Artur Kanetscheider (1898-1977)

Artur Kanetscheider wurde 1898 in Innsbruck geboren. Seine Vorfahren kommen aus dem ladinischen Gadertal, denen der Komponist im Teil I Land der Väter op. 105 seiner dreiteiligen Orchestersuite Südtirol (op. 105, op. 106 und op. 112) ein klingendes Denkmal gesetzt hat (siehe Doppel-CD Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 69, Innsbruck: Institut für Tiroler Musikforschung 2010).

Die fürsorgliche und kluge Mutter erkannte schon früh sein außergewöhnliches Talent. Noch in der Volksschulzeit erlernte er das Zitherspiel, das er bald mit großer Fertigkeit beherrschte. Artur Kanetscheider erhielt eine umfassende musikalische Ausbildung, wie sie damals an der Innsbrucker Lehrerbildungsanstalt durch hervorragende Lehrer wie Josephus Weber (Klavier, allgemeine Musiklehre) oder Josef Schwammel (Violine, Orgel, Gesang) gegeben war. Nach der Vorlage seiner bislang als Autodidakt geschaffenen Kompositionen beim damaligen Innsbrucker Musikdirektor Emil Schennich erhielt er einen Freiplatz zum Studium von Harmonielehre und Kontrapunkt im Innsbrucker Musikverein. Daneben war Kanetscheider Mitglied beim Deutschen Männergesangverein, als dessen Chormeister er später von 1927 bis 1953 wirkte. Schon vorher war er Mitglied des von Josef Eduard Ploner 1922 gegründeten Lehrerquartetts, mit dem er auch überregional, so in München und Nürnberg, auftrat. Seine Studien in Formenlehre, Instrumentation und Dirigieren komplettierte Kanetscheider bei Musikdirektor Rudolf Kattnig in Innsbruck. In dieser Zeit um 1930 entstanden seine ersten gültigen Kompositionen, so die Kinderland-Suite für Klavier op. 89a, die er in russischer Gefangenschaft 1946 für Orchester, op. 89b instrumentierte, die Heldenorgel-Suite op. 65, dem Andenken der im Ersten Weltkrieg gefallenen Lehrerkameraden gewidmet, die Suite nach Tiroler Volksweisen op. 97 und die Heitere Spielmusik op. 95. Die Uraufführung dieses begeisternden Orchesterwerkes, wo der Komponist auch sein hervorragendes kontrapunktisches Können brillant vorführt, erfolgte aber erst am 12. April 1940 im Rahmen des 6. Symphoniekonzerts des Städtischen Orchesters Innsbruck, das ausschließlich Tiroler Komponisten gewidmet war.

Programm und Pressebericht siehe oben bei Ploner.

Die Musik Artur Kanetscheiders ist stark von der Tiroler Volksmusik beeinflusst. Er hat Zeit seines Lebens dem Tiroler Volkslied besondere Vorliebe zukommen lassen. Kanetscheider legte großen Wert auf einen behutsamen Umgang mit dieser für Tirol so typischen Tradition. Es war ihm wichtig, das "echte" Volkslied, wie es der engagierte Volksliedsammler und berühmte Naturwissenschaftler Franz Friedrich Kohl in seinen Druckwerken vorgelegt hatte, zu bewahren und zu verbreiten. So hat Kanetscheider zahlreiche Volkslieder für den Chorsatz adaptiert, insbesondere während seiner Tätigkeit als langjähriger Chormeister der Sängervereinigung Wolkensteiner, deren künstlerische Leitung er 1938 übernommen hatte. Aus diesem Bestreben ist auch die umfangreiche Tiroler Liedermappe mit ihren über 300 Volksliedbearbeitungen für Chöre entstanden. Für die überregionale Verbreitung des Tiroler Volkslieds hat sich Kanetscheider vor allem als Lehrbeauftragter für Lied- und Sprachpflege der Internationalen Ferienkurse der Universität Innsbruck in Mayrhofen/Zillertal eingesetzt. In der Chronik von Mayrhofen wird darüber berichtet: "Artur Kanetscheider brachte es fertig, Kursteilnehmer aus oft mehr als 20 Nationen zu heiter lernenden, singenden und auch oft hart arbeitenden Gemeinschaft zu formen" (zitiert nach Kanetscheiders Autobiographie: Erinnerungsblätter. Ein Leben für die Musik, Innsbruck 1978, S. 31). Außerdem betreute Kanetscheider ab 1949 über drei Jahre die Sendereihe Wir lernen Volkslieder in Radio Tirol.

Einen besonders behutsamen Umgang mit dem Volkslied zeigt Kanetscheider auch in seinen Orchesterkompositionen. Das klingende Volksgut wird nahezu unverändert in die kunstvolle Satzstruktur der Werke eingewoben und mit höchster Sorgfalt zu wundervoller Wirkung gebracht. Das gleiche gilt für die Wertschätzung Kanetscheiders seinen großen musikalischen Tiroler Vorfahren gegenüber, wie Oswald von Wolkenstein oder Leonhard Lechner. Wolkensteins Lieder sind wiederholt in Kanetscheiders Werk als Cantus firmus präsent, und Leonhard Lechner hat Kanetscheider im ersten Satz seiner Suite Etschland op. 112 (Teil III der Orchestersuite Südtirol) ein eindrucksvolles Klangdenkmal gesetzt.

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg hat sich Kanetscheider ebenso intensiv um das Kunstlied bemüht, dabei vor allem auf Tiroler Lyriker zurückgegriffen. Um ihre Aufführung auch außerhalb Tirols bemühten sich in besonderer Weise der Bass-Bariton Josef Maria Hausschild (Berlin) und der Kammersänger Josef von Manowarda (Wien). Im Rahmen einer Jubiläumsveranstaltung des Österreichischen Autorenverbandes in Wien 1932 sang Prof. Amerigo Tarantelli (Mailänder Scala) eine Gruppe von Kantescheiders Liedern, die bei Publikum und Presse Aufsehen erregten. In der Zeitung Wiener Neueste Nachrichten vom 12. März 1932 wird über Kanetscheiders Liedkunst euphorisch berichtet: "[...] Es ist bei diesen tiefeinwirkenden Werken nur sehr verwunderlich, daß sie weder in Deutschland noch in Österreich aufgeführt werden. Das gilt auch von Arthur Kanetscheider, einem ganz hervorragenden Talent, der heute schon in der ersten Reihe der Liederkomponisten steht und dennoch nicht die verdiente Beachtung findet [...]" (zitiert nach Besprechungen über Kompositionen von Arthur [!] Kanetscheider Innsbruck, 1. Teil, Innsbruck: Selbstverlag A. Kanetscheider 1932; Exemplar im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Bibliothek, Sign. FB 20498).

Josef Eduard Ploner hat dieser Sammlung von Konzertbesprechungen gewissermaßen als Vorwort eine Kurzbiographie Kanetscheiders vorangestellt (S. 3-4), die er schon vorher in der Wiener Volkszeitung vom 9. Dezember 1930 veröffentlicht hatte:

Zeitgenössische Chorkomponisten: Arthur Kanetscheider
(von Josef Eduard Ploner)

Wenn ich heute mit meinen zweiten Aufsatze über österreichische Chorkomponisten den Innsbrucker Arthur Kanetscheider unser[e]n Sängern und Sängerfreunden, Chorführern und Verlegern dem Raume angepaßt, denn ich könnte viel über Kanetscheider schreiben als Mensch und Künstler! vorstellen will, so geschieht dies nicht nur aus dem Grunde, ihn überhaupt bekannter zu machen und für ihn zu werben, sondern wie ich schon in meinem ersten Aufsatze über [Nikolaus] Jöchl geschrieben habe, hauptsächlich deswegen, weil wir Oesterreicher bewußter das Schaffen von Zeitgenossen werten sollen . Eindringlicher denn je steht vor uns die Forderung, ohne dabei ungerecht und gehässig gegen andere Staatsbürger zu werden: Kauft nicht nur österreichische Waren, sondern ehrt und fördert vor allem die österreichisch Schaffenden!

Diese Forderung soll uns bei Kanetscheider besonders aufrütteln, denn trotz der Fülle und Fruchtbarkeit, der Güte und echt österreichischer Formgewandtheit des Schaffens dieses jungen Tonsetzers (geboren am 10. Februar 1898 zu Innsbruck) ist noch kein einziges Werk bei einem Verleger untergekommen. In seiner Jugend mußte er schon infolge des frühen Todes seines Vaters, eines Bahnbeamten, den bitteren Ernst des Daseins kennen lernen. Seine noch lebende Mutter, an der er mit abgöttischer Liebe hängt, ermöglichte aber trotz der geldlichen Beschränktheit Privatmusikunterricht für den aufgeweckten und besonders musikalisch hochtalentierten Jungen. Ausschlaggebend für die musikalische Weiterentwicklung war der Eintritt in die Innsbrucker Lehrerbildungsanstalt, wo damals Professor Schwammel (jetzt in Wien) als eine durch sein ausgereiftes und sicheres Können imponierende und nachahmenswerte Musikernatur wirkte. Besondere Verdienste um die weitere Ausbildung Kanetscheiders erwarb sich in selbstloser Weise durch Jahre hindurch der leider zu früh dahingegangene Musikvereinsdirektor Emil Schennich. Der gegenwärtige, auf großer Herzlichkeit aufgebaute freundschaftliche Verkehr mit dem jetzigen Direktor des Innsbrucker Musikvereines Professor Rudolf Kattnig tut sein weiteres zur Klärung und Reife im Schaffen Kanetscheiders. Einen besonderen Vorzug besitzt unser Künstler darin, daß er selbst ein guter und gesuchter Sänger ist, und daher alle seine "Stimmen", gleich ob in Werken vokaler oder instrumentaler Natur "naturgemäß" und vorteilhaft behandelt. Alle Sachen von Kanetscheider "klingen", und zwar echt österreichisch. Es ist geradezu ein Schwelgen im Ton! Musikalisch betätigt er sich als Nachfolger des Ehrensangwartes Toni Fischer, von dem er in chorischen Belangen Vieles und Auschlaggebendes lernte, "chormeisternd" beim Deutschen Männergesangverein Innsbruck und als nur singendes Mitglied bei den "Wolkensteinern". Außerdem führt er als erster Baß auch das auf hoher Kultur stehende Vokalquartett des Deutschen Männergesangvereines Innsbruck.

Das bisherige Schaffen Kanetscheiders [bis 1932] weist 51 Werke, zumeist Zyklen, auf. Davon sind vokaler Art: 51 Männerchöre, 26 Bearbeitungen für Männerchor, 5 Männerchöre mit Klavier, 9 gemischte Chöre, 3 Knabenchöre, 41 Sololieder. Instrumentalmusik: 4 Streichquartette, Suiten für Geige und Klavier, Orgelmusik (eine sehr schön gebaute und wirksame Tokkata!), Klaviermusik (Sonaten, Humoresken, Balladen, Idyllen, Nocturnos und andere) und eine Symphonie für großes Orchester. An großen Chorwerken: eine Messe (D-Moll) für Soli, gemischten Chor, Orgel u. Blasinstrumente; eine "Weihnachtslegende" (Gedicht von [Otto Julius] Bierbaum) für Vorsängerin, Frauen- und gemischten Chor mit Kammerorchester; ein abendfüllendes Werk "Zug der Zeit" (eigener Text) für Männerchor, Solisten, Orchester und Klavier, welches Kanetscheider eine "parodistische Faschingskantate" nennt.



Der Großteil dieser Kompositionen Kanetscheiders wurde durch einen Fliegerangriff auf Innsbruck zerstört.



Kurzbiographie von Artur Kanetscheider in:
Wissenschaft und Kunst in der deutschen Ostmark,
Wien-Graz-Leipzig: Verlag für völkisches Schrifttum 1938, Sp. 834 f., mit Fotoporträt

Kanetscheider, Arthur [!].,städt[ischer] Lehrer, Komponist, Chormeister des Deutschen Männergesang-Vereines Innsbruck, seit 1933 Bundes-Chormeister von Tirol, wurde am 10. Februar 1898 in Innsbruck geboren. Er besuchte die dortige Lehrerbildungsanstalt, maturierte 1917 und legte 1919 die Lehrbefähigungsprüfung ab. Seither ist er im Lehrberuf tätig. Nebenbei betrieb er Musikstudien am Innsbrucker Konservatorium, Musiktheorie bei Direktor Emil Schennich und Prof. Rudolf Kattnigg. Einer der erfolgreichsten und vielversprechendsten Komponisten seiner Heimat, schrieb er viele Lieder nach Tiroler Dichtern, Kammermusikwerke, Werke für Klavier und Orgel, Werke für großes Orchester, Männer-, Frauen-, Kinder- und gemischte Chöre mit und ohne Begleitung u[nd] v[ieles] a[ndere], insgesamt etwa 100 Werke, von denen ein Großteil zur Aufführung gelangte (bei Konzerten und im Rundfunk von Oesterreich, Deutschland, Jugoslavien, Ungarn, der Schweiz und der Tschechoslowakei). Prominente Künstler wie Josef v[on] Manowarda, Heinrich Rehkemper, Josef M[aria] Hauschild usw. brachten seine Werke zum Vortrag. Mehrere seiner Arbeiten wurden preisgekrönt. Die Musikkritik des In- und Auslandes ist sich einig im Lob des Künstlers. Während des Weltkrieges leistete er von 1916 bis 1918 als Fähnrich d[er] Res[erve] beim Kaiserschützenregiment Nr. 3 in Italien Frontdienst und wurde mit der Bronzenen Tapferkeits-Medaille und dem Karl-Truppenkreuz ausgezeichnet. Kanetscheider ist verheiratet und hat drei Kinder. Wohnung: Innsbruck, Holzhammerstraße 18.



Kurzbiographie von Artur Kanetscheider in:
Emil Berlanda, Überblicksdarstellung Tirol und die Musik, Typoskript um 1955
(Archiv des Instituts für Tiroler Musikforschung)

Schon wiederholt bestand der Plan, über die Geschichte der Musik in Tirol ein grösseres Werk zu schreiben, doch scheiterte die Absicht an der Schwierigkeit, hie[r]für den richtigen Autor und den richtigen Verleger zu finden. Im folgenden soll nun, in alphabetischer Reihenfolge die Biographien der lebenden und toten Musiker seit der Mitte des 18. J[ahr]h[underts] kurz skizziert werden. Die Liste hat weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch kann eine Würdigung der Bedeutung des Komponisten oder ihrer Werke gegeben werden, da dies einen zünftigen Musiker oder Musikhistoriker vorbehalten bleiben muss.

Artur Kanetscheider
1898 am 10. Februar in Innsbruck geboren. Besuchte die Lehrerbildungsanstalt hier, maturiere 1917 und legte zwei Jahre später die Lehrbefähigungsprüfung ab. Seitdem im Lehrberuf tätig (bis zur Kriegsdienstleistung 1940).

Musikstudien am Innsbrucker Konservatorium (Musiktheorie bei Emil Schennich und Rudolf Kattnig). Erste Unterweisung im Elternhaus und durch Prof. Schwammel an der Lehrerbildungsanstalt. Als Chormeister des Deutschen Männergesangvereins tätig, ebenso als Nachfolger Josef Pölls Chorleiter der "Wolkensteiner". Seit 1933 auch Bundeschormeister von Tirol.

Nach dem zweiten Weltkrieg (1948 aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimgekehrt) Betätigung im Rundfunk (Sendergruppe West-Innsbruck) als Aufbaukraft für Tiroler Volksmusik. Schuf in dieser Eigenschaft eine Vielzahl kleiner Gelegenheitswerke auf diesem Gebiet und u. a. auch eine Filmmusik "Der Weg ins Tal" [op. 100] und Orchesterwerke.

Bis 1938 lagen insgesamt über 100 Werke vor: darunter 60 Männerchöre, 30 Chorbearbeitungen und 10 gemischte Chöre, über 40 Sololieder, vier Streichquartette, Suiten f[ür] Geige u[nd] Klavier, Orgel- und Klaviermusik, eine Sinfonie, eine grosse Messe, eine Weihnachtslegende und eine abendfüllende parodistische Faschungskantate "Zug der Zeit".

Dem etwas südlichen Bluteinschlag (väterlicherseits Abstammung aus dem Grödner- u[nd] Pustertal) mag die Farbigkeit seiner Harmonien zuzuschreiben sein, während die sudetendeutsche Heimat seiner Mutter sich in der melodischen Art seines Schaffens widerspiegelt.

Das Schwergewicht von Kanetscheiders Produktion liegt einstweilen auf dem Gebiet der Chorkomposition, wo er durch charakteristisch erfundene selbständig melodische Mittelstimmen originelle und einprägsame, fast orchestrale Wirkungen erzielt. Seine Lieder zeichnen sich durch wohldeklamierte, dem Text sich treffend anschmiegende Gesangskontur aus, die das Klavier akkordisch wie rhythmisch untermalt und umspielt. Vertonte vor allem viele Tiroler Dichter. Nunmehr ist Kanetscheider vielfach auf dem Gebiet der unterhaltenden Volksmusik tätig.
(z. T. aus Radio Wien und. Kunst in der Ostmark 1938)

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1938

Artur Kanetscheider war als Lehrer in Innsbrucker Volksschulen (Gilmstraße, Dreiheiligen) und abwechselnd an den Bürger-Hauptschulen Leopoldstraße und Müllerstraße tätig, vorwiegend für Freihandzeichnen und Gesang. Künstlerische wirkte er als Chormeister des Deutschen Männergesangvereins Innsbruck, als Chormeister im Tiroler Sängerbund 1860 und seit 1938 auch als Chormeister der Sängervereinigung Wolkensteiner. (1)


Mit seinen Chören hatte Artur Kanetscheider nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1938 einen überaus aktiven Einsatz zu bewältigen.

Den ersten öffentlichen Auftritt mit seinem Deutschen Männergesangverein hatte Artur Kanetscheider am 20. April 1938 bei den Festivitäten anlässlich des Geburtstages von Adolf Hitler:

Feier in der Ausstellungshalle
In: Innsbrucker Nachrichten vom 21. April 1938, Seite 6

Bei der von der Partei am Abend zu Ehren des Geburtstages unseres Führers veranstalteten Feier bot die Ausstellungshalle, die noch immer im Festschmuck des Führerbesuches prangt, so ziemlich dasselbe Bild wie beim Gemeinschaftsempfang der großen Rede des Führers am Vorabend der Volksbefragung. Auf der Tribüne an der Stirnseite der Halle hatten wieder die Herren der Gauleitung mit Landeshauptmann [Edmund] Christoph und Bürgermeister Dr. [Egon] Denz an der Spitze Platz genommen sowie zahlreiche Vertreter der verschiedenen Formationen der Partei. Ferner hatte sich der Deutsche Männergesangverein Innsbruck dort eingefunden und die Regimentsmusik der Tiroler Jäger mit ihrem Kapellmeister Musikdirektor [Anton] Bernhauer. Und ganz oben stand wieder die lange Reihe der Parteifahnen. Unten im Saal saßen die SA. und SS., die HJ. und der BDM., während die rückwärtige Tribüne wieder mit Angehörigen der Betriebszellenorganisationen besetzt war.

Um 19.30 Uhr eröffnete Gaupropagandaleiter Lezuo den Festabend. Die Regimentsmusik spielte den herrlichen Hymnus "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" [Musik: Bearbeitung von Ludwig van Beethovens Opus 48/4, komponiert 1803; Text des Originals: Christian Fürchtegott Gellert] und der Deutsche Männergesangverein sang unter der Leitung seines Chormeisters Kanetscheider die Chöre "Deutschland" [das Deutschlandlied?] und "Was ist des Deutschen Vaterland?" [Text: Ernst Moritz Arndt 1813, älteste Melodie: Johannes Cotta 1815]. Dann hielt Pg. Lezuo seine gehaltvolle, begeisternde Festrede.

Dann lauschten alle der Schilderung des Deutschlandsenders von der Vereidigung der politischen Leiter durch den Stellvertreter des Führers Rudolf Heß in München und sangen nach Beendigung das Horst-Wessel-Lied ["Die Fahne hoch", Text: Horst Wessel, um 1928, Melodie: vermutlich Volksgut 19. Jh.] begeistert mit. Damit war die Feier in Innsbruck beendet und der Abmarsch der Teilnehmer vollzog sich in vollster Ordnung.

Im Juni fand ein Gemeinschaftskonzert des Deutschen Männergesangvereins Innsbruck mit der Concordia Frankfurt am Main statt.

In den Innsbrucker Nachrichten vom 14. Juni 1938 erschien dazu von "Dr. H. G." folgender Bericht:

Erstes Chorkonzert zugunsten der NSV [Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt].
Konzert der "Concordia", Frankfurt a[m] M[ain], und des Deutschen Männergesangsvereins Innsbruck.

Gemeinsam mit der führenden Männerchorvereinigung Innsbrucks gab gestern abends im Großen Stadtsaal der sehr angesehene Gesangverein "Concordia" aus Frankfurt a. M. unter dem Ehrenschutze des Gauleiters Franz Hofer einen wohlgelungenen Konzertabend, dessen Reinerträgnis dem schönen und edlen Zweck der NS.-Volkswohlfahrt zufloß. (Schon mit Rücksicht auf diesen Umstand hätte man allerdings von den Innsbruckern einen besseren Besuch dieser Veranstaltung erwarten können). Der Abend, der durch die Anwesenheit des Gauleiters sowie andere führende Männer in Partei und öffentlichem Leben ausgezeichnet war, zeigte die beiden Chorgesangvereinigungen im edlen Wettstreit und brachte beiden wohlverdienten Erfolg. Ausgezeichnet war vor allem die Wiedergabe einer Anzahl von Volksliedern und Volksliedbearbeitungen seitens der Gäste; sie fand so starken Beifall, daß sie wiederholt werden musste. Zum Beschluß vereinigten sich beide Chöre zur schwungvollen Aufführung von Waldemar von Baußnerns großartigem "Deutschland, heil"ger Name". Die Einlagen bestritt in Form von Liedvorträgen Frau Konzertsängerin Emmalotte Christiansen-Krause, Frankfurt.

Wir werden über den Abend, dessen Darbietungen abwechselnd unter der Leitung des Frankfurter Chormeisters Wilhelm Weimar und des hiesigen Sangwartes Artur Kanetscheider stand, vom künstlerischen Standpunkte aus noch des näheren berichten.

Nach dem Konzert vereinte ein Kameradschaftsabend die Gäste aus dem Altreich mit ihren Tiroler Sangesbrüdern zu einigen fröhlichen Stunden.

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1938, Juni - Innsbruck
Straßensingen des Tiroler Sängerbundes

Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 25. Juni 1938, Seite 4

Wie bereits berichtet, veranstalten die Innsbrucker Vereine des Tiroler Sängerbundes heute abends um 19.30 Uhr auf dem Adolf-Hitler-Platz ein Straßensingen mit folgender Vortragsordnung: "Wo gen Himmel Eichen ragen" von [Hans] Heinrichs, "Morgen marschieren wir", Volkslied, "Deutschland, heil'ger Name" von [Waldemar von] Baußnern, "Ein feins Lied von einem Landsknecht" von [Willi?] Kahl, "Der Jäger aus Kurpfalz", Volkslied, "Aennchen von Tharau" und "Untreue" von [Friedrich] Silcher, "Was ist des Deutschen Vaterland?" von [Johann Friedrich] Reichardt.

Die Lieder "Der Jäger aus Kurpfalz" und "Aennchen von Tharau" werden vom Deutschen Männergesangverein Innsbruck gesungen, alle übrigen sind Gesamtchöre aller Innsbrucker Vereine.


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1938, 1.-2. Juli - Schwaz
Sängerfest zum Jubiläum 80 Jahre Liederkranz Schwaz


Ausführlicher Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 4. Juli 1938, Seite 5

Schwaz, 3. Juli [...]

Nach einem musikalischen Weckrufe durch die reich beflaggten und geschmückten Straßen am Sonntagmorgen wurden gruppenweise die mit den Vormittagszügen eingetroffenen Sänger mit Sangesgruß empfangen und unter schmetternden Marschklängen in die Stadt zum Festzelt geleitet. Wegen der Witterungsungunst mussten die Frühschoppenkonzerte in den Gastgärten abgesagt werden, dagegen spielten im Festzelt abwechselnd die Stadtmusik und der S[turm]A[bteilungs]-Musikzug und im Bürgersaale des Hotels "Post" fand indessen die Gesamtprobe des Gaues Unterinntal des Tiroler Sängerbundes verbunden mit dem erstmaligen Wertungssingen statt. Gegen 2 Uhr nachmittags bewegte sich der Festzug von der Bahnhofstraße aus durch die Stadt. Die Spitze wurde von 67 "Grasausläutern" einer Almgruppe und dem Aelplerverein "Almrausch" Schwaz gebildet. Ihnen folgte die Gruppe der Landsknechte mit sechs Berittenen, zehn Landsknechten und einer Marketenderin, eine Gruppe Trachtendirndln, die Gesangvereine Altötting, Ebersberg, Erding, die Schwazer Stadtmusik mit den Pionieren der Schützenkompagnie, die Gesangvereine Rosenheim, Kiefersfelden, die Bürgersängerzunft München, Landsturm 1809, Passeirer Trachten, die Gesangsvereine Imst, Reutte, Kufstein und Kirchbichl, der SA.-Musikzug in seiner früheren Knappenuniform mit den Schwazer Bergknappen, die Sänger von Innsbruck und Hötting, eine Meistersingergruppe, die Sänger von Hall, Wörgl und Brixlegg, Minesänger, Trachten von Vorarlberg, Tirol unter ihnen auch einige "Meraner" Burschen die Gesangvereine von Wattens, Jenbach und (mit der Musikkapelle von Vomp) Schwaz.

Zu Beginn des Volkskonzerts im Festzelt wurden die 19 Fahnen und Standarten mit Festbändern geschmückt, dann hieß P[artei]g[enosse] Dir[ektor] Greiderer als Obmann des Gaues Unterinntal des Tiroler Sängerbundes die Festteilnehmer willkommen. Den musikalischen Teil besorgten abwechselnd der SA.-Musikzug, die Schwazer Stadtmusik und die einzelnen Gesangvereine (der "Liederkranz" unter Pg. Josef Sieberer, die Massenchöre des Unterinntaler Sängerbundes unter Bundeschormeister Kanetscheider) zu denen sich vielbejubelte Schuhplattlertänze gesellten. Der Männergesangverein Rosenheim, der gleich der Kufsteiner Liedertafel auch einen "Gemischten Chor" mitbrachte, überreichte dem Jubelverein einen Silberbecher. Als die Vortragsfolge zu Ende geführt war, kam noch der Tanz zu seinem Rechte.

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1938, August - Beromünster, Königsberg
Rundfunksendungen mit Werken von Kanetscheider, Berlanda, Senn

Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 17. August 1938

Innsbrucker Komponisten im Rundfunk: Der Fundfunksender Beromünster bringt Mittwoch, den 17. d[ieses] M[onats August], zwischen 18 und 18.45 Uhr in einer Sendung "Zeitgenössische Komponisten" Werke für Klavier und Lieder von Karl Senn. Ausführende sind Henri Cavaleri (Bariton) und Tony Resch (Klavier).
Im Reichssender Königsberg spielt der Funkorganist Werner Hartung am Donnerstag, den 18. d. M., um 18.10 Uhr von Artur Kanetscheider aus der Heldenorgelsuite und von Emil Berlanda das Präludium in D.

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1938, September - Nürnberg
Mühlauer Sänger und Kanetscheider in Nürnberg
Ostmarkhalle

Zwei Fotos (von Franz Stengg, Innsbruck) in den Innsbrucker Nachrichten vom 17. September 1938, Seite 3

Schlagzeile: Die Mühlauer Sänger in der Nürnberger KdF- [Kraft durch Freude] Stadt

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1938, Dezember - Innsbruck
Stadtgebiet

Straßenkonzerte des Tiroler Sängerbunds für die Winterhilfe
Kanetscheider dirigiert den "Deutsche Männergesangverein Innsbruck" bei der Annasäule

Neueste Zeitung vom 5. Dezember 1938, Seite 3

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Für das Jahr 1938 schreibt er in seiner Autobiographie Erinnerungsblätter (1978, wie oben) auf Seite 18:

Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland, beruflich nicht aufrückend, als Musikexperte im Gauamt für Erziehung und wegen der Art meine Wissens- und Liedvermittlung allgemein "Gauhumormeister" genannt, auch Mitglied der Reichsmusikkammer als Komponist.

Christian Wolf zitiert in seiner Dissertation Musikerziehung in der Zeit des Nationalsozialismus am Beispiel der Oberschulen im Gau Tirol-Vorarlberg, Innsbruck 1995 (Typoskript) auf Seite 71 einen "Runderlass aus dem Jahr 1940, der als Beilage eine Aussendung Artur Kanetscheiders, datiert mit 12. November 1940, als Gausachbearbeiter für Musikerziehung in Tirol enthielt.

Der Titel von Kanetscheiders Begleitschreiben lautete: Weihnachtslieder für den Schulgebrauch im Dezember 1940. Zusammengestellt von der Gauwaltung des NSLB [Nationalsozialistischen Lehrerbundes],vgl. Faksimile bei Wolf.

Die empfohlenen Lieder sind systematisch geordnet:

A.) Licht und Erneuerung
Unterstufe: "Tut auf das Tor und mit dem Morgenschein so tretet in die hohe Halle ein".
Mittelstufe: "Hohe Nacht der klaren Sterne, die wie weite Brücken steh'n".
Oberstufe: "Unter Sternen ist gut schweigen, denn ihr Wort ist Ewigkeit".

Worte und Weise sämtlicher Lieder: Hans Baumann
Sammlung: "Horch auf, Kamerad", Verlag Voggenreiter, Potsdam.

B.) Gottgedanke und Natur
Unter- und Mittelstufe:
"Kein Hälmlein wächst auf Erden, der Himmel hat's betaut"
Wilh. Friedemann Bach (1710-1784)

"O Tannenbaum, o Tannenbaum, du trägst ein' grünen Zweig"
Westfälisches Volkslied, 2-stimmiger Satz im B[undes] d[eutscher] M[ädel-] Liederbuch: "Wir Mädel singen." [Wolfenbüttel-Berlin, Kallmeyer, 1937].

An Stelle dieser Fassung kann allenfalls auch die hier bekanntere "O Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter" gesungen werden. Siehe [Josef] Steger, [Tiroler] Liederbuch [Innsbruck: Johann Groß - Simon Alfons Reiß o. J./ca. 1930?], 1. Teil, Seite 29.

Sämtliche Lieder mit betont konfessionellem Einschlag kommen für den Normalschulgebrauch in Wegfall!


Christian Wolf bringt in seiner Dissertation (1995, wie oben) das angeführte Zitat auf Seite 70 f. verkürzt, nämlich dass "im Gesangsunterricht an Schulen "sämtliche Lieder mit konfessionellem Einschlag in Wegfall" kämen.
Damit wird die Interpretation von Kanetscheiders Anmerkung bewusst in Richtung negativer Beurteilung gelenkt und verstärkt.


C.) Wiegenlieder
(vornehmlich für Mädchenklassen)
Unter- und Mittelstufe:
"Schlaf Kindlein, süße, die Engelein lassen dich grüßen"
Volkslied aus Mähren

"Kindlein mein, schlaf nur ein, weil die Sternlein kommen"
Volkslied aus Mähren, 1-stimmiger Satz im B[undes] d[eutscher] M[ädel]-Liederbuch: "Wir Mädel singen".

Oberstufe: Wiegenlied von Josef Pöll
(Zum Gedenken an den am 21. Juni 1940 verstorbenen Tondichter)
"Büebl, tua nit woanen, Muetterl ist bei dir"
Aus dem 2. Bande: Lieder zur Laute [im Tiroler Volkston] von Josef Pöll. Verlag: Joh[ann] Groß, Innsbruck [1934]

Tirolisches Wiegenlied aus Eppan (Südt[irol]) "Deine Wangelen sein röselerot"
Siehe: Tiroler Lieder ges. Kohl-Reiter, 2. Bd., S. 127
[Franz Friedrich Kohl und Josef Reiter, Echte Tiroler Lieder im Volke gesammelt und für das Volk eingerichtet. Große Neuausgabe, Band 2, Leipzig-Zürich [1915], Nr. 46, S. 127 ff.]



D.)Knecht Ruprecht und Frau Holle
"Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit"

"In dieser klaren Sternennacht ist uns ein Licht entglommen"
Wort u[nd] Weise: Herbert Napiersky


Die Anmerkung 122 von Christian Wolf in der gedruckten Fassung seiner Dissertation Musikerziehung unterm Hakenkreuz. Die Rolle der Musik am Beispiel der Oberschulen im Gau Tirol-Vorarlberg (= Innsbrucker Hochschulschriften Serie A: Musikpädagogik, hrsg. v. Josef Sulz), Band 3, Anif/Salzburg 1998, auf Seite 81, dass Artur Kanetscheider seine Stellung als Gausachbearbeiter in seiner Autobiographie verschweigt , ist nicht richtig (siehe vielmehr Autobiographie S. 18), wie sich der Autor überhaupt mitunter einseitig festlegt und sich in der neutralen Interpretation von Quellen oftmals schwer tut.


Kanetscheider berichtet in seiner Autobiographie Erinnerungsblätter (1978, wie oben), Seite 18 ff. weiter:

1938
Durch Vermittlung des N.S.-Lehrerbundes wurde mir ein Besuch der Bayreuther Festspiele ("Fliegender Holländer" und "Tristan und Isolde") ermöglicht. Da "Walküre" ausverkauft war, erhielt ich durch Vorsprache von Prof. Oswald, welcher früher in Innsbruck verdienstvoll als Lehrer gewirkt hatte und jetzt Konzertmeister des Festspielorchesters war, einen Sonderplatz am Dirigentenpult von Wilhelm Furtwängler. Ich genoß an der Seite des berühmten Dirigenten und mit Einblick in die Partitur mit besonderer Andacht den Verlauf dieser Oper. Zudem wurde ich von K[am]m[er]s[än]g[e]r [Josef von] Manowarda während der Zeit meines Aufenthaltes rührend betreut. Ich sang im Kreis der hervorragenden Solisten im Hotel "Eule" zur allgemeinen Erheiterung Pöll-Lieder zur Laute und schoß mit dem "Kasermandl" sozusagen "Den Vogel ab" Im Winter wurde ich als Fähnrich der Reserve in die Deutsche Wehrmacht übernommen, wo ich trotz Widerwillens gegen Motoren und Benzin bei der Kraftfahrerabteilung in Bregenz die Grundausbildung mitmachte.

1938, November - Aufführung der “Heiteren Spielmusik” von Artur Kanetscheider in Wiesbaden
 
Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 3. November 1938, Seite 9
 
 
Vor kurzem kam ein Orchesterwerk Artur Kanetscheiders bei einem Serenadenabend des Kurorchesters Wiesbaden unter der Leitung von Musikdirektor August Vogt zur erfolgreichen Uraufführung. Darüber berichtet das “Wiesbadener Tageblatt”: ... Zur Aufführung kam eine “Heitere Spielmusik”, op. 95, von dem Ostmärker Artur Kanetscheider, ein quicklebendiges, von einer lustig wirbelnden Fuge gekröntes, wirkungsvolles Stück, das trotz einiger “Modernität” von den Hörern willkommen geheißen wurde. Das “Nassauer Volksblatt” schreibt: ...Dann die “Heitere Spielmusik” von Artur Kanetscheider, op. 95, ein pikantes, farbenfunkelndes Werk, etwa im Geiste Richard Strauß’.
 
 
1938, Dezember – Aufführung einer Chorkomposition von Artur Kanetscheider in Frankfurt am Main
 
Notiz in Neueste Zeitung vom 22. Dezember 1938, Seite 5
 
Im Winterkonzert des Männerchores “Concordia”, Frankfurt am Main, kam, u. a. auch ein Chorwerk von Artur Kanetscheider, “Das stumme Heer” nach der Dichtung von Ernst Löns, zur Aufführung. Das von dramatischer Spannung erfüllte Werk fand außerordentlichen Beifall.
 

1939 (Seite 19, Autobiographie Kanetscheider)
Im März wiederum Zivilist und zu Beginn des neuen Schuljahres als Musik- und Zeichenlehrer an die Lehrerbildungsanstalt verpflichtet. Doch bald Teilnahme am Sudeten-Einsatz mit Kolonnenfahrten in der Gegend von Retz, mit Abstechern nach Znaim und in die Nähe von Brünn. Im Oktober wieder zuhause durch Schule, Lager und Singwochen an der kompositorischen Tätigkeit stark gehindert, immerhin aber einige schöne musikalische Erfolge. Im Herbst neuerliche Einberufung nach Bregenz.



Im Februar 1939 wirkte Artur Kanetscheider mit einem nach ihm benannten Unterhaltungsorchester am repräsentativen "Ball der Stadt Innsbruck" mit. Die Innsbrucker Nachrichten vom 13. Februar 1939 veröffentlichten einen ausführlichen Bericht von "W. Sch." über diese glanzvolle Ballnacht in Anwesenheit politischer Prominenz:

"Erklingen zum Tanze die Geigen ...". Der Ball der Stadt Innsbruck ein Fest neuerwachter Lebensfreude Gauleiter Hofer und Korpsführer General der Flieger Christiansen als Ehrengäste

[...]

Das verstärkte Städtische Orchester lockte mit seinen klingenden Weisen die frohe Menge immer wieder auf das Parkett [...]

Der übrige Teil des Abends gehörte ausschließlich dem Tanzvergnügen, zu dem das Orchester unter der beschwingten Leitung ihrer Dirigenten [Max A.] Pflugmacher und Schmalwieser in unerschöpflicher Fülle einen Strauß bunter Melodien flocht. Auch in der Bar wurde nach schmissigen Klängen der Kapelle Kanetscheider lebhaft dem Tanze gehuldigt, bis schließlich nach vielen Stunden des Frohsinns die Geigen und Instrumente verstummten [...].

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1939, 2. März - Wien
Rundfunksendung mit Werken von Kanetscheider

Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 1. März 1939, Seite 6

Ein Tiroler Komponist im Reichssender Wien. Die Pianistin Anny Nikel spielt in der morgigen Sendung um 18.20 Uhr mehrere Werke von Artur Kanetscheider.


1939, März Orgelwerke Kanetscheiders im Reichsfunk
 
Notiz in Neueste Zeitung vom 4. März 1939, Seite 5
 
Am Vormittag des 5. d. M. kommen an den Reichssendern Leipzig und Königsberg Orgelwerke von Artur Kanetscheider zum Vortrage
 
 
1939, Juni – Werke Kanetscheiders im Reichsfunk
 
Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 22. Juni 1939, Seite 6
 
Von Artur Kanetscheider kommen folgende Werke zur Aufführung: Am Donnerstag, den 22. d. M., um 18.30 Uhr im Reichssender Saarbrücken die Sonnwendlieder nach Gedichten von Anton Renk, und am Sonntag, den 25. d. M., um Mittag im Reichssender Wien die Variationen über ein ernstes Tiroler Volkslied [Bitte bei Maria um Sonnenschein, Marienlied aus dem Sarntal] aus der “Tiroler Suite”.
 
1939, Oktober – Lieder von Kanetscheider im steirischen Musikverein
 
Notiz in Neueste Zeitung vom 25. Oktober 1939, Seite 4
 
Maria Oberbauer sang in einem vom Steirischen Musikverein veranstalteten Abend u. a. auch Lieder von Artur Kanetscheider, worüber die Grazer ”Tagespost” folgendes berichtet: Für Graz neu waren zwei Lieder des Innsbruckers Artur Kanetscheider “Morgang” und “Liebeslied”, ebenso dankbare wie warmempfundene Schöpfungen eines innerlich reichen Musikers.
 
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1940 (Seite 19, Autobiographie Kanetscheider)
Im März Ernennung zum Leutnant dann ein Jahr für den Schuldienst freigestellt. Intensivierung der Chorschulung im Sängerbund.

Von Kanetscheider für 1940 nicht erwähnt: die Aufführung der Heiteren Spielmusik op. 95 im Rahmen des 6. Symphoniekonzerts des Städtischen Symphonieorchesters Innsbruck am 12. April 1940, einige Liedschöpfungen für Josef Eduard Ploners "Gauliederbuch" (Hellau! Liederbuch [...], Potsdam 1942, siehe oben) und eine Liedneuschöpfung für das Soldatenliederbuch Im gleichen Schritt und Tritt [...], München 1941, das unter der "Mitarbeit von Karl Senn damals entstand (siehe oben).

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1940, 8. Jänner - Innsbruck
Tiroler Abend mit der Kapelle Kanetscheider
für Teilnehmer der "deutsch-japanischen Akademikertagung"

Notiz im Bericht der Innsbrucker Nachrichten vom 9. Januar 1940, Seite 4

Gauleiter Franz Hofer richtete Worte an die anwesenden Festgäste.

[...] Der Abend wurde durch musikalische Weisen der Kapelle Kanetscheider verschönt. Ferner traten die Geschwister Buchberger und Lautensänger Berchtold auf sowie auch die Volkstanzgruppe der Dorfgemeinschaft Mils bei Hall, die einheimische Tänze zeigte.


1940, Mai – Werke Kanetscheiders im Reichsfunk
 
Notiz in Neueste Zeitung vom 15. Mai 1940, Seite 4
 
Von Artur Kanetscheider kommen zur Aufführung: drei Berglieder im Reichssender Hamburg am Mittwoch, den 15. d. M., um 15.30 Uhr und die “Heitere Spielmusik für Orchester” im Reichssender München am Freitag, den 17. d. M., um 20.15 Uhr. Der Komponist wurde eingeladen im Rahmen der Sendung “Feldgraue Komponisten und Dichter” sein Werk selbst zu dirigieren.
 
 
 
1940, September – “Heitere Spielmusik” von Kanetscheider auf Schallplatte
 
Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 11. April 1941, Seite 4
 
Der Reichssender München beabsichtigt, am Donnerstag, den 26. d. M., eine Schallplattenwiedergabe des Werkes “Heitere Spielmusik für Orchester” von Artur Kanetscheider in der Zeit von 10.55 bis 12 Uhr zu bringen.
 

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1941, Jänner - Bregenz
Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde mit Kanetscheider-Uraufführungen

Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 23. Januar 1941
Signiert "hf."

Bregenz. Kanetscheider-Uraufführung. Unter der Leitung des Komponisten Artur Kanetscheider wurden im Konzerte der Gesellschaft der Musikfreunde und des Bregenzer Liederkranzes u. a. auch zwei Männerchöre mit Orchesterbegleitung und die fünfsätzige Musik für Streichorchester nach Weisen Oswalds von Wolkenstein uraufgeführt.

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1941, 11. Februar - Innsbruck
Großer Stadtsaal
Bunter Abend der Gebirgsjäger

Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 13. Februar 1941

Der Bunte Abend unserer Gebirgsjäger
Humor und Laune im Großen Stadtsaal Neue Lieder und heitere Bilder aus dem Soldatenleben
Signiert "thm."

Einen humorvollen Verlauf nahm der Bunte Abend, den ein Gebirgsjäger-Regiment unter dem Ehrenschutz von Generalmajor Schlemmer am Dienstag, den 11. d[ieses] M[onats Februar 1941] im Großen Stadtsaal zugunsten des Kriegs-Winterhilfswerkes veranstaltete. Als die ersten schmissigen Marschweisen erklangen, hatte sich der große Saal mit einer erwartungsfrohen Menge gefüllt. Unter den Ehrengästen bemerkten wir u. a. den Stellvertretenden Gauleiter Hauptdienstleiter Parson, Kreisleiter Dr. Primbs, den Standortältesten Generalleutnant Freiherrn von Waldenfels und Generalmajor Schlemmer, den Schutzherrn der Veranstaltung.
Die bunte und reichhaltige Veranstaltungsfolge wurde ausschließlich von unseren wackeren Gebirgsjägern bestritten. Im Mittelpunkt des ersten Teiles des Abends, bei dem alte und neue Militärmärsche und Lieder abwechselnd vorgetragen wurden stand unter Stabführung den Komponisten Arthur [!] Kanetscheider die Uraufführung des Gebirgsjägerliedes von Toni Hölzl, dessen Text wir kürzliche in den "Innsbrucker Nachrichten" veröffentlichten, und die Erstaufführung des Liedes "der Bergsoldat" von H. Lobenstock. Die beiden neuen Lieder fanden bei en Anwesenden eine begeisterte Aufnahme.

Ein Schuhplattler leitete über zum zweiten humorvollen Teil des Abends [...].

Innsbrucker Nachrichten vom 11. Februar 1941, Seite 3

1941, April – Aufführung von Orchesterliedern Kanetscheiders in Wiesbaden
 
Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 11. April 1941, Seite 4
 
Im Rahmen eines letzthin in Wiesbaden stattgefundenen Symphoniekonzertes wurden u. a. auch vier Orchesterlieder von Artur Kanetscheider aufgeführt, welche der bekannte Lieder- und Balladensänger Prof. J.[osef] M.[aria]. Hauschild, Berlin, künstlerisch bereute.
 
 
1941, August – Heldenorgel-Suite Kanetscheiders erklingt von der Bruckner-Orgel in St. Florian
 
Notiz im Tiroler Volksblatt vom 4. August 1941, Seite 3
 
Gelegentlich eines Sonderkonzertes auf der Bruckner-Orgel in St. Florian bei Linz spielte Prof. Daxsperger neben Werken von Reger, Schoeck und David auch aus der Heldenorgel-Suite von A. Kanetscheider.

 
1941, September – Suite für Streichorchester in Wiesbaden
 
Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. September 1941, Seite 7
 
Das Kurorchester Wiesbaden brachte in einem kürzlich stattgefundenen Konzert u. a. auch die fünfsätzige Suite für Streichorchester nach Weisen Oswald von Wolkensteins (1377-1445), Werk 99 b, von Artur Kanetscheider zur Aufführung.
 

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1941 (Seite 19-20, Autobiographie Kanetscheider)
Im Frühjahr wiederum in Bregenz Gründung einer Militärmusikkapelle mit Spenden des Offizierscorps. Veranstaltung von Platzkonzerten in der Garnison und im deutschen Bodenseeraum. Meine Funktion als "Musikleutnant" bewährte sich mehr, als die eines Kolonnenführers! inzwischen auf Veranlassung des Unterrichtsministeriums in Berlin auf Kriegsdauer (!) u. k. (unabkömmlich) gestellt, weil ich dort vorausplanend musische und persönliche Kontakte angebahnt hatte und nun endlich "Gewehr bei Fuß", so dachte ich wenigstens, aber es kam leider anders

"Kleine Ursache große Wirkung!
Kurz nach Weihnachten wurden Emil Hans Huber, welcher gerade vom Einsatz in Frankreich auf Urlaub war und ich vom Kreisleiter Dr. Primbs eingeladen gelegentlich eines Kameradschaftsabends mit einem "Hohen Gast aus Berlin", SS-Obergruppenführer im Range eines Generalleutnants, auf unsere gewohnte und bewährte Art zu singen und zu spielen. Wir sagten natürlich zu, da für gute Bewirtung und den schon rar gewordenen Rötel hinreichend gesorgt war. Dieser edle Trunk schien aber dem etwas arroganten Herrn die Stehfestigkeit genommen, mir aber Mut gegeben zu haben. Als um Mitternacht der Kreisleiter die Vorstellung von uns beiden nachholen wollte, war der Gast nicht mehr imstande, sich von seinem Stuhl zu erheben auch beim dritten Versuch gelang es ihm nicht. Meine Äußerung: "Lassen's den bsoffenen Oachl-Ober sitzen" (Hinweis auf die Rangabzeichen mit zweimal Eichenlaub) wurde zwar von ihm selber nicht, dafür aber von den Umstehenden umso besser verstanden und sie hatte ein böses Nachspiel: Ich musste als Leiter eines WHW- (Winterhilfswerk-)konzertes nach Bregenz, wo die von mir gegründete Musikkapelle mitwirkte. Die Ernüchterung am nächsten Morgen war schockierend! Ich erfuhr im Bat[ai]l[ons]-Kommando, daß meine U[nab]K[ömmlich]-Stellung mit sofortiger Wirkung aufgehoben sei und ich als Einzelreisender an die russische Front müßte und zwar auf Befehl des O.K.H (Oberkommando des Heeres) ohne jeden zeitlichen Aufschub. Mittlerweile war auch meine Frau dahingehend informiert worden, daß sie mich vor Antritt der weiten Reise, nicht mehr sehen werde. Letzten Endes aber gab man mir doch noch die Möglichkeit, mich zuhause zu verabschieden und mit dem nötigsten zu versehen. Nach Impfung und mit Winterausrüstung wurde ich dann von Bregenz aus in Marsch gesetzt und zwar mit dem vorläufigen Ziel Pleskau (Pskow). Ich ahnte damals noch nicht, daß meine durchaus nicht politisch gefärbte Bemerkung mich zweieinhalb Jahre Russlandeinsatz und zusätzlich zweieinhalb Jahre sowjetischer Kriegsgefangenschaft kosten sollte?

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1941, 14. März - Innsbruck
4. Symphoniekonzert mit Werk von Kanetscheider

Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 8. März 1941, Seite 8

Feldgraue Komponisten im 4. Symphoniekonzert
Aufführung ihrer Werke durch das Tiroler Landes-Symphonieorchester am 14. März
Von Dr. S[igfrid?] Färber

Bald nach Ausbruch des gegenwärtigen Krieges hat der verdiente Geschäftsführer der Fachschaft Komponisten in der Reichsmusikkammer Theodor O. Seeger, eine großzügige und wirksame Betreuung der im Felde stehenden Komponisten unternommen. Die im Wehrdienst stehenden Komponisten sollten nicht abgetrennt sein vom Kulturschaffen der Heimat, ihr Waffendienst sollte nicht eine Unterbrechung ihrer geistigen Arbeit und ihrer künstlerischen Entwicklung bedeuten, ihre Werke sollten weiterhin ungehindert den Weg zum Verleger und zu den Hörergemeinden der Konzertsäle finden. Auf Anregung der Fachschaft Komponisten meldeten sich bald über zweihundert Komponisten, die seit Kriegsbeginn den feldgrauen Rock angezogen haben und heute sind es schon rund dreihundert Komponisten von Bedeutung, die der Fachschaft die organisatorische und wirtschaftliche Seite ihres Berufslebens anvertraut haben. Unter den überaus zahlreichen Werken feldgrauer Komponisten, die der Fachschaft zur weiteren Betreuung eingereicht worden sind, stellten sich auch schon solche ein, die erst im Felde entstanden oder dort vollendet worden sind. Die ersten Werke konnte die Fachschaft beim Rundfunk zur Aufführung bringen, der Deutschlandsender hat bereits zahlreiche "Feldgraue Konzerte" durchgeführt. Die Fachschaft ist aber auch bestrebt, das Werk der im Felde stehenden Tonsetzer in Symphoniekonzerten unmittelbar den Hörergemeinden nahezubringen. Durch die Initiative Theodor O. Seegers wurden bereits mehrere derartige Konzerte mit großem Erfolg in verschiedenen Städten des Altreiches abgehalten.

Das Tiroler Landes-Symphonieorchester bringt am Freitag, den 14. März, in Innsbruck ein Konzert mit feldgrauen Komponisten zur Durchführung. Es werden symphonische und konzertante Werke von folgenden Komponisten aufgeführt: Wolfgang Fortner, Friedrich Witeschnik, Ottmar Gerster, Gustav Schwickert, Gerhard Strecke, Artur Kanetscheider, Hermann Ambrosius, Gustav Adolf Schlemm, Karl Sczuka. Als Gäste werden mehrere der Künstler persönlich anwesend sein. Auch der genannten Geschäftsführer der Fachschaft Komponisten der Reichsmusikkammer hat sein Erscheinen zum ersten Konzert feldgrauer Komponisten in den Alpengauen zugesagt.

Ueber die Persönlichkeiten der oben erwähnten Komponisten und über ihre zur Aufführung gelangenden Werke wird ein weiterer Bericht Aufschluß geben.

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Kriegsjahre (1942 Mai 1945) (Seite 20 ff., Autobiographie Kanetscheider)
1942 (Seite 20-21)

Die Fahrt durch Deutschland, Ostpreußen und Lettland war recht fröstelnd, aber die Kälte nahm noch bis Leskau zu, wo ich bei -36 Grad Celsius ausstieg und die Weisung empfing, per Lastwagen nach Porchow weiterzureisen, da mein Eintreffen dort bereits erwartet werde. Also wiederum höchste Eile! Ich meldete mich dort bei der Autoreifenstaffel der 16. Armee und einen Tag später beim Stab des Kraftfahrparkes 551 in Dno zur Dienstleistung. Major Dampfhofer, ein Grazer, der meine Abneigung gegen Benzin und Autos schon von Bregenz her kannte, empfing mich freundlich mit den Worten: "Du hast uns gerade noch gefehlt, aber wir werden für dich schon einen passenden Dienst finden." So übernahm ich denn das kostbare Gut von ca. 5 Lastkraftwagen mit Neubereifung, eine transportable Vulkanisierungsanlage, 20 als Soldaten verkleidete Spezialarbeiter und einen fachlich geschulten Sonderführer. Unser Einsatz war stets in Frontnähe, um autotechnische Hilfe leisten zu können und zwar im Gebiet des heißumkämpften Ilmensees bis Ostrow an der Welikaja, wohin wir zunächst beordert wurden. Der restliche Winter verlief in eisiger Kälte mit Fahrten ins tiefverschneite Gelände, wo ich im Dienstwagen mit meinem Fahrer Simon aus Hannover hin und wieder in den wandernden Schneedünen stecken blieb. Dann galt es meistens, in der nächsten Russenkate Hilfe zu suchen, was aber keineswegs mit Gewalt erzwungen werden konnte. Nur mit guten Worten und einigen russischen Liedern, die ich auf der stets mitgenommenen Zither spielte, bekam ich, war wir in der Notlage brauchten. Ob sich unter den wenigen Zuhörern nicht ab und zu auch ein Partisane befand ?

Zu Ostern [1942] brachen mit lautem Knall die Eisschollen in der Welikaja, eine Flut toter Fische verstreuend und es begann der erlösende Frühling: Über träumenden Seen, klare Lüfte, sprießende Saaten im Hörbereich jubelnden Lerchengesanges

Bald werden wir per Bahn in die unmittelbare Umgebung von Staraja Russa (am Ilmensee) nach Nechotizko verlegt, wo im Winter das Thermometer auf -15 Grad gesunken war und schwere Panzer über die Eisdecke des Wassers zum Einsatz kamen. Ein kleines Dorf am Rande des Kosakenwaldes, zu 2/3 mit Wehrmachtseinheiten besetzt, die Einwohner größtenteils Frauen waren zur Säuberung der nahen Rollbahn verpflichtet und dafür hatte ich als provisorischer Ortskommandant Sorge zu tragen. Trotz anfänglichen Widerstandes gelang mir die Durchführung des Befehls, indem ich abwechselnd jeden Samstag die Zivilbevölkerung mit "Hausmusik" versorgte und ein kleines Geschenk mitbrachte. So geriet ich einmal in eine kleine Behausung ärmlich wie auch die Lebensweise der wenigen Insassen. Ich packte denn meine Zither aus, der "Papuschka" (Großvater) mit seinen 70 Jahren und noch fast vollständigem Gebiss auf dem gutgeheizten Ofen Wehrmachtszwieback knabbernd, "Mamuschka" (Großmutter), mit einer Rolle Keks bedacht, zerrieb zwischen zwei flachen Steinen Roggenkorn zu grobem Mehl und die Tochter, deren Mann bei unserer Einheit vorübergehend Hilfsdienste leistete, stillte ungeachtet meiner Gegenwart ihr Kind wohl ein dörfliches Heimidyll! Ich glich mich der nun einmal gegebenen Situation an und spielte den Walzer "Der Weg zum Herzen" auch das Zischen einiger feindlicher Granaten mit dem Ziel auf den nicht allzu fernen Bahnhof von Tuleblja vermochte die Stimmung nicht zu stören. In das örtliche Brauchtum war ich in einzelnen Fällen als "Respektsperson" miteinbezogen natürlich immer mit der Beigabe einer Flasche Schnaps, der wesentlich besser war als der ortsübliche "Somagonka". Auf eine gelegentliche Anfrage, ob ich denn nicht irgendwo ein freistehendes Klavier für meinen Bunker bekommen könnte, lieferte man mir ein etwas defektes Harmonium, welches fühlbar verwanzt war weshalb ich es gerne wieder abgab. Immerhin gelang es mir doch noch, einige Skizzen zu meinem späteren Prolog über "Innsbruck, ich muß dich lassen" zu konzipieren. Ein Bild von unserem ehrwürdigen Stadtturm auf einer Zeitungsverklebung in der Stube des Nachbarhauses hatte mich außerdem dazu angeregt


Zum Oberleutnant befördert, erhielt ich Urlaub, musste aber vorher noch eine Vertretung bei unserer Außenstelle in Riga antreten, wo ich Verbindung mit dem sehr aktiven Ostlandsender aufnahm. Dort wurde mir die Aufführung einiger meiner Werke mit dem vorzüglichen Orchester unter eigener Leitung zugesagt.



Artur Kanetscheider in Uniform. Foto: Privatbesitz (Eva Resch).

1943 (Seite 21-22, Autobiographie Kanetscheider)
Im Frühjahr wurde die Staffel vorübergehend nach Szolti verlegt, in dessen Nähe sich ein bedeutender Fliegerhorst befand. Dort lernte ich den russischen Professor Dr. Andrejew kennen, der als Dolmetscher beim Divisionskommando und als Arzt im dörflichen Ambulatorium beschäftigt war. Der spielte mir auf seiner Balaleika viele russische Volkslieder vor, deren Kenntnis mir später von großem Nutzen sein sollte. Infolge der andauernden Frontveränderungen zogen wir uns in die schützende Obhut unseres K[raft]f[ahr]z[eug]-Parkes nach Dno zurück, wo ich vorwiegend für die Truppenbetreuung eingesetzt war, aber auch aus besonderen Anlässen als Begleitoffizier verwendet wurde, u. a. auch im Verlauf einer Inspektion von General Wlassow bei den russischen Hilfseinheiten (HIWI).

Nun bot sich endlich die Gelegenheit, im Wege einer Abkommandierung zu unserer Verbindungsstelle in Riga zwei schon früher vereinbarte Konzerte zu dirigieren. Zur Aufführung gelangten Orchesterwerke, darunter die "Heitere Spielmusik" und die "Suite über Tiroler Volksweisen". Frau Marija Vintere, erste Sopranistin der Lettischen Staatsoper, sang in ausgezeichneter Weise verschiedene Lieder mit Orchesterbegleitung und Herr Madrewitsch spielte Klavierwerke. Es war alles in allem ein beglückendes Erlebnis, ein schöner künstlerischer Erfolg, und es fiel mir begreiflicherweise schwer, mich wieder nach Dno zu begeben. Ein zuvor noch "organisiertes" Klavier wurde mir mit einem der nächsten Kfz.-Transporte in unser Kasino zugestellt und so kam ich in die angenehme Lage, wieder einiges komponieren und so manches Lied instrumentieren zu können.

An sich unbedeutend aber ein Sondererlebnis: Als wir einmal von einem ansehnlichen Partisanentrupp eingeschlossen waren, spielte ich fleißig russische Weisen in den "feindverseuchten" Wald und ohne eine Wachverstärkung in Anspruch nehmen zu müssen, zogen die ungebetenen Gäste in kürzester Zeit lautlos wieder ab war vielleicht die schlechte Qualität meines Spiels daran schuld? Jedenfalls hatte der schon etwas klapprige Flügel seine Bewährungsprobe glänzend bestanden! Die Ernennung zum Hauptmann änderte nichts an meiner bisherigen Lebens- und Arbeitsweise, trotzdem wir uns, dem feindlichen Nachrücken ausweichend, bald in den lettischen Raum absetzen mussten. Im Dezember hatte ich noch Urlaub, da unsere Wohnung in der Speckbacherstraße total bombenbeschädigt worden war und ich fast den ganzen Notenbestand 12 Körbe zerfetzter Blätter verloren hatte. Meine lakonische Bemerkung hierzu: "So ist endlich mein Werk unter das Volk gekommen ". Meine Familie übersiedelte sicherheitshalber mit dem kärglichen Rest der Wohnungseinrichtung zum immer hilfsbereiten Schwager meiner Frau, Dr. Alfred Schwamberger, nach Fulpmes und ich kehrte wenigstens in dieser Hinsicht beruhigt, wieder in den russischen Alltag zurück.

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1943, Juni - Innsbruck
Liederabend der Wolkensteiner im Lazarett

Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 18. Juni 1943, Seite 3, mit Foto der Wolkensteiner und Kanetscheider
Unsigniert

Wiedersehen der "Wolkensteiner"

Innsbruck, 17. Juni. Wie in ungezählte gesellige und künstlerische Vereinigungen, hat der Krieg selbstverständlich auch in das harmonische Gefüge der Sängervereinigung "Die Wolkensteiner" eingegriffen und die Mehrzahl ihrer Mitglieder im Laufe der Zeit zum Waffendienst gerufen. Infolgedessen war es naturgemäß nicht mehr möglich, die sonst so oft und gern gehörten Gesangsvorträge dieser Meister des heimatlichen Volksliedes, die heute wie einst dieses kostbare kulturelle Volksgut im Geist ihres unvergesslichen Chormeisters Josef Pöll pflegen, zu veranstalten.

Nun hat heuer Pfingsten durch as Zusammentreffen mehrerer glückhaften Zufälle die an verschiedenen Frontabschnitten stehenden "Wolkensteiner" zu kurzem oder längerem Urlaub wieder in die Heimat geführt, so daß zum erstenmal seit drei Jahren die Freundes- und Sängerrunde der "Wolkensteiner" wieder so gut wie vollzählig beisammen war. Diese während des Krieges so seltene Gelegenheit hat unsere Sänger veranlaßt, sich wieder ihrer geliebten Kunst zu widmen und zur Feier ihres Wiedersehens unseren verwundeten Soldaten einige Perlen des Volksliedes zu Gehör zu bringen. In Ausführung dieses Vorsatzes boten kürzlich unsere "Wolkensteiner" in einem Innsbrucker Reservelazarett unseren verwundeten Frontsoldaten einen Liederabend, in dessen Verlauf die schönsten der Pöll-Liedln in klassischer Reinheit aufklangen.

Um an diesem Abend das Heimatliche nicht nur im Lied, sondern auch in der mundartlichen Dichtung zu Wort kommen zu lassen, luden die "Wolkensteiner" in alter Verbundenheit Schriftleiter Karl Paulin zur Mitwirkung ein, der zwischen den einzelnen Liedervorträgen heitere mundartliche Gedichte und Geschichten zum Vortrag brachte.

Unsere Verwundeten nahmen die Darbietungen dieses Heimatabends mit Begeisterung auf und bedankten die Mitwirkenden mit jubelndem Beifall.


 
1943, Juli – “Lieder der Zeit” von Kanetscheider in München
 
Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Juni 1943, Seite 6
 
Im Rahmen der anfangs Juli in München stattfindenden 3. Süddeutschen Tonkünstlerwoche kommen die an der Ilmenseefront instrumentierten “Lieder der Zeit” von Artur Kanetscheider zur Erstaufführung



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1944 (Seite 22-23, Autobiographie Kanetscheider)
Im Februar mit allen Einheiten des K[raft]f[ahr]z[eug]-Parkes zum neuen vorläufigen Standort Rositten (Rezekne) in Lettgallen, wo wir einigen schweren Bombenangriffen ausgesetzt waren. Im März hatte ich trotz der immer schwieriger werdenden Lage Gelegenheit, das dritte Konzert in Riga zu dirigieren. Der Zufall wollte es, daß zur selben Zeit Prof. Karl Böhm (Wien) mit dem Funkorchester die 8. Symphonie von Bruckner vorbereitete und dirigierte. Ich war bei den Proben und Aufführungen zugegen und wurde von dem damals schon bekannten Künstler zu einem Fläschchen Wein eingeladen, das wir uns im angeregten Gespräch über Heimat und Musik zu Gemüte führten. Von mir kamen im Sender Lieder und die "Suite nach Weisen von Oswald von Wolkenstein", sowie ein Klavierwerk zur Aufführung.
 
Notiz in den Innsbrucker Nachrichten vom 20. Mai 1944, Seite 4
 
Im Rahmen eines Nachmittag-Konzertes der Sendergruppe Ostland kam kürzlich unser heimischer Komponist Artur Kanetscheider zum Wort. Ueber seine Darbietungen schreibt Heinrich Schindler in der Rigaer Feldzeitung u. a. folgendes: “Kanetscheider brachte mit dem Orchester des Hauptsenders Riga zwei seiner Orchesterwerke: “Variationen über eine Tiroler Volksweise” und “Heitere Spielmusik” zur Aufführung. Beide Werke bieten das Beispiel einer volkstümlichen und zugleich künstlerisch wertvollen Musik in einer Eindringlichkeit, wie sie nur ein Musiker zustande bringt, der neben der rein musikalischen Freude an Form, Technik und Stil über eine unmittelbare Gestaltungskraft verfügt und die Ausdrucksmittel und Kontraste der künstlerischen Tonsprache vollkommen beherrscht. Die “Variationen über eine Tiroler Volksweise” sprechen durch die reife Phantasie der Themenbehandlung besonders an. Sie zeigen bei aller Knappheit, die die Variationsform von vornherein verlangt, eine blühende Mannigfaltigkeit der einzelnen musikalischen Gebilde und sie haben wenig Sentimentalität (zu der das Thema vielleicht verlocken könnte), aber viel Herz. Die “Heitere Spielmusik” erfreut durch die Plastik der Themen, den Schwung und die Spannung der Diktion und erweckt durchaus nicht den Eindruck des bloß Spielerischen, wohl aber einer unbändigen Musikzierfreudigkeit des Komponisten.”
 
 
1944 (Seite 22-23, Autobiographie Kanetscheider)

Ergänzend folgende und für meine Person bedeutsame Begebenheit: In der Verbindungsstelle unseres Parkes, der ich über die Zeit meines Aufenthaltes dienstlich zugeteilt war, erschien ein Major vom Armeekommando und verlangte energisch nach den hier in Reparatur befindlichen Panzern zum Einsatz am Peipussee, wo die Russen durchbrochen waren. Da ich zu wenig informiert war, verwies ich ihn mit seinem Anliegen an 



Ergänzend folgende und für meine Person bedeutsame Begebenheit: In der Verbindungsstelle unseres Parkes, der ich über die Zeit meines Aufenthaltes dienstlich zugeteilt war, erschien ein Major vom Armeekommando und verlangte energisch nach den hier in Reparatur befindlichen Panzern zum Einsatz am Peipussee, wo die Russen durchbrochen waren. Da ich zu wenig informiert war, verwies ich ihn mit seinem Anliegen an den diensthabenden Oberfeldwebel. Erstaunt kam die Anfrage, ob ich selbst denn nicht auch Fachmann wäre, was ich natürlich verneinte ich sei nur vorübergehend da! Seine Entgegnung: "Leider haben wir so viele Nieten in der Deutschen Wehrmacht, bestimmt nicht zu unserem Vorteil ". Als ich aber betonte, daß ich gerade ein Konzert mit eigenen Werken vorbereitete, bekundete er unvermittelt Interesse an meinem Vorhaben und nahm an der Aufführung sichtlich beeindruckt teil. Er versicherte mir, daß er die Angelegenheit mit dem kommandierenden General persönlich besprechen wolle und in 14 Tagen war meine Abstellung zur Truppenbetreuungsstelle in Riga im Armeebefehl.


Artur Kanetscheider. Foto: Privatbesitz (Eva Resch).


Nun übersiedelte ich und hatte in meiner Verwendung den Einsatz der Künstlergruppen im gesamten Baltikum zu organisieren und zu überwachen. Das war denn doch etwas anderes als Motorenlärm und Benzingestank! Rasch zur Umschulung nach Weimar und mit Schwung an die neuen, an mich herantretenden Aufgaben doch nicht lange! Im Oktober lösten wir infolge der drohenden Russeninvasion die Gruppen auf. Mit dem letzten Schiff des Befehlshabers Ost verlud ich die Frauen in die Heimat, die Männer wurden zurückgehalten und soldatisch verpflichtet. Auch unsere Dienststelle war nun überflüssig geworden. General Schoerner griff, wie gewohnt, entschieden durch und steckte alles, was im zivilen und militärischen Dienst irgendwie entbehrlich war, in das neu aufgestellte Ostland-Bataillon, welches von Ob[er]stl[eutnan]t Fingerhut, einem sehr loyalen Rheinländer, befehligt wurde und Sonderaufgaben zu erfüllen hatte. Dort feldmäßige Ausrüstung, kurzer Drill und somit Vorbereitung auf den Entsatz der von den Russen mittlerweile eingenommenen Stadt Mitau, unweit von Riga. Auch ich war bereits als Kompanieführer bestimmt worden, ganz gegen meinen Willen und meine lebensbejahende Gewohnheit. Am Tage des Abmarsches erfuhr der Kommandant von meiner bisherigen musikalischen Tätigkeit. Er ließ mich sofort ablösen und beauftragte mich, eine Spielgruppe aufzustellen und zu leiten, damit der Bestand von Kameradschaftsabenden für die Zukunft gesichert wäre. Wieder eine Lösung aus kritischer Situation in letzter Minute! Unser Bleiben in Riga war nicht lange, denn schon im Oktober mussten wir uns nach Libau absetzen. Dort bezogen wir Barackenlager im Hafengelände. Wir bespielten nicht nur unsere Einheit und die Lazarette der Umgebung, sondern versorgten auch die Soldatensender mit Gesang und Musik, das letztemal um die Weihnachtszeit. Dann wurde mir auch hier der Boden zu heiß und ich verlangte zurück zu meiner ursprünglichen Einheit, was mir letzten Endes auch gelang. So traf ich Ende Jänner wiederum bei meiner Staffel ein.


1945 (Seite 23-24, Autobiographie Kanetscheider)
Abseits des Lärms der Kurlandschlachten war diese vorerst in der friedlichen Einsamkeit des Waldes um Ugale untergebracht, wo ich zum Stab des Parkes abkommandiert wurde. Dieser hatte sein Quartier im Leprasorium (dem lettischen Aussätzigenheim) bezogen. Am 8. Mai meiner Mutter Geburtstag begab sich nun folgendes: Mit unserem Zahlmeister Dr. S. sollte ich meiner Staffel die fällige (und auch letzte) Marketenderware überbringen. Ich aber versäumte die Abfahrt. Schuld daran war der Umstand, daß mich Rosl, unser russisches Hausmädchen, gebeten hatte, ihr noch etwas auf der Zither vorzuspielen. Ich wurde von unserem Chef in seiner immer freundlichen Art für dieses Versäumnis gerügt, aber : Das vollbepackte Auto fiel einem Tieffliegerangriff zum Opfer. Der Fahrer war tot und Dr. S. verlor ein Bein! Was wohl mit mir geschehen wäre?

Ab und zu wurde ich noch zur Aufheiterung der rekonvaleszenten Soldaten in die umliegenden Erholungsheime geholt. Das war eine Art Dienstverpflichtung in der aussichtlosen Endphase des Krieges. Dieser Erheiterung schien auch ein aus Bayern stammender General Ruprecht bedurft zu haben, welcher mich zu sich rufen ließ und bei guter Bewirtung um einige Lieder bat, die er zum Teil von Kiem Pauli (Kreuth) her kannte. Ein der Zeit entsprechendes, meinte er, sei unser altes Andreas-Hofer-Lied "Ach Himmel, es ist verspielt", welches ich in der 2. Strophe etwas abgeändert hatte. "Da hab's mein Sabel und G'wehr und alle meine Kleider, i bin kein Kriegsmann mehr, i bin der Kanetscheider", sang ich an Stelle des "i bin ein armer Leider". Dieser unvermittelte Einfall trug mir einige zusätzliche Stamperln Cognac ein. Am Rückweg an der Schnapsbrennerei der 16. Armee vorbeikommend, "tankte ich noch einmal auf" und dankte im Stillen, daß es mir trotz so vieler Widerwärtigkeiten eigentlich doch immer so gut ginge.

Die Zither brauchte ich zunächst noch, als ich im Verlaufe der Kapitulation den russischen Offizieren nach der Waffenabgabe Lieder ihrer Heimat vorspielte. Ein Lob und ein für die Zukunft bedeutsamer Vermerk in Handschrift auf den Deckel des kleinen Instruments mit folgendem Sinn: Achtung! Dieses Instrument ist österreichischer Herkunft, es darf weder berührt, beschädigt, noch weggenommen werden. Oberl[eutnan]t Chmel. Nach zwei Tagen ging es dann in geschlossener Kolonne dem ungewissen Los der Kriegsgefangenschaft entgegen.



Im Herbst 1947 kam Artur Kanetscheider wieder in seine Heimat Tirol. Wie man hier mit einem integren und verdienstvollen Mann umging, ist beschämend.


1947 (Seite 29-30, Autobiographie Kanetscheider)
DAHEIM!
Nie zuvor strichen mir diese Worte und ihre Bedeutung so trostbringend über die Seele wie damals, gleich einem von zarter Hand gerührten Harfenklang. Das Leben erfüllte sich mit neuem Sinn in der Obsorge meiner guten Frau. Und wie hatte man ihr nach Kriegsende unverdienterweise das Dasein doch erschwert: Ohne die gewohnte Dienstbezüge, nur mit der kargen Notstandsunterstützung der Stadt bedacht, durch Zimmervermietung und beschwerliche Näharbeit das Auskommen suchend, schaffte sie die Ergänzung der Wohnungseinrichtung und sorgte mit nie erlahmender Umsicht dafür, daß unsere Töchter ihre Matura hinter sich bringen konnten. Ein stilles Heldentum, das man mit Fug und Recht als Selbstaufopferung dankend bewundern darf! Auch meine nunmehrige Anwesenheit vermochte die Umstände vorderhand nur unwesentlich zu ändern. Noch nicht durch die "Entnazifizierungsmaschinerie" geschleust, mußte ich auf eine Wiedereinstellung in den Lehrerdienst verzichten, denn der damalige Schulinspektor gab meiner Frau bereits früher zu verstehen, daß dies mit der ehem[aligen] Zugehörigkeit zur NSDAP begründet wäre. Außerdem genügte es, daß ich Mitglied des Deutschen Männergesangvereines und der Sängervereinigung Wolkensteiner war wohl ein merkwürdig anmutender Zusatzvermerk! Und, was die aufgrund von Dienstjahren bei Übersetzung in den Ruhestand beträfe, so der Referent des Landesschulrates, sei dies zwar eine Kann-, nicht aber Mußbestimmung.



Im Jahr 1948 wurde Artur Kanetscheider ebenso wie Josef Eduard Ploner in den Ruhestand versetzt.



1976 (Seite 39, Autobiographie Kanetscheider)
[...] Meine Aufgeschlossenheit dem Wesen und den Ansichten anderer gegenüber, nicht zuletzt aber meinem Humor verdanke ich wohl den Umstand, daß ich jemals kaum Feinde, dagegen stets viele Freunde gehabt habe.



1976 (Seite 43, Autobiographie Kanetscheider)
Immer schon schätzte ich Eigenart im künstlerischen Schaffen, doch nicht so sehr die "teutonisch deklarierte Arteigenheit", die hin und wieder einen Hang zum Primitiven erkennen ließ. Mit der wohl begreiflichen Einstellung des Musikliebhabers (nicht der des Berufsmusikers!) zur Materie war ich jeder Art von Leibeigenschaft abhold, einer Hörigkeit gegenüber radikalen, sich stetig "verbessernden" Modeprodukten und ich gab mich im Wissen darüber zufrieden, daß mir wenigstens auf der Grundlage normaler Normen ein Quäntchen Eigenstil innerhalb meiner nach Richard Strauss und Joseph Marx orientierten Sololieder zugebilligt wurde.



Das Institut für Tiroler Musikforschung hat dem Werk Artur Kanetscheiders drei Doppel-CD-Produktionen (Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 69, 70 und 81, Innsbruck 2010/2011) mit historischen Aufnahmen aus den Archiven des ORF in Wien und Innsbruck gewidmet, auf denen nahezu alle wichtigen Kompositionen dieses bedeutenden Tiroler Komponisten zu hören sind.

Kanetscheider mit seiner Mutter als Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft 1947, Abb. Privatbesitz (Eva Resch)