehre. Hauptsächlich auf dem Gebiete der Kirchenmusik als Komponist tätig. Schrieb Messen mit und ohne Orchester, Klavier- und Orgelwerke. Marienlieder, weltliche Lieder und Motetten, Bühnenmusik, Streichquartett und eine Sinfonie "Aus den Bergen". 1948 mit dem Professorentitel ausgezeichnet [...].



Das Wirken Karl Kochs zur Zeit des Nationalsozialismus nach Wilhelm Isser, Karl Koch, (1969), Seite 103-104 und Seite 118-119:

Kochs kirchenmusikalisches Wirken soll lahmgelegt werden

Die Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich im März 1938 stimmte Karl Koch traurig, war doch die Eigenständigkeit der Heimat mit dieser politischen Entwicklung verlorengegangen. Und sein natürliches Empfinden sagte ihm: Wir gehen keiner frohen Zeit entgegen. Daß für seinen Kirchenchor schwierige Jahre kommen werden, bedrückte ihn am meisten. Hing doch an diesem ausgezeichnet geschulten Klangkörper jahrelange intensive Arbeit. Einige Wochen verstrichen und schon störten Gesinnungsgegensätze die bisher gute Harmonie unter den Sängern des Pfarrchors St. Jakob. Koch versuchte auszugleichen, zu überbrücken; es gelang ihm viel, aber nicht alles. Viele Kirchenchöre befanden sich damals in ähnlicher Lage und wurden damit nicht fertig. Dem Chordirektor von St. Jakob gelang es immerhin, die großen Lücken mit neuen Kräften zu schließen. So ging an der Pfarrkirche St. Jakob das kirchenmusikalische Leben weiter, die großen Werke der Kirchenmusik konnten wie bisher aufgeführt werden. Die Zahl der Kirchenbesucher wuchs zum Leidwesen der neuen Machthaber von Hochamt zu Hochamt, ein Umstand, der für den Chordirektor nicht ohne Folgen bleiben konnte.

Mit Beginn des Schuljahres 1938/39 wollte Karl Koch einen schon lange vorbereiteten Plan verwirklichen und am Innsbrucker Konservatorium eine Abteilung für Kirchenmusik errichten. Er legte die Statuten über die Organisation der Abteilung und die Lehrpläne, die er in zweijähriger Arbeit fertiggestellt hatte, Musikdirektor Fritz Weidlich vor. Weidlich, ein guter Freund, der alle Klavierwerke des Chordirektors von St. Jakob in öffentlichen Konzerten mit großem Erfolg spielte und so zu ihrer Verbreitung wesentlich beitrug, musste seinem Freund nicht nur klarmachen, daß für eine kirchenmusikalische Abteilung am Konservatorium unter den gegebenen Verhältnissen nie die Zustimmung erteilt würde, sondern er musste ihm auch mitteilen, daß Gauleiter Hofer jede weitere Verwendung Kochs als Lehrer am Konservatorium in Innsbruck untersage. Weidlich war darüber mehr betroffen als Koch selbst, konnte aber nichts dagegen unternehmen. Man ging sogar noch weiter und verbot dem Chordirektor auch jede private Lehrtätigkeit. Karl Koch kümmerte sich um dieses Verbot allerdings nicht, musste aber auf der Hut sein, weil er beobachtet wurde.

Das kirchenmusikalische Leben der Propsteikirche St. Jakob war im Fleische der kirchenfeindlichen Machthaber ein schmerzlicher Dorn. Die Aufführungen großer kirchenmusikalischer Werke machten zu großes Aufsehen und zogen zu viele Musikbegeisterte an. Ihnen sollte der Todesstoß versetzt werden. 1939, am Vorabend des Pfingstfestes, Beethovens C-Dur-Messe war vorbereitet, erhielt Koch von der Gauleitung ein Schreiben, in dem mitgeteilt wurde, daß den Musikern des Symphonieorchesters wegen Arbeitsüberlastung die Mitwirkung beim Kirchenchor St. Jakob untersagt ist. Intern wurde den Musikern klargemacht, daß Zuwiderhandelnde ihre Stelle verlieren. Am Pfingstsonntag des Jahres 1939 blieb somit kein anderer Ausweg, als das Orchester durch die Orgel zu ersetzen. Dann musste sich Karl Koch nach anderen Instrumentalisten umschauen, und er fand eine Möglichkeit. Pensionierte Berufsmusiker waren von dem Verbot nicht betroffen. Die holte er sich und verstärkte sie durch gute Laienmusiker. Außerdem bestand in Innsbruck eine Regimentsmusikkapelle, die brauchbare Bläser in ihren Reihen hatte, denen der damalige Regimentskapellmeister Steiner keine Schwierigkeiten bereitete, wenn sie bei kirchenmusikalischen Aufführungen mitwirkten. So konnte Koch wieder weitermusizieren; denn er wollte unter allen Umständen vermeiden, daß die Kirchenmusikpflege, wie er sie in St. Jakob aufgebaut hatte, eine allzu lange Unterbrechung erfahren müsse oder gänzlich erlahme. Eine politische Opposition lag ihm ferne, obwohl es so ausgelegt wurde.

Karl Koch war aber mit dem Erreichten noch nicht zufrieden. Er wollte, so wie früher, im Ablauf des Kirchenjahres besondere musikalische Höhepunkte setzen. Ein Vertrauter machte ihn aufmerksam, daß die Musiker der Bayrischen Staatsoper ohne weiteres bei kirchenmusikalischen Aufführungen spielen dürfen. So fuhr Koch nach München, um dort Musiker (hauptsächlich Bläser) für große Aufführungen zu werben. Er hatte Erfolg. Die Musiker fuhren gerne nach Innsbruck, war es für sie doch nebenbei ein bezahlter Sonntagsausflug, und in der Propsteikirche St. Jakob konnten zwei- oder dreimal im Jahr große Werke der Kirchenmusik (unter anderem die Messen Bruckners, die "Graner Festmesse" von Franz Liszt und der Chordirektors große Orchestermesse "In medio vitae") aufgeführt werden. Als man nun feststellen mußte, daß trotz Orchesterentzugs große kirchenmusikalische Werke aufgeführt wurden, versuchte man mit amtlichen Vorladungen und sonstigen Widerwärtigkeiten Koch mürbe zu machen und ihm die kirchenmusikalische Arbeit zu verleiden. Karl Koch entwickelte aber, wenn es um die Musik geht, einen großen Ehrgeiz und eine kaum erlahmende Ausdauer. Und schließlich konnte man ihm ja nichts Unrechtes nachweisen. Daß er das Verbot zu umgehen wusste, spricht ja nicht gegen ihn. Und politisch betätigt hatte er sich, sowohl vor der Annexion wie auch nachher, nie. Unter seinen Kompositionen findet sich zum Beispiel keine einzige Vertonung eines politischen Textes. So kam man ihm eben nicht an.

[...]
Ein schwarzer Tag
Auch die Pfarrkirche St. Jakob, dieses barocke Juwel Innsbrucks, wurde von den Greueln des Krieges heimgesucht. Am 16. Dezember 1944 trafen zwei Kettenbomben das Querschiff der Kirche und zerstörten es vollkommen. Meterhoch lag der Mauerschutt im Kirchenschiff. Splitter und Luftdruck hatten die Altäre und die Kanzel schwer beschädigt und wertvolle Statuen von ihren Standplätzen gestürzt. Von den großen Kirchenfenstern fand man nur noch kleine Scherben. Zum Glück hatte man das berühmte Gemälde "Maria hilf" von Lukas Cranach schon früher vom Hochaltar entfernt und in Sicherheit gebracht.

Auch die Orgel hatte durch den Volltreffer schwer gelitten. Das Fernwerk, das in der Kuppel des Querschiffs seinen Platz hatte, gab es nicht mehr, die Hauptorgel war durch Bombensplitter, Mauerbrocken, Schutt und Staub arg beschädigt. Der Luftdruck hatte das Orgelgehäuse ungefähr 20 cm von der Kirchenmauer weggerückt. Es stand frei. Karl Koch war genauso zerstört wie seine Orgel. "Werde ich auf dieser Orgel noch einmal spielen können?" Dieser Gedanke war die Depression jener Tage.

Als Karl Koch an diesem Tag nach Hause kam, bot sich zum zweiten Male ein Bild der Verwüstung. In seinem Musikzimmer lag schuhtief Schutt, kaum eine Fensterscheibe war mehr ganz, und die Mauern hatten Risse. Diese Wohnung konnte vor den Unbilden des Winters nicht mehr schützen. Aber wohin im Augenblick? Während seine Schwester die notwendigen Habseligkeiten einpackte, die in der Wohnung verstreuten Notenblätter, Bücher und Einrichtungsgegenstände zusammentrug und den erlittenen Schaden zu überblicken versuchte, machte sich Koch auf, um ein Obdach zu suchen. Für sich fand er ein Zimmer in Innsbruck-St. Nikolaus, seine Schwester Theresia wurde im Pfarrwidum von Arzl bei Imst freundlich aufgenommen.

Diese Tage hielt Karl Koch mit einer persönlichen Eintragung in der Chronik des Pfarrchors St. Jakob fest. Wir lesen da: "16. Dezember 1944 schwärzester Tag im Leben der St.-Jakobs-Kirche. Zwei Bomben vernichten das Querschiff der Kirche. Das Fernwerk vernichtet; die Hauptorgel durch Luftdruck und Splittereinwirkung schwer verwundet. Meine Wohnung schwer beschädigt Alarme jeden Tag, gewöhnlich zwei bis dreimal! Elendes Leben!" Zum Ausgebombtsein kam noch persönliches Missgeschick. Karl Koch war in den Tagen nach diesem unglückseligen 16. Dezember bemüht, seine Möbel auswärts einzustellen. Dabei stürzte er so unglücklich und verstauchte sich die rechte Hand. Und am 17. Jänner 1945 rutschte er auf eisiger Straße aus, fiel hin, verletze sich das rechte Hüftgelenk und laborierte drei Monate. Wahrlich: Ein Unglück kommt selten allein!

Die Gottesdienste wurden in die Sakristei der St.-Jakobs-Kirche verlegt. Sie allein war unversehrt geblieben. Und Koch hielt seinen Pfarrchor zusammen, so gut es ging. Da man auf der Empore nicht mehr singen konnte, zog auch der Chor in die Sakristei und umrahmte dort die Gottesdienste. Der Chor mußte allerdings wegen Platzmangels auf fünfzehn bis achtzehn Sänger reduziert werden. Ein Harmonium ersetzte die Orgel. Katakombenstimmung herrschte!

Je näher das Ende des Krieges heranrückte, desto mehr zitterte und bangte die Bevölkerung. Und es hatte den Anschein, als ob Tirol der letzte Kriegsschauplatz werden sollte. Die Angst wich erst, als amerikanische Truppen in Innsbruck einmarschierten und am 8. Mai 1945 der Kampf in Tirol ein Ende hatte.


Das Institut für Tiroler Musikforschung hat dem Werk Karl Kochs eine repräsentative Doppel-CD mit historischen Aufnahmen aus dem Archiv des ORF-Studio Tirol gewidmet (Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 84/Historics 10). Enthalten sind u. a. sein berühmtes Requiem op. 85, die Symphonie Aus den Bergen, das Streichquartett op. 60, verschiedene Klavier- und Orgelwerke sowie die Ouvertüre zu Calderons Das große Welttheater aus dem Jahr 1933, in Einspielungen aus den Jahren 1956-1987.

In Vorbereitung ist die Edition von Kochs Weihnachtsmesse auf der CD Tiroler Weihnachtskonzert 2011 (Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 86, Innsbruck: Institut für Tiroler Musikforschung 2012).

In der Musikedition Tirol des Instituts für Tiroler Musikforschung sind im Internet (www.musikland-tirol.at) die Marienmesse op. 2, die Weihnachtsmesse op. 7 und die Missa In medio vitae op. 20 online verfügbar.

Eine vollständige Ausgabe des Requiems op. 85 ist für die Musikedition Tirol in Arbeit.